Das Konzil von Nicaea unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses zwischen Constantin dem Großen und der Kirche


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
31 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Konzil von Nicaea
2.1 Einberufung der Bischöfe
2.2 Eröffnung des Konzils
2.3 Der Arianische Streit

3. Der Verlauf des Konzils von Nicaea
3.1 Die Rehabilitierung von Eusebios von Caesarea
3.2 Die Nicaeanische Formel
3.3 Das melitianische Schisma
3.4 Der Ostertermin
3.5 Die Nicaeanischen Canones

4. Schlussbetrachtung

Bibliographie

1. Einleitung

325 n. Chr. rief Kaiser Constantin sämtliche Bischöfe des Römischen Reiches dazu auf, an einem allgemeinen Konzil in Nicaea teilzunehmen. Der kirchliche Zusammenhalt[1] war von theologischen Streitigkeiten und Splittergruppen bedroht, und lokale Synoden konnten den Problemen nicht mehr gerecht werden, die eine Diskussion des gesamten Episkopats erforderten. Constantin als erster christlicher Kaiser nahm hierbei eine besondere Stellung ein. Er diente als Vermittler zwischen den streitenden Parteien und als Gastgeber und Organisator für das erste ökumenische Konzil in der Kirchengeschichte. Für meine Arbeit stelle ich das Konzil von Nicaea in den Mittelpunkt, da es einen interessanten Hintergrund bietet, vor dem ich das Verhältnis zwischen Constantin und der christlichen Kirche beleuchten möchte. Dies kann natürlich nur ein kleiner und aufgrund der schlechten Quellenlage auch nur ein lückenhafter Ausschnitt eines dynamischen Prozesses sein, der wegen seiner Bedeutung für die Geschichte trotzdem große Beachtung verdient.

Der Aufbau meiner Arbeit ist konvergent mit dem chronologischen Ablauf des Konzils. Vereinzelt werde ich zur Veranschaulichung Exkurse in die Zeit vor dem Konzil bzw. nach dem Konzil machen, da das Treffen der Bischöfe nicht zuletzt eine Konsequenz vorheriger religionspolitischer Ereignisse war, die zuweilen einer näheren Betrachtung bedürfen.

Da keine Protokolle über das nicaeanische Konzil vorhanden sind, beschränkt sich meine Quellenauswahl auf Briefe von Constantin und verschiedener Bischöfe und die Darstellungen des Eusebios von Caesarea, die leider nicht sehr detailliert und durch ihre panegyrische Form mitunter zweifelhaft sind. Weitere Darstellungen des Konzils finden wir bei Socrates und Sozomenus, die sich gleichwohl auf Eusebios von Caesarea beziehen, doch die ich trotzdem in meine Betrachtungen mit einbeziehen möchte, da sie teilweise einen erweiterten Blick auf das Geschehen bieten.

2. Das Konzil von Nicaea

2.1 Einberufung der Bischöfe

Ursprünglich war Ancyra in Galatien als Ort der Zusammenkunft vorgesehen. Constantin entschied sich jedoch dafür, das Konzil in Nicaea in Bithynien abzuhalten. Seine Begründung für den Ortswechsel war das bessere Klimaverhältnis in Nicaea und die günstigere Entfernung für die Teilnehmer aus dem Westen des Reiches. Zudem lag es ihm am Herzen, das Konzil selbst zu beaufsichtigen und auch aktiv an den Entscheidungen teilzunehmen,[2] denn die kaiserliche Residenz von Nikomedien lag nicht weit entfernt von dem Bischofssitz in Nicaea.[3]

Ein weiteres indirektes Motiv für die Ortswahl schlägt Lorenzo Perrone vor. Demzufolge war Ancyra der Bischofssitz des Markell, der als ein erbitterter Gegner des Arianismus auftrat.[4] Da die Auswertung der arianischen Thesen jedoch einen Hauptgegenstand des Konzils darstellte, mag es sein, dass Constantin eine Verhärtung der ohnehin feindlichen Positionen befürchtete. Nicaea war mehr oder weniger neutraler Boden für die bevorstehende Auseinandersetzung.[5]

Die Entscheidung für Nicaea als neutraleren Ort ist bereits ein Zeichen für Constantins Vermittlerposition in der Kirche. Sein Versuch, beide Seiten zu entschärfen und gegenseitig zugänglich zu machen, war nicht nur punktuell, sondern zeigte sich während der ganzen Dauer des Arianischen Streits. Ich werde später noch ausführlicher darauf eingehen.

Die Zahl der Bischöfe, die an dem Konzil teilnahmen, ist umstritten. Während Eusebios von Caesarea von ca. 250 anwesenden Bischöfen spricht[6] sind es bei Socrates bereits mehr als 300[7] und bei Sozomen 320 Bischöfe[8]. Mit Sicherheit lässt sich die Teilnehmerzahl also nicht festlegen. Ab Mitte des 4. Jahrhunderts spricht man auch von dem „Konzil der 318 Väter"[9]. Diese symbolische Zahl führte man auf die 318 Knechte Abrahams aus Gen 14,4 zurück.[10]

Eusebios zufolge fanden sich Bischöfe, Presbyter und Diakone aus allen Teilen des Reiches ein.[11] Constantin selbst hatte ausreichend Transportmöglichkeiten zur Verfügung gestellt, um so viele Bischöfe wie möglich in Nicaea zu versammeln.[12] Trotzdem kam der Großteil der Teilnehmer aus dem Osten des Reiches. Der Westen war nur geringfügig vertreten. Neben Ossius von Corduba, kirchenpolitischer Ratgeber Constantins, und zwei Legaten Roms können keine nennenswerten Teilnehmer aus dem Westen aufgezählt werden.[13]

Die Gründe für die Absenz der westlichen Theologen können nur vermutet werden. Zum einen ist die Entfernung nicht zu unterschätzen und eine Reise nach Nicaea mit Sicherheit schwierig und trotz staatlicher Unterstützung teuer.[14] Zum anderen ist der Arianische Streit, der eigentliche Anlass des Konzils, Ergebnis griechisch-philosophischen Gedankenguts und mag deshalb schwer nachvollziehbar oder zumindest uninteressant für westliche Theologen sein.[15] Das Konzil bearbeitete zwar noch Schwerpunkte, welche die gesamte Kirche betrafen, doch vielleicht sah sich Rom, einziges Patriarchat des Westens[16], durch seine zwei Legaten ausreichend vertreten.

Die Abwesenheit des Bischofs von Rom bei außerrömischen Synoden, wo er nicht ohne weiteres die Leitung inne hätte, sollte während des ersten Jahrtausends zur Regel werden.[17] Dieses demonstrative Fernbleiben, selbst wenn der Kaiser eine Synode einberief, impliziert eine scharfe Kritik. Einerseits vielleicht Kritik an der Veränderung der Kirche in eine zunehmend politische Institution. Andererseits mochte es eine Kritik an der Nicht-Respektierung des
römischen Patriarchats als Oberleitung der Kirche sein, sofern sich die Kirche in Rom als solche verstanden hat.

2.2 Eröffnung des Konzils

Am 20. Mai 325 versammelten sich die Bischöfe zur Eröffnungssitzung im Hauptsaal des kaiserlichen Palastes. Es ist anzunehmen, dass die übrigen Versammlungen nicht im Palast abgehalten wurden. Die Quellen sind nicht sehr informativ diesbezüglich, nur bei Eusebios finden wir eine Andeutung:

„And a single house of prayer, as though divinely enlarged, sufficed to contain at once Syrians and Cilicians, Phoenicians and Arabians, delegates from Palestine, and others from Egypt; [...]" (Euseb. VC. III.7)

Ein "einziges Gebetshaus" soll mit Sicherheit die Enormität dieses Treffens verstärken, doch selbst wenn es mehrere Häuser waren oder eine große Kirche, zeigt es, dass nicht der Palast für die tägliche Konzilsarbeit zur Verfügung stand. Dies mag vielleicht nur nebensächlich erscheinen, aber die Literatur hinterlässt häufig den Eindruck, dass der kaiserliche Palast als Ort für das gesamte Konzil diente. Das wiederum würde das Bild des Kaisers als mächtigen Gastgeber verstärken. Nehmen wir an, dass die Konzilsarbeit außerhalb des Palastes stattgefunden hat, dann sehen wir Constantin als Mitbruder auf der Suche nach Wahrheit und Frieden. Die Präsenz eines Aussenstehenden, wie es Constantin ja immernoch war, muss für die Bischöfe sehr befremdend gewesen sein. Um so befremdlicher wäre vielleicht auch die höfische Umgebung während der Konzilsarbeit. Worauf ich hier aufmerksam machen will, ist die bewusst ambivalente Haltung des Kaisers. Zum einen demonstriert er seine kaiserliche Autorität und zum anderen zeigt er seinen Respekt vor dem Klerus und betont immer wieder seine Gleichrangigkeit mit den katholischen Brüdern.

In schillernden Bildern berichtet Eusebios von der Eröffnungsveranstaltung des Konzils. Ihrem Rang entsprechend waren die eingeladenen Gäste auf die Sitze entlang der Seitenwände verteilt. Constantin, prächtig gekleidet in ein purpurnes Gewand und mit Gold und Edelsteinen geschmückt, betrat den Saal zusammen mit seiner Familie und Glaubensbrüdern, jedoch ohne Wachen. Sein Äußeres wurde, Eusebios zufolge, nur von seinen inneren Werten, wie Gottesfurcht und Frömmigkeit übertroffen, die sich in seinem Gesicht widerspiegelten. Als Zeichen des Respekts setzte er sich erst, nachdem ihn die Bischöfe dazu aufgefordert hatten.[18]

Erneut begegnen wir der nach außen getragenen Ideologie des Kaisers. Seine pompöse Selbstdarstellung steht eigentlich im Kontrast zu seiner demonstrierten Friedfertigkeit und Demut, deren Echtheit hier nicht bezweifelt werden soll. Dennoch ergänzen sich beide Aspekte seiner Selbstdarstellung und vermitteln ein Bild des Kaisers, dass Respekt vor dem Herrscher und Anerkennung des frommen Bruders zugleich erzeugen soll. Constantin ließ keinen Zweifel daran, dass er das Zepter in der Hand hielt, doch gleichzeitig eine Politik des Friedens in der Kirche verfolgte, d.h. er regelte die Belange der Kirche lieber als Mitbruder und Gleichgesinnter, als seine weltlichen Mittel für die Durchsetzung seiner Pläne zu verwenden. Sein Plan war es, die Kirche zu einer repräsentativen Institution des Staates zu erheben. Streit in der Kirche stand diesem Plan entgegen und gefährdeten sein image als Kaiser und pontifex maximus.

[...]


[1] Ich meide bewusst den Begriff Einheit, der dazu verführt, die römische Kirche damaliger Zeit als homogene Institution zu sehen. Auseinander­setzungen innerhalb der Kirchenprovinzen und zwischen ihnen gab es von Anfang an. Allerdings bildete sich seit dem 2. Jahrhundert ein provinzüber­greifendes Glaubensbekenntnis bzw. eine Glaubensnorm (die regula fidei) heraus, welche die einzelnen Kirchen langsam vernetzte und unan­greifbarer gegenüber Splittergruppen machte. Siehe dazu: Kurt Aland: Geschichte der Christenheit. Gütersloh: Gerd Mohn, 1980. S. 119.

[2] Text von E. Schwartz in Opitz, Urkunde 20, S. 41-2. In: J. Stevenson: A New Eusebius: Documents illustrating the history of the church to AD 337. Cambridge: CUP, 1957. S. 338.

[3] Lorenzo Perrone: Von Nicaea (325) nach Chalcedon (451). In: Giuseppe Alberigo (Hrsg.): Geschichte der Konzilien. Wiesbaden: Fourier Verlag, 1998. S. 33.

[4] Perrone vermutet, dass Ankyra genau aus diesem Grund zuerst als Tagungsort gewählt wurde und Constantin sich erst später für eine „gemäßigtere Politik" entschied. Siehe dazu: Perrone, S. 33. Siehe auch: Heinrich Kraft (Hg.): Eusebius von Caesarea: Kirchengeschichte. München: Kösel-Verlag, 1981. S. 59.

[5] Ibid..

[6] Euseb. Vita Constantini (VC), III. 8.

[7] Socrates, Historiae Ecclesiasticae (HE), I. 8.

[8] Sozomen, Historiae Ecclesiasticae (HE), I. 17.

[9] Perrone, S. 35.

[10] Ibid..

[11] Euseb. VC. III. 7 u. 8.

[12] Euseb. VC. III. 6.

[13] Perrone, S. 34.

[14] Ibid..

[15] Manfred Clauss: Konstantin der Grosse. München: C.H. Beck, 1996. S. 83.

[16] Perrone, S. 34.

[17] Kötting, B.: Kirche und Staat. In: Kottje, R.; Moeller, B. (Hg.): Ökumenische Kirchengeschichte 1. Alte Kirche und Ostkirche. Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag; München: Kaiser, 19895. S. 140.

[18] Euseb. VC III. 10.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Das Konzil von Nicaea unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses zwischen Constantin dem Großen und der Kirche
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Kirche und Staat im 4. Jahrhundert
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
31
Katalognummer
V158353
ISBN (eBook)
9783640718337
ISBN (Buch)
9783640718702
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eusebius von Caesarea, Christentum, Kirche, Constantin der Große, Konzil
Arbeit zitieren
Antje Peukert (Autor), 2002, Das Konzil von Nicaea unter besonderer Berücksichtigung des Verhältnisses zwischen Constantin dem Großen und der Kirche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158353

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