Klaus Walter, Psychologe, Psychoanalytiker, Gestaltausbildungstherapeut und Coach: "Seit einiger Zeit bin ich Beinahe-Rentner, denn ich bin als Coach und Autor aktiv geblieben. Der Eintritt in den neuen Status bedeutete, dass meine Frau und ich unsere Beziehung neu erfinden mussten. Zwangsläufig lag das Thema "Verstehen von und Umgehen mit Konflikten" sehr nahe. Während unserer praktischen Umsetzung gestalteten sich meine Gedanken dazu als recht flüchtige kleine Biester, darum begann ich sie schriftlich festzuhalten. Eines fügte sich zum anderen und am Ende hatte ich dieses Buch geschrieben.
Mit diesem Buch möchte ich meine Leser bewegen, gewohnte Streitmuster zu hinterfragen, möchte sie anregen, eigene Wahrheiten als etwas Subjektives anzusehen und bereitwilliger andere Sichtweisen zu akzeptieren. Das Festhalten an der eigenen Wahrheit lässt ein Problem viel zu leicht zu einem Konflikt werden. Ich zeige, dass dies nicht nur in der Paarbeziehung gilt, sondern auch in Gruppen und bei gesellschaftlichen Vorgängen. Selbst destruktive Auffälligkeiten der gesellschaftlichen und politischen Gegenwart lassen sich so einordnen.
Für die Überwindung des Dilemmas stelle ich Lösungen vor und zeige auf, mit welcher inneren Haltung Konflikte besser zu bewältigen oder besser zu vermeiden sind, wie Kommunikation konstruktiver wird. Verständlich mache ich das Ganze nicht nur durch einen eingängigen Schreibstil, sondern auch durch viele Beispiele und Übungen. Wichtig ist mir, den Weg zu einer achtsameren, friedvolleren Lebensgestaltung als persönliches Wachstum nahe zu bringen. Und weil ich weiß, dass es ein so schwieriges Thema ist, reichere ich meinen Text mit Schmunzeln an."
Danksagungen
Ein Buch gewinnt durch ein gutes Cover. Und da es in unserer Familie Talente gibt, habe ich bei meiner lieben Nichte angefragt. Für das Ergebnis und für deine Geduld bei meinen Änderungswünschen bin ich dir sehr dankbar, liebe Liara Schwitzky.
Karin Feil hat als Fotomodell und mit ihrer Idee, nach der Sonne zu greifen, für ein passendes Bild als Vorlage für das Cover gesorgt. Danke liebe Karin, dass wir das benutzen durften.
Und dir, liebe Kristina Walter, bin ich dankbar, dass du es nach so vielen gemeinsamen Jahren immer noch mit mir aushältst und natürlich für deine hilfreiche Kritik an Text und Inhalt.
„Wenn ich einen Menschen wahrhaft liebe,
so liebe ich alle Menschen,
so liebe ich die Welt,
so liebe ich das Leben.“
Erich Fromm
Auf dem Spielplatz
Vor einigen Jahren haben meine Frau und ich ein kleines Haus mit einem Garten gekauft, dessen Grundstück an einen Spielplatz grenzt. Es ist für uns eine Freude an schönen Tagen das fröhliche Lachen der Kinder und auch das Geschnatter der Erwachsenen zu hören, die Kinder über den Platz huschen, die Rutsche hinabrutschen und die Kletterwand hinaufzuklettern zu sehen. Manchmal wird das fröhliche Treiben aber unterbrochen, durch das Weinen eines Kindes, dass es zu toll getrieben hat und dann nach Vater oder Mutter ruft, damit die Tränen getrocknet werden. Und ganz selten stört auch einmal ohrenbetäubendes Kreischen, wenn zwei Kleine aneinandergeraten sind.
Einmal hatte einer der Winzlinge ein Eis dabei – so eine zuckerüberlastete Tüte, wie sie in der Werbung angeboten wird. Er hatte mit seinem Naschwerk wohl den Neid eines etwa gleichaltrigen Burschen heraufbeschworen, der es ihm streitig machen wollte. Es kam zu einer Rangelei. Für einen kurzen Moment hielten Beide ein Stück der Eistüte fest. Der eine oben, der andere unten. Dann kam es, wie es kommen musste: Das Eis landete im Dreck und war für Beide nicht mehr zu gebrauchen. Das Kreischen wandelte sich in ein zweistimmiges Heulen.
Ich glaube, wir Erwachsene sind oft genauso, wie diese beiden Knaben. Da geht es uns um irgendetwas scheinbar Bedeutendes, wir sind nicht geneigt, von unserer Meinung abzurücken und schnell kochen die Gefühle hoch. Gut, es geht dabei selten um eine Tüte Eis. Das bekämen wir vielleicht noch irgendwie geregelt. Aber eine Lösung finden wir bei unseren „ernsthaften“ Problemen genauso wenig, wenn wir erst einmal genügend in Rage geraten sind. Das Ergebnis sieht dann im Prinzip ähnlich aus und unsere Beziehung zu unserem Kontrahenten liegt im Dreck. Es bleibt dann für niemanden etwas. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass sich die meisten Menschen gar nicht streiten, sondern in Harmonie leben wollen.
Lasst es uns doch einfach ein bisschen besser machen!
“All we are saying is give peace a chance!”
John Lennon
Magst du Streits?
Zustimmen kannst du bei dieser Frage wohl nur, wenn du ein Freund des trockenen Humors von Herrn Loriot bist und das Ganze mit dem Abstand des Zuschauers betrachtest. Aber ist das dann nicht eigentlich auch Schadenfreude, also Freude am Schaden eines anderen. Ich glaube, wenn du selbst betroffen bist und in einen Streit gerätst oder geraten könntest, dann lautet deine Antwort höchstwahrscheinlich „NEIN“. Ich habe in meinem nun schon recht langen Leben nur sehr wenige Menschen erlebt, bei denen ich den Eindruck hatte, dass sie sich über einen Streit, an dem sie beteiligt sind, auf irgendeine schräge Weise dennoch freuten. Und von diesen wenigen hatten die meisten nach meiner Einschätzung ein seelisches Problem. Einige gehörten zu meinen Patienten und sie waren irgendwann froh, wenn sie diese „Freude“ über selbst erlebten Streit endlich aufgeben konnten.
Wenn Streits aber so wenige Anhänger finden, warum geschehen sie dann trotzdem so oft in unserem Alltag? Eigentlich müsste man sie doch meiden, wie der Teufel angeblich das Weihwasser meidet. Ständig wird aber gestritten - unter Kindern, zwischen Partnern, in Gruppen, zwischen Tarifparteien, im Bundestag, in der Straßenbahn und zwischen ganzen Nationen.
