"Die Wehmut, die mich beißt..."

Melancholie, Leid und Zweifel im Barock am Beispiel des Dichters Andreas Gryphius


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Die Zeitlosigkeit von Melancholie, Leid und Zweifel

3. Leid und Zweifel in Gryphius’ Leben und Gedichten

4. Ausblick: Gryphius – ein Melancholiker?

5. Quellenangabe

1. Einleitung:

„Jedoch was klag ich dir? Dir ist mein Leid erkannt./ Was will ich dir entdecken,/ Was du viel besser weißt:/ Die Schmerzen, die mich schrecken,/ Die Wehmut, die mich beißt,/ Und daß ich meinem Ziel mit Winseln zugerannt?“[1]

Das Werk des bekannten barocken Dichters und Dramatikers Andreas Gryphius ist von Schwermut - oder auch ‚Wehmut‘ - gezeichnet. Man könnte meinen, dies sei für einen Dichter des Barock nichts Außergewöhnliches, da das alles bestimmende Motiv der Epoche und seiner Dichter die Vergänglichkeit und damit das menschliche Elend ist, welches nur durch den Glauben an Gott und ein besseres Leben nach dem Tod ertragen werden kann. Immer wird bei der Interpretation von barocken Werken die Frage offen bleiben, ob und inwiefern der Dichter selbst spricht. Der Barock war eine Epoche, in der Allgemeingültigkeit, Objektivität und die Ästhetik des Geschriebenen einen sehr viel höheren Stellenwert besaßen, als unmittelbarer Gefühlsausdruck und subjektives Empfinden, wie zum Beispiel in der Romantik. Barocke Gedichte sollten eine allgemeine Aussage und Richtschnur für die Menschen darstellen, es gab zudem sehr strenge formelle und ästhetische Regeln. Selten wurden in lyrischen Werken subjektive Empfindungen ausgedrückt, durch die der Rezipient eines Gedichts den Menschen hinter dem Dichter hätte kennenlernen können. Das beste Beispiel für diese unpersönliche, strengen Regeln gehorchende Lyrik ist vermutlich Martin Opitz, der auch der Verfasser des Buches „Von der Deutschen Poeterey“, einem Regelwerk bezüglich der Poetik in der deutschen Sprache, ist. Daher ist es problematisch, durch Aussagen in barocken Gedichten auf den Autor und sein Leben, seinen Gemütszustand, rückzuschließen. Die Melancholie – welche im 20. Jahrhundert durch den Begriff der ‘Depression‘ ersetzt wurde - war im Barock, einer stark religiös geprägten Epoche, noch „vom Ödium der Sünde und der Krankheit“[2] belastet. Man hatte Trost in der Aussicht auf ein besseres Jenseits zu finden. Wer dies nicht tat, wer dennoch zweifelte, dessen Glaube und Hingabe an Gott waren nicht stark genug, was in der Konsequenz sicherlich zu einem umso stärkeren Zweifeln – diesmal an sich selbst – führte. Zusätzlich herrschte im Barock noch das philosophische Ideal des Stoizismus, welches zum Beispiel der Dichter Paul Fleming in seinem Gedicht „An sich“ thematisiert: „Wer sein selbst Meister ist / und sich beherrschen kann / dem ist die weite Welt und alles unterthan.“ Aus den eben aufgeführten Gründen war es sicherlich gesellschaftlich eher problematisch, eine depressive Verstimmung zu thematisieren, da außerdem auch die medizinisch-psychologische Voraussetzung hierfür noch nicht gegeben war, eine Depression war nicht als solche anerkannt, viel zu sehr war die Epoche des Barock noch vom Glauben geprägt. Es stellt sich außerdem die Frage, inwiefern ein Dichter des Barock die in seinem Gedicht angesprochene Schwermut wirklich gefühlt hat, und inwiefern er lediglich allgemeingültige Motive und Themen seiner Zeit aufgriff. Trotzdem soll in dieser Arbeit der Versuch gemacht werden, dem Leser den Menschen Andreas Gryphius, von Friedrich Gundolf als „die stärkste deutsche rhetorisch-poetische Begabung des 17.Jahrhunderts“[3] bezeichnet, anhand einiger ausgewählter Gedichte etwas näher zu bringen und ihn von einer anderen, persönlicheren Seite zu zeigen. Am bekanntesten ist dem Laien vermutlich das 1663 entstandene „Es ist alles eitel“, welches mit seiner deutlichen und unmissverständlichen Thematisierung des Vanitas-Motivs im Schulbetrieb immer wieder als Idealbeispiel für Barocklyrik herhält. Befasst man sich näher mit Gryphius, wird deutlich, dass das Werk des Dichters tatsächlich vom Gefühl der Melancholie durchzogen ist: „Gryphius hat am Leben tief gelitten“[4], sein Werk ist „grundiert mit Gram, und zwar mit einem unbedingten Gram, der nicht nur aus bitteren Erfahrungen kommt, sondern jenseits der bloßen Einzelerlebnisse liegt, in einer Anlage die aus allen Erlebnissen schon Weh und Vergängnis zieht.“[5] Stellt Gundolfs Formulierung nicht beispielhaft die Definition der Melancholie, der Depression dar? Die Tatsache, dass eine stille Trauer und ein stiller Schmerz in allem liegen, ohne dass es dafür zwangsweise leidvolle Erfahrungen und Erlebnisse im Leben eines Menschen geben muss? Ist nicht eben dies auch die moderne Beschreibung von psychischen Verstimmungen? Litt Gryphius also an Depressionen? Im folgenden Kapitel soll unter anderem ein wenig näher auf die Definition der ‘Melancholie‘ und der ‚Depression‘ – welche letzten Endes ein und dasselbe darstellen - eingegangen werden, um schließlich anhand von Gryphius’ Lebensdaten dessen Hang zur ‘Wehmut‘, wie sie in seinen Gedichten oft thematisiert wird, darzulegen.

