Insbesondere in den beiden Kapiteln in "Du pédantisme" (I, 25) und "De l’institution des enfants" (I, 26) aus dem Jahre 1580, die „im Herzen des ersten Bandes“ stehen, manifestieren sich die pädagogischen Anschauungen bzw. Forderungen des Essayisten. Das Hauptanliegen der vorliegenden Seminararbeit besteht darin, anhand der genannten Essays die konkreten Auffassungen Montaignes hinsichtlich Erziehung und Bildung in seinem ersten Buch herauszuarbeiten. Zudem soll beleuchtet werden, mit welchen sprachlichen Mitteln er seine Ansichten an den Leser heranträgt. Ziel ist es, durch die inhaltliche Analyse prägnanter Textstellen eine thematische Strukturierung der beiden Kapitel zu etablieren, die themenmäßig ineinandergreifen und stellenweise – bezeichnend für Montaignes Schreibstil – von gedanklichen Sprüngen, Wiederholungen und einer Art „fricassée“ geprägt sind.
„Wir müssen die Weisheit nicht allein erlangen, sondern uns auch dieselbe zu Nutze machen“. Mit diesen Worten Ciceros postuliert Michel de Montaigne eine seiner wesentlichen Forderungen in Bezug auf die ideale Ausbildung. Der französische Philosoph gilt als Begründer der Essayistik und als bedeutender Vertreter des 16. Jahrhunderts – einer Epoche, die sich durch einen umfassenden Wandel des Denkens und der Kultur auszeichnet, der auf eine Rückbesinnung auf die Ideale der Antike zurückzuführen und als Renaissance bekannt ist. In diesem geistigen Hintergrund entwickelte sich der Humanismus, eine Bewegung, die den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt rückt. Montaignes humanistisches Erziehungs- und Bildungskonzept steht ganz in dieser Tradition, wenn er die individuelle Entfaltung des Menschen betont und sich dabei kontinuierlich am Denken antiker Schriftsteller orientiert. Auch sind seine Essays, symbolisch für das Bestreben seiner Zeit eine eigene Sprache zu etablieren, in der Volkssprache Französisch verfasst.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Montaignes humanistisches Erziehungs- und Bildungskonzept
- 2 Du pédantisme (I, 25)
- 2.1 Allgemeines und Begriffserläuterung
- 2.2 Ablehnung von Pedanterie und mémoire
- 2.3 Förderung von Wesensbildung und jugement
- 2.4 Wissenschaften nicht für jedermann geeignet
- 3 De l'institution des enfants (I, 26)
- 3.1 Allgemeines und Begriffserläuterung
- 3.2 Schwierigkeiten und Grenzen
- 3.3 Idealer Hofmeister
- 3.4 Geeignete Lehrinhalte
- 3.5 Formung eines gentilhomme
- 4 Inhaltliche und sprachliche Zusammenfassung
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Das Hauptanliegen dieser Seminararbeit ist es, anhand der Montaigne-Essays "Du pédantisme (I, 25)" und "De l'institution des enfants (I, 26)" die konkreten Auffassungen des Philosophen hinsichtlich Erziehung und Bildung in seinem ersten Buch herauszuarbeiten. Des Weiteren wird beleuchtet, mit welchen sprachlichen Mitteln er seine Ansichten dem Leser vermittelt.
- Montaignes Kritik an traditioneller Gelehrsamkeit und Pedanterie.
- Die Betonung von Wesensbildung und Urteilskraft (jugement) als zentrale Bildungsziele.
- Die Vorstellung des idealen Hofmeisters und angepasster Lehrmethoden.
- Geeignete Lehrinhalte, die über reine Buchgelehrsamkeit hinausgehen.
- Die Formung eines "gentilhomme" als Endziel der Erziehung.
- Analyse der sprachlichen und stilistischen Mittel in Montaignes Essays.
Auszug aus dem Buch
Ablehnung von Pedanterie und mémoire
Zu Beginn des Essays erinnert sich Montaigne daran, dass der Pedant als lächerliche Figur in der italienischen Komödie des 16. Jahrhunderts schon in seiner Kindheit verspottet wurde: „[T]oujours un pedante pour badin, Et le surnom de magister, n'avait guère plus honorable signification parmi nous.“ (S. 295). Inzwischen kennt er den Grund dafür: Die Gelehrtesten sind nicht die Gescheitesten, denn sie bemühen sich nur darum, ihr Gedächtnis, sprich la mémoire, zu füllen, der Verstand und das Bewusstsein bleiben jedoch leer (vgl. S. 299). Montaigne vergleicht dies mit Vögeln zur Brutzeit: „Tout ainsi que les oiseaux vont quelquefois à la quête du grain, et le portent au bec sans le tâter, pour en faire becquée à leurs petits : ainsi nos pedantes vont pillotant la science dans les livres, et ne la logent qu'au bout de leurs lèvres, pour la dégorgeur seulement, et mettre au vent.“ (S. 299f.). So kritisiert er die Pedanten für ihre reine Anhäufung von Wissen, ohne davon tatsächlich genährt zu werden.
Indessen reflektiert Montaigne sein eigenes Verhalten: „Est-ce pas faire de même, ce que je fais en la plupart de cette composition ?“ (S. 300). Schließlich entnimmt er selbst aus fremden Büchern Wissen und zitiere Cicero und Platon wie „un perroquet“ (S. 301). Allerdings betont Montaigne im Folgenden, und rechtfertigt damit sein Vorgehen, die Wichtigkeit sich Wissen zu Nutze zu machen, und ergänzt durch eine Aneinanderreihung rhetorischer Fragen: „Que nous sert-il d'avoir la panse pleine de viande, si elle ne se digère, si elle ne se transforme en nous ? si elle ne nous augmente et fortifie ?“ (S. 301). Mit dieser Metaphorik der Verdauung illustriert Montaigne die Notwendigkeit der Einverleibung fremden Wissens. Aus diesem Grund missbilligt der Philosoph zum einen diejenigen Gelehrten, die sich mit ihrer Wissenschaft nur zur Schau stellen, ohne sie produktiv zu nutzen und vor allem, ohne sie an ihre Schüler weiterzugeben, wie „une vaine monnaie inutile à tout autre usage et emploi, qu'à compter et jeter.“ (S. 300), zum anderen diejenigen, deren Gelehrsamkeit mehr Schein als Sein ist. Als Exemplum hierfür nennt Montaigne den Römer Calvisius Sabinus, der sich stets mit gelehrten Männern umgab und „pensait ce savoir être sien, parce qu'il était en la tête de ses gens : et comme font aussi ceux, desquels la suffisance loge en leurs somptueuses librairies.“ (S. 301).
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1: Montaignes humanistisches Erziehungs- und Bildungskonzept: Dieses Kapitel führt in Montaignes Erziehungsphilosophie ein, die im Kontext des Humanismus der Renaissance steht und die individuelle Entfaltung sowie die Rückbesinnung auf antike Ideale betont.
Kapitel 2: Du pédantisme (I, 25): Montaigne kritisiert hier die "falsche Gelehrsamkeit" und das bloße Auswendiglernen (mémoire) der Pedanten, indem er die Notwendigkeit der Wesensbildung und Urteilskraft (jugement) hervorhebt.
Kapitel 3: De l'institution des enfants (I, 26): In diesem Kapitel erläutert Montaigne seine Vorstellungen vom idealen Hofmeister, geeigneten Lehrinhalten und der Formung eines "gentilhomme", wobei er Wert auf individuelle Förderung und praktische Anwendung des Wissens legt.
Kapitel 4: Inhaltliche und sprachliche Zusammenfassung: Dieses abschließende Kapitel fasst Montaignes Kritik an traditionellen Erziehungsmethoden zusammen, unterstreicht die Bedeutung von Urteilskraft und weltoffener Persönlichkeit und analysiert die bildhafte Sprache und die Verwendung antiker Zitate in seinen Essays.
Schlüsselwörter
Montaigne, Erziehung, Bildung, Humanismus, Renaissance, Pedanterie, Urteilskraft (jugement), Gedächtnis (mémoire), gentilhomme, Hofmeister, Essais, Philosophie, sprachliche Mittel, Rhetorik, Antike, 16. Jahrhundert.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit Michel de Montaignes Ansichten zu Erziehung und Bildung, insbesondere wie sie in seinen Essays "Du pédantisme (I, 25)" und "De l'institution des enfants (I, 26)" dargelegt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind Montaignes Kritik an traditioneller Gelehrsamkeit, die Förderung von Urteilskraft und Wesensbildung, die Rolle des idealen Hofmeisters, geeignete Lehrinhalte und das Ideal des "gentilhomme".
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, Montaignes konkrete Auffassungen zu Erziehung und Bildung in den genannten Essays herauszuarbeiten und die dabei verwendeten sprachlichen Mittel zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer inhaltlichen Analyse prägnanter Textstellen aus Montaignes Essays, um eine thematische Strukturierung seiner pädagogischen Anschauungen zu etablieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt Montaignes humanistisches Erziehungs- und Bildungskonzept, seine Ablehnung von Pedanterie und bloßem Auswendiglernen, die Förderung von Urteilskraft, die Rolle des idealen Hofmeisters, geeignete Lehrinhalte und das Ideal der Formung eines "gentilhomme".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Montaigne, Erziehung, Bildung, Humanismus, Renaissance, Pedanterie, Urteilskraft (jugement), Gedächtnis (mémoire), gentilhomme, Hofmeister, Essais, Philosophie, sprachliche Mittel, Rhetorik, Antike, 16. Jahrhundert.
Wie unterscheidet Montaigne die Erziehung in Lacedämon von der in Athen?
Montaigne hebt hervor, dass in Lacedämon Tapferkeit, Klugheit und Gerechtigkeit gefördert wurden, indem Kinder Taten beurteilten und Ansichten begründeten, während in Athen der Schwerpunkt auf der Rhetorik und dem "gut Reden" lag. In Lacedämon lernte man "gut Handeln".
Welche Rolle spielt die Individualität des Kindes in Montaignes Erziehungskonzept?
Montaigne betont, dass Erziehung nur fruchtbar ist, wenn die Individualität der Kinder berücksichtigt wird und nicht alle Schüler "d'une même leçon, et pareille mesure de conduite" erzogen werden.
Warum lehnt Montaigne reine Buchgelehrsamkeit und bloßes Auswendiglernen ab?
Montaigne kritisiert, dass reines Buchwissen und Auswendiglernen den Verstand nicht nähren und die Urteilskraft nicht fördern. Er sieht dies als passive Anhäufung von Wissen, das nicht internalisiert oder produktiv angewendet wird.
Welche Bedeutung misst Montaigne dem Reisen und dem Kennenlernen anderer Kulturen bei?
Montaigne erachtet das Reisen als äußerst gewinnbringend, da der Schüler fremde Länder und Kulturen kennenlernen und durch den Austausch mit Menschen seine Urteilskraft stärken soll, um sich selbst und die Welt besser zu verstehen.
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- Anonym (Autor:in), 2023, Erziehung und Bildung bei Montaigne in "Du pédantisme" (I, 25) und "De l’institution des enfants" (I, 26), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1585249