Versorgungsnot im ländlichen Raum?

Die Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Einzelhandelsstrukturen am Fallbeispiel der saarländischen Gemeinde Freisen


Examensarbeit, 2009

150 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
1.2 Methodisches Vorgehen und Aufbau der Arbeit

2. Der demographische Wandel und seine Auswirkungen auf den ländlichen Raum
2.1 Bevölkerungsentwicklung in Deutschland von 1950 bis 2050
2.1.1 Die Gründe für den langfristigen Rückgang der Bevölkerung
2.1.1.1 Die Geburtenrate
2.1.1.2 Die Alterung der Bevölkerung
2.1.1.3 Die Wanderungsprozesse
2.2 Die Auswirkungen des demographischen Wandels
2.2.1 Die Folgen für die Erwerbstätigkeit
2.2.2 Der demographische Wandel unter dem Wohnungsaspekt
2.2.3 Die Folgen innerhalb der Gesundheitsversorgung und des Altensicherungssystems
2.2.4 Die Folgen innerhalb des Bildungssektors
2.2.5 Die Folgen im Verkehrswesen
2.3 Zusammenfassung und zukünftiger Handlungsbedarf

3. Die Einzelhandelsentwicklung und Versorgungsstruktur im ländlichen Raum
3.1 Die gegenwärtige Versorgungssituation
3.2 Ursachen des Strukturwandels im Einzelhandel
3.2.1 Die Nachfrageseite
3.2.2 Angebotsseite und Wandel der Betriebsformen
3.2.3 Die politischen Einflussfaktoren
3.3 Folgen für die Versorgungsleistungen
3.4 Zusammenfassung der Einzelhandelsentwicklung

4. Der demographische Wandel und seine Auswirkungen auf den Einzel- handel in der saarländischen Gemeinde Freisen
4.1 Die Struktur der Gemeinde Freisen
4.1.1 Geschichtliche Grundlagen
4.1.2 Die Landesnatur und -kultur der Gemeinde Freisen
4.1.3 Die Gemeinde innerhalb ihrer administrativen Gliederung
4.1.4 Die Bevölkerungsentwicklung
4.1.5 Bildungsrelevante Einrichtungen
4.1.6 Die Siedlungs- und Wohnungsstruktur
4.1.7 Die verkehrstechnische Einbindung der Gemeinde und das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung
4.1.8 Wirtschaft und Erwerb
4.2 Bestandsanalyse der Versorgungsstruktur in der Gemeinde Freisen
4.2.1 Erhebungsmethode und Fragebogen
4.2.2 Stationäre Konzepte
4.2.2.1 Einzelhandelsunternehmen vor Ort
4.2.2.2 Die Direktvermarktung
4.2.3 Mobile Konzepte
4.2.3.1 Mobile Händler in der Freisener Gemeinde
4.2.3.2 Flexibler ÖPNV durch bedarfsorientierte Bedienung
4.2.4 Zusammenfassende Darstellung der Versorgungsmöglichkeit mit Gütern des täglichen Bedarfs in der Gemeinde Freisen
4.3 Handlungsfelder und zukünftige Lösungskonzepte der Gemeinde Freisen
4.3.1 Handlungsfelder im Einzelhandelsbereich
4.3.2 ´Mehr Dorf schaffen für weniger Menschen` ± Das MELanIE-Projekt
4.3.3 Begegnungsstätte für Jung und Alt: Das Mehrgenerationenhaus
4.3.4 Familien stärken und das Gemeindewesen fördern ± Der Generationentreff ´Hand-in-Hand`
4.3.5 Internetkurse
4.3.6 Stärkung der Dorfgemeinschaft durch Vereinstätigkeit
4.3.7 Das Konzept der Freisener Achatwege
4.3.8 Thermische Sonnenkollektoren

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland

Abbildung 2: Der demographische Wandel im Raum ± eine kartographische Synthese

Abbildung 3: Die regionale Alterung in Deutschland bis 2025

Abbildung 4: Die künftige Dynamik der Erwerbspersonen in einem Alter bis zu 45 Jahren im Zeitraum 2005 bis 2025 in %

Abbildung 5: Krankenhausfälle nach Altersgruppen (Status-Quo-Szenario) in %

Abbildung 6: Ursachen und Wechselwirkungen der Komponenten des demo- graphischen Wandels

Abbildung 7: Anteil der Betriebsformen an der Verkaufsfläche des Lebens- mitteleinzelhandels 1966 - 1999

Abbildung 8: Das Wirkungsgefüge des Strukturwandels im Einzelhandel

Abbildung 9: Das Freisener Bronzepferdchen

Abbildung 10: Die Gebietskörperschaften im Saarland

Abbildung 11: Die administrative Gliederung der Gemeinde Freisen

Abbildung 12: Die Bevölkerungsentwicklung von 1997 bis 2009 der Gemeinde Freisen

Abbildung 13: Die Entwicklung der Geburten- und Sterbezahlen in der Gemeinde Freisen

Abbildung 14: Entwicklung der Zu- und Fortzüge in der Gemeinde

Abbildung 15: Die Altersstruktur der Bevölkerung in der Gemeinde Freisen

Abbildung 16: Entwicklung der Kinderzahlen im Kindergartenalter (3 - 5 Jahre) von 2006 bis 2025

Abbildung 17: Entwicklung des Wohnungsbestands und der Wohnfläche in der Gemeinde Freisen von 1997 bis 2007

Abbildung 18: Das Verkehrsstraßennetz im Saarland, 2008

Abbildung 19: Das Schienennetz im Saarland im Jahr 1955

Abbildung 20: Die Angebotsstruktur der Gemeinde Freisen innerhalb des Buslinienverkehrs

Abbildung 21: Kraftfahrzeugbestand der Gemeinde Freisen von 1997 bis 2008

Abbildung 22: Betriebe nach Wirtschaftsabteilungen in der Gemeinde Freisen

Abbildung 23: Gewerbegebiete der Gemeinde Freisen (Maßstab 1:50.000)

Abbildung 24: Die Bäckerei Berthold-Gillen in der Gemeinde Freisen

Abbildung 25: Die Bäckerei und Konditorei Keller in der Gemeinde Freisen

Abbildung 26: Tante-Emma-Laden in Grügelborn

Abbildung 27: Produktauswahl des Tante-Emma-Ladens in Grügelborn

Abbildung 28: Produktauswahl des Tante-Emma-Ladens in Grügelborn

Abbildung 29: Tante-Emma-Laden in Haupersweiler

Abbildung 30: Produktauswahl des Tante-Emma-Ladens in Haupersweiler

Abbildung 31: Produktauswahl des Tante-Emma-Ladens in Haupersweiler

Abbildung 32: Die landwirtschaftliche Direktvermarktung im hofeigenen Bauernladen der Familie Bossert im Ortsteil Asweiler

Abbildung 33: Mobiler Verkaufswagen des Bofrost-Unternehmens

Abbildung 34: Zielräume und Routenführung der mobilen Verkaufswagen in der Gemeinde Freisen (Maßstab 1:50.000)

Abbildung 35: Die Anzahl der Einzelhandelsgeschäfte in den Ortsteilen der Gemeinde Freisen (Maßstab 1:50.000)

Abbildung 36: Die Entstehung des Mehrgenerationentreffs durch Anbau- maßnahmen an dem bereits bestehenden Kindergarten in Freisen

Abbildung 37: Kindergartenkinder und Senioren erstellen eine Spielzeugraupe aus Holz

Abbildung 38: Multimedialer Tourguide auf einem Handcomputer

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Bevölkerungsentwicklung in der Europäischen Union ± Prognose bis 2050