2. Die Zeitlosigkeit von Melancholie, Leid und Zweifel

Im Folgenden soll verdeutlicht werden, dass sowohl die Melancholie, als auch Leid und Zweifel des Menschen zeitlose Motive sind, welche den Menschen seit Jahrhunderten beschäftigen, und immer beschäftigen werden. Dabei soll vor allem auf den Barock im Gegensatz zum 20. und 21.Jahrhundert eingegangen werden: Dem Menschen des 21. Jahrhunderts ist die Melancholie, im Sinne der ‚Depression‘, nur allzu gut bekannt. Die Psychologie hat diese längst als eine psychische Störung anerkannt, die am einfachsten mit dem Fehlen von Glückshormonen umschrieben werden kann. Nicht immer lässt sich ein direkter, kausaler Zusammenhang zwischen einer Depression und traumatischen Erfahrungen von Leid herstellen. Depressionen können auch dann auftreten, wenn hierfür kein äußerlicher „Anlass“ gegeben ist. Immer wieder wird auch der Zusammenhang zwischen Depressionen und dem Leben in der westlichen, modernen, industrialisierten Welt hergestellt. Es sollte eigentlich angenommen werden, dass bei einem Menschen, welcher weder durch akute Armut, Hunger oder Krankheiten bedroht ist, Depressionen nicht auftreten. Jedoch ist dies nicht der Fall. Gerade in den stark industrialisierten Gebieten dieser Erde treten Depressionen vermehrt auf. Eine Ursache hierfür könnte die immer weiter fortschreitende Technisierung und Anonymisierung des täglichen Lebens und die daraus resultierende Vereinsamung des Menschen sein. Diesen Umstand zu untersuchen, soll hier allerdings nicht das Thema sein. Es soll nur gesagt werden, dass die menschliche Neigung zu Melancholie und Depressionen keineswegs kausal mit der Erfahrung von Leid zusammenhängt. Jedoch spielen Schicksalsschläge und eventuell daraus resultierende Traumata sehr wohl eine Rolle, und können durchaus zu Depressionen und einer melancholischen, schwermütigen Sicht der Welt führen. Die Melancholie ist ein subjektives Empfinden, dem Betroffenen erscheint die Welt und alles um ihn herum sinnlos und leer. Immer wieder wird von Erkrankten geschildert, sie fühlten sich wie hinter einer dicken Wand aus Glas, hinter der sich das Leben abspiele. Sie könnten zwar sehen, wie das Leben stattfinde, jedoch fühlten sie sich wie ein hilfloser Beobachter, der das Ganze nur von außen betrachten könne, so sehr er auch teilhaben wolle. Die Depression, die mit der Melancholie gleichgestellt werden kann, ist ein Gefühl des inneren Abgestorben-Seins. Dennoch wird in vielen Fällen unterschieden zwischen der ‘positiven’ Melancholie, wie sie oft in der Romantik vorkommt, und der ‚negative‘ Melancholie, welche mit der Depression gleichgesetzt werden kann. Unter ‚positive Melancholie‘ soll an dieser Stelle ein Gefühl der unbestimmten Sehnsucht verstanden werden, wie zum Beispiel das Heimweh, das Fernweh oder die Sehnsucht nach einer geliebten Person. Die positiv verstandene Melancholie führt oft zu einem tieferen Empfinden und Verstehen des Lebens, es ist das „Traurig-Sein“ oder das „Sich-Sehnen“ nicht immer eine rein negative Erfahrung. Dies wird zum Beispiel in Aldous Huxleys Dystopie „Brave New World“[6] deutlich, in der der gesellschaftliche Außenseiter „John der Wilde“ das „Recht auf das Unglücklich-sein“ einfordert, der Mensch habe nicht immer glücklich zu sein. Diese Forderung der fiktiven Figur „John“ enthält sicherlich einen hohen Wahrheitsgehalt, da nur derjenige tiefes Glück und tiefe Freude empfinden kann, welcher auch einmal dem Leid in die Augen gesehen hat. Nur derjenige, der Schmerz gefühlt hat, kann verstehen, was es bedeutet, wirklich glücklich zu sein. Ausgenommen sind dabei sicherlich Kinder, welche bis zu einem gewissen Alter noch nicht reflektieren und dadurch ungefilterte Freude empfinden können, auch ohne dass sie das Leid je erlebt haben.

