Charakteristika der Spätviktorianik anhand des Films "The Importance of Being Ernest"


Seminararbeit, 2008
16 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

„Virtual Marriage“: Die Ehe als Geschaftsbeziehung

Jack Worthing, Gwendolen Fairfax und Lady Bracknell

Gesellschaftliche Hierarchie

„Society“: Heuchelei, Moral und Ideenreichtum

Ideenreichtum

Moral

Heuchelei

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit soil die Frage beantworten, ob die Verfilmung von Oscar Wildes The Importance Of Being Ernest aus dem Jahre 2002 die fur die Zeit des Viktorianismus typischen Merkmale widerspiegelt, und wenn ja, auf welche Art und Weise dies geschieht.

Dabei wird der Film in chronologischer Reihenfolge analysiert, wobei auf bestimmte Szenen und Sachverhalte genauer eingegangen wird. Zum Verstandnis derer, die den Film nicht gesehen haben, werden immer wieder kurze, inhaltliche Be- und Anmerkungen gemacht. Fundament der Arbeit ist jedoch definitiv die Verfilmung, sowie die Originalfassung des Buches.

1. „Virtual Marriage“: Die Ehe als Geschaftsbeziehung

Ehen in der Zeit des Spatviktorianismus beruhten zumeist auf gesellschaftlichen Beziehungen, die den einzelnen Geschaftspartnern, den Eheleuten, den grosstmoglichen Nutzen, sowohl in sozialer als auch in monetarer Hinsicht erbringen sollten.

1.1. Jack Worthing, Gwendolen Fairfax und Lady Bracknell

Die zweite Szene des Films prasentiert eine der beiden mannlichen Hauptrollen, Jack Worthing. Jack fuhrt eine Art Doppelleben. Um wann und so oft es ihm beliebt vom Land in die Stadt (London) reisen zu konnen (meist am Wochenende), hat er einen jungeren Bruder mit Namen Ernest erfunden. Dieses ist insoweit fur ihn von Interesse, da sich das Leben dieser Zeit stark urbanisierte, es gab einen "growth of London-centered activities" (Davidoff, 29). Das hier beschriebene Verhalten ist typisch fur die damalige Gesellschaft der Manner: "Clubs made it possible for the unattached man to continue to operate in the social sphere without maintaining his own establishment and in this way encouraged the late marriage age for men which was a feature of mid-Victorian life" (Davidoff, 24). Es gibt jedoch auch Einfluss auf das Heiratsalter der Manner sexueller Natur, so beschrieben von Eugene Black:

Though the sexual organs rapidly develope from the fourteenth to the twentieth year, yet they do not acquire their complete growth or functions before the twenty-fifth, sometimes not until the thirtieth year; and this is the age most proper for marriage. The body of man is not fully developed before the twenty-fifth year of age; the spermatic fluid is less abundant and fitted for reproduction (388).

Die These wird bestatigt, wenn Jack sich vor Lady Bracknell um die Gwendolens Hand bewirbt. Ein Mann im Alter von 35 Jahren wird hier von ihr als "geeignetes Alter fur eine Heirat" definiert. Es passt also alles ganz klar zusammen, Jack halt sich unter einem falschen Namen in der Stadt auf, um so nicht seine wahre Identitat oder sogar seinen Wohnsitz preisgeben zu mussen. Auf diese Weise pflegt er ein Scheinimage, nicht die dummste Idee wenn es darum geht, sich dafur zu rechtfertigen das man noch nicht verheiratet ist. Auf diese Art und Weise muss er sich namlich vor niemandem rechtfertigen.

Auf seinem Anwesen auf dem Lande kennt diesen Bruder allerdings niemand. Lediglich die Geschichten davon, dass Ernest ein stets in Geldnoten steckender Lebemann sei, die Jack in der Heimat ubermittelt, sind bekannt. In der Stadt gibt sich Jack selbst als Ernest aus. "It was all part of an act, somewhere between knowing self-promotion and whimsical vanity, best understood within the disciplined framework of Victorian history" (Gardiner, 321).

So haben sich er und Algernon - Algernon, der zweite Protagonist, ist Jacks Bruder, wie sich nachher herausstellen wird - auch kennengelernt. Jack besitzt sogar Visitenkarten ausgestellt auf den Namen Ernest, um seine Rolle in der Stadt perfekt zu verkorpern. Aber warum war es damals so wichtig, seine wahre Identitat zu schutzen? Weil die von der "Society" vorgegebenen Normen und Gebrauche so stark in die Leben der Menschen eindrangen, dass der ganze Ruf eines Einzelnen abhangig war von dem, was die anderen uber jemanden sagten, oder behaupteten. Das folgende Beispiel von Leonore Davidoff soll diese Tatsache veranschaulichen:

[...] some who could not afford the continual shuttle between London and the country were rumoured to have closed the shutters of their London house and lived a secret troglodyte existence in the back rooms throughout August and September until it was decent to be seen in Town again.

Did this ever actually happen? It is impossible to know for certain. The circulation of such rumours itself is a sign of the power of 'Society' dictates (31).

Die folgenden Szenen zeigen Jack und Algernon auf einem fur die London Season typischen Ball. Typisch in dem Sinne, als das es eine Art Gepflogenheit war sich auf solchen Anlassen blicken zu lassen, um zur "Society" dazu zu gehoren. Dabei ist anzumerken, dass es sich bei diesen Ballen und Parties um keine offentlichen Veranstaltungen im eigentlichen Sinn handelte, sondern dass diese Balle in Wohnhausern und privaten Anwesen veranstaltet wurden.

John Summerson describes how the architecture of these great houses enhanced the public quality of social life. They had immense public rooms and small squalid back bedrooms. They were not built for domestic but for public life" (Davidoff, 20). Davidoff dazu selbst: "[...] some even having printed guide books for the visitor, Victorian gentlemen regarded their homes not as a temple to taste but to domestic virtues, one of which was engaging in Society functions (22).

Die Szene zeigt, wie diese Balle zu der damaligen Zeit als so genannte „Virtual Marriage Markets“ genutzt wurden. Immer wieder sieht man Einblendungen, in denen Frauen dabei gezeigt werden, wie sie selbst nach den mannlichen Gasten Ausschau halten, und wie sie dem anderen Geschlecht mit klassischen Signalen zu verstehen geben, dass sie auf der Suche nach einer Hochzeit sind, denn "Marriage was seen for both men and women as a change in status. The young man, for example, was expected to be presented by his wife's most important relative to show his new connection at its best" (Davidoff, 25).

Es gibt unzahlige Anhaltspunkte dafur, dass sich in der spatviktorianischen "Society" alles um „Sehen und Gesehen werden“ drehte. So gab es neben den Heiratsanwarterinnen auf den Ballen beispielsweise auch "Figuren" die lediglich als Art Dekoration dienten, gewohnlich um die Konversation und die Laune auf einem gewissen Level zu halten. Davidoff beschreibt diese Gruppe von Frauen als "sprinkling of women famous for their beauty or wit or both, who either gave the conversation a sparkling turn, or were wise enough not to interrupt good talk, and who accordingly sat looking statuesque or flowerlike" (26). Mit anderen Worten kann also festgehalten werden, dass diese Frauen als eine Art Treibstoff fur den Motor des gesellschaftlichen Beisammenseins fungierten.

Im weiteren Dialog zwischen Algernon und Jack erklart Jack Algernon, dass er Gwendolen, Algernon's Cousine und Lady Bracknells Tochter, an diesem Wochenende einen Heiratsantrag machen will, woraufhin Algernon antwortet: "I thought you come up for pleasure, I call that business". Dabei ist es kein Geheimnis, dass diese Geschafte, als welche Ehen damals fungierten, vordergrundig pekuniarer Natur waren: "Conventional marriage implied providing an income" (Davidoff, 40).