Tabelle 2: Zusammengefasste Geburtenziffern in ausgewählten Staaten

Tabelle 3: Entwicklung ausgewählter Altersgruppen in Staaten der Europäischen Union

Tabelle 4: Die Zahl der Lebensmittelgeschäfte nach Betriebsformen von 1960 bis 2007

Tabelle 5: Top 5 der Handelsunternehmen in Deutschland, 2006

Tabelle 6: Bodenfläche nach Art der Nutzung in der Gemeinde Freisen

Tabelle 7: Anteile der Haushaltsgrößen in den Ortsteilen der Gemeinde Freisen, Stand 01.07.2005 (Angaben in %)

Tabelle 8: Wohngebäudeleerstand in der Gemeinde Freisen (Stand 01.07.2005) und Leerstandsprognose bis 2020

Tabelle 9: Anzahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten

Arbeitnehmer in der Gemeinde Freisen von 1998 bis 2007

Tabelle 10: Arbeitsplatzbedingte Pendlerbewegungen in der Gemeinde Freisen

Tabelle 11: Darstellung aller Einzelhandelsgeschäfte in der Gemeinde Freisen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1 Problemstellung und Zielsetzung

„'Deutschland stirbt aus!', 'Deutschland, ein Land ohne Kinder' oder 'Ein Raum ohne Volk'“ (BECKER 2006, S. 5) - Schlagzeilen wie diese, zeigen auf, dass sich ein tiefgreifender Wan- del vollzieht, der nicht nur Deutschland vor gravierende gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Herausforderungen stellt. Auch global betrachtet, wird die naturliche Be- volkerungszahl aufgrund steigender Sterbeuberschusse einen negativen Trend abzeichnen. Dieser als 'demographischer Wandel' deklarierte Ablauf, der sich als schleichender Prozess schon seit Jahrzehnten ereignet, zeigt vor allem eine steigende Lebenserwartung bei gleichzei- tiger Abnahme der Geburtenhaufigkeit. Diese strukturellen Veranderungen zeigen sich vor allem im Altersaufbau: Insgesamt nimmt die Bevolkerung ab, wahrend der Anteil der alteren Menschen stetig zunimmt und die Gruppe der Jungen immer weiter schrumpft.

Obwohl es in Europa bereits fruher schon durch aufiere Ursachen bewirkte Phasen mit aus- gepragten Bevolkerungsruckgangen gab, wie beispielsweise wahrend des Dreifiigjahrigen Krieges oder durch Ausbruche von Seuchen, die einen Anstieg der Sterberate mit sich fuhrten, fallen in Deutschland vor allem die 1970er Jahre auf. Bereits zu Beginn des Jahrzehnts unter- schreitet die Fertilitatsrate das notwendige Bestanderhaltungsniveau von 2,1 Kindern pro Frau um ein Drittel. Der Einbruch der Geburtenzahlen bewirkt seither eine Abnahme der absoluten Bevolkerung von Generation zu Generation bei gleichzeitigem Anstieg der Lebenserwartung. Bisher konnten diese Schrumpfungsprozesse, aber insbesondere die Alterung der Be- volkerung durch Aufienwanderungsgewinne aufgefangen beziehungsweise abgeschwacht werden (vgl. GANS et al. 2006, S. 1). Prognosen des Statistischen Bundesamtes zufolge, wird dennoch unverkennbar deutlich, dass Deutschland bis zum Jahr 2050 mit gravierenden Ver- anderungen konfrontiert wird, deren Folgen sich in den diversen Raumtypen unterschiedlich manifestieren. „Bereits heute erleben Menschen in schrumpfenden Raumen, was anderen Re- gionen erst noch bevorsteht: Die Zahl der Geburten ist gering, die Jungen ziehen weg und der Anteil alterer Menschen wachst.“ (KOCKS et al. 2005a, S. 3) Obwohl die Konsequenzen der Bevolkerungsentwicklung auf lange Sicht alle vom Bundesamt fur Bauwesen und Raumord- nung (BBR) ausgewiesenen Regionstypen betreffen, zeichnet sich innerhalb Deutschlands ein differenziertes Bild ab. Somit zeigt die regionale Bevolkerungsprognose bis 2020 eine Ge- genuberstellung von Schrumpfungsgebieten und Wachstumsinseln. Zunachst werden dem- nach die Einwohnerzahlen nicht uberall in Deutschland abnehmen. Diese Stagnations- oder auch Wachstumsprozesse vollziehen sich nicht durch eine hohere Geburtenrate, sondern le- diglich aufgrund von Wanderungsgewinnen (vgl. KOCKS et al. 2005a, S. 8). Hierzu gehoren vor allem die hochverdichteten Regionen, wie beispielsweise Baden-Wurttemberg oder Bayern, die aufgrund einer innovativen Wirtschaft die Zuwanderung bestarken. Vorzugsweise sind es die Stadte, die eine neue Renaissance der Zuwanderung erleben und besonders fur junge Menschen wieder an Attraktivitat gewinnen. Kleinraumig betrachtet, sind hierbei aber auch die suburbanen Raumen zu nennen, die sich als wachsende beziehungsweise 'verinselte' Gebiete herauskristallisieren (vgl. KROHNERT et al. 2007, S. 11ff.).

Obwohl die Alterung und das Geburtendefizit insgesamt in allen Gebieten stattfinden, bilden sich vornehmlich der Osten Deutschlands sowie die landlich-peripheren und struktur- schwachen Kreise fernab von den stadtischen Zentren als Verliererregionen der demographi- schen Entwicklung ab. Durch die Anziehungskraft der Stadte gewinnen landliche Raume nur selten an Zuwanderern, so dass sich hier der demographische Wandel mit grofierer Dynamik als in anderen Raumen vollzieht. Die Definition 'landlicher Raum' erscheint jedoch proble- matisch, da es ihn als solchen nicht gibt. Wurde er vor einigen Jahren noch als Restkategorie bezeichnet, sind es heute vor allem die mannigfachen Funktionen, die ihn als vielfaltigen Raum betrachten lassen. Hinsichtlich ihrer Siedlungs- und Wohnfunktion, der Freizeit- und Erholungsfunktion, ihrer okologischen Speicher- und Regulationsfunktion sowie der Entsor- gungs- und Biodiversitatsfunktion weisen landliche Raume ganz unterschiedliche Potentiale auf. Weiterhin lassen sie sich nach ihrer Lage zu Verdichtungsgebieten oder Zentren, in Be- zug auf touristische Attraktivitat, landwirtschaftliche Leistungsfahigkeit oder aufgrund allge- mein fehlender Nutzungsalternativen beziehungsweise nennenswerter Krafte unterscheiden (vgl. SCHAFER 1997 et al., S. 3ff.).

