1.Einleitung
„Schuldlosigkeit kann es in den Lebensbeziehungen der Menschen nicht geben, weil Verantwortung übernommen werden muß. Wenn Schuldlosigkeit zum obersten Kriterium ärztlichen Handelns würde, stünde nicht der anvertraute Mensch […] im Mittelpunkt aller Erwägungen, sondern das ‚Ich des Artzes‘.“
Die These wurde von dem evangelischen Theologen Hans Grewel aufgestellt. Er deutet damit an, welche Konsequenzen erfolgen können, wenn die Ärzte in ihren medizinischen Handlungen verantwortungslos und schuldfrei wären. Wenn die Ärzte demzufolge von jeglicher Schuld und Verantwortung befreit wären, würde ihr eigenes Wohlbefinden im Zentrum ihres Handelns stehen und nicht das, der zu behandelnden Patienten. Sie könnten die Behandlungen ihrer Patienten nach ihrem eigenen Anliegen richten, was bedeuten würde, dass sie sich solche Behandlungsmöglichkeiten aussuchen könnten, die für sie selbst zeit- und kraftsparender, auch wenn sie nicht förderlich für die Genesung ihrer Patienten wären.
Aus Grewels Zitat folgend entstehen die Fragen, welche (in-)signifikante Rolle Schuld und Verantwortung in der modernen Medizin tatsächlich spielen oder spielen müssten und welche Bedeutung die Ethik hat, vor allem beim Töten und Sterben lassen von Patienten und beim Tun und Unterlassen bei Behandlungen. Um die Fragen prägnant beantworten zu können, werden die genannten Aspekte anhand eines Fallbeispiels aus der Medizin bearbeitet. Dieses Fallbeispiel wurde von dem Dozenten Prof. Dr. med Eike Uhlich in einer medizinischen Vorlesung in Hofheim vorgeführt und von ihm selbst erlebt, wie der folgende Satz über das zu bearbeitende Beispiel in dieser Hausarbeit, über die passive Euthanasie, verdeutlicht: „Wie allein man als der verantwortliche Arzt sein kann, soll Ihnen unser letztes Beispiel zeigen, das mich selbst damals sehr bewegt und belastet hat.“
Nachdem zunächst das Fallbeispiel des Dozenten vorgestellt wird, folgt anschließend die Herausarbeitung. Hierbei wird das Augenmerk auf die Frage gelegt, ob Grewels Zitat, dass Ärzte nicht schuldfrei sind und sein dürfen, stimmt und aus welchen Gründen diese Position bestärkt wird. Ist es in der modernen Medizin überhaupt möglich, als Arzt Schuld auf sich zu laden, oder ist die Freiheit des Handelns der Ärzte so eingeschränkt, dass sie einer strengen Vorgabe in ihren Handlungen unterliegen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Fallbeispiel „passive Euthanasie“
2.1 Kurze Erläuterung des Falls
2.2 Die medizinische Ethik
2.3 Töten und Sterben lassen
3. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die Bedeutung von ethischer Verantwortung und Schuld im medizinischen Handeln. Anhand eines konkreten Fallbeispiels wird analysiert, wie Mediziner entscheiden, wenn Patienten ihren Willen nicht mehr äußern können und ein Konflikt zwischen ärztlichen Richtlinien, dem Patientenwohl und den Wünschen von Angehörigen besteht.
- Die Rolle von Schuld und Verantwortung in der modernen Medizin
- Ethische Grundlagen bei der Entscheidungsfindung in Grenzsituationen
- Die Abgrenzung von aktivem Töten und passivem Sterben lassen
- Der Umgang mit Patienten, die keinen erklärten Willen besitzen
- Das Spannungsfeld zwischen Patientenautonomie und ärztlicher Fürsorge
Auszug aus dem Buch
2.2 Die medizinische Ethik
Die Grundfrage der philosophischen Ethik ist: „Wie soll ich handeln? Sie fragt nicht nach dem, was ist, sondern nach dem, was sein soll.“ Das Ziel der philosophischen Ethik ist es, herauszustellen, was moralisch richtig (geboten) oder falsch (verboten) ist und wodurch eine Handlung moralisch richtig oder falsch wird. Die medizinische Ethik hingegen beinhaltet nur das Reflektieren der moralischen Fragen und Konflikte im medizinischen Bereich. Aufgrund der modernen Behandlungsmöglichkeiten der Lebensverlängerung ist es in der modernen Medizin notwendig, den Nutzen und die möglichen Risiken einer Behandlung behutsam abzuwägen.
Es gibt jedoch noch weitere Aspekte, die sich in der modernen Medizin verändert haben. Auf einen gesellschaftlichen Konsens kann „in vielen moralischen Streitfragen im biomedizinischen Bereich nicht mehr zurückgegriffen werden.“ Ebenfalls hat sich das Verhältnis zwischen Arzt und Patient verändert, da die ärztliche Entscheidungsautorität in Frage gestellt wird und der Patient im Entscheidungsprozess der bevorstehenden Behandlung eine ebenso wichtige Rolle spielt, wie der Arzt selbst. Während der Pflege der Patienten entscheiden demzufolge Patient und Arzt gemeinsam, welche Schritte für die Heilung notwendig sind.
Für den Fall, dass bei einer Behandlung dem Arzt jedoch keine Einwilligungen der Patienten vorliegen und diese nicht in der Lage sind ihre Wünsche zu äußern, gibt es für die medizinische Versorgung der jeweiligen Person dreierlei Möglichkeiten. Wenn der Patient einen erklärten Willen abgegeben hat, bekommt eine dritte Person, beispielsweise ein Ehemann oder die Eltern, die Vollmacht über die Behandlung des Patienten. Wenn es diesen erklärten Willen jedoch nicht gibt, muss der behandelnde Arzt nach dem mutmaßlichen Willen des Patienten handeln. Wenn der Arzt hingegen nicht den Willen des Patienten einschätzen kann, gibt es die dritte Möglichkeit, dass der Arzt nach allgemeinen Wertvorstellungen handelt und objektiv gesehen entscheidet, aus welcher Behandlung das größtmögliche Wohl für den Patienten resultiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik von Schuld und Verantwortung in der ärztlichen Praxis ein und präsentiert die Forschungsfragen anhand eines persönlichen Fallbeispiels eines Dozenten.
2. Das Fallbeispiel „passive Euthanasie“: In diesem Kapitel wird ein konkreter medizinischer Fall geschildert, in dem eine unheilbar kranke Patientin trotz gegenteiliger Bitte des Ehemannes nicht weiter behandelt wird.
2.1 Kurze Erläuterung des Falls: Hier wird der gesundheitliche Zustand der Patientin detailliert beschrieben und die Entscheidung des Arztes gegen weitere lebenserhaltende Maßnahmen dargelegt.
2.2 Die medizinische Ethik: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der medizinischen Ethik, insbesondere den Umgang mit Patienten, die keinen expliziten Willen äußern können.
2.3 Töten und Sterben lassen: Dieses Kapitel analysiert die rechtliche und ethische Unterscheidung zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe sowie die Einordnung des beschriebenen Falls.
3. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass ethische Prinzipien auch heute eine zentrale Rolle bei der Entscheidungsfindung spielen, selbst wenn Mediziner in Ausnahmesituationen gegen Angehörigenwünsche handeln müssen.
Schlüsselwörter
Medizinethik, Passive Euthanasie, Patientenautonomie, Schuld, Verantwortung, Ärztliches Handeln, Patientenwohl, Sterbehilfe, Lebensverlängerung, Medizinrecht, Moral, Entscheidungsfindung, Bioethik, Sterben lassen, hippokratischer Eid
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die ethischen Herausforderungen bei der ärztlichen Entscheidungsfindung, insbesondere im Hinblick auf Schuld und Verantwortung in der modernen Medizin.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind passive Sterbehilfe, die Rolle der medizinischen Ethik, die Patientenautonomie und der rechtliche Rahmen bei fehlenden Patientenverfügungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, ob und inwieweit Ärzte in der modernen Medizin durch ihre Handlungen Schuld auf sich laden und wie sie sich in Grenzsituationen moralisch korrekt verhalten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine fallanalytische Methode, bei der ein konkretes Praxisbeispiel aus der Medizin auf Basis von Fachliteratur und ethischen Prinzipien reflektiert wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Fallbeispiel einer passiven Euthanasie, die theoretischen Hintergründe der medizinischen Ethik sowie die Unterscheidung zwischen aktivem Töten und passivem Sterben lassen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Medizinethik, passive Euthanasie, Verantwortung, Patientenautonomie und das Wohl des Patienten.
Warum entscheidet sich der Arzt im Fallbeispiel gegen den Wunsch des Ehemannes?
Der Arzt entscheidet sich gegen den Willen des Ehemannes, da er die Situation der Patientin aus einer objektiven, medizinisch-ethischen Perspektive betrachtet und eine weitere Behandlung als sinnlos und menschenunwürdig bewertet.
Welche Rolle spielt der mutmaßliche Wille bei der Behandlung?
Wenn kein expliziter Patientenwille vorliegt, ist der Arzt verpflichtet, nach dem mutmaßlichen Willen des Patienten zu handeln oder, falls dieser nicht ermittelbar ist, nach objektiven Kriterien des Patientenwohls zu entscheiden.
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- Susanne Hahn (Author), 2010, Die Rolle der Ethik in der modernen Medizin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158598