Die „Medea“ des Euripides ist die erste überlieferte Bearbeitung des Stoffes, die allerdings nicht den Weg der Flucht (also der Argonautensage) nachzeichnet, sondern beginnt, als Jason sich mit Glauke verheiraten will und Medea deswegen bereits verlassen hat. Im Gegensatz zu dem seinerzeit herrschenden Frauenbild, das besagte, dass Frauen dem Mann „gehören“ und ihnen untertan sein müssen, hat Euripides seine Figur Medea zur Hauptfigur eines eigentlich männlich dominierten Abenteuermythos gemacht und erzählt das Ende dieser Beziehung aus Sicht der Frau. Er legt den Schwerpunkt seiner Tragödie auf die inneren Beweggründe einer betrogenen Frau, die ehemals alle Heldentaten, für die ihr Mann gerühmt wurde, beging, und nun von ihm verlassen und erneut zur flüchtigen Ausgestossenen gemacht wird – zu einem Flüchtling ohne Ziel, da sie nirgendwo hin kann, wo sie nicht um Jasons Willen Verrat oder Unheil begangen hätte (Euripides: 501-515).
Dea Lohers Medeabearbeitung legt den Schwerpunkt nicht auf eine neue inhaltliche Sicht, sondern auf einen strukturellen Diskurs: durch Lohers Bezüge zur Malerei und die daraus resultierende Kraft zur Verwandlung im doppelten künstlerischen Sinne (sowohl inhaltlich durch z. B. die Figuren Velazquez und Deaf Daisy, die sich explizit über ihre jeweiligen Verwandlungen definieren , die Verwandlung der Gemälde, die Verwandlung des ermordeten Bruders in den Sohn - also der Verwendung einer im Mythos oder der Bearbeitung von Euripides nicht vorhandenen Thematik -, als auch formal durch die Bildhaftigkeit der Szenen und den fast vollständige Verzicht auf Handlung - was als Theaterstück die Grundlage für eine Inszenierung legt, den Text als Schnittstelle eines interdisziplinären Diskurses der bildenden Kunst zu benutzen, zwischen Gemälde, Text und Aufführung) wird das Stück als Metamorphose im „ovidschen Verständnis“ interpretierbar und eröffnet damit eine mythenkritische Perspektive, die den Mythos „...in seiner festschreibenden und enthistorisierenden Wirkung zersetzt.“
Inhaltlich orientiert sich Lohers Bearbeitung ebenfalls an den Beweggründen Medeas, auch hier wird der Zeitraum kurz vor der Hochzeit gezeigt.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Medea-Mythos (die Argonauten/das goldene Vliess)
2. Die Autoren und ihre historisch-künstlerische Einordnung
3. Vergleich der dramaturgischen Mittel
Schwerpunkte der Bearbeitungen
Szenen-Unterteilung
Funktion der Szenen
Handlungsort
Figuren und ihre Entsprechungen
Sprache/Grammatik
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Hausarbeit verfolgt das Ziel, eine detaillierte Vergleichsanalyse zwischen der antiken Tragödie „Medea“ von Euripides und Dea Lohers zeitgenössischem Drama „Manhattan Medea“ durchzuführen, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der dramaturgischen Gestaltung und Mythenrezeption aufzuzeigen.
- Historische Einordnung beider Autoren und ihrer Werke
- Gegenüberstellung der dramaturgischen Mittel und Strukturkonzepte
- Analyse der Figurenkonstellation und Motivationspsychologie
- Vergleich der sprachlichen Gestaltung und der intertextuellen Bezüge
- Untersuchung der räumlichen und situativen Umsetzung des Medea-Mythos
Auszug aus dem Buch
3. VERGLEICH DER DRAMATURGISCHEN MITTEL
Die „Medea“ des Euripides ist die erste überlieferte Bearbeitung des Stoffes, die allerdings nicht den Weg der Flucht (oder der Argonautensage) nachzeichnet, sondern beginnt, als Jason sich mit Glauke verheiraten will und Medea deswegen bereits verlassen hat. Im Gegensatz zu dem seinerzeit herrschenden Frauenbild, das besagte, dass Frauen dem Mann „gehören“ und ihnen untertan sein müssen, hat Euripides seine Figur Medea zur Hauptfigur eines eigentlich männlich dominierten Abenteuermythos gemacht und erzählt das Ende dieser Beziehung aus Sicht der Frau. Er legt den Schwerpunkt seiner Tragödie auf die inneren Beweggründe einer betrogenen Frau, die ehemals alle Heldentaten, für die ihr Mann gerühmt wurde, beging, und nun von ihm verlassen und erneut zur flüchtigen Ausgestossenen gemacht wird – zu einem Flüchtling ohne Ziel, da sie nirgendwo hin kann, wo sie nicht um Jasons Willen Verrat oder Unheil begangen hätte (Euripides: 501-515).
Dea Lohers Medeabearbeitung legt den Schwerpunkt nicht auf eine neue inhaltliche Sicht, sondern auf einen strukturellen Diskurs: durch Lohers Bezüge zur Malerei und die daraus resultierende Kraft zur Verwandlung im doppelten künstlerischen Sinne (sowohl inhaltlich durch z. B. die Figuren Velazquez und Deaf Daisy, die sich explizit über ihre jeweiligen Verwandlungen definieren, die Verwandlung der Gemälde, die Verwandlung des ermordeten Bruders in den Sohn - also der Verwendung einer im Mythos oder der Bearbeitung von Euripides nicht vorhandenen Thematik -, als auch formal durch die Bildhaftigkeit der Szenen und den fast vollständige Verzicht auf Handlung - was als Theaterstück die Grundlage für eine Inszenierung legt, den Text als Schnittstelle eines interdisziplinären Diskurses der bildenden Kunst zu benutzen, zwischen Gemälde, Text und Aufführung) wird das Stück als Metamorphose im „ovidschen Verständnis“ interpretierbar und eröffnet damit eine mythenkritische Perspektive, die den Mythos „...in seiner festschreibenden und enthistorisierenden Wirkung zersetzt.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Medea-Mythos (die Argonauten/das goldene Vliess): Dieses Kapitel bietet einen Überblick über die mythologischen Grundlagen des Medea-Stoffes und seine antike Überlieferung durch Euripides.
2. Die Autoren und ihre historisch-künstlerische Einordnung: Hier werden die biografischen Hintergründe von Euripides und Dea Loher beleuchtet sowie ihre jeweilige künstlerische Positionierung im Kontext ihrer Zeit dargelegt.
3. Vergleich der dramaturgischen Mittel: Dieser Hauptteil analysiert detailliert die Unterschiede in Struktur, Szenenführung, Charakterzeichnung und Sprache zwischen dem antiken Vorbild und der modernen Adaption.
Schlüsselwörter
Medea, Euripides, Dea Loher, Manhattan Medea, Dramaturgie, Mythos, Argonauten, Intrige, Tragödie, Vergleichsanalyse, Theaterwissenschaft, Figurenkonstellation, Mythenrezeption, Stoffgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit einem strukturierten Vergleich zwischen dem antiken Drama „Medea“ von Euripides und der modernen Bearbeitung „Manhattan Medea“ von Dea Loher.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen die historische Einordnung der Autoren, die dramaturgische Struktur, die Motivation der Hauptfigur Medea sowie die sprachliche und inhaltliche Umsetzung des Stoffes in verschiedenen Epochen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, aufzuzeigen, wie unterschiedliche dramaturgische Mittel eingesetzt werden, um den klassischen Medea-Mythos in einen antiken beziehungsweise zeitgenössischen Kontext zu übersetzen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine vergleichende Literatur- und Dramenanalyse angewandt, die sowohl die Textbasis als auch theaterwissenschaftliche Konzepte miteinbezieht.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Vordergrund?
Der Hauptteil konzentriert sich auf den Vergleich der dramaturgischen Gestaltung, insbesondere auf Szenenaufbau, Handlungsort, Charakteranalyse und die Verwendung von Sprache und Metaphorik.
Durch welche Schlagworte lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Medea-Mythos, Dramaturgie, Stoffgeschichte, moderne Adaption und Figurenpsychologie beschreiben.
Wie unterscheidet sich die Motivationslage von Medea bei Euripides und Loher?
Bei Euripides agiert Medea stärker aus einer gesellschaftlich unterdrückten Position heraus und als Racheengel gegen ihren Verräter, während bei Loher der individuelle Schmerz und die Aufarbeitung des vergangenen Brudermordes stärker im Zentrum stehen.
Welche Bedeutung kommt der Figur „Deaf Daisy“ in Lohers Stück zu?
Deaf Daisy fungiert als wissende Helferin der Intrige und stellt eine moderne Entsprechung dar, die den interdisziplinären Ansatz des Stückes durch ihre Verwandlungsfähigkeit und die Einbindung von Musik verstärkt.
Warum wird Lohers Stück eher als „Drama“ und nicht als „Tragödie“ klassifiziert?
Aufgrund der freien Szenenaufteilung, des Fehlens göttlicher Intervention und der bewussten Abkehr von der aristotelischen Katharsis-Funktion bezeichnet die Autorin ihr Werk nicht als klassische Tragödie.
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- Carola Boßler (Autor), 2010, Vergleichsanalyse zwischen Euripides` „Medea“ und Dea Lohers „Manhattan Medea“, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158180