Auch wenn die Raumordnung den landlichen zum verstadterten Raum abgrenzt und konsta- tiert, dass landliche Raume solche „mit geringer Verdichtung von bis zu 100 Einwohner/qkm und ohne Oberzentrum uber 100 000 Einwohner (beziehungsweise) Raume unter 100 Ein­wohner/qkm mit einem Oberzentrum von mehr als 100 000 Einwohnem“ (WALTER et al. 2000, S. 77) sind, verwischen sich die siedlungsstrukturellen Unterschiede so stark, dass man den landlichen Raum als Einzelkomponente nicht isoliert betrachten kann. Da sich der de- mographische Wandel differenziert und in allen landlichen Raumen unterschiedlich auswirkt, wird im Folgenden eine allgemeinere Begriffsbestimmung ubernommen: Als zentrale Charak- teristika gelten „die geringere Siedlungs-, Bebauungs-, Einwohner-, Arbeitsplatz- und In- dustriedichten [...]. Dem entsprechend haben landliche Siedlungen [...] im Vergleich zur Stadt (eine) geringere Grofie, [...] Differenzierung (und) Zentralitat, ein(en) geringer(en) Verknup- fungsgrad untereinander, weniger Arbeitsplatze vor allem im zweiten und dritten Sektor, ein Pendlerdefizit (und) eine sozial uberschaubare Gesellschaf (mit) vorwiegend Ein- und Zwei- familienhausbebauung(en).“ (MOSE 1993, S. 8)

Der demographische Wandel bedingt nicht nur die wesentlichen Elementen einer niedrigen Geburtenrate bei gleichzeitig hoher Lebenserwartung der Bevolkerung, sondern fuhrt insge- samt zu einem sich ganzlich andernden sozialen und kulturellen Umfeld. Gerade der landliche Raum, zudem „70 Prozent unserer gesamten Landesflache“ (ZUBER 1996, S. 9) gerechnet wird, ist hierbei von besonderem Interesse. Der weitere Bevolkerungsruckgang und eine Ver- anderung der Altersstruktur bei bestehender geringer Siedlungsdichte gefahrdet die Tragfa- higkeit fur offentliche und private Einrichtungen beziehungsweise Dienstleistungen. Regiona- le Auslastungsprobleme sind nicht nur fur soziale und technische Infrastruktureinrichtungen zu erwarten, wenn aufgrund einer geringeren jungen Bevolkerung weniger Kindergarten- und Schulplatze nachgefragt werden.

Innerhalb dieser Schrumpfungslandschaft betreffen die Auswirkungen die medizinische Ver- sorgungs- und Betreuungseinrichtungen, sowie allgemein die sozialen Sicherungssysteme durch die abnehmende Zahl an Beitragszahlern. Ein genereller Bevolkerungsruckgang bedeu- tet fur die Gemeinden sinkende Einnahmen bei gleichzeitig steigenden Kosten zur Infrastruk- turerhaltung, was oftmals zu einem Abbau der noch bestehenden offentlicher Einrichtungen fuhrt. Einsetzende Abwanderungstendenzen fuhren zu einer geringeren Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt, Verodung der Orte und Auslastungsdefizite des offentlichen Personennah- verkehrs (OPNV).

Eine ganz wesentliche Komponente betrifft den Ruckgang von Versorgungseinrichtungen mit Gutern des taglichen Bedarfs. Durch die Abnahme der Bevolkerung, den geringer werdenden allgemeinen Bedarf und die damit einhergehende Unterschreitung von Tragfahigkeitsgrenzen konnen Einzelhandelsgeschafte in landlichen Gebieten nicht mehr gehalten werden und mus- sen schliefien. Aber nicht nur der Kunde selbst ist fur diesen Abwartstrend verantwortlich.

Seit den 60er Jahren vollzieht sich in Deutschland sowie in weiten Teilen Europas ein tief- greifender Strukturwandel, der vor allem verheerende Folgen fur die Versorgungsinfrastruktur in landlichen Gebieten nach sich zieht. Veranderte Angebotsstrukturen und vielfaltige Ein- flusse von Seiten der Konsumenten und Planer beziehungsweise Politiker fuhren zu Konzen- trationsprozessen der Versorgungseinrichtungen in den zentralen Orten. Offentliche Anbieter ziehen sich somit aus der Flache zuruck; „kleine Gemeinden unterhalb der Ebene der Unter- zentren verlieren zunehmend Einrichtungen der Grundversorgung“. (PLATZ et al. 1995, S. I / vgl. ZUBER 1996, S. 10)

Durch die Ruckzugstendenzen des Einzelhandels hat sich vor allem die fuBlaufige Entfemung zur nachsten Einkaufsmoglichkeit stark verlangert, wobei hier besonders mobilitatseinge- schrankte Menschen beeintrachtigt sind. Eine weitere Ausdunnung des Versorgungsnetzes durch die SchlieBung des letzten Lebensmittelladens oder aufgrund von Konzentrationspro- zessen der Postfilialen und der offentlichen Verwaltungseinrichtungen in kleinen Orten, fuhrt zu einer wesentlichen Benachteiligung der landlichen Bevolkerung gegenuber den Verdich- tungsraumen und ihrem Umland. Infolgedessen ist die Vorgabe der Raumentwicklungspolitik „gleichwertige Lebensverhaltnisse in alien Teilraumen Deutschlands herzustellen“ (KOCKS et al. 2005a, S. 12) nicht mehr gegeben.

Die Einzelhandelsentwicklung ist ein wesentliches Indiz fur die Auswirkungen des demogra- phischen Wandels insgesamt, denn der private Markt strukturiert sich durch Angebot und Nachfrage. Um einen weiteren sogenannten „Ruckzug aus der Flache“ (ZUBER 1996, S. 10) und eine Benachteiligung der dort lebenden Menschen zu verhindern beziehungsweise die Standortqualitat des landlichen Raumes zu bewahren, gilt es angesichts des demographischen Wandels und der raschen Alterung der Bevolkerung Alternativen zu dem bisherigen Infra- strukturangebot aufzuzeigen, die der besonderen Situation peripher gelegener Raume entspre- chen. Um eine wohnortnahe Versorgung mit Waren des taglichen Bedarfs zu gewahrleisten, sind „neue Konzepte [...] (erforderlich, die) einen Umdenkungsprozess voraus(setzen), der sich vom Wachstumsgedanken weg und hin zum Umbaugedanken (Umbau bei gerin- ger/rucklaufiger Entwicklungsdynamik (beziehungsweise) bei gesamtregionaler Schrump- fung) bewegt.“ (GANS et al. 2006a, S. X) Demzufolge ist esjedoch unabdingbar einen Mafis- tabswechsel von den Lander- und Landkreis- hin zur Gemeindeebene vorzunehmen.

Das Ziel dieser Arbeit ist es demnach, die Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Einzelhandelsstrukturen im Allgemeinen und insbesondere anhand der saarlandischen Gemeinde Freisen darzustellen und zu untersuchen. Nur durch eine detaillierte Vor-Ort- Analyse konnen die bestehenden Strukturen aufgedeckt und zukunftsorientierte Strategien entwickelt werden, um die Bevolkerung am Ort zu halten und den Teufelskreis zu unterbre- chen.

Welche Probleme aber auch Potentiale die Gemeinde Freisen innerhalb des dicht besiedelten Saarlandes aufweist, ob und welcher Handlungsbedarf hinsichtlich der Lebensmittelnahver- sorgung besteht und inwiefern bereits MaBnahmen bezuglich einer abnehmenden und altern- den Bevolkerung ergriffen wurden oder noch in Planung stehen, soll im Zuge dieser Arbeit detailliert aufgezeigt werden.

1.2 Methodisches Vorgehen und Aufbau der Arbeit

Der demographische Wandel, der gleichzeitig einen gesellschaftlichen Wandel ableitet, stellt als globale Erscheinung keine autonome Entwicklung dar. Er ist vielmehr die Folgerung und der Rahmen sozialer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Prozesse (vgl. GANS et al. 2006 1f.). Demzufolge ist es bedeutsam den Betrachtungsmafistab grofiraumig anzusetzen, um so in einem ersten Schritt die vergangene, gegenwartige und zukunftige Entwicklung Europas, je- doch im Besonderen Deutschlands aufzuzeigen (Kapitel 2). Aus diesem Grund sind die wich- tigsten Teilprozesse der Fertilitat, Mortalitat beziehungsweise Alterung, sowie die internatio­nal Wanderungsprozesse darzulegen, die als Ausgangspunkte die zahlreichen Trends, Fa- cetten und Folgen des demographischen Wandels induzieren (Kapitel 2.1.1). Speziell im land- lichen Raum sind dessen Auswirkungen bereits heute schon spurbar. Welche Veranderungen bereits eingetreten sind beziehungsweise welche zukunftigen Entwicklungen in ausgewahlten Lebensbereichen, wie beispielsweise dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, dem Gesundheits-, Verkehrs- und Bildungswesen und hinsichtlich der kulturellen Infrastruktur zu erwarten sind, wird Kapitel 2.2 naher bringen.

Da sich die folgende Ausarbeitung grundlegend auf die durch den demographischen Wandel nachhaltig veranderten Einzelhandelstrukturen im landlichen Raum bezieht, dient das Kapitel 3 dazu, die gegenwartige Versorgungssituation, die Ursachen des Strukturwandels im Einzel- handel als auch die Folgen bezuglich der Nahversorgungsstruktur zu beleuchten.

Methodisch erfolgt die Bearbeitung innerhalb dieses theoretischen Bezugsrahmens grundle- gend durch eine Literatur- und Dokumentauswertung, wobei die jungsten statistischen Daten und Prognosen insbesondere anhand internetgestutztem Datenmaterial erhoben werden.

Da die Lebensmittelnahversorgung die Ausgangsbasis zur Ermittlung kleinteiliger Strukturen innerhalb der nachfolgenden Studie bildet, werden in Kapitel 4 die demographischen Analy- seschritte konkretisiert betrachtet und diesbezuglich die saarlandische Gemeinde Freisen un- tersucht. Einfuhrend wird die Kommune mit ihren acht Ortsteilen hinsichtlich der demogra­phischen Rahmenbedingungen, wie der Bevolkerungs-, Siedlungs-, Verkehrs- oder Erwerbs- struktur vorgestellt (Kapitel 4.1), um in einem nachsten Schritt die gegenwartige Versor- gungslage in Bezug auf den Lebensmitteleinzelhandel darzustellen (Kapitel 4.2).

Die Erhebung des stationaren sowie mobilen Angebots erfolgt anhand eines auf die wichtigs- ten Aspekte gerichteten Kurzfragebogens, der gleichfalls im 4. Kapitel detaillierter vorgestellt werden soll. Ob die Lebensmitteleinzelhandler in der Gemeinde noch eine Nahversorgungs- funktion fur die dort ansassige Bevolkerung ubernehmen und damit als Frequenzbringer und Kundenmagnet fungieren, ist Ziel dieser Untersuchung, die auf Basis eigener empirischer Erhebungen erfolgt.

Kapitel 4.3 stellt die zentralen und zukunftsorientierten Handlungsfelder und Losungskonzep- te der Gemeinde Freisen dar, die gegenwartig bereits erfolgreich umgesetzt wurden oder noch in Planung stehen. Innerhalb dieses Arbeitschrittes wurden leitfadengestutzte Expertengespra- che mit den fur die Themenfelder des demographischen Wandels und der Einzelhandelsstruk- turen zustandigen Vertretern der Gemeindeverwaltung Freisen durchgefuhrt.

Der landliche Raum verliert stetig an Bevolkerung, was sich gleichfalls in den Versorgungs- moglichkeiten vor Ort widerspiegelt. Die Konsequenzen des demographischen Wandels be- treffen zwar alle Raumkategorien, dennoch ist zwischen den erforderlichen Handlungsan- satzen und Losungsmoglichkeiten stark zu differenzieren und jede Gemeinde individuell zu betrachten. Am Ende dieser Arbeit erfolgt eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse und ein Ausblick auf mogliche Entwicklungen in der Zukunft (Kapitel 5).

2. Der demographische Wandel und seine Auswirkungen auf den landlichen Raum

Veranderte Lebensbedingungen und medizinische beziehungsweise hygienische Fortschritte bewirken vor allem ab 1950 eine starke Zunahme der globalen absoluten Bevolkerungszahl. Leben zu diesem Zeitpunkt noch circa 2,5 Milliarden Menschen auf der Erde, haben sich die Werte, im zeitlichen Verlauf betrachtet, deutlich geandert. Vor allem die Entwicklungslander zeigen bei einem Ruckgang der Sterberate und gleichbleibend hohem Niveau der Geburtenra- te ein rasches Bevolkerungswachstum von 224 auf 906 Millionen Menschen. Auch Latein- amerika verzeichnet beispielsweise ab den 50er Jahren einen Zuwachs von 294 Prozent. Die Industrielander entwickeln sich hierbei jedoch moderater: Nordamerika nimmt lediglich um 93 Prozent zu, wahrend Europa ein Bevolkerungswachstum von 33 Prozent aufzeigt (vgl. WALLA et al. 2006, S. 15).

Ab den 1970er Jahren vollzieht sich in Europa und den meisten Entwicklungslandern ein gra- vierender Wandel, dessen Hauptcharakteristikum das Unterschreiten der Geburtenrate unter das Bestandserhaltungsniveau von 2,1 Kindern je Frau bildet. Innerhalb dieses langsamen Prozesses, bringt somit jede weitere Generation immer weniger potenzielle Mutter und dem- nach fortschreitend immer weniger Kinder hervor.

Wie Tabelle 1 zeigt, ist bis 2025 mit einem leichten Bevolkerungsanstieg zu rechnen, wah- rend das Jahr 2050 ein Nebeneinander von Wachstum, Stagnation und Schrumpfung inner-
halb der einzelnen Mitgliedsstaaten der Europaischen Union aufzeigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Bevolkerungsentwicklung in der Euro­paischen Union - Prognose bis 2050

(Quelle: GRABSKI-KIERON 2006, S. 20)

Betrachtet man nun die zusammengefassten Geburtenziffern der EU und anderen ausgewahl- ten Staaten (s. Tabelle 2), fallt auf, dass im Zeitrahmen von 1993 bis 2004 in manchen Staa- ten, wie Deutschland, Frankreich, die Niederlande oder auch Irland zwar ein Anstieg der Ge- burtenhaufigkeit zu verzeichnen ist; insgesamt differieren die zusammengefassten Geburten- zahlen im Jahr 2004 zwischen 1,2 und 2,2 und zeigen damit eine bestandige Unterschreitung des Bestandserhaltungsniveaus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 31)

Aufgrund von sozialen und politischen Veranderung weisen neben Griechenland, Spanien und Italien vor allem die mittel- und osteuropaischen Mitgliedsstaaten Slowenien, Lettland oder beispielsweise Ungam die niedrigsten Kindervorkommen auf. Zukunftig wird in allen EU- Staaten eine ahnliche Entwicklung erfolgen und die Geburtenhaufigkeit dabei zwischen 1,2 und 1,6 Kindern je Frau pendeln (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 30).

Hinsichtlich der Alterung zeigt sich bis 2020 bei der Bevolkerung von 20 bis unter 35 Jahren eine rucklaufige Entwicklung bei gleichzeitigem Bevolkerungsanstieg der mindestens 75- Jahrigen in ausgewahlten EU-Staaten (s. Tabelle 3). Dieser Alterungsprozess variiert haupt- sachlich in Abhangigkeit der Geburtenentwicklung und der Lebenserwartung, aber auch auf- grund des zeitlichen Einsetzens dieser Ablaufe, was letztlich eine Verschiebung der Werte bewirkt (vgl. GANS 2005, S. 42). 1 EU-15

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: GANS 2005, S. 43)

Grundlegend wird sich der Alterungsprozess zukunftig sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungslandern fortsetzen, wobei Erstgenannte durch eine hohere Lebenserwartung langsamer Altern. Europa und Japan zahlen zu den Industrielandern, deren Bevolkerung bis 2050 am starksten altern wird. So wird allein in Europa der Anteil an 60-Jahrigen und alteren Menschen etwa 35 Prozent der gesamten Bevolkerung ausmachen, wobei Deutschland hier wiederum eine Spitzenposition einnimmt, wie im folgenden Kapitel zu zeigen sein wird (vgl. WALLA et al. 2006, S. 27).

Diese Veranderungen, die als 'demographischer Wandel' bezeichnet werden, betreffen, wie bereits dargestellt, nicht nur Deutschland, sondern sind ein globales Phanomen. Auch wenn diese im Zeitverlauf betrachtet nur sehr langsam ablaufen, wird der demographische Wandel die Bevolkerungsstruktur bis 2050 mafigeblich verandern. Zu den wichtigsten Einflussgrbfien beziehungsweise zusammenhangenden Prozessen gehoren folglich die Geburten- und Sterbe- rate beziehungsweise die Veranderung der Lebenserwartung sowie die internationalen Wan- derungsprozesse. Durch Wanderungsgewinne beziehungsweise -verluste, auf die hier im glo- balen Kontext nicht naher eingegangen werden soll, kann der demographische Wandel mit seinen okonomischen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nur abge- schwacht oder verstarkt werden, aber keine grundlegende Anderung hinsichtlich der kunftigen Geburtenhaufigkeit und der Alterung bewirken.

2.1 Bevolkerungsentwicklung in Deutschland von 1950 bis 2050

Der demographische Wandel zeichnet sich mafigeblich durch Wachstums- und Schrump- fungsprozesse aus. Demnach hat Deutschland seit den beginnenden 50er Jahren mehrere Pha- sen mit einer ganz unterschiedlichen Bevolkerungsdynamik durchlaufen.

Zwar wird schnell deutlich, dass die Bevolkerungszahl zwischen 1950 und 2005 rasant ans- tieg, wenn man die Werte der 11. koordinierten Bevolkerungsvorausrechnung heranzieht und hier ein Wachstum von 68,8 Millionen auf 82,4 Millionen Menschen gezeigt wird (vgl. STA- TISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 15). In Bezug auf die Bevolkerungsdynamik Deutsch- lands ist es notwendig, ein detaillierteres Bild nahe zu legen, das sowohl Zusammenhange als auch Veranderungen anhand jahrlicher Abstande verdeutlicht.

Wie in Abbildung 1 dargestellt, lasst sich die Bevolkerung zu einem spezifischen Zeitpunkt am Besten durch eine Bevolkerungspyramide darstellen. Darin werden die Einwohner ge- trennt nach Geschlecht und den verschiedenen Altersstufen beziehungsweise Bevolkerungs- jahrgangen in Form eines Diagramms dargestellt.

Die Gegenuberstellung der Bevolkerungszusammensetzungen aus den Jahren 1910, 1950, 2005 sowie der prognostizierten Bevolkerungsstruktur fur das Jahr 2050 lassen erkennen, dass sich der Altersaubau Deutschlands von einer klassischen Pyramidenform, uber eine „zerzauste Wettertanne“ (STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 17) im Jahr 2005, hin zu einer fur das Jahr 2050 prognostizierten Urnenform verandert hat.

Demnach stellen 1910 „die starksten Jahrgange die Kinder, (wobei sich) die Besetzungszah- len der jungeren Jahrgange [...] allmahlich als Folge der Sterblichkeit“ (STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 17) verringern. Innerhalb der nachsten 40 Jahre verandert sich der Altersaufbau der Bevolkerung Deutschlands bereits gravierend. Besonders deutlich treten primar die beiden Einschnitte der mittleren Jahrgange hervor, die auf Geburtenruckgange wahrend der Weltkriege sowie der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre zuruckzufuhren sind. Noch deutlicher zeigt dies das Jahr 2005, das einen hoheren Anteil der alteren Frauen gegen- uber den Mannern aufweist, die insbesondere aufgrund des Zweiten Weltkrieges eine grofiere Sterberate verzeichnen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 16)

Obwohl Deutschland bereits seit den 70er Jahren mit der Einfuhrung der Antibabypille und dem darauffolgenden sogenannten Pillenknick ein Geburtendefizit aufweist, schrumpft die Gesamtbevolkerung erst seit 2003, denn bislang konnte das Geburtendefizit durch einen Wanderungsgewinn ausgeglichen werden, auf den spater noch naher eingegangen wird. Dies verdeutlicht auch die Grafik des Jahres 2005, die einen sich umkehrenden Trend mit einem Uberschuss der alteren gegenuber den jungeren Jahrgangen aufzeigt.

Die nach dem Bevolkerungsstand vom 31.12.2005 veroffentlichte 11. koordinierte Bevolke- rungsvorausrechnung des Statistischen Bundesamtes zeigt fur das Jahr 2050 nicht nur eine naturliche Bevolkerungsbewegung, die eine Negativentwicklung aufweist, sondern eine ganz- liche Veranderung zum Bevolkerungsaufbau von 1910. Die Prognosen werden demnach quantifiziert und aus heutiger Sicht in der Zukunft fortgeschrieben, wobei hier grundlegend die Geburtenrate, die Lebenserwartung und der Wanderungssaldo aufgegriffen wird (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 5).

Je nach Wanderungsgewinnen zwischen 100.000 und 200.000 Menschen pro Jahr, wird das Geburtendefizit drei- beziehungsweise viermal so hoch sein, wie noch im Jahr 2005. Folglich wird die Bevolkerung im Zeitrahmen von 2005 bis 2050 von 82 Millionen auf 69 bis 74 Mil- lionen Einwohner zuruckgehen. Das Durchschnittsalter der Bevolkerung Deutschlands steigt bis 2050 von 42 auf 50 Jahre, wobei es zu einer Verdopplung der alteren gegenuber der junge- ren Bevolkerung kommen wird. Durch die fehlenden Geburten nimmt nicht nur die Anzahl der Erwerbstatigen um circa 22 bis 29 Prozent ab, sondern Deutschland erlebt gleichzeitig einen gesamten Anstieg der 80-Jahrigen und alteren Menschen von 3,7 auf 10 Millionen Ein- wohner im Jahr 2050, so dass hier parallel mit einer Zunahme an Sterbefallen zu rechnen ist (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 5ff.).

„Der demographische Wandel zeigt einen hohen raum-zeitlichen Differenzierungsgrad, so- dass (durch Wachstum und Schrumpfung als zentrale Bestandteile des demographischen Wandels) ein buntes Nebeneinander von Kommunen und Regionen mit unterschiedlichsten Positionen [...] existiert“. (BUCHER 2007, S. 27) Bezeichnet man bereits seit den 90er Jah- ren, aufgrund sinkender Geburtenraten und Wanderungsverlusten zugunsten des Westens, vor allem die neuen Bundeslander Deutschlands als Schrumpfungsregionen, so wird in der nach- stehenden Karte (s. Abb. 2) ersichtlich, dass sich die negativen demographischen Auswir- kungen nun auch in den alten Bundeslandern allmahlich bemerkbar machen.

Um diese landesweiten Veranderungen jedoch verstehen zu konnen, ist es unumganglich ei­nen Blick auf die bisherigen Prozesse innerhalb Deutschlands zu werfen. „Wahrend der 90er Jahre war die Bevolkerungsentwicklung Deutschlands durch ein aufiergewohnlich starkes Wachstum gekennzeichnet. Von 1989 bis 1999 nahm die Bevolkerungszahl von 79,1 Mio. auf 82,2 Mio. Einwohner, d. h. um 3,9 Prozent, zu“ (FLOTHMANN 2003, S. 31), wahrend je­doch vor allem der Osten nach der Wiedervereinigung Deutschlands grofie Bevolkerungsver- luste hinnehmen musste. Der Westen zeichnet dabei relative Dekonzentrationsprozesse inner- halb der Agglomerationsraume ab bei einem analogen Wachstum ihrer suburbanen Gebiete sowie der landlich-peripheren Raume. Ubergreifend betrachtet nehmen in den 90er Jahren fast alle westlich gelegenen Gemeinden an Wachstumsprozessen teil.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein ganzlich anderes Bild lassen die neuen Bundeslander erkennen: Hier zeigt sich bei einem relativen Konzentrationsprozess der Bevolkerung, dass sich suburbane Wachstumszonen nur in geringem Umfang als Ringe um die Kernstadte befinden. Besonders starke Schrumpfungs- prozesse mussen dabei die peripheren Regionen als auch die Mittelstadte verbuchen (vgl. SIEDENTOP et al. 2003, S. 26).