Der einfachste Grund ist sicherlich, dass kein Mensch wie der Andere ist und jeder darum seine eigenen Bedürfnisse und Meinungen hat, die mit denen anderer Menschen aufeinandertreffen. Da tauchen als Folge solche Probleme auf, wie: Ich möchte deine Aufmerksamkeit, den größeren Teil der Bratkartoffeln, deinen Ehemann, deine Zuneigung, den einzigen freien Sitzplatz in der Bahn, Frieden, mein verliehenes Auto von dir zurück, mehr Geld, einen anderen Schiedsrichter beim Fußball und … und … und. Unsere Wünsche, seien sie auch noch so unbedeutend, werden aber nicht immer erfüllt. Es gibt es ja noch die Anderen, die auch Bedürfnisse haben und diese ihrerseits nicht so einfach aufgeben wollen. Und dann herrscht ein Interessenkonflikt, der eskalieren kann, wenn wir ihn nicht auflösen.
Ich schweife einmal ab zu einer der Krönungen manchen Konfliktes, nämlich wenn die Interessen nicht einmal offen geäußert werden und jemand nur dann zufrieden ist, wenn man ihm oder ihr die Wünsche von den Augen abliest. Nicht nur für solche seltsamen Verirrungen empfehle ich ein Buch von Paul WATZLAWICK mit dem Titel „Anleitung zu Unglücklich-Sein“ (15. Auflage, Piper-TB 4938, München 2009). Solche Vorstellungen sind Verirrungen und Wunschdenken. Das ist deutlich zu erkennen, wenn ich das Verhaltensprinzip in einen anderen Kontext verlagere. Sei ehrlich, du würdest ja wohl niemals in einem Speiselokal auf die Idee kommen, den Kellner schweigend und vorwurfsvoll anzusehen, weil er die Bestellung nicht errät und deshalb auch noch enttäuscht das Restaurant verlassen. Du tippst dir jetzt vermutlich sogar an den Kopf und meinst: „So blöd ist doch niemand“. Ich muss dir widersprechen, denn du hast dich mit deiner Einschätzung gewaltig vertan. In Paarbeziehungen kommt diese Szene in verschiedensten Variationen sogar recht häufig vor. Eines ist doch aber vollkommen klar, solche metaphysischen Ansprüche scheitern entweder infolge von Fehlinterpretationen oder an ärgerlicher Zurückweisung. Und schon ist der schönste Zwist da. Wäre das Leben aber nicht so viel einfacher und wäre es für die ganze Menschheit nicht gesünder, wenn die Beteiligten an einem Interessenkonflikt ganz offen und ehrlich nach Kompromissen oder Regelungen suchen würden, die am besten zu einer sogenannten win-win-Situation führen. Eine solche win-win-Situation kennt keine Verlierer, sondern entsteht bei einem Gewinn auf allen Seiten, der auf einer wie auch immer entstandenen Verständigung beruht. Dass es so etwas sogar zwischen Staaten gibt, zeigt das kuriose Beispiel auf der folgenden Seite.

Vor Grönland gibt es die winzige Hans-Insel. Jahrzehntelang hatten sich Dänemark und Kanada darüber gestritten, zu wem sie gehört. Es kam dabei zu einem kuriosen Ritual: Bei jeder militärischen Expedition auf die Insel wurde die Flagge des jeweils eigenen Landes gehisst und die andere entfernt. Zugleich ließ man dem anderen eine Flasche mit landestypischem Schnaps da: Der "Whisky-Krieg" war geboren. Im Jahre 2022 haben Dänemark und Kanada dann den fast 50 Jahre andauernden Interessenkonflikt beendet und eine Landgrenze auf der Insel geschaffen. "Ich glaube, es war der freundlichste aller Kriege", sagte daraufhin Kanadas Außenministerin Mélanie Joly schmunzelnd. "Wir wissen, dass wir diplomatisch zusammenarbeiten können, um Streitigkeiten auf der Grundlage von Regeln und Prinzipien beizulegen."

Was soll das Ziel sein?
Ich bin kein Pessimist, aber ich glaube trotzdem nicht daran, dass wir jemals in einer vollständig harmonischen Welt leben werden. So ein Rest von Tier lebt halt in uns Menschen fort und verhindert sehr oft, dass wir den Verstand für Lösungen bemühen. Einige unserer „tierischen“ Eigenschaften sind sogar sehr sinnvoll und nötig. Sie ganz aufzugeben, würde uns gar nicht guttun. Dazu gebe ich noch einen Einblick im Kapitel über unsere neuronale Verarbeitung von Reizen (siehe Kapitel „Reflexe und Verstand“). Ein kleiner, interessanter Teufel in mir ist sich sogar sicher, dass eine vollständige Harmonie recht öde wäre. So eine kleine Kabbelei hin und wieder, kann ja sogar ganz anregend sein und Widersprüche können auch Entwicklungen voranbringen. Karl Marx und sein Kumpel Friedrich Engels haben dies in ihren Theorien ausführlich beschrieben. Sie sehen im „Widerspruch von These und Antithese“ eine voranbringende Kraft, auf der sie ihr grundlegenden Thesen und ihr politisches Konzept aufgebaut haben. Ok, der Sozialismus oder Kommunismus wurden bislang nirgendwo so richtig erfolgreich und die Versuche mündeten alle in gescheiterten autoritären Staatsgebilden, aber etwas Wahres ist an der Idee schon dran.
Wir werden also wohl oder übel damit klarkommen müssen, dass es in jeder Form von Beziehung diese Augenblicke geben wird, in denen es nicht gelingt, Interessenkonflikte diplomatisch beizulegen und ein handfester Streit frustrierend und sogar mit kleineren oder größeren Schäden endet. Das ist aber kein Grund, das Streben aufzugeben, unsere Welt und unsere Beziehungen einschätzbarer, friedfertiger und harmonischer zu gestalten. Stabile Partnerschaften finden für Streits ja auch ihren Ausgleich zu einer anderen Zeit oder erkennen auf anderem Wege beziehungsweise später eine Lösung oder einen Kompromiss. In ihnen hat sich vielleicht sogar eine gewissen Gelassenheit gegenüber gelegentlichem Streit entwickelt. Dennoch werden wir in unserem Leben auch hin und wieder Beziehungen beenden müssen, wenn der Schaden zu groß geworden ist, weil chronische Konflikte soweit gereift sind, dass eine Aufnahme von Friedensverhandlungen und eine Wiederannäherung zunächst einmal unmöglich oder „zu teuer“ erscheint, die Zuneigung füreinander nachhaltig zerstört ist. Im Grunde ist die Trennung dann ein guter Weg. Sie macht den Weg frei, für einen Neuanfang und die Chance, es an anderer Stelle oder zu einer anderen Zeit besser hinzubekommen.
Aber muss es soweit kommen?
