Jugendliche heute - Mögliche Konsequenzen für die Gestaltung von Unterricht


Diplomarbeit, 2010
103 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungen

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Aufbau der Arbeit
1.3 Zielsetzung

2 Erziehung und gesellschaftliche Einflüsse
2.1 Erziehungsbegriff
2.2 Ziele der Erziehung
2.2.1 Konstanz und Wandel von Erziehungszielen
2.2.2 Entstehung von Erziehungszielen
2.3 Erziehungsstile
2.3.1 Autoritative Erziehung
2.3.2 Autoritäre Erziehung
2.3.3 Antiautoritäre Erziehung
2.4 Gesellschaft als Einflussgröße
2.4.1 Gesellschaftlicher Informalisierungstrend
2.4.2 Allgemeine Verunsicherung

3 Familie
3.1 Familienbegriff
3.2 Familienformen
3.2.1 Kernfamilien
3.2.2 Ein-Eltern-Familien
3.2.3 Stieffamilien
3.3 Scheidungen
3.4 Wandel der Familiengröße und Auswirkungen auf den Familienalltag
3.5 Wandel der Mutter- und Vater-Rolle
3.5.1 Erwerbstätigkeit von Müttern
3.5.2 Neue Väter

4 Jugend
4.1 Lebensphase Jugend
4.2 Wertorientierungen
4.2.1 Zeitgeist und Wertegruppen
4.2.2 Stellenwert der Familie
4.3 Freizeitsektor
4.4 Konsumsektor
4.5 Gleichaltrigengruppen
4.6 Medien
4.7 Politisches Engagement

5 Schule und Unterricht
5.1 Funktionen der Schule
5.2 Kompetenzen im Lehrplan der HAK
5.2.1 Handlungskompetenz
5.2.2 Medienkompetenz
5.3 Unterrichtsmethoden
5.3.1 Methodenintegration
5.3.2 Ein Beispiel: Handlungsorientierter Unterricht
5.4 Veränderte Lehrerrolle
5.5 Teamentwicklung

6 Resumé

Literaturverzeichnis

Abbildungen

Abbildung 1: Typologie von Familienformen

Abbildung 2: Ehescheidungen und Gesamtscheidungsrate

Abbildung 3: Durchschnittliche Kinderzahl pro Frau

Abbildung 4: Durchschnittlich geleistete wöchentliche Arbeitszeit

Abbildung 5: Wertorientierungen

Abbildung 6: Freizeitbeschäftigungen

Abbildung 7: Methodenkompetenz

Abbildung 8: Erweiterter Lernbegriff

1 Einleitung

Um einen ersten Eindruck zu erhalten, welches Thema in der vorliegenden Diplomarbeit behandelt wird und wie es sich von anderen Themenstellungen abgrenzt, werden im Folgenden die Problemstellung, der Aufbau und die Zielsetzung der Arbeit genau definiert.

1.1 Problemstellung

Das Leben der heutigen jungen Generation sieht deutlich anders aus als früher, da in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Veränderungen stattgefunden haben, die sich auch auf ihr Leben ausgewirkt haben. So wachsen Kinder und Jugendliche in der Familie heute anders auf, weil etwa die Erziehung aufgrund neuer Wertvorstellungen anderen Anforderungen unterliegt und auch die Zusammensetzung der Familie und die Rollenverteilung innerhalb der Familie einen Wandel durchlebt haben. Aber auch der Freizeit- und Konsumsektor, neue Medien und die Gleichaltrigengruppen spielen im Leben der Jugendlichen heute eine zentrale Rolle. Folgende Aussage soll diesen Wandel aufzeigen: ÄDie Kinder seien eben anders, als sie früher waren“ […] und zwar aus dem Grund, weil sich Ädie Bedingungen geändert haben, unter denen sie heute aufwachsen. Sie werden in ganz anderer Weise ‚sozialisiert‘ als damals“. (Giesecke 1998, S. 9) Doch nicht nur alleine das Aufwachsen hat sich verändert, sondern auch die gesellschaftlichen Ansprüche, die an die junge Generation in der Zukunft gestellt werden. Es ist notwendig auf diese neuen Lebensbedingungen der Jugendlichen und die Zeit, in der sie leben, einzugehen, um sie bestmöglich zu fördern und auf ihre Zukunft vorzubereiten. Dieser Tatsache muss primär im Unterricht Rechnung getragen werden. Der Unterricht sollte so gestaltet sein, dass er zeitgemäß und dem Leben der Jugendlichen angepasst, stattfindet.

1.2 Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Diplomarbeit ist in fünf Kapitel gegliedert. Nach diesem einleitenden Teil beschäftige ich mich im Hauptteil meiner Arbeit mit den Themen Erziehung und gesellschaftliche Einflüsse, Familie, Jugend und Schule und Unterricht. Abgeschlossen wird die Arbeit mit einem kurzen Resumé der wesentlichen Inhalte. Im Kapitel Erziehung und gesellschaftliche Einflüsse werde ich zunächst aufzeigen, welche Aspekte bei der Erziehung der Kinder und Jugendlichen heute eine Rolle spielen und was sich dabei in den letzten Jahrzehnten verändert hat. In welchen Familienformen Kinder und Jugendliche aufwachsen und welche Veränderungen sich in der Vergangenheit innerhalb der Familien vollzogen haben, wird im Kapitel Familie dargestellt. In den ersten beiden Kapiteln beziehe ich mich sowohl auf Kinder als auch auf Jugendliche, da das Aufwachsen innerhalb der Familie ein Prozess ist, der nicht erst mit 14 Jahren beginnt. Anschließend werde ich im Kapitel Jugend speziell auf die Jugendlichen in der Gegenwart eingehen und ihre Lebenssituation näher beleuchten. Von besonderem Interesse sind dafür die Ergebnisse der 15. Shell Jugendstudie 2006. Im letzten Kapitel Schule und Unterricht werde ich erläutern, wie sich die Unterrichtsgestaltung an diese junge Generation und die Zeit, in der sie lebt, anpassen sollte und welche Möglichkeiten sich dafür konkret anbieten.

