Souvenir und Authentizität


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.. Einleitung

2 Anfänge der materiellen Reisekultur

3... Die Authentizität des Souvenirs
3.1 DerBegriffAuthentizität
3.2 Die Suche nach Authentizität
3.3 Die Wahrnehmung von Authentizität

4 Die Funktionalität des Souvenirs

5 Schlusswort

Verwendete Literatur

1. Einleitung

Souvenirs sind materielle Objekte, die zur Erinnerung an Menschen, Orte, Ereignisse mit nach Hause genommen werden. Der Begriff kann dabei für kommerzielle Artikel ver­wendet werden, aber auch für Objekte, die in einem metaphorischen Zusammenhang zum Erlebten stehen. Die persönliche Interpretation durch den Eigentümer ist dabei maßgeblich für den Wert des Objekts. Bei einer solchen Individualität ist es unmöglich für Außenstehende, Souvenirs in ihrer vollen Bedeutung zu erkennen. Die Feststellung des Werts eines Souvenirs fällt unter diesen Umständen schwer. Dennoch soll in der vorliegenden Arbeit versucht werden, über die objektiven Eigenschaften herauszufin­den, was die Bedeutsamkeit eines Souvenirs ausmacht.

Kaum ein Urlaub wird zu Ende gehen, ohne dass man nicht ein Stück, repräsentativ für die verbrachte Zeit, mitnehmen möchte. Dies scheint ein Teil der menschlichen Natur zu sein und als solches ist es aus volkskundlicher Sichtweise von Interesse, was die Kriterien für die Auswahl eines Souvenirs sind. Angesichts der Individualität dieser Ent­scheidung kann der Sachwert nicht allzu sehr ins Gewicht fallen und andere Gründe müssen im Vordergrund stehen. Zu nennen seien hier die im Objekt liegende Symbol­kraft für den eigenen Urlaub und auch für die fremde Kultur. Womit man bei der Frage angekommen ist, wie sich die Symbolkraft bemisst und wie und ob überhaupt der Urlau­ber diese erkennen kann. Zu viele Variablen machen es selbst in einer theoretischen Arbeit schwer, eine Grenze zwischen authentischen, echten und unauthentischen, ge­fälschten Angeboten im Urlaub zu unterscheiden. Die Thematik des Souvenirs ist daher nicht von der touristischen Suche nach Authentizität zu trennen. Diese soll in der vorlie­genden Arbeit ausführlich behandelt werden. Dafür wird zunächst die in der Literatur vorhandene Fülle an Definitionsversuchen bearbeitet, um im Anschluss auf die Suche nach Authentizität einzugehen. Auf die vielen verschiedenen Urlaubsmotivatoren ist in diesem Zusammenhang nicht eingegangen worden, stattdessen erschien es im Rah­men dieser Arbeit sinnvoller, sich auf den Motivator Bildung zu beschränken. Es ist an­zunehmen, dass ein Erholungsurlauber nicht annähernd das Interesse an Authentizität haben wird, um bei deren wissenschaftlicher Behandlung eine Rolle zu spielen.

Bei der Beschäftigung mit der Suche nach Authentizität stellte sich heraus, dass eine besondere Herausstellung ihrer Wahrnehmung notwendig ist. Die Forschung hat auf diesem speziellen Gebiet verschiedene Ansätze erarbeitet, die hier kritisch vorgestellt und verglichen werden, wobei vornehmlich auf die Zusammenfassung Ning Wangs in

Jafar Jafaris Encyclopedia of Tourism zurückgegriffen wurde.

Neben der Authentizität, sei es diejenige durch die Verbindung zum Erlebten errungene oder diejenige durch die Verbindung zur fremden Kultur, ist es die Funktionalität als Er­innerungsträger und als soziales Medium, die einem Souvenir seinen Wert gibt. Diese Arbeit abschließen wird daher das Kapitel zur Funktionalität des Souvenirs, das in leich­tem Kontrast zum Beginn der materiellen Reisekultur steht, welches man hauptsächlich im Pilgertum verortet.

2. Anfänge der materiellen Reisekultur

Als Gegenstände der materiellen Reisekultur müssen Souvenirs zum vollen Verständnis auch in ihrer historischen Entwicklung gesehen werden. Materielle Belege einer frem­den Kultur oder eines Ereignisses mit nach Hause zu nehmen und dort auch zu präsen­tieren, hat eine lange Tradition. Deren Anfänge sind sowohl in einem frühen institutio­nellen Wunsch nach einer exotischen Sammlung als Wertanlage und als Bildungsmög­lichkeit anzunehmen als auch in einem individuellen Wunsch nach Anerkennung.

Zum Einen ist das Kuriositätenkabinett bzw. die Wunderkammer am Hofe mancher Fürsten oder an Universitäten und Klöstern von großer Bedeutung. Zwar fehlt hier noch der individuelle Charakter eines Souvenirs, auf den noch zurück zu kommen sei, da de­ren Ausstellungsstücke meist nicht von den letztendlichen Eigentümern herangeschafft wurden. Zumal für die Auswahl der Exponate auch nicht das persönliche Andenken sondern eher der Wert und die Exklusivität ausschlaggebend gewesen sein dürfte.1 Je­doch findet man hier bereits den Wunsch wieder, sich über Fremdes oder Vergangenes mit Hilfe von Gegenständen zu informieren und sich ihrerzu erinnern.

Zum Anderen darf die Rolle der Pilgerreisenden und der Kreuzfahrer nicht vergessen werden. Die Sitte, von heiligen Orten Reliquien oder Teile von Reliquien mitzunehmen, hatte bereits im Mittelalter bei vielen Händlern das Interesse geweckt, sich in und an Pil­gerstätten und -wegen niederzulassen. Der Ausbau der großen Pilgerwege nach Rom, Jerusalem, Santiago de Compostela und die dortigen Niederlassungen von Händlern und Handwerkern wurde sogar von den mittelalterlichen Staatslenkern gefördert. Dar­aus gingen nicht nur kommerzielle Vorteile für die Herrscher und Kaufleute hervor, son­dern auch ,,cultural arteries for the transmission of craft skills, and artistic and architec- turai ideas.“2 Den Pilgern ging es vermutlich am meisten darum, mit dem Erstehen von Devotionalien und ähnlichem ihre eigene Gläubigkeit vor Anderen und vor sich selbst zu bezeugen. Doch kann das unweigerliche Erinnern des Pilgers beim Anblick des jeweili­gen Gegenstandes an die einst getätigte Reise nicht unbeachtet bleiben und rückt auch die Devotionalien in die Nähe von Souvenirs.

Ein Vergleich der Motivation eines Pilgerreisenden und der eines heutigen Touristen zeigt die Unterschiede auf: Denkt Ersterer in erster Linie an sein eigenes Glaubensbe­kenntnis, die Vergebung seiner Sünden und ähnliches, geht es dem Touristen doch eher um Freizeit, einen Bildungszuwachs und die kulturelle Erfahrung. Die intrinsische Motivation, sich ein Andenken im Urlaubs- oder Pilgerort zu suchen ist zwar eine unter­schiedliche. Dass allerdings die spätere Wirkung die gleiche ist, kann nicht ausge­schlossen werden. Bedenkt man die seit dem 18. Jahrhundert verbreiteten Zweifel an der Echtheit vieler als solche angepriesenen Reliquien, die auch ein Zeichen der Zeit der Aufklärung darstellen, muss man die religiöse Motivation beim Andenken in Frage stellen. Ohnehin ist mit besagter neuer Skepsis ein wachsendes Interesse an religions­neutralen Antiquitäten zu beobachten. Ein authentischer Beleg einer fremden und oder vergangenen Kultur war bald höher geschätzt als die vertrauensabhängige Reliquie. Heutzutage sind dem Touristen beim Souvenir, Burkhart Lauterbach zufolge, drei Aspekte wichtig: Der subjektive Erinnerungswert, der Seltenheitswert im eigenen Haus­halt und der Darstellungswert als Symbol für die getätigte Reise. Authentizität nimmt Lauterbach nicht in seine Reihung auf, sie sollte aber hinzugefügtwerden.3

3. Die Authentizität des Souvenirs?

3.1 DerBegriffAuthentizität

Authentizität ist eigentlich ein aus dem musealen Bereich stammender Begriff, der für den Wert der Objekte von Bedeutung ist. Im Tourismus meint Authentizität über ihre Be- zogenheit auf Gegenstände hinaus auch die Echtheit von Erlebnissen und Darbietun­gen, wozu die Behausungen genauso gehören wie beispielsweise die Landesküche, Ri­tuale, Kunst und Bekleidung. Ning Wang erklärt darüber hinaus drei verschiedene Defi­nitionen des Begriffs4:

1. Edward M. Bruner sieht vier Bedeutungen, die der Begriff der Authentizität haben kann: die verisimilitude (vergleichbar mit Echtheit oder Plausibilität), die genui­neness (Ursprünglichkeit), die originality (Originalität) und die authority (kultürli- che Legitimation). Authentizität meint also nicht nur die Originalität, sondern kann auch auf Reproduktion und Simulation angewendet werden, sofern diese einer Echtheitsprüfung durch eine Autorität unterzogen wurden. Gerade im Bereich des Tourismus erscheint diese Feststellung wichtig, da somit z.B. auch der soge­nannten Airport-art Authentizität zugesprochen werden kann. Das wäre aufgrund ihrer industriellen Produktion sonst nicht möglich, was wiederum die Fragen nach der Bedeutung der Produktionsart für die Authentizität und der Grenzziehung aufwürfe.

2. Tom Selwyn unterscheidet zwischen einer heißen Authentizität des Gefühls und einer kalten Authentizität des Wissens. Ersteres umfasst kurz gesagt die Vorstel­lung, dass Eingeborene in erfolgreichen Urlaubsorten immer freundlich seien, während die kalte Authentizität die Suche nach neuen Erkenntnissen meint.5 Auf diese Suche soll im nächsten Kapitel eingegangen werden.

3. Ning Wangs eigene Theorie ist die einer existenziellen Authentizität, die den Be­griff ad absurdum führt, da die Authentizität eines Objekts nicht von seiner Echt­heit oder Originalität oder anderem abhänge. Seiner Theorie zufolge ist jedes Objekt allein durch seine Existenz authentisch, was eine Bewertung und sogar eine Unterscheidung hinfällig werden lässt.6 Authentizität wird so zu bloßer Inter­pretation bis hin zu Einbildung und verliert ihre eigentliche Bedeutung. Solch ein Verständnis des Wortes wirkt, so sehr es auch die Schwierigkeit in der Grenzzie­hung zwischen authentisch und unauthentisch aufdeckt, nicht hilfreich in einer Diskussion um die Echtheitssuche des Urlaubers.

3.2 Die Suche nach Authentizität

Touristen werden, wenn man andere Urlaubsmotivatoren wie beispielsweise Sport und Erholung vernachlässigt7, von fremden und exotischen Kulturen angezogen. Interessan­terweise bewegen sie sich vor Ort aber hauptsächlich in den für sie geschaffenen tou­ristischen Gebieten. Dies kann man mit der in der Regel begrenzten Urlaubsdauer er­klären, die den Kultururlauber dazu zwingt, sich auf die Highlights wie Sehenswürdigkei­ten oder Symbole zu konzentrieren. Will man mit möglichst vielen Erkenntnissen heim­kehren, muss man sich die Kultur quasi über Abkürzungen aneignen, was zu Klischee­bildungen und -verfestigungen führen kann.

Die touristischen Gebiete werden meist nur verlassen, um sich Souvenirs zu besorgen. Um dieses Verhalten zu erklären, bietet sich der Vergleich zur Theaterbühne an, bei der zwischen front- und backstage unterschieden wird.8 9 Klassischerweise erhöht sich back­stage die Exklusivität und die Authentizität des Erlebten. Die Aufmachung eines Souve­nirshops, oder wie Hans-Dieter Gelfert sie nennt: ,,Kitschnester‘®, kann diesen Eindruck unterstützen und ist mitverantwortlich für die Wahrnehmung von Authentizität. Trotz ei­ner solch gezielten Darbietung im Urlaub, empfinden Touristen den Urlaubsort meist als einfacher und wirklicher, ursprünglicher und eben authentischer als die Heimat.10 Dass man sich kaum aus einer eigens für Touristen produzierten Umgebung herausbewegt hat, wird offenbar übersehen. Diese Wahrnehmungsschwäche kann als Selbsttäu­schung ausgelegt werden, für die eine Souvenirbesorgung außerhalb dieser Touristen­gebiete eine Rechtfertigung darstellte und ein absichtlicherfalscher Beweis für die eige­ne Schönmalerei.

[...]


1 vgl. Hitchcock 2000, S. 2ff.; Lauterbach 2006, S. 164f.

2 Houlihan 2000, S. 20.

3 vgl. Lauterbach 2006, S. 101ff.

4 vgl. Jafari 2000, S.43ff.

5 vgl. Kamamba 2003, S. 6.

6 vgl. Kamamba 2003, S. 6.

7 vgl. Hahn & Kagelmann 1993, S. 47ff.

8 vgl. Hitchcock 2000, S. 6ff.

9 Gelfert2000, S. 12.

10 vgl. Hitchcock 2000, S. 6ff.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Souvenir und Authentizität
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Sseminar für Europäische Ethnologie/Volkskunde)
Veranstaltung
Reisen als kulturelle Praxis
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V159255
ISBN (eBook)
9783640719136
ISBN (Buch)
9783640719587
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Souvenir, Authentizität, Reisen, Urlaub, Tourist, Tourismus, Andenken, Symbol
Arbeit zitieren
Florian Schippmann (Autor), 2008, Souvenir und Authentizität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159255

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Titel: Souvenir und Authentizität



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