Wie haben sich die institutionellen und strukturellen Barrieren im deutschen Bildungssystem im Laufe der Geschichte bis heute entwickelt und welche Auswirkungen hatten diese auf die Bildungschancen von Migrantenkindern?
Ziel dieser Arbeit ist es, die institutionellen und strukturellen Barrieren im deutschen Bildungssystem zu analysieren und deren Entwicklung seit den 1970er Jahren bis heute nachvollziehen zu können. Dabei soll untersucht werden, wie diese Barrieren die Bildungschancen von Migrantenkindern beeinflussen und welche Strukturen dazu beitragen, dass soziale Ungleichheiten bestehen bleiben. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung von primären und sekundären Herkunftseffekten sowie ihre Bedeutung im Kontext der Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund. Darüber hinaus wird diese Arbeit internationale Vergleichsperspektiven einbeziehen, insbesondere durch den Vergleich des deutschen Systems mit den skandinavischen Bildungssystemen, die als Vorbild für inklusive und chancengleiche Bildungsstrukturen gelten.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 1.1 Hintergrund und Kontext des Themas
- 1.2 Zielsetzung der Arbeit
- 1.3 Die Forschungsfrage
- 2. Theoretischer Rahmen
- 2.1 Definition „institutionelle Benachteiligung“
- 2.2 Definition „Migration“
- 2.3 Definition „Bildungssystem“
- 3. Analyse struktureller Barrieren in Deutschland in der Geschichte bis in die Gegenwart
- 3.1 Die Entwicklung Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter
- 3.1.1 Erste Phase der Beschulung: Integration auf Zeit
- 3.1.2 Zweite Phase der Beschulung: Kompensatorische Bildungsmaßnahmen
- 3.1.3 Dritte Phase der Beschulung – Ablösung der Ausländerpolitik durch interkulturelle Pädagogik
- 3.1.4 Vierte Phase der Beschulung – Beseitigung der Leistungsdiskrepanzen
- 3.2 Die Flüchtlingswellen
- 3.2.1 Die Flüchtlingswelle 2015
- 3.2.2 Die Flüchtlingswelle 2022
- 3.2.3 Unterschiedliche Integrationswege: Geflüchtete in Deutschland
- 3.1 Die Entwicklung Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter
- 4. Empirische Grundlagen: Schulleistungsstudien
- 4.1 Einführung in die PISA-Studie
- 4.1.1 Definition und Zielsetzung der PISA-Studie
- 4.1.2 Durchführung und Methodik der PISA-Studie
- 4.1.3 Schwerpunkte der verschiedenen Testzyklen
- 4.2 Zusammenhang der Kompetenzen und dem sozioökonomischen und- kulturellen Status der OECD-Staaten
- 4.2.1 Zusammenhang der Kompetenzen und dem sozioökonomischen und- kulturellen Status der OECD-Staaten in dem Kompetenzbereich Mathematik
- 4.2.2 Zusammenhang der Kompetenzen und dem sozioökonomischen und- kulturellen Status der OECD-Staaten in dem Kompetenzbereich Lesen
- 4.2.3 Ein Vergleich der Zusammenhänge der Kompetenzen und dem sozioökonomischen und- kulturellen Status der OECD-Staaten
- 4.1 Einführung in die PISA-Studie
- 5. Die Herkunftseffekte
- 5.1 Primäre und sekundäre Herkunftseffekte in Kindertageseinrichtungen
- 5.2 Primäre und sekundäre Herkunftseffekte bei Übergangssituationen
- 6. Skandinavische Bildungssysteme und Schulen in Deutschland
- 7. Schlussfolgerung
- 7.1 Rückblick auf die Forschungsfrage und Zielsetzung
- 7.2 Der Ausblick: zukünftige Forschung und mögliche Entwicklungen
- Literaturverzeichnis
- Anhang
Zielsetzung & Themen
Diese Bachelorarbeit hat das primäre Ziel, die Entwicklung und die Auswirkungen von institutionellen und strukturellen Barrieren im deutschen Bildungssystem auf die Bildungschancen von Migrantenkindern seit den 1970er Jahren tiefgehend zu analysieren. Die zentrale Forschungsfrage lautet: „Wie haben sich die institutionellen und strukturellen Barrieren im deutschen Bildungssystem im Laufe der Geschichte bis heute entwickelt und welche Auswirkungen hatten diese auf die Bildungschancen von Migrantenkindern?“
- Historische Entwicklung der Bildungspolitik für Migranten (Gastarbeiterkinder, Flüchtlingswellen).
- Definition und Analyse von „institutioneller Benachteiligung“, „Migration“ und „Bildungssystem“.
- Untersuchung von primären und sekundären Herkunftseffekten auf Bildungsentscheidungen und -erfolge.
- Bewertung der Bildungsungleichheiten in Deutschland anhand internationaler Schulleistungsstudien (PISA).
- Vergleiche mit inklusiven skandinavischen Bildungssystemen.