An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass ich mich in der vorliegenden Arbeit ausschließlich auf die westliche Kultur beschränke. Themen, wie Gesundheit bei Jugendlichen, Migration, Armut und Gewalt unter Jugendlichen werden in dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung ebenfalls nicht behandelt.

Aus Gründen der Einfachheit wurde bei der Benennung von Personengruppen die männliche Form gewählt. Die Bezeichnung ist aber stets so zu verstehen, dass sowohl männliche als auch weibliche Personen gemeint sind.

1.3 Zielsetzung

Ich werde mich in dieser Diplomarbeit mit den Lebensbedingungen heutiger Jugendlicher auseinandersetzen und daraus mögliche Konsequenzen für die Gestaltung von Unterricht ableiten.

2 Erziehung und gesellschaftliche Einflüsse

Im folgenden Kapitel werde ich aufzeigen wie komplex und vielschichtig das Thema Erziehung heute ist und welche gesellschaftlichen Entwicklungen dabei eine Rolle gespielt haben. Da jede Familie eingebettet ist in den gesamten gesellschaftlichen Kontext, ist es dabei auch wichtig einen genaueren Blick auf die Gesellschaft von heute zu werfen.

2.1 Erziehungsbegriff

Bei der genauen Definition zum Begriff Erziehung gibt es in der Literatur zwar Unterschiede im Wortlaut, jedoch Einigkeit im Inhalt. So versteht etwa Prange (2000, S.225) unter Erziehung Ä(…) den Kindern und Heranwachsenden die Welt und das Leben zu zeigen, und zwar zuerst und unausweichlich so, wie wir uns den Kindern zeigen“. Diese Form der Erziehung ist die Ä(…) Darstellung der Welt für diejenigen, die sie noch nicht oder unvollständig kennen. Sie hilft beim Übergang vom Nicht- Wissen zum Wissen, vom Nicht-Können zum Können, vom Nicht-Wollen zum Wollen.“ (Prange 2000, S. 225)

Klafki (1982b, S.33) gebraucht das Wort Erziehung Ä(…) als Begriff für alle bewußten [sic!] Einwirkungen von Menschen, die auf die Entwicklung oder die Veränderung des Wissens und Könnens, dauerhafter Haltungen und Verhaltensformen anderer, insbesondere junger Menschen, gerichtet sind.“ (Klafki 1982b, S. 33)

Als Äeine fundamentale Tatsache unseres menschlichen Lebens“ betrachtet Giesecke (Giesecke 1996, S. 29) das Thema Erziehung. Er definiert Erziehung weiter als den Ä(…) Versuch der für bestimmte Minderjährige zuständigen Erwachsenen, derart in deren Lebensgeschichte einzugreifen, daß [sic!] erwünschte Verhaltensweisen unterstützt und gefördert werden.“ Für Giesecke (Giesecke 1999, S. 78) ist dabei entscheidend, dass die Erziehenden nur teilweise in die Lebensgeschichte der Kinder eingreifen können.

Ähnliches versteht auch Brezinka (2003, S.58) unter Erziehung. Er bezeichnet damit Ä(…) Handlungen, durch die Erwachsene versuchen, Kinder und Jugendliche positiv zu beeinflussen.“ Die erziehende Person will bestimmte wertvolle Persönlichkeitseigenschaften in den jungen Menschen fördern und weniger wertvolle hingegen vermeiden (Brezinka 2003, S. 58).

Sozialisation ist der übergeordnete Begriff für Erziehung. Die Sozialisation beinhaltet sowohl die geplanten pädagogischen Maßnahmen, als auch die ungeplanten Wirkungen, die es ermöglichen, dass die Kinder und Jugendlichen in die bestehende Gesellschaft hineinwachsen und in der Lage sind Verantwortung zu übernehmen. Kinder und Jugendliche lernen in diesem Prozess die Rollen der Erwachsenen zu übernehmen und die grundlegenden Normen und kulturellen Muster zu erwerben. Für den einzelnen Menschen handelt es sich bei der Sozialisation um einen Prozess und das Resultat komplexer Tätigkeiten und deren Reflexion. Das Kind kann nur dadurch in eine Gesellschaft hineinwachsen, indem es an ihrem Leben teilnimmt: es muss sich mit den Erwartungen und Wünschen innerhalb der Familie auseinandersetzen; bei den Freunden durchsetzen; es erfährt unterschiedliche Weltdeutungen in den Massenmedien; es erlebt Glück und Unglück; Erfolge und Misserfolge usw. Sozialisation ist daher ein sehr komplexer Prozess innerhalb des menschlichen Zusammenlebens (Giesecke 1999, S. 69f).

Nachdem ich hier kurz erläutert habe, wie man in der Literatur Erziehung definiert und was auch ich in dieser Arbeit darunter verstehe, möchte ich im folgenden Kapitel näher auf die Ziele in der Erziehung, ohne die eine Erziehung nicht möglich wäre, eingehen.

2.2 Ziele der Erziehung

Erziehungsziele sind Persönlichkeitsideale, die darüber aussagen, welche Eigenschaften von der jungen Generation zu erwerben und von der erziehenden zu fördern sind. Diese Persönlichkeitsideale geben darüber Auskunft welches Wissen und Können, welche Einstellungen, Überzeugungen, Tugenden und Fertigkeiten für ein selbstständiges und sozialverantwortliches Leben erforderlich sind. Erziehungsziele werden von Menschen geschaffen, gesetzt und als gültig anerkannt und entspringen damit keinen natürlichen Tatsachen. Daher sind sie stets das Ergebnis einer Auswahl aus mehreren Möglichkeiten. Sie dürfen in keiner Erziehungspraxis fehlen, da sie die Grundvoraussetzung dafür sind nach Mitteln, Methoden und Strategien suchen zu können. Der Sinn jeder Erziehung besteht demnach darin, den jungen Menschen zu helfen Lebenstüchtigkeit zu erlangen mit Hilfe jener Persönlichkeitseigenschaften, die sie dazu benötigen. Diese Persönlichkeitseigenschaften variieren ganz stark mit der Natur des Menschen und der Kultur, in der das Leben geführt wird. In einer sehr komplexen Kultur sind daher auch die Anforderungen an die Menschen vielseitiger (Brezinka 2003, S. 63).

Es sind also weniger die Erzieher selbst, die über die Erziehungsziele entscheiden, als vielmehr die Gesellschaft als Ganzes. Diese wesentlichen Erziehungsziele werden daher auch als überindividuelle, gesellschaftliche oder kollektive Persönlichkeitsideale bezeichnet. Es gibt zwar auch individuelle Persönlichkeitsideale und Erziehungsziele, diese stehen den überindividuellen allerdings nach. Brezinka (2008, S.64) definiert Erziehungsziele als jene Ä(…) Ideale, die für alle Menschen aufgestellt werden, die in einer ähnlichen Lage vor ähnlichen Aufgaben stehen.“ Diese Ideale gelten daher normativ für alle Mitglieder einer Kultur und werden nicht bloß für die nachwachsende Generation und ihre Erziehung entworfen. Zu Erziehungszielen werden sie aus dem Grund, damit die erziehende Generation die jüngere nach diesen Idealen erziehen kann und dadurch eine gewisse Orientierung hat (Brezinka 2003, S. 63f).

Diese Erziehungsziele können nur wirksam werden, wenn sie auf der Zustimmung einer überwiegenden Mehrheit beruhen und zwar deshalb, weil Erziehung an unterschiedlichen Orten stattfindet und sich ihre Wirkung durch prinzipiell gegensätzliche Intentionen ansonsten aufheben würde (Bennack 1999, S. 33).

2.2.1 Konstanz und Wandel von Erziehungszielen

In der westlichen Welt hat es in den letzten Jahrzehnten einige signifikante Verschiebungen in den individuellen Wertrangordnungen gegeben: von ‚Pflicht- und Akzeptanzwerten‘ (z.B. Gehorsam, Ehrlichkeit und Unterordnung) zu ‚Selbstentfaltungswerten‘ (z.B. Unabhängigkeit, Selbstständigkeit und freier Wille), vom norm-orientierten zum ich- orientierten Selbst- und Weltverständnis (Hofer 1992, S. 144). Weiter ist eine ‚Individualisierung‘ oder ‚Subjektivierung‘ der Lebensstile, eine Pluralisierung und Relativierung von Religion, Weltanschauung und Moral erfolgt. Hinzu kommt, dass sich die allgemeine Zustimmung zu gewissen tradierten überindividuellen Persönlichkeitsidealen und Erziehungszielen deutlich verringert hat. Es gibt zwar selten totale Ablehnungen über zentrale überlieferte Erziehungsziele, doch relative Abwertungen innerhalb der subjektiven Rangordnung der Ideale treten häufiger auf (Brezinka 2003, S. 67).

In Folge des raschen äußeren Wandels in Politik, Arbeits- und Freizeitwelt, in Familien, Schulwesen und Massenmedien entsteht heute ein innerer Mentalitätswandel. Dieser Mentalitätswandel vollzieht sich in Richtung Bindungsarmut, Skepsis gegen Institutionen, Traditionen und Autoritäten, Flexibilität, Offenheit, Anpassungsfähigkeit, Autonomiebewusstsein, Hochschätzung von Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung. Dieser Mentalitätswandel ist in einer pluralistischen Gesellschaft mit zahlreichen kulturellen Angeboten und Wahlmöglichkeiten unvermeidlich. Es ist für jeden Einzelnen erforderlich, dass er Abstand nimmt, kritisch prüft, nach eigenem Wertmaßstab auswählt, selbst entscheidet und selbstbestimmt handelt (Brezinka 2003, S. 68).

Trotz dieser Veränderungen der individuellen Wertrangordnungen gibt es Persönlichkeitsideale und Erziehungsziele, die seit Jahrzehnten konstant geblieben und weit verbreitet sind. Folgende drei ErziehungszielKomplexe zählen dazu (Brezinka 2003, S. 66f):

1) ‚Orientierungs- und Handlungsfähigkeit‘ (z.B. Wahrnehmungs-, Denk- und Willensfähigkeiten),
2) ‚Selbstdisziplin‘, verstanden als Selbstdisziplinierungsfähigkeit und - bereitschaft,
3) ‚Gemeinschaftsfähigkeit‘, ‚Sozialkompetenz‘ oder ‚Bereitschaft zum pro-sozialen Verhalten‘

Der Wissenschaftliche Beirat für Familienfragen sieht ganz ähnliche langfristige elterliche Erziehungs- und Entwicklungsziele (Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen 2005, S. 46):

1) Selbstmaximierung: Das Kind soll seine Talente und Fähigkeiten entwickeln können und selbstbewusst und unabhängig werden.
2) Selbstkontrolle: Das Kind soll dazu fähig sein, negative Impulse zu begrenzen, die mit Neid, Aggression, Egoismus oder Unfähigkeit sich zu beherrschen, zu tun haben.
3) Soziabilität: Das Kind soll lernen freundlich zu sein, zu emotionaler Wärme fähig sein und enge affektive Bindungen zu anderen eingehen können.
4) Anständigkeit: Das Kind soll die Fähigkeit erlernen grundlegende soziale Standards wie z.B. Fleiß, Verantwortungsbewusstsein, Ehrlichkeit, Toleranz einzuhalten und unerlaubtes/illegales Verhalten (Drogen, Kriminalität) zu vermeiden.
5) Gutes Benehmen: Das Kind soll lernen, Erwachsenen gegenüber respektvoll zu sein, Autorität anzuerkennen und sich situationsbezogen angemessen benehmen zu können.

Die beiden ersten Kategorien (Selbstmaximierung, Selbstkontrolle) können unter dem Konzept ‚Eigenverantwortlichkeit‘ und die dritte bis fünfte Kategorie (Soziabilität, Anständigkeit, gutes Benehmen) unter dem Konzept ‚Gemeinschaftsfähigkeit‘ zusammengefasst werden (Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen 2005, S. 46). Es lässt sich dabei erkennen, dass die von Brezinka (2003, S.66f) oben dargestellten konstanten Erziehungsziele mit diesen übereinstimmen. Die Rangordnung dieser Erziehungsziele unterliegt einerseits einem historischen Wandel und andererseits den kulturspezifischen Besonderheiten. So spielt etwa das Erziehungs- und Entwicklungsziel ‚Selbstmaximierung‘ in den individualistisch orientierten westlichen Industrienationen eine größere Rolle als etwa ‚Gutes Benehmen‘. In den stärker kollektivistisch geprägten, nicht-westlichen Kulturen ist es genau umgekehrt (Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen 2005, S. 46).

2.2.2 Entstehung von Erziehungszielen

Erziehungsziele beziehen sich immer auf gewisse geschichtliche Situationen. Sie unterliegen einem geschichtlichen Wandel und hängen daher sehr stark mit kulturellen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Vorgängen, Gruppen und Interessen zusammen. ÄErziehungsziele […] sind Antworten bestimmter Menschen oder Menschengruppen auf bestimmte geschichtliche Situationen unter dem Gesichtspunkt, wie sich die nachwachsende Generation gegenwärtig und zukünftig verhalten soll“ (Klafki 1982a, S. 41). In jedem Erziehungsziel können mindestens vier Aspekte gesehen werden(Klafki 1982a, S. 41):

1) Eine Deutung und Bewertung der aktuellen geschichtlichen Situation;
2) Eine Auffassung über die Stellung der Jugend als der nachwachsenden Generation in dieser geschichtlichen Situation;
3) Ein gedanklicher Vorgriff auf die weitere Entwicklung des betreffenden wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen, kulturellen Systems und eine Leitvorstellung für seine Gestaltung;
4) Eine Vorstellung von den Möglichkeiten und Aufgaben der nachwachsenden Generation in der so vorweggenommenen Zukunft.

Die bewussten Zielsetzungen für die Erziehung können nur funktionieren, wenn es eine allgemein gültige Überzeugung darüber gibt, dass Normen, Regeln und Verhaltensrichtlinien für das menschliche Zusammenleben notwendig sind. Diese bewussten Zielsetzungen für die Erziehung finden vorwiegend in Krisensituationen statt. Zu solchen Krisensituationen zählen z.B. Änderungen in den Wirtschaftsformen, soziale oder politische Revolutionen und das Aufkommen neuer kultureller oder religiöser Strömungen. Zwei Grundmöglichkeiten, wie sich diese Krisensituationen auf die Entwicklung von Erziehungszielen auswirken können, werden dabei unterschieden. Die erste Möglichkeit besteht darin, dass die betreffende Kultur oder Gesellschaft an den alten Normen festhält. Zur Übermittlung dieser Normen wird bewusst die Erziehung eingesetzt um der Normenkrise entgegenzuwirken. Diese Normen werden damit zu bewussten Erziehungszielen und als ‚konservative Zielsetzungen‘ bezeichnet. Die zweite Möglichkeit ist jene, dass aus einer Krisensituation heraus gewisse Personen oder Personengruppen neue Erziehungsziele entwerfen. Die Krise wird als Möglichkeit zur Veränderung und Entwicklung gesehen. Folglich können auch neue Erziehungsziele formuliert werden. Diese Möglichkeit der Zielsetzung wird ‚progressive Zielsetzung‘ genannt (Klafki 1982a, S. 41f).

Nachdem ich erläutert habe, was man unter Erziehungszielen versteht und wie sie sich in den letzten Jahrzehnten teilweise verändert haben, werde ich im folgenden Kapitel drei ausgewählte Erziehungsstile näher beleuchten, mit denen Eltern auf unterschiedliche Weise versuchen die Erziehungsziele zu erreichen. Die von mir gewählten sind meiner Ansicht nach die bekanntesten und am weitesten verbreiteten.

2.3 Erziehungsstile

Elterliches Erziehungsverhalten ist von mehreren Faktoren abhängig. Die drei Hauptfaktoren sind (Reichle, Franiek 2009, S. 13):

- die individuellen psychologischen Ressourcen der Eltern (Elternpersönlichkeit),
- die Eigenschaften des Kindes und
- der soziale Kontext, in den die Eltern-Kind-Beziehung eingebettet ist.

Bemerkenswert ist hier die Tatsache, dass sich die Qualität der Paarbeziehung auf die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung auswirkt. Konflikte in der Paarbeziehung greifen auf die Eltern-Kind-Beziehung über. Der elterliche Erziehungsstil ist für die Entwicklung von Kindern sehr bedeutsam. Problematische Entwicklungen, insbesondere des kindlichen Sozialverhaltens werden mit elterlichem Erziehungsverhalten in Zusammenhang gebracht (Reichle, Franiek 2009, S. 13).

Folgende vier Erziehungsstile werden unterschieden (Reichle, Franiek 2009, S. 13):

1) Autoritativ im Sinne von akzeptierendem, sensiblem, kindzentriertem und gleichzeitig forderndem und kontrollierendem Verhalten der Eltern.
2) Autoritär im Sinne von wenig sensibel, elternzentriert, dabei fordernd und kontrollierend.
3) Permissiv im Sinne von geringen Anforderungen und Kontrolle sowie akzeptierendem, sensiblem und kindzentriertem Verhalten.
4) Vernachlässigend im Sinne von ablehnend, wenig sensibel, elternzentriert und ohne Anforderungen und Kontrolle.

2.3.1 Autoritative Erziehung

Der Begriff der ‚autoritativen Erziehung‘ wurde vor etwa zwei Jahrzehnten in der entwicklungspsychologischen und erziehungswissenschaftlichen Forschung ausgearbeitet. Unter autoritativer Erziehung versteht man demnach eine Erziehung zu Selbstverantwortung und Gemeinschaftsfähigkeit. Man geht von der Vorstellung aus (Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen 2005, S. 18), dass die Kinder

- in ihren individuellen Besonderheiten respektiert und wertgeschätzt werden,
- Möglichkeiten für neue Erfahrungen und eigenständiges Handeln haben und
- in ein Beziehungsnetz wechselseitiger Rücksichtnahme und des aufeinander Angewiesen-Seins eingebunden werden.

Autoritative Erziehung bedeutet in diesem Zusammenhang das Miteinander von Verbundenheit und Unterstützung, aber auch Grenzziehung und Autonomie. Ziel soll es sein mit dieser Haltung die Eigenverantwortlichkeit und Gemeinschaftsfähigkeit auf Seiten der Kinder zu fördern (Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen 2005, S. 18). Der autoritative Erziehungsstil kann folgendermaßen definiert werden: Äein hohes Maß an Zuwendung, klare Regeln und strikte Konsequenz bei deren Einhaltung“. (Zangerle 2004, S. 139)

‚Freiheit in Grenzen‘ wird oft als Synonym für die autoritative Erziehung verwendet, da man sich von der Erziehung nach dem Prinzip ‚Grenzen ohne Freiheit‘ (sprich: autoritäre bzw. autokratische Erziehung) und von der Erziehung, die sich als ‚Freiheit ohne Grenzen‘ bezeichnet (sprich: antiautoritäre Erziehung mit den beiden Varianten einer permissiven und vernachlässigenden Erziehung), deutlich unterscheiden möchte (Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen 2005, S. 18 und S.55).

Eine autoritative Erziehung wirkt sich sehr positiv auf das Verhalten von Jugendlichen aus: bessere Schulleistungen, weniger Depressivität und Ängstlichkeit, höhere Eigenständigkeit und Selbstwert, weniger Problemverhalten, einschließlich Delinquenz und Drogenmissbrauch können nachgewiesen werden (Reichle, Franiek 2009, S. 13).

2.3.2 Autoritäre Erziehung

Ein autoritärer Erziehungsstil ist geprägt von häufiger dirigistischer Lenkung, Geringschätzung, Verständnislosigkeit, Ge- und Verboten, Überwachung, Zwang, Gewalt und Strafen. Die der autoritären Erziehung übergeordnete Pädagogik wird als (neo)konservative Pädagogik bezeichnet. Sie bemüht sich um die Aufrechterhaltung traditioneller erzieherischer Werte, wie sie vor der antiautoritären Bewegung verbreitet waren: Sitte, Ordnung, Pflichtgefühl, Anstand, Disziplin, Treue und Fleiß. Eine autoritäre Persönlichkeit ist besonders repressiv und herrschaftsbezogen. Das bedeutet, dass sie Gehorsam und Unterordnung fordert. Es ist wichtig zwischen Autorität und Autoritarismus zu unterscheiden. Autorität ist eine interaktive Angelegenheit zwischen mindestens zwei Personen. Es ist eine subjektive, freiwillige Anerkennung einer Überlegenheit des Autoritätsträgers in Bezug auf ein bestimmtes Wissen oder Können (Ludwig 1997, S. 108ff).

2.3.3 Antiautoritäre Erziehung

Die antiautoritäre Erziehung ist eine untergeordnete radikale Variante der liberalen Erziehung und kann sich sowohl in permissivem, als auch vernachlässigendem Verhalten zeigen. Zentrales Charakteristikum liberaler Pädagogen ist die starke Betonung der Selbstbestimmung und der kritischen Auseinandersetzung mit tradierten Werten. Ihr Tugendkatalog besteht aus Toleranz, Repressionsfreiheit, Kritikfähigkeit, Mündigkeit und Offenheit. Als Erziehender sollte man sich um Zurückhaltung bemühen und den Kindern einen möglichst weiten Handlungsspielraum zur aktiven Auseinandersetzung mit der Umwelt gewähren. Für den Begriff antiautoritäre Erziehung werden Synonyme wie ‚freie‘, ‚freiheitliche‘, ‚repressionsfreie/-arme‘, ‚progressive‘, ‚nicht- autoritäre‘ bzw. ‚nicht-direktive‘ Erziehung verwendet (Ludwig 1997, S. 107 und S.116).

