Zur Bedeutung des Begriffs der Vergnügung für die romanpoetologischen Konzepte von Huet und Blanckenburg

Untersucht auf Basis der Gegenüberstellung der Texte „Traitté de l’origine des romans“ von Pierre-Daniel Huet und „Versuch über den Roman" von Christian Friedrich von Blanckenburg


Seminararbeit, 2010
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Zu den formal-ästhetischen Anforderungen an den Roman bei Huet und Blanckenburg..

3. Zur Aufgabe und Funktion des Romans bei Huet und Blanckenburg

4. Zur Bedeutung der Vergnügung bei Huet und Blanckenburg

5. Fazit und Ausblick..

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Fokus der vorliegenden Arbeit stehen zwei richtungsweisende Abhandlungen über den Roman. Dessen erste umfassende Diskussion liefert Pierre-Daniel Huet 1670 mit seinem „Traitté de l’origine des romans“. Mit dem 1774 erschienenen „Versuch über den Roman“ setzt schließlich Christian Friedrich von Blanckenburg wichtige Impulse in der Verhandlung des Themas im deutschsprachigen Raum.

Huet liefert vordergründig eine literaturgeschichtliche Betrachtung romanhaften Erzählens. Ausgehend von der Antike verfolgt er die Entwicklung ungebundener Dichtkunst entlang der Hochkulturen der Weltgeschichte. Den Leitdiskurs stellt dabei die Diskussion der didaktischen Funktion des Romans dar. Die Bildung und Erziehung des Lesers durch den Roman steht auch im Zentrum der Überlegungen Blanckenburgs. Im Gegensatz zu Huet, der den gelehrten Kreis adressiert, wendet sich der Autor dabei aber weder an die „Meister der Kunst“, noch die „guten Romanenschreiber“. [1] Er versteht seine Ausführungen als Anleitungen zum Verfassen von Romanen für junge angehende Dichter:

Ich habe sehr oft Beyspiele aus dem Epopee oder dem Drama angeführt, wo sie das bewiesen, was sie beweisen sollten, und sie nicht aus dem Roman genommen. – Die Ursachen sind mancherley; eine davon ist auch diese, daß man, im Ganzen gerechnet, Epopee und Drama mehr kennt, als den Roman. […] Die aus den Ausländern und Alten gebrauchten Stellen, hab' ich fast immer mit ihren Uebersetzungen zugleich angeführt. Auch diese Vorsicht wird wohl nicht ganz bey unserm Publiko unnütz seyn; – wenigstens bey den gewöhnlichen Romanschreibern.[2]

Was nun rechtfertigt trotz genannter Unterschiede einen Bezug der Texte aufeinander? Methodik und Zielerkenntnis beantworten diese Frage. Zu Beginn soll belegt werden, welche formal-ästhetischen Merkmale beide Autoren dem Roman zusprechen. Auf herauszustellende Gemeinsamkeiten und Unterschiede wird aufgebaut und dargelegt, dass sowohl Huet wie Blanckenburg die didaktische Funktion aus dem Prinzip der Vergnügung herleiten. Ausgehend von dieser Erkenntnis ist anschließend zu diskutieren, inwieweit Blanckenburgs Ideen des Erhabenen und der Leidenschaften– so er auch selbst behauptet, Huet nicht gelesen zu haben[3] – das Konzept der Vergnügung erweitern. Wie nutzt Blanckenburg dieses Konzept, um seine Vorstellungen vom Potential des Romans zu differenzieren? Insofern soll seine Argumentation stichhaltig nachvollzogen, dargelegt und mit der Position Huets verglichen werden.
Im Fazit der Arbeit zeigt sich dann, worin Blanckenburgs besondere Verdienste um die Diskussion des Romans bestehen. Er reflektiert ihn literaturhistorisch, leitet über die Verschränkung der Konzepte der Vergnügung und Unterhaltung gestalterisch-erzählende Mittel zu dessen konzeptueller Umsetzung her. So gelingt es ihm, den Roman als eigenständige, gehaltvoll-bildende Gattung zu begründen. Er schafft genauso wenig eine formale Regelpoetik wie eine Streitschrift zur Legitimierung des Romans. Und doch stellt seine Abhandlung einerseits einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung und Akzeptanz des Romans als eigenständige Gattung, andererseits zu seiner Legitimierung als erzieherisches Instrument der Aufklärung dar. Er liefert eine philosophisch angelegte, dabei immerfort hochgradig exemplarische Anleitung zur Anlage romanhaften Erzählens im Interesse der Bildung des Lesers. Nicht „von der Gestalt, von dem Model des Dinges“ schließt Blanckenburg auf die Funktion des Romans, nicht seine „verschiedenen Formen“ will er ordnen, letztere müssen vielmehr „von einer Materie seyn“.[4] Welche Materie ist das, von der Blanckenburg hier spricht?