Bis zum Jahr 2025 zeichnet die Raumordnungsprognose noch immer den Osten Deutschlands als Verliererregion ab und ein generelles Ost-West-Gefalle tritt klar hervor. Diese bisherige Entwicklung wird sich zukunftig immer mehr verscharfen, so dass, wie in Abbildung 2 prag- nant demonstriert wird, „kleinere und groBere Inseln mit stabilen bis leicht wachsenden Be-volkerungspotenzialen im ansonsten demographisch schrumpfenden Raum“ (SIEDENTOP et al. 2003, S. 27) vorherrschen. Dennoch ist nicht allein der Osten von einer weiteren Schrump- fung betroffen, sondern beispielsweise auch Teile des hessischen Raumes, des Ruhrgebiets oder des Saarlandes, die gleichermafien diese negativen Entwicklungsprozesse betreffen. Hin- sichtlich der Indikatoren der Alterung wird in Abbildung 2 deutlich, dass in den wachsenden Gebieten der alten Bundeslander auch die Zunahme an Hochbetagten, also Menschen, die alter als 80 Jahre sind, besonders stark ausgepragt ist. Obwohl die Alterung der Bevolkerung flachendeckend stattfindet, ist diese Entwicklung in einigen Regionen markanter ausgebildet als in anderen. Demnach zeigen auch die zukunftig schrumpfenden Gebiete vorrangig eine starke Abnahme der Schulpflichtigen (vgl. BUNDESMINISTERIUM FUR BAUWESEN UND RAUMORDNUNG 2009, S. 9f.).

2.1.1 Die Grunde fur den langfristigen Ruckgang der Bevolkerung

Der demographische Wandel ist ein kompliziertes Geflecht von Ursachen- und Wirkungszu- sammenhangen, wobei seine primare Entwicklung auf einem tiefgreifenden Gesellschafts- wandel grundet. Obwohl seine mafigeblichen Einflussfaktoren und ihre Intensitat raumlich, zeitlich und auch schichtenspezifisch variieren, wie beispielhaft in landlichen und stadtischen Raumen, so ist doch hauptsachlich die Geburtenrate, die Alterung beziehungsweise die Le- benserwartung und der Wanderungssaldo fur die vergangene und zukunftige Entwicklung der Bevolkerung Deutschlands verantwortlich, was im Folgenden ausfuhrlicher betrachtet werden soll (vgl. MERTINS 1997, S.13).

2.1.1.1 Die Geburtenrate

Das reproduktive Verhalten der Menschen resultiert aus der durchschnittlichen Anzahl der geborenen Kinder pro Frau und ihrem jeweiligen Gebaralter beziehungsweise dem Alter der Mutter, in welchem diese ihr erstes Kind zur Welt bringt.

Da das Reproduktionsmuster im landlichen Raum nur sehr geringfugig von der allgemeinen Entwicklung im gesamten deutschen Bundesgebiet abweicht, werden im Folgenden die ge- nerellen Entwicklungstendenzen ab den 50er Jahren dargestellt.

West- und Ostdeutschland erlebten in den 50er Jahren einen gesellschaftlichen und privaten Wiederaufbau in Folge der Nachkriegszeit. Die gleichzeitig pragenden Krafte des Wirt- schaftsaufschwungs, die eine Konsumwelle folgen liefien, losten einen wahren Babyboom aus. So wurden bisher aufgeschobene Geburten vor allem in dieser Phase realisiert, so dass die Anzahl der Lebendgeborenen pro Frau zwischen ,,1955 (und) 1964 von 2,1 auf 2,5“ (BIRG 2005, S. 48) anstieg.

Aufgrund politischer Veranderungen und der Bildungsexpansion ab den 60er Jahren trat je- doch ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wandel ein. Eine normative Verbindlichkeit zur Familiengrundung, wie sie als Wirtschaftsgemeinschaft zur Existenzsicherung im 18. und 19. Jahrhundert noch grundlegend war, existiert in der immer moderner werdenden Welt des 20. Jahrhunderts nicht mehr. Durch die sich neu ergebenden Bildungschancen der Frauen, werden klar definierte Geschlechterrollen in der Familie allmahlich durch Individualitat und Autonomie aufgelost. Diese neuen Impulse eroffnen den Frauen von nun an erweiterte Wahl- moglichkeiten bezuglich der eigenen Lebensgestaltung. Durch eine bessere Bildung erhohen sich in dieser Phase die Erwerbs- und Beschaftigungsmoglichkeiten der Frauen, bei paralleler Neuentwicklung der Lebensformen- und Gemeinschaften.

Durch die nun hoheren Verdienstmoglichkeiten ergibt sich ein „paradox erscheinende(r) Sachverhalt, da die Menschen ihre Kinderzahl mit dem steigenden Realeinkommen verrin- ger(n) statt erhoh(en)“ (BIRG 2005, S. 37). Die damit einhergehende finanzielle Sicherheit, aber vor allem die Einfuhrung der Antibabypille bewirkte eine geregelte Nachwuchsplanung. Biologische Zwange werden nun durch Geburtenkontrolle abgelost; es kommt zu bewussten Entscheidungssituationen fur oder gegen Kinder, so dass die „zusammengefasste Geburten- ziffer auf 1,45 in den alten Bundeslandem und auf 1,54 in der ehemaligen DDR zuruckgeht“ (STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 27).

Verlief die Geburtenentwicklung in beiden Teilen Deutschlands bis zu diesem Zeitpunkt rela- tiv identisch, so bildet sich jedoch ab den 70er Jahren ein sehr unterschiedliches Bild ab. Im fruheren Bundesgebiet nehmen die Geburtenzahlen weiter bis in die 80er Jahre ab und errei- chen damit einen Wert von weniger als 1,3 Kindern pro Frau. Bis 1990 stieg die durchschnitt- liche Kinderzahl auf 1,45 an und schwankt mit geringfugigen Ausnahmen bis heute um 1,4 Kinder pro Frau (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 27).

Die ehemalige DDR hingegen verzeichnete bis 1980 aufgrund umfassender Familienfor- derungen eine Geburtenrate von 1,94 Kindern je Frau. Bis zum Mauerfall sank die Geburten- haufigkeit kontinuierlich ab, wobei die Wiedervereinigung mit ihren sozialen Umbruchen ein weiteres rapides Absinken der Geburtenhaufigkeit nach sich zog und der Wert zwischen 1990 und 1994 von 1,52 auf 0,77 zuruckging. Seit den 90er Jahren stieg die Geburtenrate emeut an und gleicht sich 2004 mit 1,31 dem Wert des fruheren Bundesgebietes von 1,37 Kinder pro Frau an (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 28). Grand fur die Steigerung der Geburten in den ostdeutschen Landern sind bekannte Strukturen in der Kinderbetreuung aus DDR-Zeiten, wie beispielsweise Krippen. Trotz wesentlich geringer Einkommen, sind Gebur­ten und die Anzahl von Kinderbetreuungseinrichtungen hoher als in den westlichen Bundes- landern.

Entscheidend fur die bisherige und auch zukunftige Geburtenentwicklung ist jedoch das zu- nehmende Alter von Frauen bei der Erstgeburt. „Auf die 30- bis 49-jahrigen Frauen entfielen im Jahr 1960 lediglich 16% der ersten Geburten; im Jahr 2004 waren es bereits fast 50% [...]. (Die Erst- und Folge)geburten finden schwerpunktmafiig zwischen dem 30. und dem 37. Le- bensjahr statt.“ (STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 27) Das Hinauszogern der Erst­geburt bewirkt bei einem bereits vorhandenen Geburtendefizit zukunftig eine weiter sinkende Kinderzahl, da die meisten Frauen, die sich in diesem Alter befinden, kein zweites oder drittes Kind mehr gebaren. Fur die Geburtenentwicklung bis 2050 greift das Statistische Bundesamt den bisherigen relativ stabilen Trend der letzten 30 Jahre auf und beschreibt aufgrund dessen drei zukunftige Annahmen. Den Prognosen werden dabei folgende Aspekte zugrunde gelegt: Die Geburtenrate der unter 30-jahrigen Frauen nimmt weiterhin ab, wahrend diese Entwick- lung durch einen Anstieg der Kinderzahlen von Frauen aufgefangen wird, die bereits ihr 30. Lebensjahr uberschritten haben. Die alten sowie die neuen Bundeslander gleichen sich kunftig immer naher an (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 28ff.).

Setzt sich die Geburtenrate der letzten 15 bis 20 Jahre mit 1,4 Kindern je Frau weitere 20 Jah­re fort, bleiben die Geburtenverhaltnisse bis 2050, bei einem Anstieg des durchschnittlichen Gebaralters um circa 1,6 Jahre, konstant. Erfolgt jedoch ein leichter Anstieg der Geburtenhau- figkeit um 1,6 Kinder je Frau bis 2025, erhoht sich zwar das durchschnittliche Gebaralter um ein Jahr, dennoch bleibt auch hier die Geburtenhaufigkeit bis 2050 konstant. Geht die Gebur­tenrate bis 2050 jedoch auf 1,2 Kinder je Frau zuruck, wird dabei nicht nur das Gebaralter um zwei Jahre ansteigen. Gleichfalls wird es demnach auch zukunftig immer mehr kinderlose Familien in Deutschland geben, was einen weiteren Abwartstrend nach sich zieht (vgl. STA- TISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 33ff.).

2.1.1.2 Die Alterung der Bevolkerung

Die 'demographische Alterung' bezeichnet ganz allgemein die Entwicklung von einer relativ jungen zu einer relativ alten Gesamtalterstruktur der Bevolkerung bei gleichzeitiger zahlen- maBiger Zunahme der alteren Menschen. Bedingt werden diese Veranderungen vor allem durch die sich uberschneidenden Prozesse der steigenden Lebenserwartung sowie des bereits dargestellten Geburtenruckgangs unter das Bestandserhaltungsniveau (vgl. BECKER 2006, S. 6).

Verbesserungen im medizinischen und hygienischen Bereich, optimierte Wohn- und Arbeits- bedingungen, eine gesundere Ernahrung und materieller Wohlstand trugen dazu bei, dass in den letzten 130 Jahren eine Verringerung der Sauglingssterblichkeit, mit einem aktuellen Wert von 0,5 Prozent, erreicht werden konnte (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 65).

Betrug die mittlere Lebenserwartung nach den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes 2002/2004 noch 75,9 Jahre fur Manner und 81,5 Jahre fur Frauen, so wird die kunftige Le­benserwartung steigen und hohere Werte erreichen. Fur das Jahr 2050 geht man von zwei unterschiedlichen Annahmen aus, die sich zum einen auf den kurzfristigen Trend der Sterb- lichkeitsentwicklung ab 1970 und zum anderen auf die langfristige Entwicklung seit 1871 stutzen. Demzufolge beschreibt die erste Prognose einen Anstieg der Lebenserwartung bei Mannern um 7,6 Jahre beziehungsweise 6,5 Jahre bei Frauen zum Vergleichszeitraum 2002/2004. Diese Annahme entspricht einer Lebenserwartung bei Geburt von 83,5 Jahren fur Manner und 88 Jahren fur Frauen. Die zweite Vorausberechnung geht von erheblich hoheren Werten aus, die bei Mannern die Lebenserwartung um 9,5 Jahre und bei Frauen um 8,3 Jahre steigen lasst. Infolgedessen werden Manner im Jahr 2050 durchschnittlich 85,4 Jahre und Frauen 89,8 Jahre alt, wobei ganz deutlich wird, dass sich die Trends beider Geschlechter immer weiter annahern (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 7).

Dieser Struktureffekt als solches tragt jedoch den kleineren Anteil an der allgemeinen Al- terung der Bevolkerung. Sehr viel ausschlaggebender ist dabei die geringe Kinderrate, denn je weniger Geburten hervor gebracht werden, umso schneller altert die Gesamtbevolkerung, da nun eine Umkehrung eintritt, die den Altenquotient stark verandert. Dieser „bildet das Ver- haltnis der Personen im Rentenalter (zurzeit im Alter von 65 Jahren und alter) zu 100 Perso- nen im erwerbsfahigen Alter (zurzeit von 20 bis 64 Jahren) ab“ (STATISTISCHES BUN­DESAMT 2006, S. 65). Kamen 2005 noch 32 altere Menschen ab einem Alter von 65 Jahren auf 100 Erwerbspersonen, so wird sich dieser Altenquotient bis 2030 auf 50 beziehungsweise bis zum Jahr 2050 auf 60 bis 64 erhohen. Genauer betrachtet bedeutet dies: Durch die fehlen- den Geburten ist die Bevolkerung in den letzten Jahren rapide gealtert. Anzumerken ist aller- dings, dass vor allem aus den 30er Jahren der Nachkriegszeit geburtenstarke Jahrgange her- vorgingen und nun ein dementsprechend hohes Alter erreicht haben.

Bis 2030 wird dabei der Anteil der 65-Jahrigen einen Anstieg von derzeit 16 Millionen auf circa 24 Millionen ausmachen und danach langsam wieder abfallen. Die Zahl der 80-Jahrigen und alteren Menschen wird jedoch fortdauernd ansteigen und zwar von derzeit 4 Millionen auf 10 Millionen. Die altere Altersgruppe uberwiegt demnach bis 2050 die Gesamtzahl an Menschen der mittleren sowie der jungeren Jahrgange und stellt die Mehrheit der Bevol­kerung dar (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 6ff.).

Bezuglich des Alterungsprozesses zeigen sich jedoch raumliche Differenzen wie die nachste- hende Karte fur die regionale Alterung Deutschlands bis 2025 illustriert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: BUNDESMINISTERIUM FUR BAUWESEN UND RAUMORDNUNG 2009, S. 26)

Hierbei wird mit Hilfe des Billeter-Mafies die zukunftige Veranderung der Bevolkerung ab- gebildet. Innerhalb dieser Momentaufnahme sind mit blauer Farbe all die Kreise markiert, die bis 2025 eine uberdurchschnittliche Alterung erfahren. Besonders das Ost-West-Gefalle tritt hier hervor, wobei sich die relativ alte Bevolkerung hauptsachlich aus den enormen Wan- derungsverlusten junger Menschen ergibt. Verkleinert man den Betrachtungsmafistab fallen suburbane Raume des Osten mit einer jungeren Bevolkerung und wirtschaftsschwache, west- liche Gebiete mit einer uberdurchschnittlich alten Bevolkerung auf, wie beispielsweise die altindustriellen Regionen an Ruhr, Rhein und Saar oder die Verdichtungsraume, Kernstadte und landlichen Regionen, die ebenfalls Verluste junger Menschen durch Wanderungstenden- zen hinnehmen mussen (vgl. BUNDESMINISTERIUM FUR BAUWESEN UND RAUM- ORDNUNG 2009, S. 27). „Die Dramatik zeigt sich vor allem dort, wo die siedlungsstruktu- rellen Gegebenheiten ungunstig sind: in dunn besiedelten Raumen.“ (SCHULZ- NIESWANDT 2000, S. 32) Aber auch Kusten- oder Gebirgsregionen, wie beispielsweise die Alpen, zeichnen sich durch uberdurchschnittliche Alterung aus, da sie besonders als Ruhesitz alterer Menschen in Anspruch genommen werden. Von der Alterung weniger stark betroffen sind hingegen suburbane Raume und solche mit hoherer Fruchtbarkeit (vgl. BUNDESMI­NISTERIUM FUR BAUWESEN UND RAUMORDNUNG 2009, S. 27).

