Siegfried, ein triebgesteuerter Fremdkörper im höfischen Raum zu Worms. So bezeichnet Irmgard Gephart, die sich mit heldenepischen Formen der Wut im Nibelungenlied auseinandersetzt, die männliche Hauptfigur des ersten Teils des Heldenepos. Wie ist diese Charakterisierung Siegfrieds aufzufassen und warum muss der Held sterben? Welche Umstände und Ereignisse führen zu seiner Ermordung? Stört Siegfried die höfische Ordnung am Wormser Hof? Trägt sein eigenes Verhalten zu seinem Tod bei und welche Konsequenzen ergeben sich aus seiner Ermordung?
Um Antworten auf diese Fragestellungen zu finden, befasst sich die vorliegende Seminararbeit mit den Gründen für die Ermordung Siegfrieds im Nibelungenlied und bei Friedrich Hebbels Die Nibelungen. Zunächst werden die politisch-sozialen Beweggründe für den Mord an Siegfried herausgearbeitet, indem auf den doppelten Betrug an Brünhild, die Trophäen der Hochzeitsnacht sowie die Entehrung Brünhilds beim Königinnenstreit eingegangen wird. Ergänzend dazu werden die psychologischen Gründe bei Hebbel, Hagens Neid und Brünhilds verschmähte Liebe, dargelegt. Um sodann Siegfrieds deviantes Verhalten zu beleuchten, erfolgt zum einen eine Darstellung seiner höfischen und mythisch-heroischen Merkmale, zum anderen wird die Demythisierung bei Hebbel in den Blick genommen. Abschließend, um die Konsequenzen der Ermordung darzulegen, wird aufgezeigt, ob die höfische Ordnung in Worms durch Siegfrieds Tod wiederhergestellt ist und ob Hagen und Brünhild ihre Ziele erreicht haben.
Inhaltsverzeichnis
1 ‚Fremdkörper‘ Siegfried
2 Gründe für Siegfrieds Ermordung
2.1 Politisch-soziale Gründe
2.1.1 Doppelter Betrug an Brünhild und Trophäen der Hochzeitsnacht
2.1.2 Entehrung Brünhilds beim Königinnenstreit
2.2 Psychologische Gründe bei Hebbel
2.2.1 Hagens Neid
2.2.2 Brünhilds verschmähte Liebe
2.3 Deviantes Verhalten Siegfrieds
2.3.1 Höfische vs. mythisch-heroische Figur
2.3.2 Demythisierung bei Hebbel
3 Die Konsequenzen der Ermordung
3.1 Wiederherstellung der höfischen Ordnung in Worms?
3.2 Zielerreichung Hagens und Brünhilds bei Hebbel?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit untersucht die Beweggründe für die Ermordung Siegfrieds sowohl im Nibelungenlied als auch in Friedrich Hebbels „Die Nibelungen“, um zu analysieren, inwiefern der Held als destabilisierender „Fremdkörper“ die höfische Ordnung gefährdet und welche Konsequenzen sein gewaltsamer Tod für die betroffenen Figuren und das Machtgefüge hat.
- Politisch-soziale sowie psychologische Motive des Mordes
- Die ambivalenten Wesenszüge Siegfrieds zwischen Höfischkeit und Heroentum
- Die Rolle von Neid, verschmähter Liebe und Intrigen
- Die Auswirkungen des Mordes auf die Stabilität der höfischen Gemeinschaft
- Differenzen in der Darstellung und Demythisierung des Helden bei Hebbel
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Hagens Neid
Bereits in der ersten Szene des ersten Aktes von Hebbels Die Nibelungen ist eine negative Haltung Hagens gegenüber Siegfried zu beobachten. Als er sich mit Gunther, Volker und weiteren Burgundern über Siegfried und Brünhild unterhält, fragt er: Darf denn noch fechten, wer nicht fallen kann? (V. 105) und stellt damit Siegfrieds Heldentum in Frage. Siegfrieds Ankunft am Wormser Hof kommentiert er mit den Worten Wer zöge wohl / So trotzig bei uns ein, wenn er’s nicht wäre, / Und hätte doch nur zwölfe im Gefolg! (V. 162–164). Siegfried scheint Hagens ablehnende Haltung ihm gegenüber zu bemerken und antwortet auf seine Begrüßung: Doch wenn dich das verdreußt, / Was ich hier sprach, so brauchst du’s nur zu sagen, / Ich setze gern den Königssohn beiseite / Und stehe dir, als wärst du Gunther selbst. (V. 233–236).
Spätestens beim Steinwerfen, wozu Siegfried die Burgunder auffordert, um spielerisch ihre Kräfte zu messen (vgl. V. 252), wird diese Annahme bestätigt. Ute und Kriemhild, die die Männer beobachten, berichten teichoskopisch, dass Siegfried weiter wirft als Giselher, Gernot und Gunther, die Männer jedoch lachen, da er’s nicht übel meint (V. 387). Doch als Hagen an der Reihe ist, stellt Ute fest: Dem schwärt’s im Herzen, / So fröhlich er auch tut! (V. 402f.). Da Siegfried es gelingt, auch ihn zu übertrumpfen, diesmal mit weitem Vorsprung, kommentiert Ute: Wischt er sich endlich auch einmal die Stirn. / Gott Lob! Sonst käm der Tronjer um vor Wut! (V. 420f.). Die Ursache für diese Wut von Hagen ist sein Neid auf die eindeutige körperliche Überlegenheit von Siegfried. Für Hagen ist es kein spielerisches Kräftemessen, sondern er erachtet Siegfried als Konkurrenten. Er gönnt ihm seinen Sieg nicht, sondern fühlt sich von ihm gedemütigt und ist neidisch.
Zusammenfassung der Kapitel
1 ‚Fremdkörper‘ Siegfried: Einführung in die Charakterisierung Siegfrieds als potenzieller Störenfried im höfischen Kontext und Erläuterung der Motivation für die wissenschaftliche Untersuchung.
2 Gründe für Siegfrieds Ermordung: Analyse der verschiedenen Beweggründe, unterteilt in politisch-soziale Faktoren, psychologische Aspekte bei Hebbel sowie die Untersuchung von Siegfrieds auffälligem, ambivalentem Verhalten.
3 Die Konsequenzen der Ermordung: Untersuchung der Wirksamkeit der Ermordung hinsichtlich der Wiederherstellung der höfischen Ordnung sowie die kritische Reflexion über die tatsächliche Zielerreichung der Antagonisten.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Friedrich Hebbel, Siegfried, Hagen von Tronje, Brünhild, Kriemhild, Heldentum, höfische Ordnung, Mordmotiv, Neid, Demythisierung, Machtverhältnisse, Standeslüge, Identitätskonflikt, literarische Rezeption
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Ursachen und Folgen der Ermordung Siegfrieds, wie sie im Nibelungenlied sowie in Friedrich Hebbels dramatischem Werk dargestellt sind.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen Machtkonflikte, das Spannungsfeld zwischen höfischer Zivilisation und archaischem Heldentum sowie psychologische Motivationen der Hauptfiguren.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Untersuchung?
Es wird untersucht, warum der „bedrohliche Held“ Siegfried sterben muss, ob sein eigenes Verhalten dazu beiträgt und welche Auswirkungen sein Tod auf das Gefüge in Worms hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparatistische und literaturwissenschaftliche Analyse, indem sie Primärtexte mit einschlägiger Sekundärliteratur vergleicht und interpretatorisch auswertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung politisch-sozialer Hintergründe (wie den Königinnenstreit), psychologischer Motive wie Hagens Neid und Brünhilds Schmerz sowie eine Charakterstudie des devianten Helden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Publikation?
Wesentliche Begriffe sind Nibelungenlied, Heldenepos, Demythisierung, Intrige, Machtverhältnisse und die Analyse von Verrat und Rache.
Inwiefern unterscheidet sich Hebbels Darstellung von der des Nibelungenlieds?
Hebbel fokussiert stärker auf eine psychologische Motivation der Handelnden und treibt eine Rationalisierung beziehungsweise Entmythologisierung der Heldenfigur voran.
Kann man von einer erfolgreichen Wiederherstellung der Ordnung in Worms sprechen?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Ordnung allenfalls oberflächlich wiederhergestellt wird, da langfristig durch Kriemhilds Rache eher die Zerstörung des Ganzen provoziert wird.
Erreichen Hagen und Brünhild bei Hebbel ihre angestrebten Ziele?
Nein, die Arbeit verneint dies, da Hagen in Isolation und Zwiespalt landet und Brünhild tragisch an der Unmöglichkeit ihrer Liebe scheitert.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2022, Der bedrohliche Held. Warum Siegfried sterben muss im "Nibelungenlied" und bei Hebbels "Die Nibelungen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1585205