2. Zu den formal-ästhetischen Anforderungen an den Roman bei Huet und Blanckenburg

Für Huet sind Romane „auß Kunst gezierte und beschriebene Liebes Geschichten in ungebundener Rede“.[5] Das auftretende Personal ist „mittelmäßigen Standes“, Romane handeln „von vornehmbsten Printzen und herrlichen gedenckwürdigen Thaten“.[6] Von den gezierten Sachen grenzt er die „warhafften Geschichten“ ab. Er führt aus, dass Romane mehr Wahrscheinliches, weniger Verwunderliches beschreiben. Hier liegt für ihn auch ein wesentlicher Unterschied zu Gedichten, welche „angefüllet mit wundern / doch jederzeit nit warscheinlichen“ sind.[7] Unter Bezug auf Aristoteles und dessen Vorstellungen vom Poeten, der sich über die Verzierungen seiner Verse mehr noch definiert als über seine Verse selbst, erkennt Huet schlussendlich auch im Romanschreiber einen Dichter. Dabei jedoch, so stellt er fest, sind die Romane „einfältiger / weniger erhoben / gebrauchen nicht so viel Umbschweiff in der Findung und Außdruckung.“.[8]

Um diese Unterscheidung zu stützen, zieht Huet die Materie des Stoffes heran. Gedichte thematisieren die Staats- und Kriegskunst, Romane „haben die Liebe zu ihrem vornehmsten OBJECT, und sprechen nur ohngefehr und zufälliger weise von ESTATS und Kriegs=sachen.“.[9] So grenzt er entlang seines Textes wiederholt den Roman einerseits von der Historie, andererseits von der Fabel ab. Während die Historie im Ganzen wahr ist, argumentiert er, kann sie im Detail falsch, das heißt, ausgeschmückt sein. Romane aber können eben in Teilen Wahres wiedergeben, sind jedoch in ihrem Ganzen erdacht und damit Falsches. Fabeln aber, so Huet, sind allenfalls „Verzierungen der Dinge / die nicht gewesen sind / noch haben sein können“. Auch hier wiederum unterscheidet sich der Roman insofern, als dass er sich eben doch hätte zutragen können, wie er beschrieben worden ist.[10] Unter Zuhilfenahme der bis hierhin diskutierten formal-ästhetischen Anschauungen entwickelt Huet das Bildnis des Romans als Körper, dessen Teile, gemeint sind „unterhörige Thaten oder Handlungen“, sich dem Haupt, der vornehmsten Tat oder Handlung, unterzuordnen haben.[11] Inwiefern lassen sich die hier zusammengetragenen Kategorien bei Blanckenburg wiederfinden?
Zunächst ist auffällig, dass dieser das bei Huet noch global bedeutsame Liebesmotiv im Roman abschwächt. Es ist ihm daran gelegen, führt er bereits eingangs aus, Romanschreiber daran zu „erinnern, daß wir mit Theilnehmung, auch für andre Dinge, als Liebhaber und Liebhaberinnen geschaffen sind.“.[12] Eine Wahl des Personals entsprechend seines Standes macht Blanckenburg ebenfalls nicht geltend, im Gegenteil, stellt diese dem Romanschreiber frei.[13] Statt im Folgenden nun wie Huet romanhaftes Erzählen gegen andere Textgattungen abzugrenzen, nähert sich Blanckenburg dem Roman formal-ästhetisch zunächst über dessen Vergleich mit dem Heldengedicht.

Vorerst erkennt er wesentliche Gemeinsamkeiten beider Gattungen. Ersterer, argumentiert er, habe sich im Laufe der Zeit zwangsläufig aus letzterem entwickelt, sein erweiterter Umfang aber wäre nicht mehr als eine natürliche Konsequenz dieser Entwicklung.[14] Im Roman nämlich, so Blanckenburg, werden „Die wichtigsten Begebenheiten eines Menschen […] unter einem Gesichtspunkt vereinigt, und, als Ursach und Wirkung, in ein Ganzes unter sich verbunden“.[15]