Auch wird dieses Gefühl der ‘positiven Melancholie‘ oft in Gedichten der Romantik thematisiert, so zum Beispiel in Eichendorffs „Mondnacht“. Das Gefühl, welches Eichendorff mit den Zeilen beschreibt „Es war, als hätt der Himmel die Erde still geküsst“[7] lässt sich als melancholisch bezeichnen. Es drückt eine unbestimmte Sehnsucht nach etwas aus, das der Dichter selbst nicht genauer zu benennen weiß. Das Gedicht vermittelt jedoch keineswegs eine negative Stimmung, sondern eher einen sehr atmosphärischen Moment, ein tiefes Empfinden der Seele. Wenn in Bezug auf Gryphius nun jedoch auf die Melancholie eingegangen wird, soll immer von der ‘negativen‘ Seite dieser Melancholie ausgegangen werden, von eben jener Seite, welche mit „Depression“ gleichzusetzen ist.

Allein schon angesichts der zentralen Themen des Barock, wie das Motiv der Vanitas, das Elend des Krieges und die Bedrohung durch Seuchen wie die Pest, ist es nicht schwer zu verstehen, warum ein Mensch im Zeitalter des Barock zu Schwermut neigen mag. Die zentralen Themen der Epoche hängen kausal zusammen: Angesichts des Elends des Krieges fragt sich der barocke Mensch, warum er lebt, und was der Sinn dieser Existenz ist. Er sieht ständig Elend, Tod, Krankheit und Armut. „In seiner Heimat wütet der Krieg, die Pest, der Tod. Der Dichter ist sozusagen der Augenzeuge der Vanitas. Tag um Tag sieht er den Zerfall, den Untergang des Irdischen.“[8] Kurzum: Der barocke Mensch lebt ständig mit der Vergänglichkeit allzu deutlich vor Augen. Die einzige tröstliche Lösung, die sich ihm bietet, ist Gott, der ewige Sinn. Der barocke Mensch glaubt noch an eine Seele und an ein Leben nach dem Tod.

[...]


[1] Gryphius, Andreas: Am Ende.

[2] Obermüller, Klara: Melancholie in der deutschen Barocklyrik. S. 54.

[3] Gundolf, Friedrich: Andreas Gryphius. S. 5.

[4] Ebd. S. 8.

[5] Ebd. S. 9.

[6] Huxley, Aldous: Brave New World.

[7] Joseph von Eichendorff. Gedichte. Hrsg. Neumann, Peter Horst; Lorenczuk, Andreas.

[8] Szyrocki, Marian: Der junge Gryphius. S. 96.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
"Die Wehmut, die mich beißt..."
Untertitel
Melancholie, Leid und Zweifel im Barock am Beispiel des Dichters Andreas Gryphius
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Barocklyrik
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V158320
ISBN (eBook)
9783640718320
ISBN (Buch)
9783640718689
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Andreas Gryphius, Gryphius, Barock, Leid, Zweifel, Melancholie, Dichter, Carpe Diem, Memento Mori, Tod
Arbeit zitieren
Viktoria Groepper (Autor), 2010, "Die Wehmut, die mich beißt...", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158320

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