Empörung um „Spätrömische Dekadenz“

Eine korpuslinguistische Diskursanalyse


Hausarbeit, 2010

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretische Vorüberlegungen

3. Vorgehen und Methode
3.1. Vorüberlegungen
3.2. Bestimmung des Korpus
3.3. Datensammlung und -auswertung

4. Der Diskurs – Analyseergebnisse
4.1. Politische Einordnung des Ausgangstextes
4.2. Ergebnisse der Datenauswertung

5. Zusammenfassung und Ausblick

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die politische Öffentlichkeit in Deutschland ist neben argumentativer Auseinandersetzung in politischen Sachfragen geprägt von Diskussionen und Debatten um politische Anstößigkeiten. Abgesehen von den großen Skandalen, wie der „Spiegel-Affäre“, der Enttarnung von Günter Guillaume, der „Barschel-Affäre“ oder den Parteispendenskandalen der CDU, sind es immer wieder auch einzelne Aussagen oder Diskussionsbeiträge, die umfangreiche Debatten auslösen. Diese drehen sich dann im wesentlichen um die Grenzen dessen, was „noch gesagt werden dürfe“[1]. Der Ausdruck „Skandal“ sei auch in diesem Zusammenhang als zulässig anzusehen, wenngleich es zunächst so scheint, als müsste zwischen den genannten historischen Ereignissen und einzelnen wiederkehrenden Aufregungen über provokante Aussagen begrifflich unterschieden werden, indem diese Bezeichnung für letztere nicht angewandt werden darf. Nach Hitzler (1989) definiert sich ein Skandal nicht nach objektiv messbaren Kriterien, sondern wird erst zu einem solchen gemacht:

Der Begriff „Skandal“ bezeichnet demnach nicht die Verletzung einer sozialgültigen Norm, sondern die akzeptierte Etikettierung eines Ereignisses oder Sachverhalts als nicht normenkonform. (ebd.: 334)

Beispielhaft seien hier die Namen Martin Hohmann, Eva Herman, Thilo Sarrazin, Heinz Buschkowsky, Jürgen Möllemann und Oskar Lafontaine genannt, die einmalig oder wiederholt durch herausfordernde Beiträge in der öffentlichen Debatte auf sich aufmerksam machten, sei es durch Bücher, Reden, Artikel, Flugblätter oder Interviews. Auffallend ist, dass bei allen Debatten, die durch Äußerungen dieser oder anderer öffentlicher Personen ausgelöst wurden, die Welle der Empörung dafür sorgte, dass die als skandalös empfundenen Aussagen eine signifikante Verbreitung erst durch die Empörung selbst erfuhren[2]. Die Empörung über den „Skandal“ kann also als wirksames Mittel dienen, politische Positionen zu verbreiten und potentielle Verbündete im öffentlichen Diskurs zu gewinnen. Ist die Empörung über die eigene Aussage gewollt, spricht Hitzler von einem „Gimmick“ (341 ff.), ist auch die Empörung Teil einer Inszenierung – beispielsweise in Form einer ausgesprochenen oder unausgesprochenen Übereinkunft unter den politischen Gegnern – so bezeichnet er dies als „Theaterdonner“ (346 ff.). Aufgrund dieses möglichen Nutzens, der sich aus provokanten Äußerungen ziehen lässt, aber auch angesichts der großen öffentlichen Aufmerksamkeit, die einzelne Sätze, Wendungen, Metaphern oder Worte erfahren können erscheint es lohnend, sich diese Empörungsdebatten im Detail anzusehen.

Inhalt dieser Arbeit soll eine Analyse des Diskurses über einen von Bundesaußenminister Guido Westerwelle verfassten Artikel in der Zeitung „Die Welt“ sein, dessen Inhalt zu großer Empörung in der politischen Öffentlichkeit führte. Der Diskurs wird anhand von repräsentativen Zeitungsartikeln, die nach der Veröffentlichung von Westerwelles Gastbeitrag erschienen, untersucht. Dabei gilt es zunächst, den Diskursverlauf darzustellen und dann einzelne Aspekte näher zu betrachten. Besonderes Augenmerk soll auf die viel zitierte Metapher von der „spätrömischen Dekadenz“ gelegt werden, deren Bedeutung für die Rezeption von Westerwelles Beitrag analysiert werden soll.

2. Theoretische Vorüberlegungen

Der Diskurs um Westerwelles Äußerungen soll unter Rückgriff auf Instrumentarien der Linguistischen Mediendiskursanalyse untersucht werden. Diese beruft sich in ihrem Ursprung auf Foucault. Dessen eher abstrakte Überlegungen wurden durch die verschiedenen Schulen der Diskursanalyse auf die linguistische Forschung bezogen (Jäger/Jäger 2007: 17 f.). Auf diese Weise können laut Jäger und Jäger die „Machtwirkungen“ (ebd.: 19) der Diskurse aufgedeckt werden. Schon die Charakterisierung von Diskurs als „Fluss von Wissen durch die Zeit“ (ebd.: 15) macht deutlich, dass für die Untersuchung von Diskursen immer auch eine diachrone Perspektive erforderlich ist. Hierzu wurden korpuslinguistische Methoden für die Diskursanalyse nutzbar gemacht (dazu vor allem: Bubenhofer 2009). Dies erlaubt die Auswertung großer Mengen von Texten nach linguistischen Kriterien, also z.B. das Aufzeigen wiederholter Argumentationstopoi (Bubenhofer 2009: 67 f.). Im Fokus stehen bei der Diskursanalyse letzthin inhaltlich-semantische Untersuchungsschwerpunkte, auch da, wo die Analyse sich syntagmatischen oder grammatischen Strukturen widmet (ebd.: 36).

Eine zentrale Problematik der Diskursanalyse liegt in der Feststellung der Zugehörigkeit eines Textes zum Diskurs. Diese Frage tritt spätestens dann auf den Plan, wenn für die Analyse ein Korpus zusammengestellt werden soll, das den Diskurs entweder vollständig abdeckt oder zumindest angemessen repräsentiert. Es gilt also, intertextuelle Bezüge zu identifizieren, die bewusst oder unbewusst in Form von Anspielungen, Parodien, zitierender Wiedergabe oder der Verwendung von Leitbegriffen erzeugt werden können (Bußmann 2008: 304 f.). Bubenhofer verweist dazu auf Foucault und die „Spiele von Beziehungen“, die zwischen den Diskursfragmenten ablaufen. Keinesfalls genüge es, nach rein thematischen Kriterien Texte zusammenzustellen. Vielmehr müsse berücksichtigt werden, dass Diskursfäden grundsätzlich überall aufgenommen und mit anderen Diskursen verknüpft werden können (Bubenhofer 2009: 105f.). Zudem dürfe kein Unterschied in der Gewichtung der Diskursfragmente gemacht werden. Nur so können, wie es dem Anspruch der Diskursanalyse entspricht „verborgene und unauffällige Strukturen“ aufgezeigt werden (ebd.: 36).

3. Vorgehen und Methode

3.1. Vorüberlegungen

Ziel der Untersuchung war es, ein Bild von den Reaktionen auf einen Diskussionsbeitrag Guido Westerwelles zu gewinnen. Diese Reaktionen werden im Folgenden als der zu untersuchende Diskurs angesehen. Es muss angenommen werden, dass er Teil von anderen, übergeordneten Diskursen ist. Zu nennen wären hier die Debatten um Hartz IV, um steuerliche Entlastungen, um soziale Gerechtigkeit oder um die Zulässigkeit von provokanten Äußerungen (Sagbarkeit). All diese Diskurse zu definieren, wäre allerdings Aufgabe einer anderen Untersuchung, insofern seien sie hier nur unter Vorbehalt genannt.

Zentrales Kriterium bei der Bestimmung des Diskurses stellte die Überprüfung der Bezugnahme auf den Ursprungsartikel innerhalb eines Diskurssegmentes dar. Von Interesse für die Untersuchung war dann, in welcher Form diese Bezugnahme erfolgt, insbesondere, ob sie Zitationen enthält, und in welchem Zusammenhang der Verweis auf die Aussagen des Ausgangstextes erfolgte.

