Hedonistischer Glücksbegriff (Utilitarismus)


Seminararbeit, 2010
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Gliederung

Abkurzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die utilitaristische Ethik
2.1 Grundmerkmale des Utilitarismus
2.1.1 Definition des Utilitarismus
2.1.2 Wesentliche Merkmale des Utilitarismus
2.1.3 Richtungen des Utilitarismus
2.2 Der utilitaristische Glucksbegriff nach Jeremy Bentham
2.2.1 Kurzbiographie Jeremy Bentham
2.2.2 Der quantitative Utilitarismus
2.3 Der utilitaristische Glucksbegriff nach John Stuart Mill
2.3.1 Kurzbiographie John Stuart Mill
2.3.2 Der qualitative Utilitarismus
2.4 Kriti sche Wurdigung

3 Das Verhaltnis von utilitaristischer Ethik und Okonomie
3.1 Nutzenverstandnis
3.2 Wohlfahrtsokonomie

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abkurzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Schon seit jeher wird das Gluck als zentraler Gegenstand der Philosophie betrachtet, weshalb diese uber Jahrhunderte als Lehre vom und Anweisung zum glucklichen Leben verstanden wurde. Es ist allgemein anerkannt, dass Gluck das hochste durch eigenstandiges Handeln erreichbare Gut darstellt und deshalb als Endzweck menschlichen Handelns anzusehen ist.1

Hierauf wurde schon vor gut 2300 Jahren von Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik hingewiesen. Allerdings existierten damals wie heute unterschiedlichste Vorstellungen von der genauen Bedeutung des Glucks. Aristoteles entwickelte den sog. eudamonistischen Glucksbegriff. Seiner Meinung nach steht das Gluck in enger Verbindung mit Autarkie. Es besteht in einem genugsamen Leben, das keine Mangel offenbart. Er wendet sich gegen ein Streben nach mehr Gutern beziehungsweise weniger Leid, da das Gluck durch das Zuviel oder das Zuwenig zerstort wird.2

Eine vergleichsweise moderne Interpretation des Glucksbegriffes erfolgte im Rahmen der utilitaristischen Ethik.

Ziel der Arbeit ist es, ausgehend von den Grundlagen des Utilitarismus den utilitaristischen Glucksbegriff im Sinne der beiden Hauptvertreter dieser Ethik, Jeremy Bentham und John Stuart Mill, auszuarbeiten und kritisch zu betrachten. AbschlieBend werden Gemeinsamkeiten zwischen dem Utilitarismus und der Okonomie dargestellt.

2 Die utilitaristische Ethik

2.1 Grundmerkmale des Utilitarismus

2.1.1 Definition des Utilitarismus

Der Utilitarismus zahlt zu einer der bedeutendsten Positionen der neuzeitlichen Ethik.3 Begrundet wurde diese Denkschule im England des 18. Jahrhunderts von Jeremy Bentham, der in seinem Werk „Einfuhrung in die Prinzipien von Moral und Gesetzgebung“ eine erste zusammenhangende Darstellung des Utilitarismus vornahm.4 Der Utilitarismus entwickelte sich in der Folgezeit zu einer der einflussreichsten Moralvorstellung in der angloamerikanischen Welt, wie zahlreiche gesellschaftliche Reformen belegen. In Deutschland konnte die Idee des Utilitarismus dagegen kaum FuB fassen.5

Der Utilitarismus wird der Klasse der normativen Ethik zugeordnet, welche versucht Antworten auf die Frage „Was soll ich tun?“ zu finden. Hierzu werden konkrete Handlungsanweisungen und Gebote entwickelt.6 Der Utilitarismus unterscheidet sich somit von den Denkmustern der Metaethik, die sich nicht der moralischen Richtigkeit von Handlungen widmet, sondern die Bedeutung von Begriffen wie „richtig“ und „gut“ erortert. Vielmehr bietet der Utilitarismus eine Entscheidungshilfe, an dem die moralische Richtigkeit oder Falschheit von Handlungen und Normen gemessen werden kann.7 Diese utilitaristische Prinzip, auch Prinzip der Nutzlichkeit genannt, kann laut Hoffe folgendermaBen formuliert werden: „ Diejenige Handlung bzw. Handlungsregel ist moralisch richtig, deren Folgen fur das Wohlergehen aller Betroffenen optimal sind.“8

2.1.2 Wesentliche Merkmale des Utilitarismus

Aus dem eben formulierten Prinzip der Nutzlichkeit sind vier Charakteristika des Utilitarismus erkennbar:

(1) Der Utilitarismus zahlt zur Gruppe der teleologischen Ethik, da im Gegensatz zur deontologischen Ethik unbedeutend ist, ob eine Handlung in sich gut ist oder aus gutem Willen erfolgt. Vielmehr werden Handlungen gemaB utilitaristischer Perspektive ausschlieBlich aufgrund ihrer Folgen und Konsequenzen bewertet. (Konsequenzen-Prinzip)