Bevor dieser Zustand erreicht ist, sehe ich für die meisten Beziehungen, die aus Zuneigung begonnen wurden, die Chance, zu dieser Zuneigung wieder zurück zu finden, vielleicht sogar mit einer besseren Qualität und Intensität. Ich verspreche nicht, dass es dafür die einfache oder schnelle Lösung nach einer Art „Backrezept“ gibt. Gut, manchmal steht dem Frieden nur ein kleiner, aber wirkungsvoller Irrtum im Wege, der sich ausräumen lässt. Aber das ist nicht der überwiegende Anteil. Meist sind die Irrtümer größer und zahlreicher. Ich verspreche darum stattdessen viel Arbeit an deinem Denken und Verhalten in Beziehungen - insbesondere aber an deiner eigenen Haltung. Es kann eine Herausforderung sein, bei deren Bewältigung als Ergebnis die Entwicklung oder Veränderung deiner Lebenseinstellung stehen kann und das muss ja auch nicht schlecht sein. Ich meine den Begriff „Arbeit“ deshalb aber wortgenau und manchmal sogar schweißtreibend. Ich bin kein sehr ausgeprägter Marxist, aber ich denke, dass jeder anerkannte Irrtum, jeder ehrlich ausgetragene und erfolgreich bewältigte Widerspruch, ein überwundener Konflikt, eine erzielte win-win-Erfahrung zu einem Wachstum der Beziehung, deiner Beziehungsfähigkeit und deiner Persönlichkeit führen kann. Und damit hat sich das Mühen dann schon gelohnt.
Die schwierigste Hürde, die es zu überwinden gilt, wartet dabei schon ganz am Anfang dieser Arbeit auf dich. Es ist ein wirklich gewaltiger Sprung der da ansteht. Es ist nämlich unerlässlich zu akzeptieren, dass echte Lösungen nicht über die Regelung der Schuldfrage herbeizuführen sind. Wir lassen uns viel zu gerne zu dem Versuch hinreißen, den anderen als Bösewicht wahrzunehmen. Der Sprung ist grade deshalb so gewaltig, weil der Motor vieler Konflikte ausgerechnet in dem Versuch zu finden ist, den jeweils anderen für das Problem verantwortlich zu machen. Dies mag ja hin und wieder zutreffen und sogar Erfolg haben, aber das Schuldverteilungskonzept kann niemals dauerhaft eine Beziehung regeln. Es scheitert zu 99,999% (Bei der letzten Stelle hinter dem Komma kann ich mich irren). Stell dir nur einmal vor, du wärst derjenige, der hier Schuld eingestehen soll.
Exkurs „Täter-Opfer-Umkehr“
Auf eine besondere Thematik möchte ich hier aufmerksam machen. Es gibt ohne Zweifel diese krankhaften Täter-Opfer-Beziehungen, in denen Täter durch Manipulation anderen Menschen vermitteln, dass sie für die Misshandlung, die sie an ihnen begehen, selbst verantwortlich sind. Diese Täter beherrschen die manipulative Strategie leider oft so perfekt, dass sich ihr willenloses Opfer unterwirft und seine vermeintliche „Schuld“ auch noch anerkennt. Dieses Prinzip wird als Täter-Opfer-Umkehr bezeichnet.
Von dieser Ausnahme abgesehen, wissen wir doch eigentlich, dass Vorwürfe nahezu zwangsläufig Gegenangriffe auslösen und dadurch die Antreiber für schlimme Streits sind und die Beziehungen manchmal sogar nachhaltig vergiften. Sie führen zu immer weiterer Eskalation. So bleibt eigentlich nur eine einzige Richtung aus dem Dilemma heraus. Und dieser Weg ist so schwer, weil wir ja im Grunde fast immer einer Meinung mit uns selbst sind. Will ich dagegen einen alternativen, fruchtbaren Weg gehen, muss ich Verantwortung übernehmen, das destruktive Schuld-Ping-Pong-Spiel aufgeben, erst einmal tief Luft holen sowie Verstehen und Verständnis einschalten und die Möglichkeit für Irrtümer und Kompromisse ins Auge fassen. Und das geht nur, wenn ich bereit bin, mich auch selbst in Frage zu stellen.
Heinz Ehrhard, der beliebte und beleibte Philosoph des deutschen Humors, hat das einmal so ausgedrückt:
Sie dürfen nicht alles glauben, was Sie denken!
Mit dieser Erkenntnis, gutem Willen, einem weiteren tiefen Atemzug und ein oder zwei Schritten Abstand lässt sich dann schon mancher Abend retten.
Am Schwierigsten ist es, sich für einen neuen Weg zu öffnen, wenn Konflikte bereits verfestigt sind. Wenn ich mich aber dennoch dazu überwinden kann, ist es zwingend erforderlich, als ersten Schritt auf das Festhalten an der vermeintlichen Schuld des Anderen (und natürlich auch bei mir selbst) vollständig zu verzichten. Am besten wäre sogar der Versuch, das Schulddenken völlig aus Beziehungskonflikten herauszuhalten. Vielleicht gelingt mir das nicht sofort. Dann kann es erhellend sein zu fragen, warum ich diese Suche nach Schuld so sehr brauche, warum ich sie unbedingt am Leben erhalten will. Und ich kann weiter fragen, ob ich wirklich etwas zu verlieren habe, wenn ich sie aufgebe und ob es nicht viel Erfolg versprechender ist, stattdessen nach dem Verbindendem, dem Gemeinsamen zu suchen. Wenn du dir ernsthaft diese Fragen stellst, dann wirst du bemerken, wie sich deine Perspektive verändert und neue Wege eröffnen.
