Wie sich zeigen wird, „liegen der offiziellen Definition des Künstlers der DDR mehrere kollektive Ansätze zugrunde, erstens seine Gleichsetzung mit der arbeitenden Bevölkerung, zweitens die Auflösung des Künstlerindividuums in einem arbeitsteiligen Kollektiv und drittens seine Begegnung mit dem Arbeiter in den Betrieben. Gleichzeitig etablierten sich insbesondere in der Malerei und der Grafik mehrere Sonderformen, die auf den Künstler und sein Verhältnis zur herrschenden Arbeiterklasse rekurrieren: der proletarische Künstler als Überbringer der sozialistischen Botschaften, der Künstler der sich gleichberechtigt in eine Gemeinschaftsdarstellung integriert, die Darstellung im Künstlerkollektiv, der Künstler zusammen mit dem Arbeiter und der Künstler der sich im Typenbild als Arbeiter inszeniert. Mehrere Formen, die davon abweichen, liegen ebenfalls der DDR-spezifischen Künstlerdefinition zugrunde: das exzentrische Künstlerselbstbildnis, das Gruppenbild der inoffiziellen Künstlergruppe und die Selbstverortung ohne Bezüge zur sozialistischen Gesellschaft."
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Stellung von Selbstbildnissen in SBZ und DDR
3. Formen kollektiver Selbstbildnisse in SBZ und DDR
3.1. Rückgriff auf altmeisterliche Vorbilder
3.1.1. Neuorientierung im Selbstbildnis der Nachkriegszeit
3.1.2. Der sozialistische Staatskünstler als Deus Artifex
3.2. Der Künstler als gleichgestellter Arbeiter
3.2.1. Das Selbstporträt im sozialistischen Wandbild
3.2.2. Begegnungen von Künstlern und Arbeitern
3.3. Gemeinschaft und Individuum
3.3.1. Freunde, Künstlergruppen und Dissidenten
3.3.2. Multiple Selbstbefragung
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung und die spezifischen Merkmale kollektiver Selbstbildnisse in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und der DDR, mit dem Ziel nachzuweisen, dass das Selbstverständnis der Künstler in dieser Ära maßgeblich durch die staatlich verordnete Kollektivität geprägt wurde.
- Analyse der Transformation künstlerischer Selbstbilder unter politischem Druck.
- Untersuchung des Verhältnisses zwischen Künstlerindividuum und sozialistischem Kollektiv.
- Betrachtung von Rückgriffen auf altmeisterliche Bildtraditionen als Ausdrucksmittel.
- Analyse der Inszenierung des Künstlers als "gleichgestellter Arbeiter".
- Erforschung informeller Künstlergruppen und ihrer individuellen Selbstbefragungen.
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Neuorientierung im Selbstbildnis der Nachkriegszeit
Ein in der DDR viel publiziertes Selbstbildnis der Nachkriegszeit ist Otto Griebels „Selbstbildnis gemalt nach der Zerstörung Dresdens“ aus dem Jahr 1945. (Abb. 1) Augenscheinlich ist das Bildnis ein Zitat spätmittelalterlicher Porträttypen. Zum einen ist an der Wand in der oberen linken Ecke ein Cartellino, ein verstecktes Schriftbanner, wie sie seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts Verwendung fanden, mit dem Titel des Bildes und der Signatur des Künstlers befestigt. Zum anderen hat der Künstler sich in klassischer Pose im Dreiviertelprofil nach links gedreht, vor einer dunklen Wand mit einer Fensteröffnung dargestellt. Der obligatorische Blick aus dem Fenster im Mittelgrund zeigt keine unbedeutende Landschaft, sondern das lodernde Flammeninferno nach der Bombardierung Dresdens am 14. Februar 1945. Griebel verzieht im Angesicht dieses entsetzlichen Ereignisses kaum die Miene. „Die ernste Gelassenheit des Künstlers und die deutliche Trennung von Innen- und Außenraum vermitteln den Eindruck eines distanzierten, aber nichts desto weniger sorgenvollen Rückblicks auf das Geschehene.“ Griebels Blick ist auf den Betrachter gerichtet, mit der erhobenen linken Hand hält er eine Weizenähre vor sich. Die Ähre war nicht nur ein Symbol der Nationalsozialisten, sondern wurde auch zum Leitmotiv im Arbeiter- und Bauernstaat. Sie versinnbildlicht in dem Bildnis „Hoffnung auf Saat und Ernte und auf den sich ordnenden Kreislauf des Lebens“.