In Szene 3 gibt Gwendolen ein gutes Beispiel dafur, wie oberflachlich und berechnend die damalige feine Gesellschaft der Aristokraten war: "as you know we live in an age of ideals and my ideal has always been to love someone of the name of ,Ernest‘". Man kann in dieser ganzen Angelegenheit nicht von Liebe sprechen, so wie sie in unserer heutigen Zeit und Gesellschaft Usus ist. Nachdem sich Gwendolen und Jack also geeinigt haben, fehlt lediglich die Zustimmung von Lady Bracknell, was sich als schwieriger herausstellt, als die beiden vorher geahnt hatten. Lady Bracknell: "you are not down on my list of eligable young men" - eine Liste dieser Art ist definitiv zeitgemaB, wie Davidoff in ihrem Buch The Best Circles sehr treffend formuliert: "Under such a system it was vital that only potentially suitable young people should mix" (49); und Lady Braknell in der gesehenen Szene selbst: "When you do become engaged to someone I or your father, should his health permit him, will inform you of the fact". Es ist deutlich, dass die jungen Frauen und Manner der damaligen Zeit wenig Einfluss darauf hatten, wann und mit wem sie verheiratet wurden, viel zutreffender war "individual choice had to be most carefully regulated to ensure exclusion of undesirable partners and maximum gain for both sides“ (Davidoff, 49).

Ehen waren demnach viel mehr ein Mittel zum Zweck, eine Art Geschaftsbeziehung. Leonore Davidoff auBert sich dazu folgendermaBen:

The whole basis of social relations was family (or pseudofamily) ties between equals in the elite, or patronage across well-defined hierarchical lines. The new formalised system of etiquette made it possible, for the first time, to use those kin alliances that were profitable and quietly to drop those that were not. And there is evidence that this was widely practised (27).

In der Zeit des Spatviktorianismus wurden Ehen also in den seltensten Fallen aus Liebe geschlossen. "One of the most essential points of access to high status group membership is through marriage. [...] It often provided status legitimacy through one partner and new capital through the other" (Davidoff, 49). Zu heiraten oder nicht war allerdings keine Frage der Laune oder des Schicksals, es wurde als Pflicht angesehen. „Marriage was a social duty, because it obliged the family and helped to widen social contacts“ (Beckett, 103).

Viel mehr waren diese Bundnisse demzufolge die Tur zu bestimmten gesellschaftlichen Kreisen, bzw. ein Mittel eben genau diese fur andere geschlossen zu halten. Dabei darf, wie Beckett konsolidiert, der letzte Punkt dieser These nicht vernachlassigt werden,: „while marriage might be seen as an important financial transaction [...], it was even more crucial as a means of cementing the social fabric of the group“ (104). Die Gruppe der „Society“ streng limitiert und geschlossen zu halten hatte also zumindest den gleichen Stellenwert wie die pekuniaren Ziele.

1.2. Gesellschaftliche Hierarchie

Szene 5 stellt Lady Bracknell vor. Sie ist zum Tee bei Algernon, der sie ins Nebenzimmer lockt, um Jack so die Gelegenheit zu bieten, Gwendolen einen Heiratsantrag zu machen. Gepflogenheiten dieser Art waren essentiell fur die familiaren Beziehungen des Viktorianismus. "The family was the cardinal sign of respecatbility [...]. Family meals, the ritual of tea, [...] reenforced the significance of this core of Victorian life" (Black, 252). Algernon steht also seiner gesellschaftlich hoher situierten Tante gegenuber in der Pflicht, sie zum Tee einzuladen. Dieses spiegelt seinen Respekt vor ihr wider.

Bereits die Kleidung von Lady Bracknell macht deutlich, dass sie gesellschaftlich eine Ebene uber Jack und allen anderen steht."Sedulously, therefore, they strove to proclaim, by their very dress and speech and gesture, a full aesthetic autonomy.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Charakteristika der Spätviktorianik anhand des Films "The Importance of Being Ernest"
Hochschule
Universität Trier
Note
3,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V159383
ISBN (eBook)
9783640721313
ISBN (Buch)
9783640721795
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Charakteristika, Spätviktorianik, Films, Importance, Being, Ernest
Arbeit zitieren
Tolga Güneysel (Autor), 2008, Charakteristika der Spätviktorianik anhand des Films "The Importance of Being Ernest", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159383

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