Wenn ich mich zu diesem Weg entschlossen habe, geht es darum herauszufinden, wie ich mich erfolgreich von der ewigen Suche nach Schuld befreie. Die Motivation steht ja eigentlich schon fest, denn ich kann nichts mit Schuldzuweisungen gewinnen, sondern nur verlieren. Wenn ich einen Schritt zurücktrete, dann wird mir zudem auch klar werden, dass ich gar keinen berechtigten Anspruch darauf habe, bei anderen Menschen irgendeine Schuld zu erkennen, denn ich bin ja nicht im Besitz einer objektiven Wahrheit, auch wenn es sich manchmal so anfühlen mag. Ohne Zweifel gibt es auch manchmal verletzendes, nicht akzeptables Verhalten meines Konfliktpartners, dass ich zurückweisen will und gegen das ich mich auch wehren darf. Das passiert, wenn jemand absichtlich meine Grenzen überschreitet oder aus einem verletzten Gefühl heraus, nun seinerseits verletzend wird. Wenn ich feststelle, dass mir das Verhalten eines Menschen Schmerzen bereitet oder mich in irgendeiner anderen Weise belastet, dann sind diese Empfindungen Fakten. Es ist nötig, diese nicht zu verleugnen, sondern auszusprechen, am besten unter Vermeidung einer Schuldzuweisung. Ich muss eines bedenken: Auch wenn es mir anders erscheint, kann es immer noch sein, dass mich das Verhalten des Anderen nicht deshalb schmerzt, weil er das beabsichtigt hat, sondern weil er ohne Absicht einen wunden Punkt bei mir getroffen hat oder sogar, weil er lediglich meinen Ansprüchen nicht genügt. Es ist darum immens wichtig, wie ich mich schütze und abgrenze. Wie ich mir das vorstelle, beschreibe ich in dem Kapitel „Auf die Kommunikation geschaut“.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, auf Schuldzuschreibungen zu verzichten. Aber selbst professionelle Richter an Gerichten nehmen nicht für sich in Anspruch, die objektive Wahrheit zu kennen, wenn sie Recht sprechen. Weil wir aber ein staatliches Rechtssystem benötigen, kommen sie an einem Schuldspruch und Urteil nicht vorbei. Ich muss mir also sagen: Was ich als „Wahrheit“ annehme, was ich als Grundlage für meine Schuldzuweisung verwende, ist ausschließlich mein eigenes Bild von dieser Welt. Wenn dieses Bild der Wahrheit nahekommt, dann hilft es mir, mich darin zu orientieren – mehr nicht. Es ist dann nützlich, aber es bleibt eben nur ein Bild und das ist nicht das Gleiche, wie die Realität selbst (siehe hierzu das Kapitel „Wahrheit und Wirklichkeit“). Mich hat zu dem Thema der „subjektiven Wahrnehmung“ das Buch „Der Baum der Erkenntnis“ von Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela (Scherz: Bern etc., 3. Aufl. 1987) sehr nachdenklich gemacht.
Mach dir bewusst, …
· Dein Bild von dieser Welt ist subjektiv und das Ergebnis deiner ganz eigenen Lebensgeschichte.
· Es ist das Ergebnis deiner Erfahrungen, deiner Erfolge, deiner Enttäuschungen und auch Verletzungen.
· Es ist das Ergebnis deiner ganz individuellen Suche nach einem Weg, die Herausforderungen dieser Welt zu bewältigen.
Dem Bemühen jedes Menschen, sich ein Bild zu machen, mit dem er oder sie den Anforderungen dieser Welt Stand halten will, schulde ich Respekt und Anerkennung. Du hast dafür Respekt und Anerkennung verdient und jeder andere Mensch hat das auch. Habe ich diesen Respekt für mich und andere, zeige ich damit Größe. Habe ich diesen Respekt nicht, stelle ich mich über andere und verspiele die Chance für das Gemeinsame.
Jeder Konfirmand kennt das christliche Gebot, „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lutherbibel: 3Mo 19,18; Röm 13,9; Gal 5,14; Jak 2,8). Es ist nicht bedeutsam, ob ich religiös bin oder nicht, aber für mich sind diese Worte sehr gut gewählt für die Forderung nach dem zugewandten Respekt mir und anderen gegenüber. Denn man kann sich sicher sein, fordere ich ausschließlich von meinem Gegenüber, er oder sie möge endlich Einsicht zu zeigen und sein Bild anzweifeln, werden wir das Dilemma nicht überwinden und der nächste unerfreuliche Konflikt ist bereits programmiert.
In meiner Ausbildung zum Psychoanalytiker habe ich unendlich viele Stunden bei meinen Lehranalytikern auf der Couch gelegen und mich mit meinen Beweggründen, mit meinen Bildern von der Welt auseinandersetzen müssen, bevor ich in diesem Beruf anerkannt worden bin. Ich habe dabei lernen können, welche Bedürfnisse, Ansprüche, Vorlieben und Abneigungen meine Bilder oder „Wirklichkeiten“ bestimmten und damit auch meine Behandlungspraktika beeinflussten. Es war darum gut, in meiner Zeit als Volontär ständig einen erfahrenen Kollegen oder eine erfahrene Kollegin im Hintergrund gehabt zu haben, die darauf aufpassten, dass die Behandlungen meiner ersten Analysepatienten in die richtige Bahn gerieten und erfolgreich waren. Es war ein hoher Anspruch, dem ich gerecht werden musste und den sich außerhalb eines Therapeut-Patient-Verhältnisses natürlich niemand für seine Beziehungen auferlegen muss. Ich würde ihn auch selbst im Alltag nicht dauerhaft einhalten können. Aber ich habe gelernt, dass jeder Mensch aus einer besseren Selbstbeobachtung, aus einer besseren Fähigkeit, sich selbst mit „Abstand“ und gesundem Zweifel zu betrachten, profitieren kann, so wie auch seine Beziehungen dann davon profitieren.
Wer starr an seinen subjektiven Bildern festhält, wer nicht akzeptieren will, dass er nicht die Sonne im Universum ist, um die sich alles dreht, der wird unzufrieden durch die Welt gehen und Streits kaum befriedigend abschließen können. Wer im Denken beweglicher ist, andere Perspektiven anerkennt, wird dagegen sehr viel wahrscheinlicher ebenfalls Anerkennung erhalten. Er kann neue Wege gehen und wird im Leben erfolgreicher sein. Wenn wir diesen Weg einschlagen, werden wir uns bewusster, warum wir etwas tun oder lassen. Und wir lernen einschätzen, was es mit dem Handeln anderer auf sich hat und wir werden gelassener mit den Sichtweisen anderer Menschen umgehen. So werden wir fähig, viel mehr Belastungen zu verkraften. Wir können die Illusion erkennen, dass das Festhalten am eigenen Bild und an Bewertungen zwar ein flüchtiges Gefühl von Sicherheit bietet, dass aber das Übermaß zu Recht-Haberei und zu zerstörerischer Eskalationen führt. Wenn wir das verstehen, können wir auch in schwierigen Situationen unsere Neugier für Veränderungen beziehungsweise Entwicklungen bewahren und sie mit Interesse und ohne Unsicherheit anstreben.
Ich habe den Wunsch, dass dich mein Buch zu dem einen oder anderen Schritt auf dem Weg zu einer friedfertigen, wohlwollenden Grundhaltung und zu einer wacheren und bewussteren Art zu leben anregt. Es ist natürlich unmöglich, solch ein Anliegen in einen einfachen Ratgeber, in ein Manual und schon gar nicht in ein „Backrezept“ zu packen, wie ich schon einmal betonte. Mein Buch stellt darum eine ernsthafte Herausforderung dar. Es ist kein Buch, dass man sich an einem Wochenende zu Gemüte führen kann, um dann in der folgenden Woche besser zu funktionieren. Wenn du diesen Versuch machst, wenn du das leicht erreichbare Ergebnis anstrebst, wirst du es schnell wieder aus der Hand legen, niemals wieder anfassen und für wertlos ansehen. Wenn du dich aber der Herausforderung stellen möchtest, hüte dich vor der Überforderung. Ich empfehle dir darum, dich immer nur einem Kapitel oder Thema zu stellen. Nimm dir Zeit, die Inhalte auf dich wirken zu lassen, für dich verfügbar zu machen und nicht nur das Wissen anzueignen. Sich etwas verfügbar zu machen heißt nämlich, sich darauf einzulassen, es zu erproben und zu üben. Prüfe am besten, welche Inhalte jetzt gerade zu dir passen oder welche du für dich passend machen möchtest. Lass die anderen Dinge ruhen, vielleicht für einen späteren Zeitpunkt. Es ist auch ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, wenn du nicht alles annehmen möchtest, was ich hier niedergeschrieben habe, sondern du nur etwas für dich in diesem Moment Geeignetes davon auswählst. Ich wünsche dir, dass alles, was du wählst, für dich zu einer wertvollen Bereicherung wird. Ich wünsch dir, dass es dir die Chance eröffnet, dein Leben harmonischer und erfüllter zu machen, indem du für dich und für deine Nächsten mehr Aufmerksamkeit und Liebe aufbringen kannst und in dem dir manche bisher so scheinbar wichtigen Dinge viel unwichtiger werden.
Ich wünsche dir viel Erfolg!
Habe ich Recht, wenn ich Recht haben will?
Episode aus dem Leben zweier Freunde.
Gerade fühlte sich der Tag so richtig gut an. Das Essen beim Italiener hatte geschmeckt, der Espresso wartete darauf getrunken zu werden. Und dann beugt sich mein Freund weit über den Tisch und raunt mir zu: „Waren deine Cannelloni auch so labberig?“ Mein gutes Gefühl ist sofort wie weggeblasen. Ich kenne meinen Freund schon viele Jahre und schätze ihn nicht nur wegen seiner aufrichtigen Art. Er hat mir schon oft in schwierigen Augenblicken geholfen und hat die meiste Zeit einen fröhlichen Humor. Aber es gibt auch Dinge, die mich an ihm stören. Eines davon ist: Er ist ein gnadenloser, pingeliger Gourmet. Wenn er selbst am Herd steht, kommt dabei nichts herum. Er würde vermutlich sogar das Nudelwasser anbrennen lassen und versalzt so ziemlich alles. Aber wenn er Essen serviert bekommt, schmeckt er jede Unstimmigkeit heraus. Und Cannelloni müssen bei ihm „al dente“ zubereitet sein, also noch einen leichten „Bisswiderstand“ haben, wie er das bezeichnet. Und dabei kann er doch sonst sogar klebrig-süße Curry-Würste ohne mit der Wimper zu zucken, genüsslich verdrücken.
Er trifft bei mir einen wunden Punkt. Ich bin nicht auf der Suche nach dem perfekten Essen. Ich kann zum Beispiel auch Cannelloni genießen, wenn sie etwas über den Punkt gegart sind, wenn nur der Geschmack stimmt. Aber wenn ich dann zufrieden bin, will ich das nicht im Nachhinein gestört bekommen. Deshalb finde ich seine Kritik wieder einmal überzogen. Und weil ich gerade noch in so einem entspannten und zufriedenen Zustand war, stört mich seine Äußerung besonders und ich halte sie für selbstbezogene Pingeligkeit. Ist ihm denn meine Zufriedenheit völlig entgangen oder egal? Meine Gemütshaltung ist augenblicklich auf Abwehr und Angriff eingestellt, also hört er von mir: „Du hast sowieso immer was auszusetzen“. Seine Reaktion kommt ebenso rasch und eigentlich hätte ich sie erwarten können: „Und du schiebst dir immer alles rein“. Dann fängt er an zu grinsen und sagt: „Wir sind wie ein altes Ehepaar, nicht wahr“. Und damit löst er den beginnenden Streit wieder auf und ich stimme in sein Lachen ein.
Was war passiert?
Ich greife mal einen wichtigen Bestandteil unseres kurzen Streits heraus. In diesem Bestandteil geht es um die unterschiedliche Wahrnehmung und Beurteilung von Dingen, also um unterschiedliche Bilder von der Wirklichkeit.
Wenn ein Mensch streitet, geht er davon aus, dass er Recht hat und im Recht ist, dass sein Bild von der Realität das richtige und wahre ist, dass er die Wahrheit kennt. Es ist dann wirklich ein arges Dilemma, wenn der Andere das nicht einsieht und ein eigenes Recht präsentiert.
Ich komme jetzt aber gerade Durcheinander: Wer von uns beiden Beteiligten beim Italiener ist denn nun derjenige, der Recht hat oder das Recht-Haben des Anderen nicht anerkennt – mein Freund oder ich? Und dann schweife ich auch etwas ab und eine ganz absurde Situation kommt mir in den Sinn. Es gibt ja sogar Menschen, die in einen Konflikt eintreten und dabei doch von vornherein wissen, dass sie eigentlich Unrecht haben. Das ist doch dann aber nichts anderes als Betrug. Und dann erkenne ich das Absurde: Auch diese Menschen wähnen sich ja im Recht und sehen den Betrug als notwendig an, um etwas oder gar „das Richtige“ zu erreichen. So ein Betrug mag ja gelingen - einmal, zweimal, vielleicht öfter. Meine Erfahrung ist aber, dass eine betrügerische Haltung unausweichlich irgendwann der Beziehung zu schaden beginnt. Auch wenn der Betrug vielleicht nicht durchschaut wird, so wird er doch empfunden. Die Beziehung verliert dann die vertrauensvolle Grundlage und der Betrüger kann nicht mehr sicher sein, dass er der Einzige ist, der betrügt.
Nun, ein Betrug war bei unserem Streit beim Italiener nicht gegeben. Unterschiedliche Meinungen und Ansichten sind zwischen meinem Freund und mir ja auch normal, so wie sie bei allen anderen Menschen auch als normal anzusehen sind. Und so manche andere Sichtweise meines Freundes hat mir ja auch schon Augen geöffnet oder einen neuen Standpunkt vermittelt. Wir Beide sind eigentlich auch ein gutes Beispielpaar dafür, dass es in zwischenmenschlichen Begegnungen gut ist, wenn es zu einem Austausch der Argumente, zu einem Vergleich der subjektiven Sichtweisen kommt. Dabei kann dann etwas Neues, etwas Gemeinsames gefunden werden. Nur wenn die Beteiligten stur auf ihrem Recht als allein-selig-machend bestehen und keine andere Sicht daneben zulassen lassen wollen, kommt es zum Streit, der sich dann nicht beilegen lässt und niemanden voranbringt.
Es gibt tatsächlich auch solchen Streit, bei dem man irgendwann akzeptieren sollte, dass die Unterschiede zwischen zwei Haltungen (noch) nicht aufzuheben sind. Wir Menschen sind halt Individuen und jeder muss und will trotz seiner Beziehungen sein eigenes Leben führen und nicht immer „hinter der Fahne des anderen herlaufen“. Aber eine gute Beziehung hält aus, wenn man nicht in Allem übereinstimmt und jeder neben dem gemeinsamen Leben auch noch ein eigenes hat. Sind die Gemeinsamkeiten hinreichend und befriedigend, kann das Anders-Sein des Anderen als anregende Erfahrung sogar als bereichernd erlebt werden.
Der Begründer der Gestalttherapie, ein etwas komischer Kauz namens Fritz Perls, hat sein sogenanntes „Gestaltgebet“ verfasst, in dem er diese Perspektive sehr deutlich formuliert:
„Ich bin ich, Du bist Du.
Ich bin nicht auf dieser Welt,
um deinen Erwartungen zu entsprechen.
Und Du bist nicht auf dieser Welt,
um meinen Erwartungen zu entsprechen.
Du bist Du, und ich bin ich,
und wenn wir uns zufällig finden, ist das wunderbar.
Wenn nicht, ist das nicht zu ändern.“
Was ist aber, wenn ein nicht beigelegter Streit lediglich „eingefroren“ wird, wenn er also immer wieder mit Unzufriedenheit unterdrückt und nicht ausgetragen wird, die Differenzen nicht wohlwollend akzeptiert werden. Geht das wirklich auf Dauer gut? Nein, geht es nicht. Ein eingefrorener Konflikt wird zu einer permanent drohenden Gefahr, stellt eine fortgesetzte emotionale Belastung in der Beziehung dar. Wenn er genügend Potential hat, wird er jeden weiteren Konflikt, und sei der noch so klein, aus dem Hintergrund vergiften. Da taucht dann mit einem Mal der Vorwurf auf, dass man vor 2 Jahren den Müll nicht an die Straße gestellt hat, dass man das seither „immer wieder“ vergessen habe und das Ganze verdichtet sich zu einer Anklage, dass man im Haushalt sowieso nicht richtig mitarbeite. Der eingefrorene Konflikt vermag das Bild einer Person zu deren Ungunsten zu verändern und eine destruktive Perspektive schaffen in der gar nichts Gutes mehr erwartet wird.
Einen Konflikt einfrieren macht nur Sinn, wenn man für die Klärung zu einem besseren Zeitpunkt erst die Kräfte sammeln und eine gute Grundlage schaffen möchte. Es wäre ja zum Beispiel kein guter Anspruch, wenn man übermüdet von der Arbeit nach Hause kommt und dann Grundsätzliches klären möchte oder wenn einem Hintergrundwissen fehlt, um einen fremden Standpunkt prüfen zu können.
ERGO:
Du hast bestimmt schon gemerkt, dass ich dich dazu bewegen möchte, das Denken in Kategorien von Recht und Unrecht, von Schuld und Sühne aufzugeben. Eines ist nämlich gewiss: Jemandem Schuld am Dilemma zu geben ist eine tierische Falle mit einem riesigen Maul. Ihm zu entkommen erscheint fast aussichtslos, wenn man diesem ständig lauernden Moby Dick begegnet. Eben noch glaubt man, dass man die Vorwurfshaltung bei einem Konflikt aufgegeben hat und schon ist man selbst Opfer einer Anklage. Die Versuchung ist groß, dann zum Kapitän Ahab zu mutieren und trotz aller guter Absicht mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Es liegt dann nahe, dem Anderen seine Suche nach meiner angeblichen Schuld vorzuwerfen. Aber in dem Moment, indem ich dem anderen vorwerfe, dass er oder sie gerade wieder nach einem Schuldigen sucht, schnappt das Maul zu[1]. Was ist an meiner Reaktion prinzipiell denn so anders? Eigentlich nichts, denn ich nutze doch nur meine Kenntnis über das Thema Schuld für meinen Angriff aus. So geht das also nicht und darum beschreibe ich im Kapitel „Wo bitte geht´s zur Metaebene“, wie man daraus entkommen kann.
Natürlich gelingt der Verzicht auf Schuldzuweisungen niemandem perfekt, aber wir sollten uns mindestens bemühen, anklagendes Verhalten in Frage zu stellen und zu verringern. Ich führe dafür noch ein weiteres Argument an. Mach dir eines bewusst: es gibt in einer Beziehung bei einem Streit keinen Gewinner als Folge eines erlangten Sieges (außer beim Skip-Bo oder einem anderen Kartenspiel), denn der Sieg des Einen bedeutet immer, dass dem Anderen eine Niederlage zugefügt wird. Kein Verlierer liebt einen Sieger, sondern lehnt ihn ab, insbesondere wenn es um bedeutende Dinge des Lebens geht und nicht nur um ein Spiel. Verlierer fürchten einen Sieger sogar, wenn sie Schaden davongetragen haben. Es gibt in einer Beziehung darum keinen Gewinn durch einen Schuldspruch, wohl aber durch Selbsterkenntnis, einen Fehler gemacht zu haben oder selbst gewonnene Einsicht, anders und besser handeln zu können. Selbsterkenntnis macht den Weg frei, für den Respekt vor der Meinung des Anderen, für eine wahrhaftige Entschuldigung, wenn sie angebracht ist und für eine schöne Verzeihung des Anderen, die die Beziehung tiefer werden lässt. Selbsterkenntnis wertet den Erkennenden auf und heilt die Wunden aller Beteiligten. Ein erzwungenes Schuldeingeständnis bedeutet dagegen, den Anderen zu unterdrücken und zu schwächen und ist darum ein schädlicher Ausgang eines Streits. Er ist selbst dann fatal, wenn der Andere sich tatsächlich ins Unrecht gesetzt hat.
Was geschieht eigentlich bei einem Streit?
Jetzt möchte ich einmal mitten rein in den lebendigen Alltag. Das folgende Beispiel ist aber eine dafür erfundene Wirklichkeit. Ich habe dabei auf die in der gehobenen Literatur immer wieder gern verwendeten Vornamen Kevin und Mandy für mein fiktives Paar zurückgegriffen. Ich bitte dafür bei allen real existierenden Kevins und Mandys ausdrücklich um Verzeihung.