Das Schlagwort ‚antiautoritäre Erziehung‘ entstand Ende der 60er Jahre im Zusammenhang mit dem Bekanntwerden von Alexander S. Neills Internat Summerhill (Ludwig 1997, S. 110). Die 68er waren fasziniert von Neills Erziehungskonzeption: die Teilnahme am Unterricht ist freiwillig, es gibt keine Prüfungen, die Schüler regeln ihr Zusammenleben in einer wöchentlich stattfindenden Schulversammlung (Giesecke 1998, S. 146). Die pädagogischen Konzepte, die mit der antiautoritären Erziehung in Verbindung gebracht werden, sind allerdings teilweise wesentlich älter. Auch Summerhill wurde bereits 1921 unter dem Einfluss der Reformpädagogik gegründet (Ludwig 1997, S. 110).

Die Anti-Pädagogen gehen davon aus, dass Kinder selber am besten wüssten, was für sie gut und richtig sei. Jedes Eingreifen Erwachsener in den kindlichen Entwicklungsprozess wird dabei als unmoralisch und schädigend angesehen. Eltern sollten zwar weiterhin auf ihre Kinder einwirken, jedoch nur insoweit es nicht darum geht ein ‚erwünschtes Verhalten‘ von ihnen zu erwarten. Erwachsene dürfen laut Ansicht der Anti-Pädagogen ihre Interessen und Bedürfnisse nur dann verteidigen, wenn diese von den Kindern be- oder verhindert würden (Giesecke 1999, S. 76f).

Nachfolgend werde ich näher darauf eingehen inwieweit die gesellschaftlichen Entwicklungen die Erziehung des Einzelnen beeinflussen.

2.4 Gesellschaft als Einflussgröße

Die westeuropäische Gesellschaft von heute wird als moderne Industriegesellschaft bezeichnet und im Vergleich zu früher oft ‚reiche Wohlstandsgesellschaft‘ genannt. Es darf dabei aber nicht vergessen werden, dass es auch heute noch viele Menschen in Westeuropa gibt, die nicht zu dieser privilegierten Gesellschaft dazugehören. Für viele von uns ist das Leben jedoch in Hinsicht auf dessen Gestaltungsmöglichkeiten einfacher geworden. Daher wird unsere Gesellschaft manchmal auch als ‚Erlebnisgesellschaft‘ bezeichnet. Durch diese neuen Möglichkeiten steigt allerdings auch die Komplexität des Lebens, wodurch wir gefordert sind zahlreiche Entscheidungen zu treffen (Prisching 1995, S. 375ff).

Brezinka (2003, S.21) geht davon aus, dass sich unsere Kultur in einer Orientierungs- und Wertungskrise befindet. Darunter versteht er eine Krise der Glaubensüberzeugungen, der Werteinstellungen, der moralischen Haltungen vieler einzelner Menschen und der gesellschaftlichen Normen und Institutionen. Die Kulturkrise betrifft sowohl das Wertbewusstsein der Individuen als auch die Wertordnung der Gesellschaft. Das Wertbewusstsein ist dabei durch Wertewandel und Wertungsunsicherheit gekennzeichnet. Der einzelne Mensch zeichnet sich dabei durch Veränderungen seiner Werteinstellungen und durch die Unsicherheit über den Wert, den bestimmte Güter, Ziele und Pflichten im Vergleich mit anderen haben, aus. Die Wertordnung ist durch Wertepluralismus und Unbeständigkeit gekennzeichnet. Man ist sich nicht mehr im Klaren darüber, was anzustreben und was abzulehnen ist, was wichtig und was unwichtig ist, was festgehalten werden soll und was aufgegeben werden kann (Brezinka 2003, S. 21f).

Diese Wertungskrise, in der sich unsere Gegenwartskultur befindet, ist auf folgende Ursachen zurückzuführen (Brezinka 2003, S. 22f):

1) Die schnelle Zunahme und Ausbreitung von Wissen. So hat etwa die Vermehrung des naturwissenschaftlichen Wissens einerseits zu riesigen Fortschritten der Technik, aber andererseits auch zu Verstädterung, sozialer Entwurzelung und Mobilität geführt. Die Vermehrung des historischen Wissens wiederum hat den Blick auf andere Religionen, Moralsysteme, Welt- und Menschenbilder erweitert. Dadurch schwand die Überzeugung, dass die eigene Wertordnung die überlegene sei. Schulen und Massenmedien ermöglichten in der Folge eine rasche Verbreitung dieses Natur- und Geschichtswissens und der wissenschaftlich-kritischen Denkweise. Bei den Menschen entstand so der falsche Eindruck, dass das wissenschaftliche Wissen und das eigene kritische Denken für die Lebensführung ausreichend seien und auf Religionen, Weltanschauungen und Glaubenssysteme verzichtet werden könne.
2) Die Zunahme des Wohlstandes. Heute steht den Menschen ein größeres Warenangebot zur Verfügung als je zuvor. Der Freizeit- und Unterhaltungsmarkt ermöglicht den Menschen ein abwechslungsreiches und vergnügtes Leben. Doch dieser Reichtum an Wahlmöglichkeiten begünstigt häufigen Wechsel, Bindungsschwäche und seelische Labilität. Durch die Konzentration auf private Interessen verliert der Einzelne den Bezug zu gemeinsamen Idealen und Gemeinschaftsaufgaben. Das zwischenmenschliche Potential für Solidarität als auch die bürgerlichen Werte wie Ehre, Höflichkeit und Treue verlieren an Bedeutung (Prisching 1995, S.379).
3) Die Erweiterung der Menschenrechte und Grundfreiheiten. Heute gibt es eine Vielzahl an Freiheiten, wie etwa Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Glaubens- und Gewissensfreiheit, Versammlungs- und Vereinsfreiheit, Presse-, Wissenschafts- und Kunstfreiheit. Der liberale Staat hat sich zur Wertneutralität verpflichtet und die Kirche hat ihre Vorherrschaft verloren. Toleranz gilt als wichtigstes Gebot. Für die Bürger bedeutet dies, dass sie viele Freiheiten dazugewinnen, die heute auf keinen Fall mehr wegzudenken sind. Verbunden damit ist aber auch ein auf sich allein gestellt Sein in wichtigen Entscheidungsfragen.

2.4.1 Gesellschaftlicher Informalisierungstrend

Erziehung impliziert immer ein Gewaltverhältnis von bestimmten Erwachsenen (Eltern, Lehrer) über bestimmte Kinder und Jugendliche. Da Kinder in zahlreichen Situationen nicht selbstständig handeln können, bedürfen sie der Fürsorge Erwachsener, die für sie die Verantwortung übernehmen. Dieses Gewalt- und Fürsorgeverhältnis beschränkt sich dabei auf die Unmündigkeit des Kindes und Jugendlichen. Ziel aller Erziehungsmaßnahmen ist damit das Erreichen der Mündigkeit, da mit ihm das Ende der Erziehung eintritt (Giesecke 1999, S. 71ff).

In der Erziehung dieser Unmündigen spiegelt sich auch ein Generationenverhältnis wider. In jedem Fall ist es die erwachsene, mündige Generation, die die nachwachsende, unmündige in die vorgegebenen kulturellen Normen und Rollen einführt. Die nachfolgenden Generationen behalten sich dabei aber immer einen gewissen Freiraum für etwaige Veränderungen, ansonsten gäbe es weder einen Wandel noch eine Weiterentwicklung (Giesecke 1999, S. 74).

Die Tradition übernimmt in Zeiten geringer gesellschaftlicher und ökonomischer Veränderungen stets eine beherrschende Stellung im Erziehungsprozess. Sobald Veränderungen in diesen Bereichen jedoch schneller voranschreiten, wie etwa in der Gegenwart, verliert die Tradition an Bedeutung und neue, aktuelle Inhalte werden wichtig. Auch das Generationengefälle spielt in so einem Fall eine geringere Rolle, da die im Laufe des Lebens gewonnene Erfahrung und Reife der älteren Generation für die sich ständig ändernden Bedingungen in der Gegenwart wenig hilfreich erscheinen. Vielmehr kommt es dadurch zu einer Art gemeinsamer Solidarität gegenüber gleichen Lebensproblemen, die beide Generationen bewältigen müssen. Auf das Verständnis von Erziehung wirkt sich diese Tatsache sehr stark aus, denn von nun an gibt es kein hierarchisches Gefälle von ‚Wissenden‘ und ‚Unwissenden‘ oder ‚Erfahrenen‘ und ‚Unerfahrenen‘ mehr. Auch das bereits erwähnte Gewalt- und Fürsorgeverhältnis wird dadurch in Frage gestellt. Kinder und Jugendliche gewinnen das moralische Recht über ihr eigenes Leben in den Bereichen wie z.B. Freizeit, Schule und Beruf selber entscheiden zu können (Giesecke 1999, S. 75f).

Seit Mitte der 1960er Jahre lassen sich Veränderungen in den zwischenmenschlichen Umgangsformen erkennen, die auch die Eltern- Kind-Beziehungen berühren. Eltern gehen mit ihren Kindern heute freier und ungezwungener um. Informalität bedeutet ein höheres Maß an unkonventionellem und lässigem Verhalten. Rigide Verhaltensvorschriften und strenge Etiketten verlieren an Bedeutung (Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen 2005, S. 34).

Gerade diese Offenheit und Vielfalt an Beziehungs- und Erziehungsformen im Familienalltag erschwert es den Eltern sich mit ihrer Aufgabe als Erziehende zurechtzufinden. Zudem findet Erziehung heute nicht nur in der Familie statt, sondern auch in eigens dafür bestimmten Institutionen. Der Familienalltag wird als ‚multilokal‘ gekennzeichnet, da sich Kinder nicht nur im Familienhaushalt, sondern gleichzeitig auch bei ihren Großeltern, in der Schule, im Freundeskreis, in Vereinen und in speziellen Einrichtungen aufhalten. Hinzu kommt auch noch die Präsenz der Medien, die Einfluss auf die Kinder ausüben. Aufgrund dieser unterschiedlichen Erziehungsräume sind Kinder mit teilweise sehr unterschiedlichen Erziehungsnormen konfrontiert. Dies führt dazu, dass Kinder verschiedene Anordnungen und Vorschriften nicht mehr unhinterfragt akzeptieren. Eltern geraten dadurch unter Rechtfertigungs- und Verhandlungszwang und nehmen mehr Rücksicht auf die Kinder. Diese Verhandlungsarbeit, die durch Erklärungen und Diskussionen anstatt durch Ge- und Verbote charakterisiert wird, erfordert viel Zeit, Energie und kognitive Kompetenz (Teichert 1991, S. 18). Hier ist die Rede von der Verschiebung in der Balance der innerfamilialen Verhandlungsmacht zugunsten der Kinder. Es kann jedoch zu einem großen Problem führen, wenn Eltern die zunehmende kindliche Selbstständigkeit als Abgabe von Erziehungsverantwortung an das Kind missverstehen (Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen 2005, S. 34ff).

Die Erziehungspraktik der ‚Verhandlungsstrategie‘ beginnt bereits im Kleinkindalter und wird bis zum Jugendalter fortgesetzt (Nave-Herz 1994, S. 63). Die Eltern bemühen sich darum ihre adoleszenten Kinder zu verstehen, ihnen eher als Freunde, denn als Autoritätspersonen gegenüberzutreten, Entscheidungen gemeinsam zu treffen, Kompromisse auszuhandeln und sich in vieler Hinsicht den Jugendlichen anzupassen, anstatt Anpassung an eigene Prinzipien und Verhaltensmuster zu verlangen (Schütze 1993, S. 345).

2.4.2 Allgemeine Verunsicherung

Es gibt einige Faktoren, die die allgemeine Verunsicherung bei der Erziehung begünstigen können:

1) Die früher üblichen ‚Befehlshaushalte‘ sind heute von kommunikationsoffeneren ‚Verhandlungshaushalten‘ abgelöst worden (Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen 2005, S. 37). Regeln, an die man sich innerhalb der Familie halten muss, werden situationsabhängig ausgehandelt, anstatt auf ein festgesetztes Regelwerk zu beharren. Diese Ergebnisoffenheit des elterlichen Erziehungshandelns kann viele Eltern verunsichern (Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen 2005, S. 37).
2) Wie bereits oben erwähnt haben viele von uns heute zahlreiche Wahlfreiheiten in Bezug auf Beschäftigungsmöglichkeiten, mitmenschliche Verbindungen und Freizeitgestaltung. Andererseits bedeutet dies wiederum eine geringere Stütze an guter Sitte und verlässlichen Traditionen, was insbesondere bei der Erziehung der nachwachsenden Generation als schwierig empfunden werden kann. Die Fähigkeit zur Selbstbestimmung, Selbstverantwortung und Selbstkontrolle ist heute oft gefragt, da wir vieles selber entscheiden müssen. Doch diese Entscheidungsfreiheiten können in manchen Situationen auch zu Belastung und Überforderung führen (Brezinka 2003, S. 24).
3) Die Stellung des Erwachsenen hat sich über die letzten Jahrzehnte verändert. Die erwachsene Person von heute geht nicht mehr davon aus, dass sie zu irgendeinem Zeitpunkt fertig ausgebildet ist, sondern stets dazu lernt und sich weiterentwickelt. Dies kann auch dazu führen, dass die Grundlage der Erziehung- die Differenz zwischen Kind und Erwachsenem- langsam verschwindet. Auch dieser Aspekt kann unter Umständen zur Verunsicherung in der Erziehung führen (Rotthaus 2006, S. 326).
4) Auch der soziale und kulturelle Wandel, in welchem sich soziokulturelle und moralische Milieus teilweise auflösen, kann für die allgemeine Erziehungsverunsicherung verantwortlich gemacht werden (Winkler 2007, S. 57).
5) Die hohen gesellschaftlichen Anforderungen an ‚gute Eltern‘, können ebenfalls die Gefahr erhöhen, in Sachen Erziehung stark verunsichert zu werden (Neuberger-Schmidt 2008, S. 11).
6) Viele Erzieher sind von der Individualisierung und Privatisierung der Lebensstile erfasst worden, durch die die pluralistische Medien- und Konsumgesellschaft gekennzeichnet ist. ÄDer rasche ‚Wertewandel‘ von […] pflicht- und leistungszentrierten zu genußzentrierten [sic!] Wertorientierungen schwächt zwangsläufig den Erziehungswillen, die Erziehungsfähigkeit und die Erfolgsaussichten moralisch anspruchsvoller Erziehung.“ Wertunsichere Menschen sind dann auch in der Erziehung unsicherer (Brezinka 2003, S. 59f).
7) Es gibt zahlreiche Ratgeber, die sich mit dem Thema Erziehung beschäftigen. Doch dadurch wird Erziehung nicht immer einfacher, denn sie lassen oft Ratlosigkeit und Ohnmacht zurück. Oft entsteht dabei das Gefühl, es ‚niemals richtig und niemandem recht machen zu können‘ (Rogge 2003, S. 31).
8) Ein Faktor, der noch wesentlich zur Verunsicherung der Eltern beiträgt, ist das eigene Erfahrungsdefizit der erziehenden Generation. Vielen Erziehern fehlen eigene Erfahrungen für Sachverhalte, die im Leben der Kinder und Jugendlichen eine große Rolle spielen. Dies hängt stark mit der Schnelllebigkeit der heutigen Zeit und den zahlreichen technischen Erfindungen zusammen. Zu diesen Sachverhalten zählen etwa Discobesuche am Abend, Gewaltvideos, Computerspiele, Modetrends der Kinder und Jugendlichen, eine konsumorientierte, medienbeeinflusste Freizeit und Sozialkontakte zu Gleichaltrigen- das und vieles mehr gab es in den letzten Generationen seltener, gar nicht oder es spielte eine geringere Rolle (Bennack 1999, S. 31).

Unsicherheiten in Fragen der Erziehung sind nichts Neues, es hat sie immer schon gegeben. Der Unterschied liegt nur in der Tatsache, dass die Eltern von heute diese Unsicherheit mit besonderer Offenheit aussprechen (Juul 2007, S. 9).

[...]

Ende der Leseprobe aus 103 Seiten

Details

Titel
Jugendliche heute - Mögliche Konsequenzen für die Gestaltung von Unterricht
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck
Note
2
Autor
Jahr
2010
Seiten
103
Katalognummer
V158080
ISBN (eBook)
9783640709779
ISBN (Buch)
9783640710058
Dateigröße
1428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehung, Familie, Jugendliche, Schule, Unterricht
Arbeit zitieren
Bianca Schmid (Autor), 2010, Jugendliche heute - Mögliche Konsequenzen für die Gestaltung von Unterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158080

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