Vier wesentliche Forderungen an den Roman leitet Blanckenburg nunmehr her. Zum einen sind es nicht mehr „öffentliche Thaten und Begebenheiten, das ist, Handlungen des Bürgers“, die hier thematisiert werden sollen, sondern Handlungen und Empfindungen des Menschen.[16] Hier knüpft er mit seiner zweiten Forderung, der nach dem angemessenen Schreibstil, an. Empfindungen und Handlungen des Menschen bedürfen, schlussfolgert er, nicht etwa einer Schilderung von Feierlichkeit und Würde, die „bey Privatbegebenheiten mehr als Geziere seyn würde.“[17] Daran schließt sich seine Forderung auf den Verzicht von Maschienen an, „[…]; weil sie sich nicht so gut mit denen Gegenständen vertragen und vereinigen lassen, die er [der Roman, Anmerkung des Verfassers] behandelt […]“.[18] Einmischungen der Götter und höherer Mächte zur Lenkung der Handlung und Bestimmung der Schicksale literarischer Figuren in Heldengedichten erklärt der Autor aus kulturhistorischer Sicht auf das antike Publikum. Gemessen an den zeitgenössischen Lesererwartungen an den Roman aber, so Blanckenburg, würde ein „Reiz des Wunderbaren […] ihm [dem Romanautor, Anmerkung des Verfassers] größere Vortheile rauben“.[19] Tatsächlich greift Blanckenburg hier einem ganz wesentlichen Punkt seiner Arbeit vor. Immer wieder erklärt er nämlich gerade die Nachvollziehbarkeit der Wesenswerdung der literarischen Figur wie der Handlung zu einem Hauptkriterium, „wodurch er [der Roman, Anmerkung des Verfassers] sich von den übrigen Dichtungsarten allein unterscheiden; oder vielmehr wodurch er sich einen Platz unter ihnen verdienen kann.“[20] Hier knüpft Blanckenburg, der seine theoretischen Überlegungen fortlaufend vor allem auch exemplarisch am Agathon belegt, an Überlegungen an, die Wieland bereits in Verteidigung seines eigenen Werks in dessen Vorrede vorbringt.[21]
Schlussendlich vermag es unter Betrachtung letzterer Punkte kaum verwundern, wie allgemein und zurückhaltend sich Blanckenburg über den formalen Aufbau des Romans äußert. Als eine „Masse von Begebenheiten und Personen“ kann er, so schlussfolgert der Autor, auch nur eine Person oder eine Begebenheit in den Fokus rücken.[22] Diese Erkenntnis geht über Huets formal-ästhetische Beschreibung insofern hinaus, als dass sie sich eben nicht auf ein globales Motiv wie Liebe, ein bestimmtes Personal oder aber Kriterien wie Wahrscheinlichkeit oder Einfachheit reduzieren lässt. Dem empfindenden, werdenden Menschen als Mittelpunkt des Werks ordnet Blanckenburg alle seine wesentlichen Beobachtungen und Überlegungen zu Bestandteilen des Romans und deren Aufbau zu einem Ganzen unter.

[...]


[1] Vgl. Friedrich von Blanckenburg: Versuch über den Roman, Leipzig und Liegnitz 1774, S. 6.; S. 30.

[2] Ebd., S. 7 f.

[3] Vgl. ebd., S. 9.

[4] Ebd., S. 3.

[5] Happel, Eberhard Werner: Der Insulanische Mandorell (1682). Im Anhang „Traité de l’origine des romans“ von Pierre-Daniel de Huet. Weidler Verlag, Berlin 2007, S. 433. Im Interesse der Lesbarkeit dieser Arbeit für Studenten zum Zweck einer ersten thematischen Annäherung zitiert die vorliegende Arbeit den „Traitté de l’origine des romans“ nach Happel. Dieser integriert seine, die erste deutschsprachige, Übersetzung des Texts von Huet in seinen 1682 erscheinenden Roman „Der Insulanische Mandorell“. Um die Argumentation entsprechend abzusichern, wurden alle Zitate aus der Übersetzung Happels mit dem Originaltext verglichen und auf Korrektheit im Sinne ihrer Aussagen überprüft.

[6] Ebd., S. 435.

[7] Ebd., S. 433 f.

[8] Ebd.

[9] Ebd., S. 434.

[10] Vgl. ebd., S. 434 f.

[11] Vgl. ebd., S. 450.

[12] Blanckenburg, S. 29.

[13] Vgl. ebd., S. 519.

[14] Vgl. ebd., S. 6 f.

[15] Ebd., S. 8 f.

[16] Ebd., S. 19 f.

[17] Ebd., S. 21.

[18] Ebd., S. 23.

[19] Ebd.

[20] Ebd., S. 68.

[21] Wieland, S. 37.

[22] Blanckenburg, S. 254.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zur Bedeutung des Begriffs der Vergnügung für die romanpoetologischen Konzepte von Huet und Blanckenburg
Untertitel
Untersucht auf Basis der Gegenüberstellung der Texte „Traitté de l’origine des romans“ von Pierre-Daniel Huet und „Versuch über den Roman" von Christian Friedrich von Blanckenburg
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik - Lehrstuhl für die Literatur der Frühen Neuzeit)
Veranstaltung
Was ist ein Polyhistor? – Barocke Schreibweisen
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V158413
ISBN (eBook)
9783640718368
ISBN (Buch)
9783640718733
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Professorin ist international eine der führenden Gelehrten auf dem Gebiet der Frühen Neuzeit und bewertet sehr streng. Eine 1,7 bürgt für die Qualität der Arbeit.
Schlagworte
Romantheorie, Friedrich von Blanckenburg, Blanckenburg, Huet, Pierre-Daniel Huet, Vergnügen, Vergnügung, Gegenüberstellung, Vergleich, Roman, Romane, Romantheorien, Frühe Neuzeit, Gattung, Gattungsverständnis, Gattungsentwicklung, Historie, Geschichsschreibung, Gattungen, Schwellenepoche, Schwellenepochen
Arbeit zitieren
Michael Schwark (Autor), 2010, Zur Bedeutung des Begriffs der Vergnügung für die romanpoetologischen Konzepte von Huet und Blanckenburg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158413

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