Allgemein lässt sich, in den Selbstbildnissen der ersten Nachkriegsjahre eine deutliche Tendenz zum „klassischen Selbstporträttypus“ erkennen. Innerhalb der Kunstpolitik der DDR, in der die Legitimation des Staates im Vordergrund stand, bedeutete die Orientierung an traditionellen Verfahren der Vergangenheit zunehmend eine künstlerische Selbstbehauptung außerhalb staatlicher Wertvorstellungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie sich das künstlerische Selbstverständnis durch kollektive Strukturen in der SBZ und DDR veränderte.
2. Die Stellung von Selbstbildnissen in SBZ und DDR: Dieses Kapitel erläutert die untergeordnete Rolle der Gattung Selbstporträt in der offiziellen Kunstpraxis und ihre ideologische Instrumentalisierung.
3. Formen kollektiver Selbstbildnisse in SBZ und DDR: Der Hauptteil analysiert verschiedene Typologien des Selbstbildnisses, von der Rückbesinnung auf alte Meister bis hin zur Inszenierung als Arbeiter oder Teil einer Gemeinschaft.
4. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst die Erkenntnisse über die Transformation künstlerischer Selbstdarstellung im Kontext der sozialistischen Gesellschaft zusammen.
Schlüsselwörter
Selbstbildnis, DDR-Kunst, Sozialistischer Realismus, Künstlerkollektiv, Arbeiterbild, SBZ, Kunstgeschichte, Kollektivität, Selbstporträt, Bildtradition, Ideologie, Moderne, Bildende Kunst, Identität, DDR.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Künstler in der SBZ und der späteren DDR ihr eigenes Bildnis gestalteten und wie dieser Prozess durch die geforderte Kollektivität und staatliche Ideologie beeinflusst wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Beziehung zwischen Individuum und Kollektiv, die Rolle des Künstlers im Arbeiter- und Bauernstaat sowie die Aneignung tradierter Bildmotive für zeitgenössische politische Zwecke.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Nachweis, dass das Selbstverständnis der Künstler in der DDR maßgeblich durch die Unterordnung unter kollektive gesellschaftliche Anforderungen bestimmt war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine chronologisch aufgebaute kunsthistorische Bildanalyse, um verschiedene Werkgruppen und deren Transformation über den Untersuchungszeitraum hinweg zu beleuchten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Rückgriffe auf altmeisterliche Vorbilder, den Typus des Künstlers als Arbeiter sowie die informellen Wege, die Künstlergruppen bei der Suche nach individueller und gemeinschaftlicher Identität beschritten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Selbstbildnis, Sozialistischer Realismus, DDR-Kunst, Künstlerkollektiv und die Spannung zwischen privater Selbstbefragung und öffentlichem Auftrag.
Inwiefern spielt der "Bitterfelder Weg" für die Selbstporträts eine Rolle?
Der "Bitterfelder Weg" forderte den Kontakt zwischen Künstlern und Arbeitern; dies schlug sich in Werken nieder, in denen Künstler sich selbst als Teil oder Beobachter der arbeitenden Klasse im Atelier oder Betrieb inszenierten.
Warum wird die Rolle des Künstlers als "Deus Artifex" in der DDR kritisch gesehen?
Die Inszenierung als gottgleicher Schöpfer (Deus Artifex), wie bei Werner Tübke, stand im direkten Widerspruch zum marxistischen Ideal des Künstlers als Arbeiter und führte häufig zu kunstpolitischen Konflikten.
- Quote paper
- Melanie Metzlaff (Author), 2025, Vom Ich zum Wir. Kollektivität im Selbstbildnis der SBZ und DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1589730