Körper und Macht

Die Unmöglichkeit von Michel Foucaults „Welt der Lüste“ aus Sicht von Judith Butler


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Sex und Macht

Der Fall Barbin

Butler vs. Foucault

Körper und Lüste als Widerstandspunkte

Resümee

Bibliographie

Einleitung

"[…] Man frage mich nicht, wer ich bin, und man sage mir nicht, ich solle der gleiche bleiben: das ist eine Moral des Personenstandes; sie beherrscht unsere Papiere. Sie soll uns freilassen, wenn es sich darum handelt, zu schreiben."1

Diese Bemerkung Michel Foucaults ist einer Auseinandersetzung entnommen, die er mit einem fiktiven Kritiker in Archäologie des Wissens führt und die darzulegen versucht, dass man ihn als Theoretiker auf keinen Fall auf eine Position festlegen sollte bzw. festlegen kann.2 Dementsprechend markieren seine Untersuchungen verschiedene Positionen, die sich, obgleich sie divergierende Prämissen voraussetzen, alle um einen thematischen Schwerpunkt ranken. Den Kern dieses Schwerpunktes bildet Macht, in ihren vielfältigen historischen und gesellschaftlichen Formen und als grundlegende Kraft in der Hervorbringung von Gesellschaft(en) und Subjekten. Sie ist untrennbar mit Wissen verbunden, denn auch das Wissen bzw. die Wissenschaften entspringen nach Foucault nicht einem unabhängigen Verlangen nach Erkenntnis, sondern einem Willen zur Macht, der sich besonders in der modernen Gesellschaft bemerkbar macht. Ein drittes Moment und quasi Produkt dieses Mach- Wissen-Komplexes ist Sexualität. Als "historisch besondere Erfahrung" steht sie im Zentrum des foucaultschen Blickpunkts während der letzten Phase seiner Schaffensperiode. Sie bezeichnet einen Angelpunkt, den sowohl Macht, Wissen als auch Subjektivierung durchlaufen, also eben jenen Punkten, auf die Foucault alle seine Betrachtungen fokussiert.3

Den Ausgangspunkt der folgenden Arbeit bildet ein von Foucault herausgegebenes Tagebuch4 eines im Frankreich des 19. Jahrhunderts lebenden Hermaphroditen, der/die Opfer des herrschenden Sexualitätsdispositivs wird. In der Einleitung mit dem Titel Das wahre Geschlecht erläutert Foucault kurz, inwiefern sich der medizinisch-juridische Diskurs im 18./19. Jahrhundert hinsichtlich des Geschlechts geändert hat und welche Konsequenzen daraus dem Individuum entstehen. Ein noch kürzerer Abschnitt bezieht sich auf den speziellen Fall von Herculine Barbin, dem Verfasser des Tagebuches. Foucaults Interpretation von Barbins Aufzeichnungen wurden wiederum von Judith Butler aufgegriffen, die sich in einem Kapitel in Das Unbehagen der Geschlechter5 kritisch mit Foucaults Sichtweise auseinander setzt und ihm vorwirft seiner eigenen Theorie zu widersprechen. Nach dieser wird Sexualität erst durch Macht und Wissen produziert, d. h. es gibt nichts dem Diskurs Vorgängiges bzw. Äußeres.6 Butler zufolge beschreibt Foucault jedoch Herculines Leben in genau diesen Strukturen, indem er dem juridisch-medizinischen Diskurs eine "Welt der Lüste" entgegensetzt.

Im Folgenden werde ich beide Lesarten vorstellen und vergleichen. Ich werde ebenfalls versuchen, die theoretischen Hintergründe der jeweiligen Interpretationen aufzuzeigen, um Zusammenhänge deutlich zu machen. Dabei werde ich mich sowohl auf Christine Hauskellers Betrachtung7 bezüglich beider Lesarten beziehen, als auch Hinrich Fink-Eitels Perspektive berücksichtigen, derzufolge Foucaults Machttheorie ebenfalls einen Widerspruch darstellt.8

Sex und Macht

In der Einleitung zu Barbins Tagebuch hatte Foucault Gelegenheit, die bereits in Der Wille zum Wissen konstatierten Thesen über das Sexualitätsdispositiv zu wiederholen und an dem Beispiel der gefundenen Aufzeichnungen von Herculine zu exemplifizieren.

