„Angst“ und „Verzweiflung“ bei Sören Kierkegaard


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Ursprung der Verzweiflung
1.1 Selbstbewusstsein und Sündenbewusstsein
1.2 Der Begriff Angst
1.3 Die Gestalten der Verzweiflung

2. Die Möglichkeit der Freiheit
2.1 Der Weg zum Selbst
2.2 Verzweiflung als Bestimmung des Geistes

Schlussbetrachtung

Bibliographie

Einleitung

Die Krankheit zum Tode ist von Sören Kierkegaard unter dem Pseudonym Anti-Climacus herausgegeben worden und beschreibt in Abgrenzung zu Climacus eine entschieden christliche Position innerhalb seiner phi- losophischen "Reflexion auf das Menschsein"1. Der Mensch ist eine Synthese von Endlichkeit und Unendlichkeit, Zeitlichem und Ewigem, von Freiheit und Notwendigkeit und das Selbst des Menschen ist das positive Dritte, das Verhältnis, das sich zu dieser Synthese bzw. zu sich selbst verhält. Ist dieses Selbst-/Verhältnis im Mißzustand, und nach Anti-Climacus betrifft dies den größten Teil der Mensch- heit, befindet man sich in der Verzweiflung, die die Krankheit zum Tode ist. Die Verzweiflung äußert sich in dreifacher Art und Weise: "verzweifelt sich nicht bewusst sein, ein Selbst zu haben (uneigent- liche Verzweiflung); verzweifelt nicht man selbst sein wollen; ver- zweifelt man selbst sein wollen" (KT, 1 A). Die Überwindung der Ver- zweiflung, d.h. Geist zu werden, sich zu sich selbst zu verhalten und sich selbst zu akzeptieren ist die Aufgabe jedes einzelnen Men- schen. Zugleich muss er die fremde Macht (Gott) anerkennen, die ihn gesetzt hat (KT, 1 A).

In der folgenden Analyse werde ich zwei Aspekte hervorheben, die mir als Eckpunkte in meiner Untersuchung dienen sollen. Der erste Aspekt beschäftigt sich mit dem Problem, wie es überhaupt zu einem Un- gleichgewicht innerhalb des menschlichen Selbst kommen kann und der zweite wodurch das Gleichgewicht der Synthese wieder hergestellt werden kann.

In diesem Zusammenhang werde ich Parallelen zu Kierkegaards Der Begriff Angst ziehen, da Angst und Verzweiflung in seinen philosophisch-religiösen Gedanken eine enge Verbindung eingehen und beide Werke intertextuell verwendet aufschlussreich hinsichtlich der aufgeworfenen Fragestellungen sein könnten.

1. Der Ursprung der Verzweiflung

"Woher kommt dann die Verzweiflung? Von dem Verhältnis, in dem die Synthese sich zu sich selbst verhält, indem Gott, der den Menschen zu einem Verhältnis machte, dieses gleichsam aus seiner Hand gleiten lässt, d.h., indem das Verhältnis sich zu sich selbst verhält." (KT, 1 B)

Der Mensch ist nach Kierkegaard eine Synthese aus ungleichartigen Dingen wie Unendlichkeit und Endlichkeit, Zeitlichkeit und Ewigkeit, Freiheit und Notwendigkeit. Diese Synthese bildet ein Verhältnis, welches als negatives Drittes bezeichnet wird. Negativ verstehe ich hier als eine Bezeichnung für eine eher passive Größe, die zwei un- gleichartige, obwohl zusammengehörige, Elemente verbindet, jedoch nur eine begrenzte Dynamik vorweist. So können die Elemente immer nur in ihrer Abgrenzung voneinander aufeinander verweisen. Die ei- gentliche Dynamik ist dem Selbst vorbehalten, welches dadurch ent- steht, dass sich das Verhältnis zu sich selbst verhält. Das Selbst bezeichnet das positive Dritte und könnte nicht nur als das Verhält- nis selbst, sondern auch als ein ihm Äußeres verstanden werden. Für den Prozess des Selbstverhältnisses ist es allerdings notwendig, dass sich das Selbst selbst gesetzt hat oder durch ein anderes ge- setzt wurde (KT, 1. A). Ich möchte einen Augenblick bei dieser Aus- sage verweilen und einen Faden zu Der Begriff Angst knüpfen, denn die Setzung des Selbst findet in Die Krankheit zum Tode meiner Mei- nung nach keine hinreichende Beleuchtung.2 Welchen Bedingungen unter- liegt z.B. diese Setzung, welche kausalen Zusammenhänge lassen sich herstellen und welche Konsequenzen müssen berücksichtigt werden?

1.1 Selbstbewusstsein und Sündenbewusstsein

Die Setzung des Selbst erfolgt nach Kierkegaard während des qualita- tiven Sprungs, der ein entscheidendes Moment in der Geschichte des Individuums darstellt (BA, K. I, §2). War der Geist zuvor noch im Menschen träumend und der Mensch selbst "seelisch in unmittelbarer Einheit mit seiner Natürlichkeit bestimmt" (BA, K. I, §5), so kenn- zeichnet der Augenblick des Sprungs einen Übergang von Unschuld zu Schuld, von Unwissenheit zu Wissen und das Erwachen des Selbstbe- wusstseins. Der qualitative Sprung ist stark an die Sünde gekoppelt. Das Menschengeschlecht bzw. der Mensch trägt die Sündigkeit als po- tentielle Möglichkeit zur Sünde in sich (BA, K. I, §4). Im Augen- blick des Sprungs "erwacht" der Geist ± das Individuum erkennt sich als etwas Zusammengesetztes, als "eigenartiges Zwischenwesen"3, indem es ein Wissen um die sexuelle Differenz erlangt (BA, K. I, §6).4 Se- xualität erhält hier einen ambivalenten Anstrich. Zum einen ist sie die Sünde, der Widerspruch zwischen Seele und Körper, indem das Eine (der Körper) bis zum Äußersten betont wird, zum anderen ist nur durch sie Menschheit im Sinne von historischer Kontinuität möglich. Ich möchte an dieser Stelle nicht näher auf Kierkegaards Gedanken zur Sünde eingehen, sondern zunächst einen Blick auf das Individuum werfen, das durch den qualitativen Sprung sich selbst setzt.

Hatte der Mensch in seiner Unschuld noch kein Wissen bzw. noch keine Vorstellung von seinem Selbst, so ändert sich die Qualität seines Bewusstseins während einer gewissen Phase seines Lebens ± sein Geist wird tätig. Er wird aufmerksam auf die ungleichartigen Elemente, die ihn selbst als Synthese konstituieren. Doch vorher muss er diese Elemente "unterscheidend durchdringen" (BA, K.I, §6), um sich selbst als Synthese wahrzunehmen. Das Vermögen des Geistes besteht eben auch gerade darin, Zusammenhänge und Unterschiede zu schaffen5 und in genau dieser (neuen) Situation befindet sich der erwachende Geist. Der Mensch erfährt das Sexuelle als das Äußerstes der Sinnlichkeit und gerät dadurch in einen Widerspruch, dessen Lö- sung sich ihm als Aufgabe präsentiert (BA, K.I, § 6). Das Begehren, eine bewusste Einheit zwischen Seele und Leib herzustellen, um ein stabiles Verhältnis zu erreichen, motiviert ihn, eine Lösung zu fin- den. Der Geist selbst ist Teil der Synthese, indem er beide Momente umfasst, sie ins Verhältnis setzt und ihre Wirklichkeit produziert.6

Setzt man dies in einen alltäglichen Bezugsrahmen und betrach- tet die Phase der Pubertät, ist erkennbar, dass diese Phase eben je- nen ersten "Sprung" im Bewusstsein beschreibt. Das Individuum macht die Erfahrung, selbst als Geschlecht bestimmt zu sein.7 Die sexuelle Verschiedenheit war auch vorher präsent, aber das eigentliche Wissen darüber wird erst in dieser Phase erlangt. Der Körper wird als etwas Eigenständiges erfahren. Man erkennt ihn als Entität mit eigenen Ge- setzen und Trieben scheinbar unabhängig vom Geist, der (in der Selbstwahrnehmung) an dieser Stelle sozusagen den Platz der Seele innerhalb der Seele/Leib-Dualität einnimmt, ohne jedoch seine Stellung als Drittes/Verbindendes aufzugeben.8

[...]


1 Konrad Paul Liessmann: Sören Kierkegaard. Zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag, 1999, S. 122.

2 Wahrscheinlich ist dies genau darauf zurückzuführen, dass die Auseinandersetzung mit diesem Prozess bereits in Der Begriff Angst ausreichend geführt wurde und für das Verständnis von Die Krankheit zum Tode einfach vorausgesetzt wird.

3 Grøn, Arne: Angst bei Søren Kierkegaard: Eine Einführung in sein Denken. Stuttgart: Klett-Cotta, 1999, S. 19.

4 Während der Unschuld hat der Mensch noch kein Wissen vom geschlechtli- chen Unterschied. Nur eine Ahnung, die sich in Scham äußert und die Angst hervorbringt.

5 Annemarie Pieper: Søren Kierkegaard. Beck: München, 2000. S. 129.

6 Ebd., S. 130.

7 Grøn, S. 41.

8 Ebd..

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
„Angst“ und „Verzweiflung“ bei Sören Kierkegaard
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Die Entzweiung des Selbst
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V158363
ISBN (eBook)
9783640715619
ISBN (Buch)
9783640715763
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Angst, Verzweiflung, Selbst
Arbeit zitieren
Antje Peukert (Autor:in), 2003, „Angst“ und „Verzweiflung“ bei Sören Kierkegaard, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158363

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