- Identifikation struktureller Barrieren und deren Einfluss auf die soziale Teilhabe von Migrantenkindern.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Erste Phase der Beschulung: Integration auf Zeit
Zu Beginn der Beschulung von Kindern ausländischer Herkunft in Deutschland verfolgten die politisch Verantwortlichen das Ziel, den Schülerinnen und Schülern die sprachlichen und kulturellen Besonderheiten ihrer Heimatländer zu bewahren. Aus diesem Grund wurden Kinder derselben Nationalität in separaten Klassen unterrichtet, wobei der Unterricht in ihrer Muttersprache durch Konsulatslehrerinnen und -lehrer stattfand, getrennt von den deutschen Schülerinnen und Schülern (vgl. Fereidooni, 2010, S. 40). Diese Trennung im Bildungssystem wurde von Bildungspolitikern damit gerechtfertigt, dass man den Kindern die Möglichkeit erhalten wollte, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Der muttersprachliche Unterricht wurde daher nicht als ein Schritt in Richtung einer multikulturellen Gesellschaft verstanden, sondern vielmehr als Mittel zur Vorbereitung auf eine mögliche Rückkehr der Gastarbeiterfamilien (vgl. Diefenbach, 2009, S. 154). Die Bildungspolitik war in dieser Phase stark von der Ausländerpolitik geprägt, die sich an den Bedürfnissen der ausländischen Arbeitskräfte orientierte (vgl. El-Mafaalani, 2020, S. 40).
Doch es zeigte sich, dass aus dem ursprünglich befristeten Aufenthalt vieler Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen eine dauerhafte Einwanderung wurde. Zwischen 1973 und 1979 stieg die Zahl der ausländischen Schülerinnen und Schüler in deutschen Schulen von etwa 300.000 auf 560.000 an, was einer Zunahme um das Anderthalbfache entspricht (vgl. Fereidooni, 2010, S. 40). Es nahm einige Zeit in Anspruch, bis die Dringlichkeit dieser Entwicklung erkannt wurde. Ein Beispiel hierfür ist der Strukturplan für das Bildungswesen des Deutschen Bildungsrates von 1970, in dem die spezifischen schulischen Herausforderungen ausländischer Kinder und Jugendlicher völlig ignoriert wurden (vgl. Hopf, 1994, S. 368). Zu dieser Zeit war es noch weitgehend unvorstellbar, dass die Arbeitsmigrantinnen und -migranten mit ihren Familien langfristig in Deutschland bleiben würden und dass die Integration ihrer Kinder eine zentrale, dauerhafte Aufgabe für das Bildungssystem darstellen würde. Im Laufe der Zeit reagierten einige Bundesländer auf den demografischen Wandel in den Schulen, indem sie ihre ursprünglichen Bildungskonzepte aufgaben. So wurden die sogenannten „National- oder Übergangsklassen“, die ursprünglich zur Unterstützung der Rückkehroption eingerichtet wurden, aufgrund ihrer segregierenden Wirkung nach und nach abgeschafft. Während einige Bundesländer, wie Nordrhein-Westfalen, diesen Schritt schnell vollzogen, hielten andere, wie Bayern, über ein Jahrzehnt an diesem Modell fest, bevor es schließlich ebenfalls aufgegeben wurde (vgl. Fereidooni, 2010, S. 40). Diese „Nationalklassen“, in denen keine Deutschkenntnisse vermittelt wurde, hatten zur Folge, dass Schülerinnen und Schüler nicht-deutscher Herkunft mehrheitlich gezwungen waren beziehungsweise dazu angehalten wurden weiterführende Schulen mit förderpädagogischer Ausrichtung zu besuchen (vgl. Fereidooni, 2010, S. 42). Diese Entwicklung markiert einen Wendepunkt in der schulischen Integration von Kindern mit Migrationshintergrund, da immer deutlicher wurde, dass eine dauerhafte Lösung notwendig war, um die langfristige Integration dieser Kinder in das deutsche Bildungssystem und die Gesellschaft insgesamt sicherzustellen. Müller berichtete bereits 1974 in seinem Handbuch „Alarm für die Schule: Die Erziehung und Berufsbildung ausländischer Kinder drohen zu scheitern“:
Unsere Erziehungs- und Bildungssystem und darüber hinaus unsere Gesellschaft ist vor die Aufgabe gestellt, jetzt und in Zukunft Millionen ausländischer Arbeiter und ihre Familien zu integrieren. Die Gesellschaft und ihre Institutionen können sich dieser Aufgabe nicht entziehen. Sie haben sie bisher nach Art und Graf so hinhaltend und abwehrend heruntergespielt, dass heute in der allernächsten Zukunft eine schwere und bedrohliche Hypothek abzutragen ist, die durch Ignorieren nur umso schneller weiterwächst (Müller, 1974, S. 9).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Skizziert die Rolle des deutschen Bildungssystems bei der sozialen Integration und dem Bildungserfolg von Migrantenkindern und beleuchtet die tief verwurzelten strukturellen Barrieren, die trotz Reformen fortbestehen.
2. Theoretischer Rahmen: Definiert Schlüsselbegriffe wie „institutionelle Benachteiligung“, „Migration“ und „Bildungssystem“, um die Mechanismen von Bildungsungleichheit zu analysieren.
3. Analyse struktureller Barrieren in Deutschland in der Geschichte bis in die Gegenwart: Untersucht die historische Entwicklung der Bildungspolitik für Migrantenkinder seit den 1970er Jahren, einschließlich der Beschulungsphasen für Gastarbeiterkinder und der Herausforderungen durch Flüchtlingswellen.
4. Empirische Grundlagen: Schulleistungsstudien: Präsentiert internationale Vergleichsstudien wie PISA und IGLU, um Bildungsungleichheiten in Deutschland, insbesondere den Einfluss des sozioökonomischen Status auf Leistung, zu beleuchten.
5. Die Herkunftseffekte: Erläutert primäre und sekundäre Herkunftseffekte, die Bildungsungleichheiten bei Kindern mit Migrationshintergrund beeinflussen, und analysiert deren Auswirkungen in Kindertageseinrichtungen und bei Übergangssituationen.
6. Skandinavische Bildungssysteme und Schulen in Deutschland: Vergleicht das deutsche Bildungssystem mit den inklusiveren skandinavischen Modellen, um Unterschiede in der Bildungs- und Sozialpolitik sowie deren Auswirkungen auf Chancengleichheit aufzuzeigen.
7. Schlussfolgerung: Fasst die Erkenntnisse über institutionelle und strukturelle Barrieren, frühe Selektion und Sprachdominanz zusammen und gibt einen Ausblick auf zukünftige Forschungsbedarfe und mögliche Entwicklungen.
Schlüsselwörter
Institutionelle Benachteiligung, Migrantenkinder, Bildungssystem, Strukturelle Barrieren, Deutschland, Chancengleichheit, PISA-Studie, Herkunftseffekte, Sozioökonomischer Status, Integration, Flüchtlingswellen, Kompensatorische Bildungsmaßnahmen, Interkulturelle Pädagogik, Selektion, Sprachförderung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert institutionelle und strukturelle Barrieren im deutschen Bildungssystem, die die Bildungschancen von Migrantenkindern nachhaltig beeinträchtigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Bildungspolitik für Migranten, primäre und sekundäre Herkunftseffekte, der Einfluss des sozioökonomischen Status sowie Vergleiche mit skandinavischen Bildungssystemen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet: „Wie haben sich die institutionellen und strukturellen Barrieren im deutschen Bildungssystem im Laufe der Geschichte bis heute entwickelt und welche Auswirkungen hatten diese auf die Bildungschancen von Migrantenkindern?“ Das Ziel ist eine umfassende Analyse dieser Barrieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine analytische Methode, die auf der Auswertung von Studien und Berichten basiert, insbesondere internationaler Vergleichsstudien wie PISA und IGLU, sowie historischen Analysen der Bildungspolitik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Definition zentraler Begriffe, die historische Entwicklung struktureller Barrieren, die Rolle von Schulleistungsstudien (PISA) und die Analyse von primären und sekundären Herkunftseffekten sowie einen Vergleich mit skandinavischen Bildungssystemen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind Institutionelle Benachteiligung, Migrantenkinder, Bildungssystem, Strukturelle Barrieren, Chancengleichheit, PISA-Studie, Herkunftseffekte, Integration, Flüchtlingswellen.
Wie hat sich die Bildungspolitik für Gastarbeiterkinder in Deutschland historisch entwickelt?
Anfangs zielte die Bildungspolitik auf "Integration auf Zeit" mit separaten muttersprachlichen Klassen ab, um eine mögliche Rückkehr zu ermöglichen, ignorierte aber die dauerhafte Einwanderung und führte zu Benachteiligung.
Welche Rolle spielen primäre und sekundäre Herkunftseffekte bei der Bildungsungleichheit?
Primäre Herkunftseffekte beziehen sich auf unterschiedliche Ausgangsbedingungen und Lernvoraussetzungen aufgrund des familiären Hintergrunds, während sekundäre Effekte die von der sozialen Herkunft beeinflussten Bildungsentscheidungen betreffen, unabhängig von der tatsächlichen Leistung.
Inwiefern unterscheiden sich skandinavische Bildungssysteme von dem deutschen?
Skandinavische Systeme setzen auf Inklusion, längere gemeinsame Lernzeiten, umfassende staatliche Verantwortung und gezielte Förderung in Muttersprache und Zweitsprache, um soziale Ungleichheiten abzubauen, während das deutsche System stärker selektiv ist.
Welche Auswirkungen hatten die PISA-Studien auf die deutsche Bildungspolitik?
Die PISA-Studien haben Bildungsungleichheiten in Deutschland sichtbar gemacht und zu einem verstärkten öffentlichen Bewusstsein sowie Reformbemühungen geführt, um die Bildungsqualität und Chancengleichheit zu verbessern.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2024, Institutionelle Benachteiligung von Migrantenkindern im Bildungssystem. Eine Analyse struktureller Barrieren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1587316