Foucault zufolge hat im 18. Jahrhundert eine Umgestaltung bzw. eine Neuerung von Machttechniken stattgefunden. Die Bevölkerung als Arbeitskräfteressource wurde politisch und ökonomisch für den Staat interessant und die einst unübersichtliche Masse von Untertanen begann sich anhand verschiedener Bewertungen und Einteilungen aufzufächern. Gesundheit, Geburtenrate, Fruchtbarkeit etc. erlangten in Hinsicht auf die Erfassung der Produktivität der Menschen statistische Wichtigkeit. Der individuelle Körper avancierte zum strategischen Durchgangsort des neuen Machtdispositivs. Der elementarste Punkt innerhalb dieser Untersuchungen war/ist jedoch der Sex bzw. das Sexualverhalten:

Im Zentrum des ökonomischen und politischen Problems der Bevölkerung steht der Sex: man muss die Geburtenrate und das Heiratsalter analysieren, die Geschlechtsreife und die Häufigkeit der Geschlechtsbeziehungen, die Mittel fruchtbar oder unfruchtbar zu machen, die Wirkungen von Ehelosigkeit und Verboten, die Auswirkungen empfängnisverhütender Praktiken […].9

Aufgrund der neuen demographischen Analysen entwickelten sich zahlreiche Institutionen, die nicht nur zur Aufklärung bestimmter bevölkerungsrelevanter Fakten beitragen sollten, sondern diese gleichwohl formten und hervorbrachten.10 Besonders die Medizin und die Psychoanalyse erschufen neue Diskurse, um über den Sex zu reden. Ebenso erstellten sie klassifikatorische Normen über das, was zum Sex gehören sollte, d. h. wie eine gesunde sexuelle Entwicklung auszusehen hat, was als pervers gilt und welche "Heilungsmethoden" angewendet werden sollten, falls die sexuelle Laufbahn des Einzelnen nicht entlang den vorgegebenen Richtlinien verläuft. So entstand nach und nach ein ganzes Netz von Institutionen, die die sexuelle Entwicklung bzw. die sexuellen Praktiken von Menschen organisieren und unter permanente Bewachung stellen. Eltern, Pädagogen, Ärzte, etc. sind Teil des Sexualitätsdispositivs, doch auch das Individuum selbst übt ständige Kontrolle über seine Lüste und Begehren. Das Dispositiv wirkt nicht (primär) in Form von Verboten und Strafen, sondern als "Anreiz-und Vermehrungsmechanismus", d. h. der Einzelne wird unentwegt dazu aufgefordert über seine Lüste zu reden, was letztendlich zu einer Geständnislust führt, die immer neue Begehren hervorbringt und verstärkt.11 Lust und Macht verschwimmen zu einer Einheit, in der Macht sensualisiert und Lust durch Macht gesteigert wird. Aus diesem Vermehrungsprinzip entwickelt sich die große Klasse der Perversionen. Sex, der nicht hauptsächlich auf heterosexuelle Praktiken und demzufolge auf Fortpflanzung ausgerichtet ist, fällt in den Bereich der Perversionen. Er wird pathologisiert, intensiviert und in den Individuen verfestigt.12 Sex ist nicht mehr nur das, was jemand tut, sondern Sexualität wird zum allbestimmenden Wesen des Einzelnen, sie verkörpert die Wahrheit über den Einzelnen.

In Der Wille zum Wissen richtet sich Foucault entschieden gegen die Repressionshypothese, derzufolge Sex ab dem 17. Jahrhundert mittels Verboten und Zensuren in ein schamhaftes Schweigen gehüllt und somit unterdrückt wurde.13 Diese Hypothese erlebte eine Art Revival in der 68'er Bewegung und versprach implizit eine Befreiung des Sexes, wenn man sich nur gegen das unterdrückende Schweigen wehren würde, indem man offen über ihn spricht, ihn bejaht, anstatt zu verneinen. Foucault fokussiert nicht darauf die These als falsch zu entlarven.14 Vielmehr betrachtet er sie als Teil der Machttechniken, die ein Geheimnis des Sexes produzieren, um zu Diskursen und Geständnissen anzureizen. Tatsächlich liegt letztendlich eine Befreiung in der Rede über den Sex, über individuelle Lüste aber es ist keine Befreiung, die gegen die repressive Macht gerichtet ist, sondern sie ist Teil dieser Macht. Die Repressionshypothese funktioniert nur in dem dualistischen Schema von Unterdrückern (die Macht besitzen) und Unterdrückten (die keine Macht besitzen) und gestaltet so ein (subversives) Äußeres der Macht. Foucault hingegen behauptet, dass Macht ein omnipräsentes Prinzip ist, das nicht nur unterdrückend, sondern auch schöpferisch wirkt.15 Demzufolge ist die Befreiung, die die Repressionshypothese verspricht, nur dadurch möglich, weil aus dem Sex ein Geheimnis gemacht wurde, dessen Wahrheit durch das Geständnis ans Tageslicht gebracht werden kann. Die Rede vom Sex, die die Befreiung vom Joch des Schweigens herbeiführen soll, hat allerdings in Wahrheit nie aufgehört, sondern ist lediglich auf andere (medizinische, psychoanalytische, pädagogische etc.) Ebenen verschoben worden.16 Das Geständnis, mit seiner langen Tradition und seiner permanenten Wiederholung sei es in kirchlichen, juridischen oder psychoanalytischen Kontexten, hat sich im Individuum zu einem Bedürfnis manifestiert, das der Diskursivierung zuarbeitet. Aus diesem Bedürfnis heraus funktioniert die Rede vom Sex als Befreiung, aber als solche ist sie nicht gegen die Macht gerichtet, sondern ihr ureigenstes Produkt.

Dieser Aspekt foucaultscher Theorie ist aus zwei Gründen für meine Betrachtungen wichtig. Zum einen bietet er den notwendigen Hintergrund für die Interpretation von Das wahre Geschlecht. Zum anderen stellt er genau den Kritikpunkt von Butler und Fink-Eitel dar. Foucault war selbst lange Zeit Anhänger der Repressionshypothese17 und erst mit Der Wille zum Wissen wendet er sich ausdrücklich gegen sie, indem er Macht zum alles beherrschenden Prinzip deklariert, dem sich niemand entziehen kann (nicht zuletzt, weil jeder selbst schon durch sie produziert ist) und dem nichts äußerlich ist. Dennoch erklärt er den Körper und die Lüste zu subversiven Elementen, mittels derer sich ein Gegenangriff auf die Biomacht, das Sexualitätsdispositiv und die Macht der Disziplinen gestalten ließe.18 Sowohl Fink-Eitel als auch Butler fassen diese Position als Widerspruch zu seiner eigentlichen Machtdefinition auf und unterstellen ihm ein Ursprungsdenken, das der Macht ein Äußeres, in Form von Körpern und Lüsten, entgegensetzt.

[...]


1 Hinrich Fink-Eitel: Michel Foucault zur Einführung. Hamburg: Junius, 1989. S. 10.

2 Ibid..

3 Ibid., S. 14.

4Michel Foucault: Über Hermaphrodismus. Der Fall Barbin. Suhrkamp: Frankfurt/Main, 1998.

5 Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1991.

6 Fink-Eitel, S. 93.

7 Christine Hauskeller: Das paradoxe Subjekt. Tübingen: edition diskord, 2000.

8 Fink-Eitel, S. 94.

9 Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Suhrkamp: Frankfurt/Main, 1977. S. 38.

10 Hier mag der Anschein einer von oben nach unten ausgerichteten Macht entstehen, die die Bevölkerung in Täter und Opfer spaltet. Tatsächlich kann man Foucault voererst dahingehend (miß)verstehen. In einem späteren Kapitel von WzW (Die Methode) liefert er ein genaueres Bild über seine Machtdefinition und rückblickend kann man die Biopolitik und das Sexualitätsdispositiv als Hegemonieeffekte bestimmter Diskurse deuten, von denen die demographischen Analysen nur einen Teil darstellen. Macht findet Foucault zufolge immer von unten nach oben statt. Um ein genaueres Verständnis vom Sexualitätsdispositiv in dieser Hinsicht zu erhalten, müßte man die verschiedenen Kräfteverhältnisse, ihre Verkettungen und den Grund der Verlagerung ihres Interesses auf den Körper und die Sexualität ausführlicher untersuchen, als Foucault hier anbietet. Einen groben Überblick über die Entwicklung des Sexualitätsdispositivs findet man im vorletzten Kapitel von WZW. Foucault erläutert darin, wie die Entwicklung größtenteils vom Bürgertum des 18./19. Jahrhunderts ausging und sich später auf die anderen Klassen ausdehnte. Dabei kennzeichnen vier große (nicht unbedingt zeitgleiche) Bereiche diese Entwicklung: Die Hysterisierung des weiblichen Körpers, die Pädagogisierung des kindlichen Sexes, die Sozialisierung des Fortpflanzungsverhaltens und die Psychatrisierung der perversen Lust (WzW, S. 125-127). Eine tiefergehende Analyse der vier Komplexe hatte sich Foucault zwar vorgenommen, leider aber nie durchgeführt. Siehe dazu: Fink-Eitel, S. 97. & Michel Foucault: Der Gebrauch der Lüste. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1986. S. 12-13.

11 Foucault, Der Wille zum Wissen, S. 60 - 61.

12 Ibid., S. 64.

13 Ibid., S. 27.

14 Ibid., S. 21.

15 Fink-Eitel, S. 86. Siehe auch Foucault, Der Wille zum Wissen, S. 114 - 115.

16 Foucault, Der Wille zum Wissen, S. 40.

17 Seine früheren Werke, wie Wahnsinn und Gesellschaft, Die Geburt der Klinik, die Ordnung der Diskurse etc., setzten mehr oder weniger ein binäres Grundmuster voraus, das Kultur und ihr Anders bzw. Macht und ihr Anderes einander gegenüberstellt und eine hierarchische über Ausschluss und Unterdrückung funktionierende Struktur offenbart. Siehe dazu: Fink- Eitel, S. 85.

18 Fink-Eitel, S. 93. & Foucault, Der Wille zum Wissen, S. 187.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Körper und Macht
Untertitel
Die Unmöglichkeit von Michel Foucaults „Welt der Lüste“ aus Sicht von Judith Butler
Hochschule
Universität Potsdam
Veranstaltung
Geschlechterbinarität - Geschlechterdifferenz
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V158361
ISBN (eBook)
9783640721528
ISBN (Buch)
9783640722013
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Butler, Foucault, Hermaphrodismus, Intersex, Macht, Power, Sexualität, Körper
Arbeit zitieren
Antje Peukert (Autor), 2003, Körper und Macht , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158361

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Körper und Macht



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden