Das Motiv der Einsamkeit - Čechovs Čaika/ Tschechow "Die Möwe"

Intrapersonale Konflikte Konstantin Treplevs in Anton Pavlovič Čechovs Drama „Čajka“


Hausarbeit, 2009

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Thema der Einsamkeit als Leitmotiv in „Čajka“
2.1. Begriffsklärung, Charakterisierung von „Odinokie“, Polockaja
2.2. „Odinokij“ Treplev

3. Wie wird die Einsamkeit geschafft, formale Analyse
3.1 Gestörte kommunikative Interaktion zwischen Figuren als Form ihrer Einsamkeit
3.2 Figurenkonstellation

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit analysiert das Čechovs Drama „Čajka“. Dabei liegt der Schwerpunkt auf dem Motiv der Einsamkeit und den intrapersonale Konflikte der Figur Konstantin Treplevs im Drama. Eine solche Eingrenzung des Themas und die Reduzierung der Analyse auf das Figur Treplevs erscheint im Rahmen dieser Arbeit aufgrund von komplexer System von Charakteren in „Čajka“ notwendig. Es wird das im XIX Jahrhundert in der russischen Literatur entstandener Phänomen „odinokie“[1] im Bezug auf diese Figur des Čechovs Drama untersucht. Dabei werden wir uns in erster Linie auf den Aufsatz von Polockaja „’Čajka’ i ’Odinokie’ (Sud’ba ’odinokich’ u Čechova i Gauptmana)“[2] stützen. Im Mittelpunkt der Arbeit steht die Überprüfung und die Analyse der Verwendbarkeit von Polockaja genannten Eigenschaften der „Einsamen“ auf die Figur Treplevs in „Čajka“.

Das zweite Kapitel widmet sich dem Thema der Einsamkeit im Drama. Dabei wird das Kapitel in zwei Teilen gegliedert. Im ersten Teil werden die theoretischen Grundlagen, die Polockaja in ihrem Aufsatz diskutiert, kurz zusammengefasst. Das darauf folgende Teil beschäftigt sich mit der Analyse des Figur Treplevs und seiner Einsamkeit im Drama „Čajka“.

Im dritten Kapitel wird die formal-methodische Frage diskutiert, nämlich wie schafft Čechov diese Einsamkeit der Charaktere. Sehr hilfreich für diesen Kapitel war die Lektüre von Leithold „Studien zu A.P. Čechovs Drama „Die Möwe““ (1989), in welchem die Kommunikationsstruktur des Stückes ausführlich analysiert wurde.

Letzter Kapitel beinhaltet eine Zusammenfassung meiner Arbeit und zeigt die wichtigsten Ergebnisse der Analyse.

Die Zitate aus dem russischen Text von „Čajka“ werden von mir übersetzt. Dabei geht es mir nicht um eine wort-wörtliche Übersetzung, sondern mir ist es besonders wichtig, die für die Analyse wichtige inhaltlichen Zusammenhänge darzustellen. Die Zitate aus der wissenschaftlichen Fachliteratur werden in der Originalsprache wiedergegeben.

2. Thema der Einsamkeit als Leitmotiv in „Čajka“

2.1. Begrifsklärung, Charakterisierung von „Odinokie“, Polockaja

In diesem Kapitel werden Polockaja’s Erkenntnisse über den Phänomen „odinokie“ geschildert und zusammengefasst. Dabei werden die für die vorliegende Arbeit wichtige Begriffe, wie intrapersonale Konflikt und „odinokie“ geklärt.

In ihrem Aufsatz „’Čajka’ i ’Odinokie’ (Sud’ba ’odinokich’ u Čechova i Gauptmana)“[3] analysiert E.A. Polockaja den Begriff „odinokie“. Dabei spricht sie von einem Ende XIX Jahrhunderts in der russischen und europäischen Literatur entstandenen Phänomen. „Odinokie“ in russischer Literatur ist ein Ergebnis der weiteren Entwicklung, eine neue Stufe von „lišnie ljudi“[4], so Polockaja. Sie setzt Puškins und Lermontovs „lišnie“ Charaktere – Onegin und Pečorin, den literarischen Helden des Endes des XIX Jahrhunderts entgegen und nennt somit eine Reihe von für „odinokie“ typischen Eigenschaften. Die wichtigsten Merkmale von „odinokie“ sind ihre Einsamkeit und innerer Konflikt, die Unzufriedenheit mit sich selbst und mit dem eigenen Leben. Ähnlich wie „lišnie“ leiden „odinokie“ an Lebensüberdruss, allerdings verhalten sich die letzten überwiegend passiv:

Энергия человеческих страстей […] уступает место инерции повседневного существования[5]

Aus dieser Passivität ergibt sich ein weiterer Unterschied zu „lišnie“ – es ist die Konfliktlösung. Während Puškins und Lermontovs Charaktere versuchen sich mit ihren Problemen „aktiv“ auseinander zu setzen –sie reisen ab, nehmen teil in Kriege und duellieren, nehmen „odinokie“ keine ähnliche Handlungen vor. Dennoch, trotz ihrer „äußere Passivität“ stehen „odinokie“ unter konstanter innerer Auseinandersetzung mit sich selbst, was auch sich in ihrer Art mit Konflikten umzugehen widerspiegelt – denn ein häufiger Konfliktlösung eines „odinokij“ ist ein Selbstmord . Dieser Kontrast zwischen dem „äußeren Passivität“ und inneren Konflikt eines „odinokij“ wird noch deutlicher dadurch, dass die Alltäglichkeit als Hintergrund der gesamten Handlung dient. Dieses Phänomen kann man mit Anton Pavlovičs Zitat beschreiben:

«на сцене люди обедают, пьют чай, а в это время рушатся их судьбы»[6]

Im Gegensatz zu „lišnie“ sind „odinokie“ keine außerordentliche Menschen, die intellektuell eine Stufe höher stehen als die anderen:

«Это как известно, не исключительные, а обыкновенные люди»[7] .

Ein weiteres Merkmal in Polockajas Auffassung von „odinokie“ und damit ein für diese Arbeit bedeutendes Phänomen ist der intrapersonaler Konflikt der Figuren. Dabei geht es um einen Konflikt, der sich „innerhalb“ eines Menschen abspielt. Polockaja spricht hier von einer ständigen Auseinandersetzung der Figuren mit sich selbst, von ihrer Unzufriedenheit mit der eigenen inneren Welt.

Laut Polockaja, beschreibt der Begriff „odinokij“ den psychologischen Zustand von Figuren in Čechovs Drama „Čajka“ am besten. Im zweiten Teil dieses Kapitels werden wir die oben genannten Eigenschaften näher betrachten und die Figur Treplevs bezüglich dieser Merkmale analysieren.

2.2 „Odinokij“ Treplev

Dieser Kapitel widmet sich der eigentlichen Analyse von Čechovs Drama „Čajka“. Im Mittelpunkt unserer Betrachtungen steht hier das Thema der Einsamkeit und der innerer Konflikt von Treplev. Die leitende Frage dabei lautet ’Inwieweit der Begriff „odinokij“ in Polockajas Auffassung auf Treplev zutrifft?’.

Einer von wichtigen Eigenschaften eines „odinokij“ ist seine Einsamkeit. Das Problem der Einsamkeit wird in „Čajka“ sehr oft angerührt. Gabriele Selge in seinen Untersuchungen „ Anton Čechovs Menschenbild“ spricht von ‚existenzieller’ Einsamkeit der Figuren in Čechovs Drama, die Einsamkeit, für die es kein „weil“ gibt, Einsamkeit als Grundbefindlichkeit eines Menschen.

Dies ist die echt geborene Einsamkeit, geboren aus der conditio humana.[8]

Solche „existenzielle“ Einsamkeit ist für Treplev zutreffend. Im Folgenden werden wir Treplev in seinem Umfeld betrachten und seine Beziehung zu Mitmenschen unter Kategorien Familie und Liebe analysieren. In der Kategorie Familie sind für unsere Untersuchung zwei Figuren relevant: Treplevs Mutter, Arkadina, und sein Onkel, Sorin. In der Kategorie Liebe werden wir uns seinem Verhältnis zu Nina Zarečnaja widmen. Abschließend, wird ein kurzer Einblick in Treplevs Beziehung zu Maša gegeben.