Nehmen wir an, Kevin und Mandy sind seit 7 Jahren miteinander verheiratet. Der Honeymoon ist vorüber, die heiße Liebe hat inzwischen einem Alltag Platz gemacht, der von einem Wechsel zwischen gewohnten Gemeinsamkeiten, gelegentlichen erotischen Pflichtübungen im Boxspringbett, von quengelnden Ansprüchen der beiden Kinder und auch von nicht seltenen Streits bestimmt ist, die meist unfruchtbar damit enden, dass Mandy mit bislang weichen Gegenständen nach Kevin wirft, Türen zugeknallt werden und Kevin – ob er nun getroffen wurde oder nicht - dann für Stunden zu einem Kumpel flüchtet und später nicht ganz alkoholfrei wieder nach Hause kommt. Dieses Ritual entwickelt sich allmählich zur Begegnungskultur dieses Paares.
Mandy hat an einem Tag X das Lieblingsshirt von Kevin gewaschen. Wie an mehreren Tagen in der Woche hatte sie vormittags im Supermarkt an der Kasse gesessen und danach die Kinder und den Haushalt versorgt. Sie ist am späten Nachmittag so richtig erschöpft. Aber dennoch ist Kevins Hemd sauber, gebügelt und hängt noch am Kleiderschrank um demnächst einsortiert zu werden. Auch Kevin hatte einen anstrengenden Tag am Arbeitsplatz. Wegen eines kleinen Fehlers hatte er zudem wieder einmal einen überzogenen Rüffel von seinem cholerischen Chef einstecken müssen. Auch er kommt erschöpft in seine Familie und seine Laune ist nicht die beste. Seit er nach Hause kam, hat er hier und da wegen Nichtigkeiten gegrantelt[2]. Da Mandy den Hintergrund nicht kennt, aber unter seinen Launen leidet, baut sich bei ihr Unzufriedenheit auf. Mit diesen Gefühlen im Bauch und sonstigen Körperteilen beginnen die beiden einen „Klärungsprozess“.
Kevin: Hast du mein Hemd auf links gewaschen?
Mandy: Ist das wichtig?
Kevin: Warum wäschst du mein Hemd nicht auf links?
Mandy: Ich habe gar nicht gesagt, dass ich es nicht auf links gewaschen habe.
Kevin: (mürrisch) Meine Mutter hat Hemden immer auf links gewaschen.
Mandy: (wiederholt sich) Ich habe gar nicht gesagt, dass ich es nicht auf links gewaschen habe.
Kevin: (mürrischer) Warum wäschst du mein Hemd nicht auf links?
Mandy: (die das Hemd auf links gewaschen hatte) Ich habe gaaaar nicht gesagt, dass ich es nicht auf links gewaschen habe.
Kevin (sehr mürrisch): Irgendwie bist du heute schlecht drauf. Man kann mit dir nicht normal reden.
Mandy: (ihre Lautstärke hat jetzt zugenommen, der Ton ist im negativen Sinne „herzhafter“ geworden) Ach, und der Herr hat super Laune. Wasch dir doch deine Hemden ab jetzt selber. Ich soll immer Alles im Haus machen.
Kevin: (beleidigt) Man kann nicht einmal eine simple Frage stellen und schon gehst du an die Decke.
Mandy: (sehr ärgerlich und laut) Wer mäkelt denn hier rum, seit er nach Hause gekommen ist? Der Herr, dem es ja egal ist, ob seine Frau vielleicht auch noch einen Job hat neben der Kinderbetreuung und die dann trotzdem noch seine dreckigen Hemden wäscht. Wie es mir geht, interessiert dich überhaupt nicht.
Kevin: (mürrisch, aber kleinlaut) Ganz ehrlich, ich glaube, du hast deine Tage.
Oje, möchte man Kevin zurufen, das war jetzt entweder ziemlich mies oder enorm ungeschickt und völlig daneben. Aber jetzt ist es passiert. Mandy, die im nächsten Augenblick sehr zerstörerische Fantasien entwickelt, greift nach dem schweren Glasaschenbecher, zögert, entscheidet sich dann in einem Anflug von restlicher Vernunft gegen die Körperverletzung mit Todesfolge und nimmt alternativ den gerade greifbaren Schmusebären des jüngsten Sohnes zum Wurfgeschoss, der daraufhin zu plärren beginnt (der Sohn, nicht der Teddy).
Puh, lieber Leser, musst du auch einmal kurz durchatmen?
Nachdem wir das Beispiel überstanden haben kann ich ja gestehen, dass es dem Stil eines Herrn Loriot, alias Vicco von Bülow abgekupfert ist, der so wundervoll aus der Schule des wirren Lebens plaudern kann. Hätte ich es vor sehr, sehr, sehr langer Zeit erfunden, hätte ich es damals vielleicht noch für zu pointiert angesehen und als Humoreske abgetan. Mein Elternhaus gab diese Erfahrung jedenfalls nicht her, denn mein Vater und meine Mutter nutzten meist andere Variationen von Streit. In den vielen, seither vergangenen Jahren, in denen ich anfangs meine eigene Ehe in Folge schlecht ausgetragener Konflikte beinahe in den Sand gesetzt hätte, dann als Psychotherapeut verschiedenste Menschen, Paare und Gruppen beraten, behandelt oder gecoacht habe, musste ich diesen naiven Glauben aber aufgeben. Wie sie vermutlich selbst in Erfahrung bringen konnten, ist das Beispiel eindeutig ein realistisches Bild des Lebens.
Das Muster der Auseinandersetzungen, dass solch einen Streit entzündet und die Glut dann bis zum Vollbrand anfacht, wiederholt sich immer wieder und überall auf der Welt, auch wenn die konkrete Umsetzung diverse Variationen sowie heftigere und mildere Verläufe und Ausprägungen kennt. Das Muster ist sogar psychologisch nachvollziehbar, seine Ursprünge und Hintergründe sind erklärbar. Eines ist aber zentral: die Sichtweisen der Beteiligten von der Wirklichkeit treiben ihre Kapriolen. Sie gehen gekonnt aneinander vorbei oder und treffen dann doch mit voller Wucht aufeinander. Und diese Erkenntnis, liebe Mitstreitende, eröffnet uns nicht nur die Möglichkeit, nein, sie zwingt uns sogar, unseren Verstand ins Spiel zu bringen, um daraus zu lernen und unsere Gewohnheiten hin zum Positiven zu verändern.
Lernen in einer Streitsituation
Du und ich, wir sind gerade in einer guten Position. Wir sind am Streit dieses fiktiven Paares nämlich nicht beteiligt. Es fällt uns darum viel leichter, unser Großhirn, also unseren Verstand zu nutzen, um dieses Beispiel wissenschaftlich zu sezieren. Dazu benötigen wir nur noch das richtige Werkzeug und die richtige Einstellung. Es würde ja auch kein Pathologe für sein Werk einen Dosenöffner verwenden und ohne wissenschaftliches Interesse arbeiten. In diesem Sinne ist für das Sezieren menschlichen Denkens, Fühlens und Verhaltens ungemein hilfreich, sich Kenntnisse über die menschliche Informationsverarbeitung und die Psychologie anzueignen. Für den willigen Lernenden bleibt dann noch die Frage, was man sich aus diesen weiten Wissensgebieten aneignen will und wie man das für sich anwendbar macht.