3.2. Bestimmung des Korpus

Zunächst galt es, die Publikationen einzuschränken, da eine diachrone Perspektive es mit Blick auf den Aufwand der Untersuchung erforderlich machte, nicht sämtliche zugänglichen Medien im Untersuchungszeitraum zu betrachten, sondern eine Auswahl vorzunehmen. Es wurden sechs überregionale Printmedien ausgewählt, fünf Tages- und eine Wochenzeitung. Diese waren die „Berliner Zeitung, die „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, die „taz“, die „Frankfurter Rundschau“ und „Die Zeit“. Auswahlkriterium für diese Publikationen war, das politische Spektrum weitgehend repräsentativ abzudecken.[3]

Der nächste Schritt zur Bestimmung des Korpus bestand darin, den genauen Untersuchungszeitraum zu definieren. Dabei zeigte sich, dass das Forschungsinteresse zwei Teilkorpora nötig machte, die sich überlagerten und den Diskurs auf unterschiedliche Weise erschließen. Zum einen ging es darum, den Diskurs über einen bestimmten Zeitraum in den ausgewählten Publikationen lückenlos abzudecken. Zum anderen war Gegenstand der Untersuchung die „Karriere“, die die Metapher von der „spätrömischen Dekadenz“ im Diskurs machte. Es hatte sich erwiesen, dass ersterer Anspruch bedeutend mehr Diskurssegmente zu Tage förderte, als letzterer. Um die Anzahl der zu untersuchenden Zeitungsartikel im Korpus in einem überschaubaren Maß zu halten, wurde der Untersuchungszeitraum bei der Erfassung des gesamten Diskurses auf vier Wochen nach Erscheinen des Gastbeitrages Westerwelles beschränkt. Folglich liegt die untersuchte Spanne für das erste Teilkorpus zwischen dem 12.2.2010 und dem 11.3.2010. Für die Suche nach der „spätrömischen Dekadenz“ konnte dieser Zeitraum aus suchsyntaktischen Gründen bedeutend ausgedehnt werden und reicht über einen Zeitraum von 29 Wochen vom 12.2.2010 bis 2.9.2010. Dieses zweite Teilkorpus überlappt sich also mit dem ersten, beschränkt sich allerdings auf wörtliche Zitationen benannter Metapher.

[...]


[1] Siehe auch in dem hier behandelten Diskurs beispielsweise in der „Welt“ vom 13.2.2010: „Das müsse man doch sagen dürfen.“ Oder in der Berliner Zeitung vom 15.2. 2010, Seite 4: „Auch das ist die Folge einer Haltung, die Hartz- IV ermöglicht hat - dass solche Sätze gesagt werden können, ohne dass sie in einer Brandung von Spott und Gelächter versinken.“

[2] Am deutlichsten ist dieser Effekt bei Martin Hohmann festzustellen, dessen Rede vor einigen Dutzend Hörern im Zuge der Diskussion über die von ihm getroffenen Aussagen erst Monate später einem Millionenpublikum zugänglich wurden.

[3] „Berliner Zeitung“ und „Frankfurter Rundschau“ stehen für ein linksliberales Milieu, ähnlich – wenn auch mit anderen Schwerpunkten und anderer politischer Kultur – die „taz“. Die Aufnahme der „Welt“ war unabhängig von ihrer politischen Färbung erforderlich, da der Urheberartikel durch sie veröffentlicht wurde und anzunehmen war, dass sie im Diskurs eine zentrale Rolle spielen würde. Gleiches gilt für die eher konservative, ökonomisch liberale „Berliner Morgenpost“, die den Artikel auf ihren Internetseiten publizierte. „Die Zeit“ sollte als einzige Wochenzeitung dazu dienen, auf eventuelle Unterschiede zwischen den Publikationsarten hinzuweisen, die sich jedoch nicht ergaben.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Empörung um „Spätrömische Dekadenz“
Untertitel
Eine korpuslinguistische Diskursanalyse
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Diskurs und Korpus - Einführung in die Mediendiskursanalyse
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V159257
ISBN (eBook)
9783640815388
ISBN (Buch)
9783640815074
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diskursanalyse, Westerwelle, Political Correctness, Empörung, Öffentlichkeit
Arbeit zitieren
Erik Pester (Autor:in), 2010, Empörung um „Spätrömische Dekadenz“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159257

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