Johannes Tinctoris und Musiktheoretiker aus dem 20. Jahrhindert belegen einen Zusammenhang zwischen den englischen Kompositionspraxen und der um die Jahrhundertwende 1430 aufkommenden niederländischen Satztechnik, genannt Fauxbourdon. Auf der anderen Seite verstehen Musiktheoretiker, wie Wolfgang Marggraf oder Hans-Otto Korth, die neuen flämisch-niederländischen Kompositionsweisen, geprägt durch neue tonale und satztechnische Ideen und den Fauxbourdon, als allgemein logische musikgeschichtliche Tendenz und lehnen den Einfluss eines sogenannten englischen „Wohlklangs“ ab. Unumstritten gilt jedoch eine kulturgeschichtliche Wende um 1430, die sich neben musikalischen Veränderungen auch in politische, gesellschaftliche und geistige Umwälzungen bemerkbar machte. So wurde der Übergang vom späten Mittelalter zur frühen Neuzeit begleitet von bahnbrechenden Entdeckungen vor allem Amerikas durch Kolumbus, der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg, sowie des Notendrucks. Desweiteren trugen eine zunehmende Auseinandersetzung mit antiken Vorbildern und Ideen und eine religiös geprägte Reformation zu einem völlig neu entstehenden Welt- und Menschenbild bei. Welche Einflüsse auf Komponisten der „franko-flämischen Schule“, von wo her die bedeutendsten Werke für die europäische Musikgeschichte stammen, wirkten und wie sie zeitgenössische Kompositionsregeln veränderten oder zu umgehen versuchten gilt es zu untersuchen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf geistlicher mehrstimmiger Musik, wie Messen, Motetten oder Hymnen und dementsprechend sind einschneidende Kompositionen Guillaume Dufays Dreh- und Angelpunkt dieser Diskussion.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Entwicklungen in England
2.1. Der Faburden-Satz
2.2. John Dunstable
3. Das Fauxbourdonstück
3.1. Dufay und der Fauxbourdon
3.2. von der Quartfall-Klausel hin zur Dominant/Tonika-Wendung
3.3. die dominantisch-tonale Entwicklund bei Machaut
3.4. die Terminologie des Typus Fauxbourdon
4. Schlusswort
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und Bedeutung der Fauxbourdon-Technik in der Musik des 15. Jahrhunderts sowie deren Einfluss auf die Entstehung einer neuen Tonalität und harmonischen Klangauffassung in der franko-flämischen Vokalmusik.
- Die englische Faburden-Praxis als Vorläufer und technisches Vorbild
- Die Rolle von John Dunstable als Mittler zwischen englischen und kontinentalen Stilen
- Die Analyse der Fauxbourdon-Struktur am Beispiel von Guillaume Dufays Werken
- Die Transformation musikalischer Klauseln hin zu Dominant-Tonika-Wendungen
- Die wissenschaftliche Debatte um die Terminologie und Herkunft des Begriffs Fauxbourdon
Auszug aus dem Buch
3.1. Dufay und der Fauxbourdon
Wie am frühsten Werk, dem Postcommunio, zu sehen handelt es sich bei dem Fauxbourdonstück um einen dreistimmig angelegten Kanonsatztyp. Ursprünglich jedoch zweistimmig notiert für Diskant und Tenor, wobei die Zusatzstimme, vermerkt durch faux bourdon, zu ergänzen war. Besseler stellt diesbezüglich für das Fauxbourdonstück zwei Voraussetzungen auf: 1. Das Stück muss zweistimmig, für Diskant und Tenor, notiert sein, während der Kontratenor zu ergänzen ist. 2. Als einzige Konsonanzen dürfen Sextakkorde und Quint-Oktavklänge auftreten.
Der Diskant ist dabei eine Oktav nach oben transponiert zu lesen, wonach die Zusatzstimme (Kontratenor) in Unterquarten parallel zu dessen geführt wird. Der Kontratenor kann demnach ebenso als Projektion des Diskants verstanden werden. Die 3. Stimme beherrscht ein recht ruhiger textloser Tenor, der keineswegs schematisch an den Diskant angehängt zu sein scheint, sondern zu einer selbstständigen Stimme ausgeformt ist. Diskant und Tenor bilden daher ausschließlich Sexten und Oktaven.
