Ernst Stückelberg war zu Lebzeiten einer der bekanntesten Schweizer Künstler. Seine Fresken an der Tellskapelle am Urner See begründeten seinen überregionalen Ruhm. Bereits die Vorgängerkapelle mit den Fresken Carl Leonz Pünteners war ein fester Stopp der europäischen Kulturelite auf der «Grand Tour», obwohl nur per Wasserweg erreichbar. Der zeitgleiche Aufstieg des Dampfschiffverkehrs, der Bau der Axenstrasse und die Eröffnung des Gotthard-Tunnels steigerten die Besucherzahlen der Tellskapelle enorm. Der Philhelvetismus förderte Schweizreisen für gebildete Europäer. Bis 1914 besuchten jährlich rund hunderttausend Menschen die Tellskapelle und bewunderten Stückelbergs Fresken.
Die Wandmalereien in Sisikon entsprachen den Erwartungen des Publikums, geprägt durch Schillers «Tell», der als eine Art Reiseführer zu den Schauplätzen der Tellsgeschichte diente. Da Schiller die Schweiz nie besuchte, basierte sein Bild auf historischen Quellen und der Landschaftsmalerei Johann Ludwig Aberlis, welche die idealisierte Auslandsvorstellung der Schweiz mitprägte. Auf Schillers Grundlage formte Stückelberg mit seinem Werk die öffentliche Wahrnehmung von Wilhelm Tell und seiner Legende, die bis heute prägend ist.
Durch die beinahe photographische Erfassung eines theatralischen Moments besitzen Stückelbergs Fresken eine dialogische Struktur. Seine optischen Ordnungsformen sind subtil verborgen, wodurch die malerische Lebendigkeit der Bilder entsteht. Diese klare Flächenordnung prägt Figuren, Dinge und Räume und lässt die Darstellung zu einem rhythmisch lebendigen Ganzen werden.
Stückelberg traf 1882 den Zeitgeist der Schweiz. Das Schweizer Nationalbewusstsein gewann in der Restaurations- und Regenerationszeit an Schubkraft und erreichte mit der Gründung des Bundesstaats 1848 und der ersten Bundesfeier 1891 seinen Höhepunkt. Die Tellskapelle Stückelbergs war ein wichtiger Identifikationspunkt für den jungen Staat. Bei nationalen Aufträgen musste sich Stückelberg Vorschriften beugen und seine Auftraggeber durch Anlehnung an die Tradition zufriedenstellen. So schuf er in der Tellskapelle Werke von kulturhistorischer und volkstümlicher Bedeutung.
Nach dem Ersten Weltkrieg verblasste Stückelbergs Ruhm allmählich. Obwohl die Tellskapelle unterhalten wird, besuchen sie heute nur noch wenige Gäste und eine kleine Tafel informiert über ihre Geschichte.
Inhaltsverzeichnis
1. Der leise Sog der Wandbilder setzt ein. Einführung
2. Wozu der zweite Pfeil? «Der Apfelschuss»
3. Der Sturm auf dem See. «Der Tellsprung»
4. Die Raben fliegen. «Gesslers Tod»
5. Die weissen Gletscher leuchten im Mondlicht. «Der Rütlischwur»
6. Das Volk überwacht den Kanon der Bekleidung
7. Ein Fresken-Zyklus der Gründerzeit. Figurenreich und ausdrucksstark
8. Die erste Kapelle mit Ursprung im 14. Jahrhundert
9. Der Nachfolgebau von 1590 schon mit Fresken der Tellsgeschichte
10. Neubau oder Renovierung? Der Druck auf die Regierung nimmt zu
11. Wettbewerb der sechszehn Künstler und der Schweizer Kunstverein
12. Gewinner Stückelberg zieht nach Bürglen und sucht Modelle
13. Tausende wollen den Basler arbeiten sehen, auch ein König
14. Einweihung und der Ansturm bis zum Ersten Weltkrieg
15. Das eidgenössische Nationalbewusstsein will befriedigt werden
16. Schillers «Tell». Lesart für die Freiheitsliebe der Eidgenossen
17. «Tell» darf nicht ans Rütli und Johann Ludwig Aberli tritt auf den Plan
18. «Grand Tour» auch zur Tellskapelle. Eine Reise in die «heile Welt»
19. Die Beiträge der Geschichtsmalerei zur schweizerischen Nationenbildung
20. «Melchtal», «Stauffacherin», «Der letzte Ritter». Stückelbergs Historienmalerei
21. Der Glanz verblasst. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehungsgeschichte, Bedeutung und künstlerische Wirkung der monumentalen Fresken von Ernst Stückelberg in der Tellskapelle am Urnersee. Dabei wird analysiert, wie diese Wandbilder den nationalen Mythos Wilhelm Tells sowie das eidgenössische Identitätsbewusstsein im ausgehenden 19. Jahrhundert massgeblich prägten und im Kontext europäischer Rezeptionsgeschichte verankert sind.
- Analyse des Fresken-Zyklus von Ernst Stückelberg in der Tellskapelle.
- Wirkungsgeschichte des Schillerschen Dramas «Wilhelm Tell» als zentrale Vorlage.
- Die Bedeutung der Tellskapelle für die schweizerische Nationenbildung im 19. Jahrhundert.
- Internationale Wahrnehmung der Schweiz als Tourismusdestination und «heile Welt».
- Der Einfluss des Philhelvetismus auf Kunst, Literatur und Theater.
Auszug aus dem Buch
1. Der leise Sog der Wandbilder setzt ein. Einführung
Mit einem schnellen Blick wird man den vier monumentalen Fresken Ernst Stückelbergs (1831-1903) in der Tellskapelle am Ufer des Urnersees nicht gerecht. Der Künstler fordert den Betrachter auf, vor dem Kunstwerk zu verweilen, und verlangt viel von ihm ab. Dann aber setzt auch schon der leise Sog der Wandbilder ein und beginnt sich zu verstärken, je länger man hinsieht. In den vier aussergewöhnlich grossen Segmenten erzeugt der Maler einen faszinierenden Kontrast zwischen Figurenfülle, Handlung, Architektur, Himmel und Landschaft. Es ist die genau wiedergegebene Atmosphäre von Szenen einer uns allen bekannten Erzählung.
Der Basler Maler ist nicht zu verstehen, wenn er nicht in seinem geistigen Ringen mit dem ereignisreichen, von Verwerfungen und technischen Innovationen geprägten ausgehenden 19. Jahrhundert gesehen wird.
Verwegen ist sowohl die Lage als auch die Ausrichtung des Denkmals. Das Bauwerk mit den Wandbildern ragt in den See. Dank den seeseitig ausgerichteten hohen Arkaden entfaltet das Monument seine volle Wirkung nur für den Betrachter, der sich vom Wasser her nähert. Die Fresken nehmen dafür in Kauf, vollständig der Witterung ausgesetzt zu sein.
Zusammenfassung der Kapitel
Der leise Sog der Wandbilder setzt ein. Einführung: Einführung in die künstlerische Bedeutung der Tellskapelle und Stückelbergs Fresken vor dem Hintergrund des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Wozu der zweite Pfeil? «Der Apfelschuss»: Detaillierte Beschreibung und Analyse des «Apfelschuss»-Freskos, des dramatischen Auftakts des Zyklus.
Der Sturm auf dem See. «Der Tellsprung»: Untersuchung der dramatischen Szene des Tellsprungs, inklusive der künstlerischen Auseinandersetzung mit Landschaft und Sturm.
Die Raben fliegen. «Gesslers Tod»: Betrachtung der Umsetzung von Gesslers Tod und der symbolträchtigen Darstellung in der Hohlen Gasse.
Die weissen Gletscher leuchten im Mondlicht. «Der Rütlischwur»: Analyse des «Rütlischwur»-Freskos als zentrales Werk der nationalen Identitätsstiftung.
Das Volk überwacht den Kanon der Bekleidung: Erörterung der Herausforderungen bei der historisch korrekten Kostümgestaltung im Historienbild des 19. Jahrhunderts.
Ein Fresken-Zyklus der Gründerzeit. Figurenreich und ausdrucksstark: Synthese über den künstlerischen Grundzug des Zyklus und seinen Bezug zur Gründerzeit.
Die erste Kapelle mit Ursprung im 14. Jahrhundert: Historischer Rückblick auf die Ursprünge der Tellskapelle an der Tellsplatte.
Der Nachfolgebau von 1590 schon mit Fresken der Tellsgeschichte: Darstellung der zweiten Kapelle und ihrer Bedeutung für die Tells-Ikonographie.
Neubau oder Renovierung? Der Druck auf die Regierung nimmt zu: Schilderung des schwierigen Entscheidungsprozesses zum Neubau der heutigen dritten Kapelle.
Wettbewerb der sechszehn Künstler und der Schweizer Kunstverein: Dokumentation des Wettbewerbsverfahrens und der Rolle des Schweizer Kunstvereins.
Gewinner Stückelberg zieht nach Bürglen und sucht Modelle: Einblicke in die Arbeitsweise Stückelbergs und die Suche nach authentischen Modellen in der Innerschweiz.
Tausende wollen den Basler arbeiten sehen, auch ein König: Aufarbeitung des massiven Publikumsandrangs und des Besuchs von König Ludwig II. von Bayern.
Einweihung und der Ansturm bis zum Ersten Weltkrieg: Bericht über die Einweihung und die internationale touristische Bedeutung der Kapelle.
Das eidgenössische Nationalbewusstsein will befriedigt werden: Analyse der Rolle der Kapelle als Identitätsort der schweizerischen Nation.
Schillers «Tell». Lesart für die Freiheitsliebe der Eidgenossen: Würdigung des Schillerschen Einflusses auf die Wahrnehmung des Tellmythos.
«Tell» darf nicht ans Rütli und Johann Ludwig Aberli tritt auf den Plan: Untersuchung der künstlerischen Inszenierung von Tells Rolle versus dem Rütlischwur.
«Grand Tour» auch zur Tellskapelle. Eine Reise in die «heile Welt»: Beschreibung der Tellskapelle als festem Bestandteil der europäischen Bildungsreise.
Die Beiträge der Geschichtsmalerei zur schweizerischen Nationenbildung: Einbettung der Fresken in den Kontext der schweizerischen Historienmalerei.
«Melchtal», «Stauffacherin», «Der letzte Ritter». Stückelbergs Historienmalerei: Würdigung des weiteren historiographischen Werks Stückelbergs.
Der Glanz verblasst. Schlussbemerkungen: Rückblick auf die historische Bedeutung und den Wandel der Rezeption bis in die Gegenwart.
Schlüsselwörter
Tellskapelle, Ernst Stückelberg, Wilhelm Tell, Friedrich Schiller, Rütlischwur, Historienmalerei, Schweizer Geschichte, Nationalbewusstsein, Philhelvetismus, Urnersee, Tellsplatte, Gründerzeit, Kunstdenkmal, Gessler, Identitätsorte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Werk primär?
Das Buch analysiert das monumentale Fresken-Programm von Ernst Stückelberg in der Tellskapelle am Urnersee und ordnet es in den historischen Kontext der schweizerischen Nationenbildung und Rezeptionsgeschichte ein.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung behandelt die Entstehungsgeschichte der Kapelle, die Rolle Schillers für das Tell-Bild, die Einflüsse der Historienmalerei auf die nationale Identität sowie die Rezeption durch das zeitgenössische Publikum und prominente Besucher.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die künstlerischen Umstände der Freskenentstehung zu ergründen und aufzuzeigen, wie Stückelbergs Werk als identitätsstiftendes Kunstmonument für die Schweiz diente.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende kunsthistorische Analyse der Fresken, den Vergleich mit historischen Dokumenten und Vorbildern sowie die Untersuchung der Wirkungsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil liegt der Fokus auf der ikonographischen Analyse der einzelnen Wandbilder, dem kostümkundlichen Anspruch des Malers sowie der administrativen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung um den Bau der Kapelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Dokument?
Die wesentlichen Begriffe sind Tellskapelle, Ernst Stückelberg, Wilhelm Tell, Historienmalerei, Nationbildung und Philhelvetismus.
Warum war der «Rütlischwur» ein Streitpunkt?
Die Urner Behörden lehnten Stückelbergs ursprünglichen Entwurf als zu modern ab, da er von der traditionellen Ikonographie der drei frei stehenden Eidgenossen abwich, was zu einer intensiven öffentlichen Debatte führte.
Was bedeutete der Besuch von König Ludwig II. für die Kapelle?
Der Besuch des bayerischen Königs unterstreicht die internationale Bedeutung und den hohen Bekanntheitsgrad des Ortes als touristische Attraktion und Symbolort für die europäische Kulturelite jener Zeit.
- Arbeit zitieren
- Markus Stricker (Autor:in), 2022, Die Tellspakelle am Urnersee mit den Fresken von Ernst Stückelberg (1831-1903), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1584177