(2) Der MaBstab fur die Bewertung der Folgen ist der Nutzen, den eine Handlung stiftet. (Utilitatsprinzip)

(3) Allerdings wird hierbei nicht auf den Nutzen fur subjektive Ziele abgestellt, sondern der Nutzen fur das in sich Gute ist entscheidend. GemaB den klassischen Utilitaristen Bentham und Mill gilt das Gluck des Menschen als hochstes Gut, welches sie in der Befriedigung menschlicher Bedurfnisse und Interessen sehen. Laut utilitaristischer Sichtweise sollten die Menschen nach maximaler Erfullung ihrer Bedurfnisse bzw. minimaler Frustration streben. In einer Entscheidungssituation sollte der Utilitarist also das AusmaB an Lust, das mit einer Handlung verbunden ist, mit dem AusmaB an Leid, das die gleiche Handlung hervorruft, verrechnen. Die Differenz wird von Hoffe als „Gratifikationswert“9 bezeichnet und als Beurteilungskriterium fur Handlungen angefuhrt. (Hednonistisches Prinzip)

(4) Der Utilitarist strebt nicht nach maximalem Gesamtnutzen fur sich selbst, sondern Ziel ist es, den Gesamtnutzen aller von der Handlung Betroffenen zu maximieren. Dieser Grundsatz wird haufig verkurzt als „das groBte Gluck der groBten Zahl“ formuliert. Dazu muss das Einzelgluck und Einzelleid verschiedener Individuen aggregiert werden, wobei jedem Menschen das gleiche Gewicht zugesprochen wird. (Universalistisches Prinzip)10

2.1.3 Richtungen des Utilitarismus

Im vorausgegangenen Kapitel dargestellte Grundprinzipien des Utilitarismus wurden oftmals abweichend ausgelegt, sodass sich im Zeitablauf unterschiedliche Richtungen entwickelt haben. Insofern stellt der Utilitarismus keine in sich geschlossene Theorie dar, sondern vielmehr eine Familie von verwandten Denkmustern. Im Folgenden werden die bedeutendsten Abwandlungen vom klassischen Utilitarismus dargestellt.11 12

Der klassische, positive Utilitarismus berucksichtigt bei der Beurteilung einer Entscheidung sowohl das damit verbundene Gluck als auch das Leid. Eine Handlung gilt somit als richtig, wenn das AusmaB an Gluck das AusmaB an Leid uberwiegt. Negative Utilitaristen betrachten bei Handlungsalternativen lediglich die Veranderung des AusmaBes an Ungluck oder Leiden. Das Ziel besteht darin, durch Handlungen das Leiden mehr zu verringern als zu verschlimmern. Ob mit Handlungen gleichzeitig auch Steigerungen oder Minderungen von Gluck verbunden sind, ist unerheblich, da Leidensminimierung der Glucksmaximierung vorgezogen wird.13

Im klassischen Utilitarismus ist das hedonistische Prinzip verankert, wonach Gluck untrennbar mit der Befriedigung subjektiver Bedurfnisse bzw. dem Erleben von Lust verbunden ist. Abweichend hiervon wird im ideellen Utilitarismus die Ansicht vertreten, dass auch geistige Freuden wie bspw. Erkenntnisgewinn, Weisheit oder aber auch Liebe zu Gluck fuhren.14

Der klassische Utilitarismus sieht das Gluck als den hochsten Wert an. Deshalb ist es lediglich entscheidend, dass das Gluck maximiert wird, ganz egal aus welcher Quelle dieses stammt. Im Gegensatz hierzu strebt der Praferenzutilitarist nach der Befriedigung individueller Vorlieben und Praferenzen und zwar unabhangig davon, ob dies gleichzeitig auch Gluck bzw. Nutzen befordert oder nicht. Durch das Abstellen auf allgemeine Praferenzen werden die Schwierigkeiten, die mit der Messbarkeit des Nutzens verbunden ist, ausgeklammert.15 16

Der Nutzensummen- und der Durchschnittsnutzenutilitarismus unterscheiden sich voneinander durch ihr Nutzenverstandnis. GemaB der ersten, klassischen Auffassung gilt es das gesamte Gluck aller Individuen zu maximieren, wahrend laut zweiter Interpretation das durchschnittliche Gluck pro Kopf optimiert werden soll. Unter Annahme einer konstanten Bevolkerung ergeben sich aus beiden Positionen dieselben Implikationen, jedoch nicht bei variabler BevolkerungsgroBe.17