Bei aufmerksamer Betrachtung käme jetzt der verständliche Einwand, dass die so entstehenden Terz- und Sextparallelen in der Zeit um Dufay schlichtweg regelwidrig seien. Dem ist auch vollkommen standgegeben. Prostocimus de Baldemandis begründete 1412 das Parallelverbot und forderte eine Diversität der Stimmen, also eine melodische Vielfältigkeit der Stimmen zueinander. In seiner Quarta regula verbietet er ausdrücklich längeres Kontrapunktieren mit unvollkommenen Konsonanzen, da [...] einer solchen Folge die wahre Harmonie fehle. Demnach sollen unvollkommene Konsonanzen von vollkommenen Konsonanzen unterbrochen werden. Außerdem sollen vollkommene Konsonanzen zu Anfang und Schluss eines Satzes stehen. Prostocimus bezweckt damit ein Komponieren mittels Spannungen, die schließlich aufgelöst werden sollen. Desweiteren reguliert er streng die Arbeit mit Dissonanzen. Er unterscheidet zwei Dissonanztypen: 1. Vorhaltsdissonanzen (stehen auf betonter Zeit und müssen stufenweise abwärts in Konsonanzen aufgelöst werden) 2. Durchgangsdissonanzen (stehen auf unbetonter Zeit zwischen zwei Konsonanzen und müssen in gleichbleibender Richtung stufenweise aufgelöst werden).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die musikalische Stilsituation des 15. Jahrhunderts ein und thematisiert den Einfluss englischer Kompositionsweisen auf das europäische Festland.
2. Entwicklungen in England: Dieses Kapitel erläutert die technischen Grundlagen des englischen Faburden-Satzes und die biographische Bedeutung von John Dunstable als Vermittler dieser neuen Klangästhetik.
3. Das Fauxbourdonstück: In diesem Hauptteil wird die Struktur des Fauxbourdons anhand von Dufays Werken analysiert und die historische Entwicklung hin zur modernen Tonalität nachgezeichnet.
4. Schlusswort: Das Schlusswort fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass der sogenannte neue Wohlklang im 15. Jahrhundert nicht primär auf einen englischen Import zurückzuführen ist.
Schlüsselwörter
Fauxbourdon, Faburden, Guillaume Dufay, John Dunstable, Kontratenor, Tonalität, Harmonie, Diskant, Konsonanzen, Dissonanzregeln, Musikgeschichte, Mittelalter, Renaissance, Kadenz, Satztechnik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem musikalischen Wandel im 15. Jahrhundert, insbesondere mit der Entstehung des Fauxbourdons und dessen Rolle bei der Entwicklung einer neuen, modernen Tonalität.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der englische Faburden-Satz, die Bedeutung der Komponisten Guillaume Dufay und John Dunstable sowie die musiktheoretische Einordnung von Konsonanz- und Dissonanzregeln jener Epoche.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, zu klären, ob die Entwicklung des neuen Wohlklangs im 15. Jahrhundert durch englische Einflüsse (Faburden) determiniert war oder eher eine eigenständige kontinentale Entwicklung darstellte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine musikwissenschaftliche Analyse von Primärquellen, Kompositionen und zeitgenössischen musiktheoretischen Traktaten, um die stilistische Entwicklung zu belegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Fauxbourdon-Stücke, die Transformation von Klauseln zur Dominant-Tonika-Wendung und die Diskussion um die korrekte Terminologie des Fauxbourdon-Begriffs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Schlüsselwörtern gehören Fauxbourdon, Faburden, Tonalität, Satztechnik, Kontratenor und die Komponisten Dufay sowie Dunstable.
Welche Rolle spielt die "Quarta regula" bei der Bewertung des Fauxbourdons?
Die "Quarta regula" von Prostocimus de Baldemandis stellt eine zeitgenössische Regel dar, die Parallelführungen einschränkte und damit den Fauxbourdon, der solche Parallelen exzessiv nutzte, als regelwidrige, wenn auch populäre Ausnahme erscheinen lässt.
Wie unterscheidet sich der englische Faburden vom kontinentalen Fauxbourdon laut der Arbeit?
Obwohl beide eng verbunden sind, hebt die Arbeit hervor, dass der Fauxbourdon auf dem Festland eine spezifische, mit dem Kontratenor verbundene Satztechnik entwickelte, die sich aus der Praxis der Choralbehandlung speiste.
- Arbeit zitieren
- Michael Lotz (Autor:in), 2009, Der neue „Wohlklang“ im 15. Jahrhundert. Faburden und Fauxbourdon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/158945