Die Isolierung und Fremdheit bestimmen das Zusammenleben von Treplev und seine Mutter. Schon in der ersten Szene wird von Konstantin artikulierter Konflikt zwischen den beiden deutlich. In der Unterhaltung mit Sorin beschreibt Treplev sie als narzisstisch und geizig. Arkadina scheint sich weder für seine finanzielle Lage, noch für seinen psychischen Zustand zu interessieren. Mit bitterer Ironie bemerkt er, dass allein seine Existenz der alt werdenden Schauspielerin das Leben verdirbt:

Siehst du, meine Mutter liebt mich nicht. […] Sie will leben, lieben, helle Blusen tragen, und ich bin schon fünfundzwanzig und errinere ihr ständig daran, dass sie nicht mehr jung ist.

Видишь, моя мать меня не любит. […] Ей хочется жить, любить, носить светлые кофточки, а мне уже двадцать пять лет, и я постоянно напоминаю ей, что она уже не молода ( S . 9)

Diesen Konflikt zwischen Mutter und Sohn betont der Autor auch auf symbolischer Ebene, indem er intertextuelle Bezüge herstellt und die Figuren einen Dialog aus „Hamlet“ rezitieren lässt[9], in dem Hamlet seiner Mutter unmoralisches Verhalten

vorwirft. Das Zitat ist gleichzeitig eine Anspielung auf Arkadinas Verhältnis zu Trigorin, das Konstantin nicht akzeptiert.

Neben Generationenkonflikt sind auch die Meinungen der beiden über das Theater konträr. Treplevs künstlerische Tätigkeit und seine Sichtweise werden von Arkadina nicht akzeptiert. Als Künstler empfindet Konstantin einen Minderwertigkeitsgefühl gegenüber Arkadina und ihren Freundeskreis:

wenn manchmal, in ihrem Salon, all diese Schauspieler und Schriftsteller mir ihre gnädige Aufmerksamkeit schenkten, so schien es mir, sie hätten mit ihren Blicken meine Nichtigkeit gemessen – ich ahnte ihre Gedanken und litt unter Demütigung …

когда, бывало, в её гостиной все эти артисты и писатели обращали на меня своё милостивое внимание, то мне казалось, что своими взглядами они измеряли моё ничтожество, - я угадывал их мысли и страдал от унижения…( S . 9)

Auch später, als er vom lesenden Publikum anerkannt wird, findet Treplev keine Bestätigung bei seiner Mutter, die im vierten Akt zugibt, sie hatte im Verlaufe von zwei Jahren noch keine Zeit gefunden, etwas von ihrem Sohn zu lesen:

Dorn: [...] Irina Nikolaevna, freut Ihnen das, dass Ihr Sohn ein Schriftsteller ist?

Arkadina: Stellen Sie sich das vor, ich habe noch nicht gelesen. Keine Zeit.

Дорн: [...] Ирина Николаевна, вы рады, что у вас сын писатель?

Аркадина: Представьте, я ещё не читала. Всё некогда . (S. 54)

[...]


[1] Der Begriff „odinokie“ („Die Einsamen“, J.P) im Bezug auf Čechovsche Figuren wird oft im Zusammenhang mit den Charaktere aus Gerhard Hauptmanns Dramen (unter anderen das gleichnamige Werk „Die einsamen Menschen“) gebracht. vgl. Polockaja (2001), S. 88

[2] Čechoviana Polet Čajki (2001), S. 88-126

[3] Čehoviana (2001), S. 88-126

[4] Polockaja in Čechoviana (2001), S. 89

[5] Ebd. , S. 89

[6] Ebd, S.91

[7] Polockaja in Čechoviana (2001), S. 91

[8] Selge (1970), S. 34

[9] „Čajka“ , S. 12

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Das Motiv der Einsamkeit - Čechovs Čaika/ Tschechow "Die Möwe"
Untertitel
Intrapersonale Konflikte Konstantin Treplevs in Anton Pavlovič Čechovs Drama „Čajka“
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Slavistik)
Veranstaltung
Seminar: Übungen zum russischen Drama
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V159324
ISBN (eBook)
9783640726752
ISBN (Buch)
9783640727537
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Slavistik, Literaturwissenschaften, Russisch, Russische Literatur, Drama, Tschechow, Möwe, Čechovs Čaika, Tschechows Tschaika, The seagull
Arbeit zitieren
Julia Pojarova (Autor), 2009, Das Motiv der Einsamkeit - Čechovs Čaika/ Tschechow "Die Möwe", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159324

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