In der Anwendung des Nutzlichkeitsprinzips unterscheiden sich der klassische Handlungs- und der modernere Regelutilitarismus. Bei ersterem wird das Prinzip unmittelbar auf die jeweilige Handlung angewandt, sodass all diejenigen Handlungen als richtig gelten, die das Gesamtgluck aller Individuen maximieren. Beim Regelutilitarismus wird dieser Grundsatz auf einer hoheren Ebene angewandt. So ist eine Handlung dann moralisch richtig, wenn die zugehorige Handlungsregel die Gesamtsumme an Gluck aller Individuen maximiert. Im Fokus steht somit nicht die Frage, ob bspw. im Einzelfall das Brechen eines Versprechens glucksfordernd ist, sondern ob die Regel, Versprechen immer zu brechen, positive Konsequenzen hat. So ist eine Handlung als moralisch falsch zu bewerten, falls die Folgen der korrespondierenden Regel negativ sind. Dies gilt selbst dann, wenn die Konsequenzen der individuellen Handlung positiv waren.18

Es ist also ersichtlich, dass je nach Position Handlungsregeln einen unterschiedlichen Status aufweisen. Fur Handlungsutilitaristen haben sie den Charakter von Faustregeln oder Orientierungshilfen. Im Gegensatz zum Regelutilitarismus haben sie aber keinen Pflicht- bzw. Gebotscharakter.19 Handlungsutilitaristen ist es somit moglich von den Regeln abzuweichen.20

2.2 Der utilitaristische Glucksbegriff nach Jeremy Bentham

Bevor nachfolgend das Glucksverstandnis der beiden bedeutendsten Utilitaristen erortert wird, sollte zunachst, um Missverstandnisse vorzubeugen, ein allgemeines Verstandnis vom Gluck dargestellt werden.

Der Begriff Gluck wird im deutschen Sprachgebrauch in zwei unterschiedlichen Bedeutungen verwendet.21 Es wird zwischen dem objektiven und dem subjektiven Gluck unterschieden. Unter ersterem wird das Gluck, das man nicht erzwingen kann, sondern hat (Zufalle wie vierblattriges Kleeblatt, Lottogewinn oder sonstige Erfolge), unter letzterem das Gluck, das man erfahrt und spurt (korperliches und geistiges Vergnugen), verstanden.

Obschon die Menschen nach Gluck streben, muss klargestellt werden, dass Gluck niemals durch Willenskraft oder Entschluss erzeugt werden kann, sondern sich als Begleiterscheinung unseres Handelns eventuell einstellt. Es kann somit immer nur indirektes Ziel unserer Taten sein.22

[...]


1 Vgl. Bien, G. (2006), S. 32 f.

2 Siehe Aristoteles (1969), S. 15 f., 36 f., 120 f.

3 Vgl. Beisbart, C. (2006), Seminarmaterialen vom 17.10.2006.

4 Siehe Hoffe, O. (2008), S. 13.

5 Vgl. Hoffe, O. (2008), S. 8 f.

6 Siehe Beisbart, C. (2006) Seminarmaterialien vom 17.10.2006.

7 Vgl. Hoffe, O. (2008), S. 9 f.

8 Hoffe, O. (2008), S. 11.

9 Hoffe, O. (2008), S. 10.

10 Zu diesem Abschnitt siehe Hoffe, O. (1977), S. 247; Hoffe, O. (2008), S. 10 f. und Nasher, J. (2009),

11 Dabei sollen nur die beiden Gegenpositionen dargestellt werden, auf eine kritische Beurteilung wird verzichtet.

12 Siehe Birnbacher, D. (1992), S. 69 und Nasher, J. (2009), S. 13 f.

13 Siehe Birnbacher, D. (1992), S. 70 ff.

14 Vgl. Lexikon der Philosophie (Phillex), Stichwort Utilitarismus, S. 1 f.

15 Siehe Birnbacher, D. (1989), S. 29 ff. und Birnbacher, D. (1992), S. 72 ff.

16 Naheres zur Messbarkeit von Nutzen und Praferenzen siehe Kapitel 3.1.

17 Genaueres siehe Birnbacher, D. (1992), S. 75 ff.

18 Zu diesem Absatz siehe Hoffe, O. (2008), S. 30 f. und Lexikon der Philosophie (Phillex), Stichwort Utilitarismus, S. 2.

19 Vgl. Hoffe, O. (2008), S. 35 f. und Birnbacher, D. (1992), S. 78 f.

20 Naheres zum Regelutilitarismus siehe Nasher, J. (2009), S. 34 ff. und Beisbart, C. (2006), Seminarmaterialien vom 28.11.2006.

21 In anderen Sprachen existiert fur jede Bedeutung ein eigener Begriff, so z. B. im Englischen: luck bzw. happiness.

22 Zu diesen Ausfuhrungen siehe Bien, G. (2006), S. 28 ff. und Hoffe, O. (1977), S. 86 f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Hedonistischer Glücksbegriff (Utilitarismus)
Hochschule
Universität Ulm
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V159407
ISBN (eBook)
9783640720163
ISBN (Buch)
9783640720620
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Utilitarismus, Jeremy Bentham, John Stuart Mill, Utilitarismus und Ökonomie
Arbeit zitieren
Sebastian Weins (Autor), 2010, Hedonistischer Glücksbegriff (Utilitarismus), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159407

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Hedonistischer Glücksbegriff (Utilitarismus)


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden