Im Rahmen der Blockveranstaltung „Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland und England (Child Care in Germany and the UK)“ habe ich mich im Folgenden mit der Fragestellung: „Welche Schlussfolgerungen können für die Praxis der Ju-gendhilfe in Deutschland durch den Vergleich mit anderen Ländern gezogen werden?“ beschäftigt.
Im Zuge der immer weiter voranschreitenden Globalisierungsprozesse speziell auf europäischer Ebene ist es nachvollziehbar, dass Ansätze und Grundlagen Sozialer Arbeit im Allgemeinen und das System der Jugendhilfe im Besonderen aus dem europäischen Ausland zur Kenntnis genommen werden muss und die Fachkräfte der Sozialen Arbeit diesbezüglich offen für neue Anregungen sein sollten. Eine Schwierigkeit besteht allerdings darin, dass sich die theoretischen und praktischen Vorgehensweisen in jedem Land unterschiedlich darlegen und die Kenntnisse, die mithilfe eines Vergleichs daraus gewonnen werden sollen nicht immer sofort ersichtlich sind. Aus diesem Grund ist ein genauer Überblick und vertieftes Hintergrundwissen der zu vergleichenden Subjekte im internationalen Kontext wichtig. Im Vorfeld einer solchen Herangehensweisen an Themen der Sozialen Arbeit sollte man sich jedoch neben der Auseinandersetzung mit dem Aspekt der Relevanz einer interkulturellen Sichtweise und die damit verbundene Effektivität für die soziale Theorie und Praxis, verstärkt mit den Rahmenbe-dingungen der Jugendhilfesysteme befassen.
Aus diesem Grund werde ich im Folgenden zuerst auf die Interkulturelle Kompe-tenz als Schlüsselkompetenz der Fachkraft der Sozialen Arbeit eingehen und darlegen, aus welchen Gründen diese Fähigkeit für die Methodik des Vergleichs von Bedeutung ist. Im Anschluss daran sollen die Jugendhilfesysteme in Deutschland und in England vor allem bezüglich ihrer Organisationsstruktur be-handelt und in der Folge miteinander auf Affinitäten und Differenzen hin unter-sucht werden. Dieser Vergleich soll abschließend auf seine Relevanz und seinen Nutzen hin geprüft und unter Einbeziehung der Begrifflichkeit ‚Global Social Work‘ kritisch betrachtet werden. Das zusammenfassende Fazit beschäftigt sich schließlich mit der Beantwortung der eingangs gestellten Frage, der Bedeutung einer solchen Veranstaltung im Rahmen des Studiums der Sozialen Arbeit und einem Ausblick auf zukünftige themenbezogene Erkenntnisse.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Interkulturelle Kompetenz
3. Praxis der Jugendhilfe
3.1 Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland
3.1.1 Fallbeispiel Inobhutnahme Deutschland
3.2 Child Care in England
3.2.1 Fallbeispiel Kindeswohlgefährdung England
3.3 Vergleich der Jugendhilfesysteme
3.3.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Jugendhilfe in Deutschland und England
3.3.2 Relevanz eines solchen Vergleichs (Global Social Work)
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, durch einen systematischen Vergleich der Jugendhilfesysteme in Deutschland und England praxisrelevante Schlussfolgerungen abzuleiten. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, welche Erkenntnisse aus der internationalen Perspektive für die Weiterentwicklung der Jugendhilfe in Deutschland gewonnen werden können und wie ein solcher Vergleich zur beruflichen Professionalisierung beiträgt.
- Grundlagen der interkulturellen Kompetenz in der Sozialen Arbeit
- Struktureller und rechtlicher Aufbau der Jugendhilfe in Deutschland
- Analyse des englischen „Child Care“-Systems und des Children Act
- Komparative Untersuchung von Hilfeplanungen und Kinderschutzverfahren
- Bedeutung von „Global Social Work“ für moderne pädagogische Konzepte
Auszug aus dem Buch
3.1.1 FALLBEISPIEL INOBHUTNAHME DEUTSCHLAND
Nachfolgend soll mithilfe eines kurzen Fallbeispiels die klassische Vorgehensweise von Sozialarbeiter/innen, welche beim Jugendamt tätig sind, im Falle einer Inobhutnahme dargelegt werden.
Frau R. ist Sozialarbeiterin beim Jugendamt der Stadt Gelsenkirchen. Während ihres Dienstes erhält sie einen Anruf von Frau M., welche ihr berichtet, dass in der Nachbarwohnung seit Stunden Kinder schreien. Auch erläutert Frau M. weiter, dass die zwei und vier Jahre alten Kinder öfter über einen längeren Zeitraum weinen, aber an diesem Tag sei es besonders schlimm.
Die Aufgabe von Frau R. besteht nun darin, möglichst viele Informationen von der Anruferin zu erhalten. Im Anschluss daran wird sie bei den Kollegen vom Jugendhilfedienst nachfragen, ob die Familie bereits in irgendeiner Form bekannt ist. Falls es ihr nicht gelingt, die Eltern der Kinder telefonisch zu erreichen, wird sie, vor allem im Hinblick auf das Alter der Kinder, zusammen mit einem/einer Kollege/in zu der Wohnung fahren, um gem. § 8 a Abs. 1 S. 1 KJHG das Gefahrenrisiko abzuschätzen. Wenn sie vor Ort die Eltern der Kinder persönlich antrifft, wird sie sich die Wohnung und die Kinder ansehen und den Eltern falls nötig Hilfe anbieten und konkret weitere Schritte besprechen, gem. § 8 a Abs. 1 S. 3 KJHG. Wenn Frau R. allerdings zusammen mit ihrem/ihrer KollegIn zu der Einschätzung gelangt, dass die Kinder akut gefährdet sind, wird sie die Kinder, gem. §§ 8 a Abs. 3 S. 2, 42 KJHG in Obhut nehmen, falls die Eltern nicht freiwillig zur Herausgabe der Kinder bereit sind. Wird sie dagegen von vorneherein nicht in die Wohnung gelassen und stellt sich die Situation ihrer Meinung nach vor der Wohnungstür als Kindeswohlgefährdung dar, kann sie notfalls mit polizeilicher Unterstützung die Wohnung öffnen lassen und im Anschluss daran weitere notwendige Schritte einleiten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der vergleichenden Jugendhilfe ein und formuliert die zentrale Fragestellung sowie die Relevanz des internationalen Austauschs.
2. Interkulturelle Kompetenz: Das Kapitel definiert interkulturelle Kompetenz als essenzielle Schlüsselqualifikation für Fachkräfte der Sozialen Arbeit in einer globalisierten Gesellschaft.
3. Praxis der Jugendhilfe: Dieser Hauptteil analysiert die rechtlichen Rahmenbedingungen und die Praxis der Jugendhilfe in Deutschland und England unter Einbeziehung konkreter Fallbeispiele und Systemvergleiche.
4. Fazit: Das Fazit fasst die gewonnenen Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit, durch internationale Vergleiche die eigene Praxis kritisch zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
Schlüsselwörter
Jugendhilfe, Deutschland, England, Kindeswohlgefährdung, Inobhutnahme, Children Act, Interkulturelle Kompetenz, Soziale Arbeit, Global Social Work, Hilfeplan, Fremdunterbringung, Kinderschutz, Sozialpädagogik, Globalisierung, Jugendamt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einem vergleichenden Blick auf die Jugendhilfesysteme in Deutschland und England, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der sozialen Praxis und Rechtsprechung aufzuzeigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören das Kinderschutzverfahren, die Organisation der Jugendhilfe, die interkulturelle Kompetenz von Sozialarbeitern sowie der Umgang mit Fremdunterbringung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aus dem Vergleich mit dem englischen System Schlussfolgerungen für die deutsche Jugendhilfepraxis zu ziehen und den Nutzen internationaler Perspektiven für das Studium der Sozialen Arbeit zu belegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Methode des internationalen Vergleichs, basierend auf einer Analyse rechtlicher Grundlagen, Strukturdaten und der Anwendung auf konkrete Fallbeispiele.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Systeme in Deutschland und England, vergleicht diese hinsichtlich ihrer Organisationsstrukturen und evaluiert die Relevanz dieser Vergleiche für die Profession.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Jugendhilfe, Kindeswohl, Children Act, KJHG, Inobhutnahme und interkulturelle Kompetenz.
Welche Rolle spielt der Children Act für das englische System?
Der Children Act (1989/2004) bildet die zentrale rechtliche Grundlage und bündelt verschiedene Bereiche des Familien- und Jugendhilferechts, um ein kohärentes Kinderschutzkonzept zu ermöglichen.
Wie unterscheidet sich die Praxis der Hilfeplanung?
Während in Deutschland die Hilfeplanung oft als formeller Prozess (HPG) stattfindet, liegt der Fokus in England stärker auf dem „assessment“ und der fortlaufenden Überprüfung in sogenannten „review meetings“.
- Quote paper
- Nina Bethke (Author), 2010, Welche Schlussfolgerungen können für die Praxis der Jugendhilfe in Deutschland durch den Vergleich mit anderen Ländern gezogen werden?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158704