Die Intention von Heinrich Wittenwilers „Der Ring“ aus der Sicht des Prologs

An sel und leib und gen der welt


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Intention und Forschung

2 Intention und Prolog
2.1 Kritik am Prolog
2.2 was man tuon und lassen schol
2.2.1was man tuon und lassen schol I: hofieren
2.2.2was man tuon und lassen schol II: an sel und leib und gen der welt
2.2.3was man tuon und lassen schol III: ze nöten, chrieges zeiten
2.3 des ringes frucht
2.4 sälich vil
2.5 Prolog und Religion

3 Intention und Handlung
3.1 Der Krieg - Ignorierte Belehrung
3.2 Das Jungfrauenrezept - Befolgte Belehrung
3.3 Die Weltflucht - Verkannte Belehrung

4 Intention und Gesamtkonzept

Fazit

Literaturverzeichnis I

Einleitung

,,Die extreme Verzahnung der verschiedenen Fragestellungen [in Heinrich Wittenwilers 'Ring'] hat haufig zu Folge, daft das ganze Argumentationsgebaude zusammenfallt, wenn man ein Steinchen in Form einer unsicheren zugrunde gelegten Pramisse oder eines nicht zwingenden gedanklichen Zwischenschritt herausnimmt.1 So fasst Ortrun Riha die bisherigen Versuche einer vollstandigen 'Ring'-Interpretation zusammen. Gleiches gilt umso mehr fur eine Hausarbeit, die aufgrund ihres begrenzten Umfangs noch deutlich weniger fur eine Gesamtinterpretation des Werkes von Heinrich Wittenwiler geeignet schein

Dennoch unternimmt die vorliegende Arbeit eben diesen Versuch. Vermessenheit? Nein, eher das Fugen in das Unumgangliche: Jede Deutung eines Einzelaspekts muss sich auf eine schlussige Ausgangsinterpretation stutzen, um Aussagekraft zu gewinnen. Ein Konsens bezuglich der 'Ring'-Deutung existiert aber bisher nicht. ,,Heinrich Wittenwilers 'Ring' bleibt [...] ratselhaft' 2, muss Riha auch in seinem aktuellsten Forschungsuberblick festhalten. Insbesondere das Wertesystem des Autors ist umstritten: Worin die Probleme bestehen und welche Positionen existieren, wird das erste Kapitel der vorliegenden Arbeit vorstellen.

Aus der Fulle von Einzelmeinungen eine Argumentationsgrundlage zu gewinnen, ist Ziel des zweiten Kapitels: Hierin wird die Frage nach dem Wertesystem auf den Prolog des 'Ring' ubertragen werden. Zunachst gilt es dabei zu klaren, ob der Prolog als Schlussel fur das gesamte Werk uberhaupt verwendbar ist. Darauf aufbauend wird eine detaillierte Analyse einzelner Passagen die Intention Wittenwilers genauer herausarbeiten.

Diese Erkenntnisse werden im Anschluss auf den Rest des 'Ring' ubertragen: Anhand dreier Beispiele wird gepruft werden, ob die vom Prolog abgeleitete Hypothese neue Perspektiven fur die Deutung des 'Ring' ermoglicht. Ist dies geschehen, wird die Frage im Mittelpunkt stehen, wie Heinrich Wittenwiler die untersuchte Intention in der Gesamtkonzeption seines Werkes verwirklicht hat. Ein kurzes Fazit fasst abschließend die gewonnenen Ergebnisse noch einmal zusammen.

1 Intention und Forschung

Vieldiskutiert ist die Frage, welches Wertekonzept Heinrich Wittenwilers 'Ring' zugrunde liegt. Unter den vielfaltigen Losungsansatzen lassen sich grob drei Richtungen unterscheiden: Zunachst gibt es jene, die dem Autor einen Wertekanon generell absprechen.3 Solches zeige sich in den Lehren, die keiner einheitlichen Linie folgten und lediglich zur Verwirrung fuhrten. Am deutlichsten wird Bachorski: Er sieht in der Lehre des 'Ring' eine „Dekonstruktion"4, die darin besteht, „festgefugte Ideologien wieder in ihre Einzelteile zu zerlegen, so daft sie als Material fur neue Konstruktionen 5 fungieren konnen.

In ihrer Radikalitat widerspricht diese Interpretation praktisch der gesamten 'Ring'-Forschung: Zwar wurden Widerspruche zwischen dem didaktischen Ziel des 'Ring' und dessen praktischer Umsetzung seit Beginn der 'Ring'-Deutung thematisiert, 6 aber das Gros der Wissenschaftler geht von einer ernst gemeinten Didaxe aus.7 Weit verbreitet ist die These einer „klerikale[n] Grundhaltung", derzufolge die Lehre ein christliches Ideal transportieren solle.8 Widerspruche zwischen Gelehrtem und christlicher Moral existieren demnach nicht.

Hiergegen wendet sich die Deutung des 'Ring' als diesseitsorientierte9 Lebenslehre: Ihr zufolge beinhaltet der Text klare Unterschiede zur christlichen Ethik, welche sich aus dem pragmatischen Charakter Wittenwilers erklare. Ein Wertekanon existiere zwar, sei aber kontextgebunden. Bei einer genaueren Untersuchung dieser Position, zeigt sich jedoch das Problem der „Begriffsunscharfe"10 in der 'Ring'-Interpretation: 11 Zwar betont die Forschung „utilitaristische[n] Forderungen"12 des 'Ring' immer wieder, aber worin dieser utilis konkret bestehen soll, sagt niemand. Wolkige Formulierungen uberwiegen: „praktische Anweisungen zur besseren 13 Lebensbewaltigung sollen gegeben, eine „dynamisch-voluntaristische 14 Lebensgestaltung unterstutzt werden. Lochthove konstatiert: ..Absolute Normen werden nicht mehr prasentiert. Ein kontextabhangiges Handeln, das keinerfesten Regeln bedarf [...] wird als vorbildlich definiert."15 In die gleiche Richtung geht Cross, die Wittenwiler jede Eindeutigkeit abspricht: Sie sieht es als erwiesen an, dass der Autor in manchen Fallen „keine eindeutige Antwort geben kann oder geben will."16

Wittenwiler ± ein Lehrer ohne Ziel? Das fällt schwer zu glauben, in AnbetracKW GHV 8PIDQJV GHV ¶5LQJ¶ GHU präzisen Ausarbeitung der lehrhaften Passagen, und insbesondere der breiten Rahmenhandlung. Auch der Prolog macht stutzig, sind dort doch einige Absichtserklärungen Wittenwilers eingearbeitet. Wie diese zu bewerten sind, wird das folgende Kapitel analysieren.

2 Intention und Prolog

Der Prolog ist eine der am schlechtesten untersuchten Passagen im 'Ring': Die meisten Autoren „beschranken sich [...] auf eine Paraphrasierung des 17 Inhalts". Das ist unverstandlich, stellt doch dieses Vorwort die einzig erhaltene Kommentierung des Autors zu seinem Werk dar. Es schiene logisch, hierin nach der Zielsetzung des 'Ring' zu forschen: Stattdessenbeleuchteten die wenigen bisherigen Analysen vornehmlich die Struktur des 18 Prologs, sowie dessen Wirkung auf das Publikum. Unbeachtet blieb dagegen jenes Kernproblem, das Wittenwiler seinem Werk voranstellt, die Frage namlich, WAS man tuon und lassen schol.19 In der folgenden Interpretation sollen daher jene Passagen im Vordergrund stehen, die hierauf Antwort geben.

2.1 Kritik am Prolog

wie vorliegende Arbeit will die Intention des 'Ring' untersuchen - dies setztaber voraus, dass uberhaupt eine Intention existiert. Ist eine solche Annahme20 nicht schon an sich „Beschranktheit" , mit der „die Aggressivitat des Textes sediert werden soil"?21 Und arbeitet man nicht mit „naiven Gleichsetzungen22 und Kurzschlussen , wenn man den Prolog tatsachlich als Stellungnahme des 'Ring'-Verfassers liest? Hans-Jurgen Bachorski jedenfalls zweifelt generell die Realitat eines Autors Hainreich Wittenweilar23 an. Fur ihn ist der Erzahler des Prologs nur „der implizite Autor, also die Funktion des Textes, in 24 der alle seine Sprechakte zusammenlaufen. Die Erzahler-Intention des Prologs mit der des 'Ring'-Autors gleichzusetzen, zeige den „naive[n] Leser".25

Einen werkimmanenten Beweis fur diese These bleibt Bachorski jedoch schuldig. Stattdessen sucht er seine Belege allesamt aufterhalb des Textes, der selbst keinen einzigen Hinweis auf Ironie liefert: Verweise auf literarische Techniken der Neuzeit und Mutmaftungen uber den Zusammenhang von Bild und Text sollen als Argumente ausreichen.26 Bei letzterer Annahme setzt Bachorski freilich Illustrator und Autor miteinander gleich, ohne eine schlussige Begrundung dafur zu liefern. Ferner macht er nicht ersichtlich, 27 warum der Erfinder solch sprechender Namen wie Lastersak und 28 Saichinkruog ausgerechnet die prominenteste Figur seines Werkes unspektakular „Hainreich Wittenweilar" betitelt. Alles in allem erscheinen seine Argumente nicht stichhaltig genug, um die uberwaltigende Forschungsmehrheit zu widerlegen, wonach der Erzahler des Prologs tatsachlich mit dem realen Autor identisch ist und dessen Meinung wiedergibt.

2.2 was man tuon und lassen schol

Wenn der Prolog tatsachlich die Meinung des Autors widerspiegelt, liegt es nahe, dort nach einer ausformulierten Zielsetzung des 'Ring' zu suchen.29 Haufig wird eine solche in den Versen 10-12 gesehen. Aber anders, als30 manche Forschungsliteratur glauben lasst, ist die Intention des 'Ring' mit diesen Versen keineswegs hinreichend wiedergegeben: Zwar zeugen sowohl die Ankundigung der welte lauf beschreiben zu wollen, als auch die Absicht Antwort zu geben, was man tuon und lassen schol, von eine]r didaktischen Grundintention. Welches Konzept sich aber hinter diesen Formulierungen verbirgt, bleibt unklar..

Auffallig ist immerhin die Formulierung lassen schol - sie impliziert eine Verhaltensnorm, die von auften kommt, und dem "normalen" Verhalten eines Menschen widerspricht. Wittenwiler geht also bereits in dieser ersten Stellungnahme vom grundsatzlich sundigen Menschen aus, der von Normen gezugelt werden muss. Dazu passt dann auch seine spatere Aussage uber die chlaine[r] stat31 des Menschen. Wie kann man nun den grundsatzlich bosen Menschen im Zaun halten? Ganz konkret antwortet Wittenwiler in den Versen 17-31.

2.2.1 was man tuon und lassen schol I: hofieren

Der erste Punkt zur Zugelung des Menschen ist das hofieren, und zwar mit stechen und turnieren / mit sagen und mit singen / und auch mit andern dingen.32 Folgt man den Obersetzungen Brunners33 und Sowinskis34 ist hofieren hier im Sinne von „den Hof machen" gemeint - letztendlich geht es also um Liebe und Sexualitat. Das erscheint auch im didaktischen Sinne logisch, sollte die hofische Liebe doch ,,nicht nur das moralische Handeln der Menschen steuern, sondern [...] auch die Regeln fur das gesellschaftliche Verhalten geben."35 Der erste erlauternde Vers steht folgerichtig in der Tradition der hofischen Minne: stechen und turnieren lassen sich eindeutig der hofischen Sphare zuordnen. Der Folgevers geht starker ins Private: Statt der Organisation eines ganzen Turniers, soll nun das rechte sagen und singen vermittelt werden, also Fahigkeiten, die sich naturgemaft an deutlich weniger Publikum richten

Was mit den andern dingen gemeint ist, bleibt offen. Im ersten Teil findet sich keine als Lehre gekennzeichnete Stelle, die nicht unter eine der vorher genannten Kategorien fiele, aber zum klassischen Hofieren gezahlt werden konnte. Wohl aber liegt die beruchtigte Arzt-Szene im Minne-Teil, mit ihren Hinweisen zur Schwangerschaft und dem Rezept zum Vortauschen von36 Jungfraulichkeit. Moglicherweise bleibt Wittenwiler hier bewusst undeutlich: Die Klimax vom abstrakten hofieren uber das weitfassende turnieren, hin zum konkreten sagen und singen mag seinem Publikum genug haben, um sich den allerkonkretesten Teil des hofierens selber zu denken.

Wo liegen nun die Gemeinsamkeiten dieser Maximen des ersten Teils? Es fallt auf, dass jeder der genannten Punkte das Miteinander von Menschen thematisiert. Dies mag im Zusammenhang des Hofierens zunachst nicht ungewohnlich erscheinen, geht es doch gerade um die Beziehung zweier Menschen. Interessant ist jedoch, dass die rein individuelle „harte Schule der 37 Selbstuberwindung und Lauterung hofischer Liebe, im Prolog 38 ausgeklammert wird, wiewohl die Beicht- und Buftpassage spater relativ breiten Raum einnimmt. Offensichtlich ist Wittenwiler dieser Aspekt weniger wichtig, als die offentlich sichtbaren Brauche und Konventionen.

2.2.2 was man tuon und lassen schol II: an sel und leib und gen der welt

Wittenwiler betont den zweiten Teil des 'Ring' als denjenigen, den er fur daz best gezelt39 Umso mehr uberrascht, dass er bei dessen Vorstellung zunachst nicht ins Detail geht, sondern es bei einer allgemeinen Aussage belasst, welche den Versen 10-12 ahnelt: Wieder wird der Leser wol40 (alsogut) belehrt, wieder geht es darum, wie der Mensch sich verhalten schol.41 Erneut soll also die Natur des Menschen mit einem aufteren Normenkatalog in Einklang gebracht werden. Diesmal aber wird die Aussage spezifiziert: Esgeht um das Benehmen an sel und leib und gen der welt.

[...]


1 Riha, Forschung 1851, S. 260.

2 Riha, Forschung 1988, S. 423.

3 zuletzt bei Bachorski, Irrsinn; Röcke, Lachen; Hirschberg/Ortmann/Ragotzy, törpel; Classen, Wort.

4 Bachorski, Irrsinn, S. 254.

5 Bachorski, Dialogisierung, S. 258.

6 Vgl. Riha, Forschungen 1851, S. 216-221, 232.

7 Vgl. Bachorskis eigenen Überblick: Bachorski, Irrsinn, S. 95f.

8 Gruchot, Konzeption, S. 192.

9 zuletzt bei Gruchot, Konzeption; Lutz, Spiritualis; Tobler, Zitate.

10 Zuletzt bei Seibt, Negative; Cross, Magister; Jürgens-Lochthove, Epik.

11 Riha, Forschungen 1855, S. 266.

12 Jürgens-Lochthove, Epik, S. 306.

13 Seibt, Negative, S. 16.

14 Babendreier, Studien, S. 256.

15 Jürgens-Lochthove, Epik, S. 306.

16 Cross, Magister, S. 85.

17 Riha, Forschungen 1851, S. 94.

18 Vgl. die Zusammenfassung bei Riha, Forschungen 1851, S. 96-99.

19 Ring, V. 11. [Dieses und alle folgenden Zitate nach Sowinski, Ring]

20 Bachorski, Irrsinn, S. 253.

21 Ebd.

22 Ebd., S. 81.

23 Ring, V. 52.

24 Bachorski, Irrsinn, S. 80.

25 Ebd.

26 Ebd.

27 Ring, V. 3939.

28 Ring, V. 4985.

29 wan es ze ring ring umb uns beschait / der welte lauf und lert auch wol, / was man tuon und lassen schol, Ring, V. 10-12.

30 Vgl. etwa Jürgens-Lochthove, Epik, S. 86.

31 Ebd., V. 32.

32 Ebd., V. 17.

33 Ebd., V. 17-20.

34 Brunner, Ring, S. 9.

35 Sowinski, Ring, S. 3.

36 Bumke, Kultur 2, S. 524.

37 Vgl. dazu auch Kapitel 3.2 der vorliegenden Arbeit.

38 Bumke, Kultur 2, S. 529.

39 Ring, V. 673-847.

40 Ring, V. 24.

41 Ring, V. 21.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Intention von Heinrich Wittenwilers „Der Ring“ aus der Sicht des Prologs
Untertitel
An sel und leib und gen der welt
Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V159138
ISBN (eBook)
9783640716180
ISBN (Buch)
9783640716425
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Aus der Bewertung: "Eine sehr gelungene, klug abgewoggene, stringente und konzise Arbeit. [...] Bisweilen geht sie sogar über das Wünschbare in diesem Rahmen hinaus."
Schlagworte
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Arbeit zitieren
Stefan Sewenig (Autor), 2007, Die Intention von Heinrich Wittenwilers „Der Ring“ aus der Sicht des Prologs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159138

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