Die Arbeit untersucht, wie die Wahrnehmung der modernen Großstadt im Roman "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" von Rainer Maria Rilke literarisch umgesetzt wird. Dabei steht weniger die Großstadt als bloßer Schauplatz im Zentrum als vielmehr ihre Wirkung auf Wahrnehmung, Subjektivität und poetisches Verfahren. Der Roman, vielfach als erster genuin moderner deutscher Roman bezeichnet, bildet ein literarisches Experimentierfeld für neue Formen des Sehens und Erzählens. Ausgehend von einer schockartig erfahrenen urbanen Realität setzt bei Malte ein Prozess des „Sehenlernens“ ein, der in eine poetologische Neuausrichtung mündet. Dieser Wandel wird in der Arbeit anhand zentraler Textpassagen nachgezeichnet – unter Berücksichtigung von Rilkes Cézanne-Rezeption –, wobei besonderes Augenmerk auf die Darstellung des neuen Sehens gelegt wird. Die Analyse verortet den Malte-Roman im literarischen Kontext der Moderne und beleuchtet die ästhetische Verarbeitung großstädtischer Erfahrung in ihrer exemplarischen Radikalität.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Großstadtwahrnehmung im Malte-Roman
2.1 Die moderne Großstadt in der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts
2.2 Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
2.2.1 Schockästhetik
2.2.2 Sehenlernen
2.2.3 Darstellung des neuen Sehens
3 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht, inwiefern die Wahrnehmung der modernen Großstadt das poetologische Verfahren und die Identitätskonstruktion in Rainer Maria Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ maßgeblich prägt und neu definiert.
- Die Großstadt als konstitutives Element der modernen Literatur um 1900.
- Die Bedeutung der Schockästhetik für die Wahrnehmung des Protagonisten Malte.
- Die Identitätskrise und der notwendige Prozess des „Sehenlernens“.
- Die Transformation von visuellen Eindrücken in eine neue, subjektive Literatursprache.
- Der Einfluss von Cézannes Malerei auf Rilkes ästhetisches Konzept des „neuen Sehens“.
Auszug aus dem Buch
Schockästhetik
Schon in der 1. Aufzeichnung wird entfaltet, was den gesamten Roman motivisch durchgehend prägt:
„So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest. Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu überzeugen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da. Dahinter? Ich suchte auf meinem Plan: Maison d’Accouchement. Gut. Man wird sie entbinden – man kann das. Weiter, rue Saint-Jacques, ein großes Gebäude mit einer Kuppel. Der Plan gab an Val-de-grâce, Hôpital militaire. Das brauchte ich eigentlich nicht zu wissen, aber es schadet nicht. Die Gasse begann von allen Seiten zu riechen. Es roch, soviel sich unterscheiden ließ, nach Jodoform, nach dem Fett von pommes frites, nach Angst. Alle Städte riechen im Sommer. Dann habe ich ein eigentümlich starblindes Haus gesehen, es war im Plan nicht zu finden, aber über der Tür stand noch ziemlich leserlich: Asyle de nuit. Neben dem Eingang waren die Preise. Ich habe sie gesehen. Es war nicht teuer. Und sonst? ein Kind in einem stehenden Kinderwagen: es war dick, grünlich und hatte einen deutlichen Ausschlag auf der Stirn. Er heilte offenbar ab und tat nicht weh. Das Kind schlief, der Mund war offen, atmete Jodoform, pommes frites, Angst. Das war nun mal so. Die Hauptsache war, daß man lebte. Das war die Hauptsache.“ (S. 7)
Die Eingangsaufzeichnung kann als paradigmatisch für die Stadtwahrnehmung Maltes angesehen werden. Er kommt vom ländlichen Dänemark in eine große Stadt in einem fremden und fremdsprachlichen Land und steht der „dunklen Größe Paris“ gegenüber. Die fremde Stadt markiert für ihn eine topografische und linguistische Grenze.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung verortet Rilkes Roman als ersten genuin modernen Text in deutscher Sprache, der die durch die Großstadt veränderten Wahrnehmungsweisen direkt in sein poetologisches Verfahren integriert.
2 Großstadtwahrnehmung im Malte-Roman: Das Hauptkapitel analysiert die Entwicklung der modernen Großstadtdarstellung sowie die spezifische Rolle der Schockästhetik, des Sehenlernens und des neuen Sehens für die Identitätsfindung des Protagonisten.
2.1 Die moderne Großstadt in der Literatur des frühen 20. Jahrhunderts: Dieses Unterkapitel kontextualisiert Rilkes Roman durch einen Vergleich mit literarischen Traditionen des 19. Jahrhunderts und dem Aufkommen der modernen, impressionistischen sowie expressionistischen Wahrnehmungsästhetik.
2.2 Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge: Hier wird der Fokus auf das zentrale poetologische Programm des Romans gelegt, welches die städtische Realität als Ausgangspunkt für eine existenzielle Schreibarbeit nutzt.
2.2.1 Schockästhetik: Dieser Abschnitt untersucht, wie Malte durch die überwältigenden Pariser Großstadteindrücke in eine Identitätskrise gerät, die den Nährboden für seine Wahrnehmungen bildet.
2.2.2 Sehenlernen: Hier wird analysiert, wie Malte durch die Abkehr von habituellem, wiedererkennendem Sehen beginnt, die Welt „ex negativo“ zu erschließen, um so seine Schreibkrise zu überwinden.
2.2.3 Darstellung des neuen Sehens: In diesem letzten Teil wird aufgezeigt, wie Malte durch eine antimimetische und an die Malerei von Cézanne angelehnte Ästhetik seine inneren Eindrücke in Sprache übersetzt.
3 Schlussbetrachtung: Dieses Kapitel resümiert, dass die Großstadtwahrnehmung die existenzielle Basis für den gesamten Schreibprozess Maltes darstellt und den Roman maßgeblich in seiner modernen Poetologie bestimmt.
Schlüsselwörter
Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Großstadtwahrnehmung, Schockästhetik, Sehenlernen, Moderne, Identitätskrise, Paul Cézanne, Poetologie, Paris, Wahrnehmung ex negativo, Schreibprozess, Subjektivität, Romananalyse, Großstadtliteratur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie das Erlebnis der modernen Großstadt die Wahrnehmungsweise und das Erzählen in Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ grundlegend verändert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die zentralen Themen sind Großstadtwahrnehmung, die Überwindung traditioneller Erzählweisen durch eine Schockästhetik, der Prozess des „Sehenlernens“ sowie die Ausbildung einer modernen Subjektivität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Umsetzung der Großstadtwahrnehmung im Text erfolgt und welche zentrale Funktion sie für die Konstruktion der Identität des Protagonisten Malte hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Autorin verwendet eine exemplarische Textanalyse, bei der zentrale Textpassagen des Romans auf ihre strukturelle und ästhetische Beschaffenheit hin unter Einbeziehung literaturwissenschaftlicher Fachliteratur interpretiert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine literaturgeschichtliche Kontextualisierung der Großstadt sowie eine dreistufige Analyse des Romantextes anhand der Begriffe Schockästhetik, Sehenlernen und der Darstellung des neu Gesehenen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit besonders gut?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Großstadtwahrnehmung, Schockästhetik, Sehenlernen, Identitätskrise, moderne Subjektivität und die Cézanne-Rezeption.
Was bedeutet der Begriff „Sehenlernen“ in diesem Zusammenhang?
Es bezeichnet Maltes Notwendigkeit, eine neue Wahrnehmungsweise jenseits habitueller Kategorien zu erlernen, um die überwältigende, unkonventionelle Großstadtwirklichkeit und das eigene innere Erleben überhaupt sprachlich fassbar zu machen.
Welchen Einfluss hatte Paul Cézanne auf Rilkes Roman?
Rilkes Auseinandersetzung mit der Malerei Cézannes beeinflusste seine Vorstellung von einem „neuen Sehen“, das eine von konventionellen Normen befreite Darstellung der Realität ermöglicht und für Maltes Versprachlichungsarbeit prägend ist.
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- Benjamin Weraneck (Author), 2013, Großstadtwahrnehmung in Rainer Maria Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1583338