Obwohl bei einem Streit der Wunsch groß ist, ihn sofort zu lösen beziehungsweise zumindest zu erfahren, wie man das am besten macht, bestehen mittendrin im Konflikt keine guten Voraussetzungen zum Lernen. Der Zeitpunkt für die Aneignung von Wissen ist nur dann gut gewählt, wenn man sich dafür auch möglichst unbelastet öffnen kann. Und der ist in einem emotionalen Streitzustand natürlich nicht gegeben. In aller Regel reagieren Menschen darin mit reflexartigen Standartmustern, sind emotional gefordert und finden in ihrem Denken keine weitergehenden, erklärenden Informationen vor, halten sich vielmehr am Greifbaren unveränderlich fest oder schleudern sogar Greifbares durch die Gegend. Wir Menschen verhalten uns eben genau so, wie wir es gelernt und bislang immer angewendet haben, um einen Kampf zu bewältigen. Und wenn das nicht wirkt, ändern wir auch nicht unbedingt unsere Strategie, sondern versuchen es mit den gleichen Mitteln halt noch intensiver. Ich sage es etwas salopper einmal so: Sind wir erst einmal im Kampfmodus, kommt uns ein Mahatma Gandhi[3] mit seiner auf Frieden ausgerichteten Haltung nur noch als ausgemachter Depp vor. Es wäre dann für uns schon ein ganz gewaltiger Schritt, wenn wir noch Zweifel an unserem untauglichen „Lösungsweg“ entwickeln könnten. Aber wenn das so ist, wie ich es gerade beschrieben habe, wo soll in solch einem Moment dann überhaupt die echte Alternative herkommen?
Ein Zweifel an der Wirksamkeit des Gewohnten ist schon einmal eine bessere Voraussetzung für Veränderungen, als der feste Aber-Glaube, dass nur der oder die Andere sich endlich verändern müssten, damit alles besser wird und ich einfach so bleiben kann, wie ich bin. Theoretisch könnten wir in solch einem Moment natürlich trotz der aktuell schlechten Bedingungen einmal versuchen, unsere Fantasie spielen zu lassen und sagen: „Ich versuche doch einfach mal ganz gelassen zu verstehen, was da vor sich geht und was der Hintergrund für den Streit ist“. Sollte ich Erfolg haben, wäre das allerdings eine Sternstunde meiner Läuterung. Gleichzeitig wäre dies ohne Wissen, in welche Richtung ich suchen könnte, ein Versuch mit zu viel möglichen Irrtümern, der unsere Motivation sehr schnell aufbrauchen würde, zumal die emotional aufgeladene Situation einem ja auch keine Verschnaufpause gönnt.
Bevor du jetzt die Flinte über Bord wirfst, oder auch sonst wohin, möchte ich dir eine Lösung beschreiben. Diese Lösung beruht auf dem Wissen, dass Menschen in Stresssituationen mit der belastenden Situation besser umgehen können, wenn sie sich bereits alternative, konstruktivere Reflexe angeeignet haben und darauf zurückgreifen können. Eine Voraussetzung dafür ist, dass man bereits etwas darüber weiß, wie wir Menschen funktionieren und was bei uns und unserem Gegenüber vermutlich gerade abläuft und eine andere, wie man eine bessere Kommunikation führen kann. In schwierigen, stürmischen Situationen, in denen unsere Gefühle nur so durchgeschaukelt werden, sucht unser in Not geratenes und vom Stress gebeuteltes Hirn natürlich recht panisch nach Erklärungen und Wegen zur Lösung. Panik ist aber kein guter Gemütszustand für zielgerichtetes Denken. Was helfen würde, wäre eine andere innere Haltung und am besten so ein Leuchtturm der Erkenntnis, welcher Orientierung liefern könnte. „Hallo“, könnte dann so eine Erkenntnis bei Kevin aufleuchten und sagen, „könnte es möglich sein, dass meine Frau gerade meinen Frust abbekommt, weil ich immer noch sauer auf meinen doofen Chef bin und ich dem Boss ja schlecht an die Gurgel gehen kann“. So eine Erkenntnis würde dann bei der Entscheidung helfen, eine entsprechende Erklärung abzugeben. Kevin könnte sagen, wie besch….en er sich von dem Alten behandelt fühlt und dass er noch auf dem Ärger festsitzt. Wäre es nicht phänomenal, wenn sich Probleme auf diese Weise erledigen ließen?
Das Wort „wäre“ kann man getrost streichen, denn es ist keine unerreichbare Illusion. Ich sage ihnen, es funktioniert und man muss es nur machen. Ich praktiziere es in meinen eigenen Beziehungen so gut ich kann und konnte dies auch schon an viele Menschen vermitteln, die davon genauso profitieren wie ich selbst. Und was das für gute Veränderungen bringen kann, kannst du mit einem einfachen Gedankenspiel prüfen. Lass deine Fantasie einfach einmal auf die folgenden Fragen los:
· Wie wird mein Partner beziehungsweise meine Partnerin wohl reagieren, wenn ich erzähle, dass es mir schlecht geht?
· Wie wird die Reaktion ausfallen, wenn das auch noch als Entschuldigung verstanden wird?
· Was wird passieren, wenn er oder sie erfährt, dass da jemand ist, der Unterstützung in irgendeiner Form gebrauchen kann und nicht der böse Feind ist?
Garantien gibt es natürlich keine, aber die Chance, dass man Verständnis, dazu eventuell auch noch ein kühles Bier oder einen heißen Tee als Trostpflaster bekommt, ist erheblich gestiegen.
Wenn die Kommunikation in der Weise gelingt, wie ich sie gerade beschrieben habe, dann nistet sich auch noch eine gute Erfahrung und Information in unserem Gehirn ein. Und mit jeder gelungenen Wiederholung gewinnt diese alternative Strategie an Stärke. Dadurch, dass der Zusammenhang in unserer Erinnerung abgespeichert wird, entsteht allmählich ein neues Muster für die Konfliktbewältigung. Je mehr solche alternativen Muster wir sammeln, desto mehr verdichten sie sich zu einer Haltung, die unsere Beziehung immer mehr bestimmen kann. Ich bezeichne das mal mit dem Fachbegriff „Resilienz“, der allerdings genau genommen noch darüber hinausgeht. Wer sich damit beschäftigen möchte, findet bei Wikipedia einen guten Einstieg unter dem Begriff „Resilienz_(Psychologie)“.
Echt geil, nicht wahr?
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- Klaus Walter (Author), 2025, Wahrheiten und andere Irrtümer, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1595615