Im Spiegel ihrer Selbst. Nan Goldin. (Selbst-)porträts 1980/1991.


Seminararbeit, 2010

10 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten1

Im Spiegel ihrer Selbst2. Nan Goldin mit ihrem FotoGrafen. (Selbst-)porträts 1980 + 1991.

Inhaltsverzeichnis

Nan Goldins Foto-Graf

Spiegelungen des Selbst. Betrachter in Position setzen

Möglichkeiten Fotografie(n) zu betrachten und zu beschreiben

Möglichkeit einer Beschreibung von Fotografie(n)
self-portrait in blue bathroom. London. 1980
self-portrait in my blue bathroom. Berlin. 1991

Ästhetik(en) im Kontext von Autobiografie denken. 1980 und 1991. Dokumentierte Zeit- Beziehungen mit Hilfe eines Foto-Grafen

Nan Goldins Foto-Graf.

Ein Graf eines Lebens. Foto-Grafieren. Der Foto-Graf ist Nan Goldins Werkzeug Leben zu dokumentieren oder eigenes Leben zu therapieren. In ihren fotografischen Bildstrecken werden Ausschnitte von Leben ihres unmittelbaren Umfeldes festgehalten. Einerseits ist es zunächst einmal eine unwahrscheinliche Intimität, die Goldin ihrem Foto-Grafen freiwillig und bewusst offenbart. Andererseits hat Nan Goldin bisher durch ihre fotografischen Aufnahmen einen immensen Fundus an Dokumenten miterlebter Zeit und Milieus geschaffen. Die daraus entstehenden Diashows entwickeln nicht nur durch die Zusammenstellung der Bilder ihre Strahlkraft, sondern gerade auch durch die Verwendung von Musik und Ton.3 Persönlichkeit. Sexualität. Begierde. Gewalt. Krankheit. Sucht. Trauer. Leben in seiner Natürlichkeit fotografisch eingefangen. Die Konsequenz dieser Herangehensweise heißt eine Erinnerung zu konstituieren; Zeit zu dokumentieren. Doch nicht nur für die Autorin selbst sind Fotografie(n) eine Form des Erinnerns. Auch für den unbeteiligten Betrachter, der sich fallweise an eine Zeit erinnert fühlt bzw. in eine Zeit hinein versetzt wird, entsteht eine Form des noch einmal Erlebens.4 Das Schaffen Nan Goldins ist zudem ein zutiefst Persönliches, wenngleich auch wichtiges Dokument von zeitgeschichtlichem, politischem und sozialem Ausmaß. Boston. Lower East Side, New York. London. Berlin. Paris. Et cetera. Auch über Orte wird eine Geschichte erzählt. Ein sich liebkosendes Paar in Paris 19995, erzählt etwas Anderes als ein Paar in Chicago 19776. Ein Großteil des künstlerischen Schaffens Nan Goldins definiert sich über solche Intimitäten von Paaren und zugleich entwirft sie damit einen kulturellen Diskurs; stellt beispielsweise genderspezifische Fragen über Rollenverteilung in verschiedenen, sozialen Kreisen7. All das ist ein Ausschnitt ihres Anliegen. Dadurch charakterisiert sich die Arbeit von Nan Goldin.8

Spiegelungen des Selbst. Betrachter in Position setzen.

Im Spiegel das Selbst. Selbst fotografiert worden sein. Das Selbst der Autorin betrachtet. Betrachter und ihre Wahrnehmung. Über Wahrnehmung kann sich eine Neu-Gier entwickeln. Im reinen Betrachten liegt scheinbar keine Befriedigung. Auf die Suche nach einem Hintergrund-Wissen zur Autorin bzw. zur Interpretation u. Ä. natürlicherweise begeben. Gerade darin kann Befriedigung gefunden werden und paradoxerweise fluten solche Befriedigung(en) wohl nie vollends in etwas dauerhaft Befriedigtes. Neu-Gier in Zaum halten und das Augenmerk auf die Fotografie(n) selbst richten. Über eine Beschreibung dessen, was tatsächlich abfotografiert worden ist und einem kleinen, traditions-kritischen Abriss sinnlicher Wahrnehmung, bis hin zur Möglichkeit ästhetische Tendenzen in Nan Goldins Werk anhand von Gegenüberstellung sichtbar bzw. bewusst zu machen, wird versucht über einige foto- theoretische Bezüge autobiografische Problemfelder exemplarisch und kontextbezogen abzuhandeln.

Mit seinem berühmt gewordenem Essay über Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit aus dem Jahre 1936/dt. 1939 legt Walter Benjamin theoretische Grundlagen, die in einem autobiografischen Kontext vor allem an der Stelle fruchtbar erscheinen, an denen diesbezüglich auf das Produkt der technischen Reproduktion von dem Verlust der Aura, also auch einer entstehenden Unnahbarkeit, und von der Organisation der Sinneswahrnehmung in der Zeit, die Rede ist9. Von einer Distanz der Gefühle des Betrachters schreibt dem von Benjamin kongruent auch die amerikanische Autorin Susan Sontag 1977 in ihrem Essay On Photography. Das ästhetische Produkt der Kamera grenzt An-Teilnahme ein.10 Für weitere wahrnehmungstheoretische Auseinandersetzungen mit Fotografien von Nan Goldin kann außerdem der Aufsatz Against Interpretation der Theoretikerin zu Beginn ihrer gleichnamigen Monographie aus dem Jahre 1966 gewinnbringend herangezogen werden - eigene Erfahrung thematisieren; die reine Beschaffenheit von Werken11. Des Weiteren erscheinen die Ansichten und theoretischen Überlegungen von Roland Barthes in seiner Schrift La chambre claire. Note sur la photographie aus dem Jahre 198012 im Bezug auf Autobiografie(n) besonders nützlich und erhellend zu sein. Roland Barthes rückt in seinen Betrachtungen nicht nur das Ich stärker in den wissenschaftlichen Diskurs, sondern verweist eben auch auf einige klassifizierende Parameter im Zusammenhang von Fotografie und Porträt13. Dies gilt es theoretisch auf (Selbst-)porträts zu erweitern um fruchtbar im weiteren Diskurs damit zu arbeiten.

Fakt ist. (Selbst-)Porträts/(Selbst-)Bildnisse sind keine fotografie-ästhetischen Erfindungen, sondern haben u. a. berühmte Wurzeln bei den selbstbewussten Künstlern der Renaissancezeit. Vor allem Malerei und Bildhauerei stehen diesem Feld traditionell Pate. Doch durch die Entstehung der Fotografie haben sich nicht nur Möglichkeiten des Betrachtens aufgrund von technischer Reproduzierbarkeit und dem Verlust der Aura, sondern auch der kulturelle Blick, das Sehen verändert. Malerei ist, „wie groß die Ähnlichkeit auch sei, keine Photographie“.14 Für Walter Benjamin beginnt mit der Fotografie die Verdrängung eines Kultwertes - Aura - hin zu einem Ausstellungswert. Dieser Ausstellungswert steht in direktem Zusammenhang mit dem Rückzug des Menschen/Autors aus der Fotografie. Im Bezug auf Nan Goldins Arbeit und im Speziellen autobiografische Bezüge gilt es diese These neu zu diskutieren. Schon Walter Benjamin konstituierte das Porträt nämlich insoweit als eine besondere Möglichkeit der Fotografie, als es die Grenze zwischen Kult- und Ausstellungswert nicht so klar zu zeichnen in der Lage ist.15

Das PHOTOGRAPHISCHE PORTRÄT ist ein geschlossenes Kräftefeld. Vier imaginäre Größen überschneiden sich hier, stoßen aufeinander, verformen sich. Vor dem Objektiv bin ich zugleich der, für den ich mich halte, der, für den ich gehalten werden möchte, der, für den der Photograph mich hält, und der, dessen er sich bedient um sein Können vorzuzeigen. In anderen Worten, ein bizarrer Vorgang: ich ahme mich unablässig nach, und aus diesem Grund streift mich jedes mal, wenn ich photografiert werde (mich photographieren lasse), unfehlbar ein Gefühl des Unechten, bisweilen von Hochstapelei (wie es manche Alpträume vermitteln können).16

[...]


1 Adam Mazur/Paulina Skirgajllo-Krajewska, „If I want to take a picture, I take it no matter what. Self-portrait in hotel Baur au Lac. Zurich. 1998”, fotoTapeta http://fototapeta.art.pl/2003/ngie.php, 13.06.2010.

2 Vgl. Nan Goldin, I’ll be your Mirror, Hg. Elisabeth Sussman/David Armstrong, Übers. Uta Goridis/Walter Keller, New York/Zürich/Berlin: Scalo 1996.

3 Vgl. Nan Goldin, I’ll be your Mirror, 1996, S. 26.

4 Anm. Es ist eine Tendenz technischer Reproduktion, dass das einmalige Erlebnis vervielfacht/festgehalten/archiviert worden ist und vielleicht auch erst durch diese Überwindung und aufgrund der dadurch entstehenden Unnahbarkeit Erleben überhaupt erst möglich wird; Vgl. Susan Sontag, Über Fotografie, Übers. Mark W. Rien/Gertrud Baruch, Frankfurt am Main: Fischer 2008, S.148-149; (Orig. On Photography, New York: Farrar, Straus & Giroux 1978) & Vgl. Walter Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007, S. 16-17; (Orig. 1936/dt. 1939).

5 Adam Mazur/Paulina Skirgajllo-Krajewska, „If I want to take a picture, I take it no matter what. Valerie and Gotscho embraced. Paris. 1999”, fotoTapeta, http://fototapeta.art.pl/2003/ngie.php, 13.06.2010.

6 Nan Goldin, „Couple in bed. Chicago. 1977“, prometheus, http://prometheus.uni- koeln.de/pandora/de/image/download/Image-frankfurt-6aa9809724b9022fc9286980d73210a629d20165.zip, 13.06.2010.

7 Vgl. Nan Goldin, „Skinhead having Sex. London. 1978“, prometheus, http://prometheus.uni- koeln.de/pandora/de/image/download/Image-frankfurt-b8661cc6bd3d0ded45343317fc366548cc73cb9b.zip, ]13.06.2010.

8 Vgl. Adam Mazur/Paulina Skirgajllo-Krajewska, „If I want to take a picture, I take it no matter what”, fotoTapeta, http://fototapeta.art.pl/2003/ngie.php, 01.06.2010.

9 Vgl. Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, 2007, S. 14ff.

10 Vgl. Sontag, Über Fotografie, 2008, S.107.

11 Vgl. Susan Sontag, „Gegen Interpretation“, Kunst und Antikunst. 24 literarische Analysen, Übers. Mark W. Rien, Frankfurt am Main: Fischer 1982, S. 11-22; (Orig. Against Interpretation, 1966).

12 Roland Barthes, Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie, Übers. Dietrich Leube, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1989; (Orig. La chambre claire. Note sur la photographie Paris: Éditions de L’Étoile 1980).

13 im Besonderen Vgl. Barthes, Die helle Kammer, 1989, S. 16-17.

14 Vgl. Barthes, Die helle Kammer, 1989, S. 20-21 & Vgl. André Bazin, „Ontologie des fotografischen Bildes”, Was ist Kino. Bausteine zur Theorie des Films, Köln: Du Mont Schauberg 1975, S. 23 & Vgl. Bernd Stiegler, Philologie des Auges. Die photgraphische Entwicklung der Welt im 19. Jahrhundert, München: Wilhelm Fink Verlag 2001.

15 Vgl. Benjamin, Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, 2007, S. 23.

16 Herv. i. O. Barthes, Die helle Kammer, 1989, S. 22.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Im Spiegel ihrer Selbst. Nan Goldin. (Selbst-)porträts 1980/1991.
Hochschule
Universität Wien  (TFM)
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
10
Katalognummer
V158123
ISBN (eBook)
9783640723485
ISBN (Buch)
9783640723652
Dateigröße
598 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fotografie, Selbstporträt, Porträt, Vergleich, Kunst, Fototheorie, Ästhetik
Arbeit zitieren
Thomas Ochs (Autor:in), 2010, Im Spiegel ihrer Selbst. Nan Goldin. (Selbst-)porträts 1980/1991., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158123

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