2.1.1.3 Die Wanderungsprozesse

Wie bereits erwahnt, sind fur die Bevolkerungsentwicklung Deutschlands nicht nur die Ge- burtenrate und die Alterung beziehungsweise die Veranderung der Lebenserwartung aus- schlaggebend, sondern gleichfalls der Einfluss der Wanderungen. Die gesamte Bevolkerungs- bewegung druckt sich demnach durch den Wanderungssaldo, als Differenz zwischen Zu- und Fortzugen beziehungsweise der Gesamtzahl an Einwanderern minus der Summe an Auswan- derern aus.

Seit mehreren Jahren ist das Wanderungssaldo der Bundesrepublik mit nur vereinzelten Aus- nahmen positiv, denn es wanderten mehr Menschen nach Deutschland ein als zugleich aus- wanderten. Aufienwanderungen lassen sich hauptsachlich mit okonomischen und okologi- schen, politischen oder auch sozialen Ursachen im Herkunftsland aber auch in Deutschland als Zielgebiet begrunden. Folglich wanderten in den letzten Jahren vor allem Menschen aus Polen und Russland, Rumanien, Montenegro, Serbien, Italien und der Turkei in die Bundesre- publik ein. Da die Zuwanderer aus dem Ausland durchschnittlich junger sind als die aus Deutschland fortziehenden Menschen, ergibt sich ein Verjungungseffekt, der den Altenquo- tienten herabsetzt und den Alterungsprozess verlangsamt (vgl. STATISTISCHES BUNDES- AMT 2006, S. 44ff.).

Wie bereits hingewiesen, sinkt die Gesamtbevolkerung Deutschlands seit 2003, denn die enorme Anzahl an Sterbefallen bei parallelem Geburtendefizit kann durch die in den letzten Jahren sinkenden Wanderungsgewinne nicht mehr kompensiert werden. Schreibt man diese Entwicklungen zukunftig fort, droht auf lange Sicht ein weiterer Bevolkerungsruckgang (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 14f.). Ausschlaggebend dafur ist einerseits ein ahnlicher Geburtenruckgang in den Herkunftslandern mit einer weiteren Abnahme junger Menschen im Vergleich zu Deutschland; andererseits ist die Geburtenrate in den meisten ost- europaischen Herkunftslandern noch niedriger als der deutsche Wert. Uberdies passen sich die Zuwanderinnen allmahlich immer mehr dem deutschen Niveau an, so dass auch ein ur- sprunglich hohes Geburtenniveau immer weiter sinkt und das Alter der Erstgeburt stetig steigt und demnach auch hier immer weniger potentielle Mutter hervorgehen (vgl. STATISTI- SCHES BUNDESAMT 2006, S. 30).

Definitive Zahlen konnen fur das zukunftige Wanderungsverhalten jedoch nicht abgeschatzt werden. Allein die Tatsache, dass sich sehr wahrscheinlich bis 2011 eine vollstandige Ar- beitsmarktfreizugigkeit durch die EU-Erweiterung etabliert hat, lasst mit verstarkten, aber nicht endgultigen Zuwanderungsstromen rechnen. Zudem wird es in Entwicklungslandern, wie beispielsweise dem nordlichen Afrika, durch hohe Geburtenraten zu massiven Bevol- kerungszunahmen mit entsprechendem Arbeitsplatzmangel kommen. Bis 2050 wird die Be- volkerung in Nordafrika um 63 Prozent, beziehungsweise von 191 Millionen auf 310 Millio- nen Menschen zunehmen; 50 Prozent der Gesamtbevolkerung wird dabei ein Alter von 36 Jahren unterschreiten. Prognosen gehen infolge des Migrationdrucks nordafrikanischer Lan­der davon aus, dass fur die Wanderungen insbesondere Europa ein Hauptziel darstellt (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 51f.).

Dennoch legt das Statistische Bundesamt zwei Annahmen bezuglich des Wanderungssaldos fur den Zeitrahmen von 2006 bis 2050 vor: Die Erste zeigt dabei einen Wanderungsuber- schuss von 100.000 Menschen pro Jahr beziehungsweise eine Gesamtsumme von 4,4 Millio- nen Zuzugen. Die zweite Prognose belauft sich hingegen auf ein Wanderungssaldo von 200.000 Menschen pro Jahr und dementsprechend eine Gesamtsumme von 8,6 Millionen Zu- wanderern (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 53).

Hinsichtlich der raumlichen Verteilung sind es wiederholt die suburbanen Gurtel der Verdich- tungsraume, wobei die Dynamik auch hier einen Ost-West-Gegensatz mit sich fuhrt.

Wahrend sich die Zuzuge aus dem Ausland hauptsachlich auf die Agglomerationsraume und Kernstadte konzentrieren, partizipiert der landliche Raum an diesen Wanderungen nur gering- fugig. Uberwiegend zeichnet sich dieser durch die hohen Wanderungsverluste an Bildungs- und Arbeitsplatzwanderern aus, die bezuglich ihrer Wanderungstendenzen uberwiegend auf Verdichtungsraume hin ausgerichtet sind. Peripherraume punkten lediglich hinsichtlich der 'Altersruhesitzwanderer', die landschaftlich attraktive Raume mit ihrer Erholungs- und Frei- zeitfunktion bevorzugen. Gesamt betrachtet, bedeutet der weiterhin andauernde Fortzug jun- ger Menschen aus dem landlichen Raum eine negative naturliche Bevolkerungsentwicklung bei analoger rapider Alterung (vgl. BAHR 2004, S. 312).

2.2 Die Auswirkungen des demographischen Wandels

Der demographische Wandel mit seinen bereits aufgezeigten Entwicklungstendenzen bis zum Jahr 2050 birgt vielfaltige Auswirkungen in sich, die sich gegenseitig beeinflussen und steuern. Problematisch erweist sich dabei nicht nur die inhaltliche beziehungsweise demogra- phische Komponente dieses Wandels, sondern insbesondere die Ausgangssituation der jewei- ligen Regionen. Werden im Folgenden hauptsachlich landliche Gebiete analysiert, so wird auch hier aufgrund differenzierter raumbezogener Auswirkungen zu untersuchen sein, welche Entwicklungen, zu welchen Problemlagen mit welchem Ausmafi fuhren.

Diesbezuglich werden auf den folgenden Seiten die wichtigsten Problemfelder, die der de- mographische Wandel in sich birgt, angesprochen. Die Auswirkungen sind in ihrer Ge- samtheit jedoch so vielschichtig, dass infolge dieser Komplexitat auf eine vollstandige Dar- stellung verzichtet wird. Desgleichen soll die Einzelhandelsentwicklung mit ihren Ursachen und umfassenden Folgen vorerst ausgeblendet werden. Diese Betrachtung wird im nachste- henden Kapitel 3 praziser erfolgen.

2.2.1 Die Folgen fur die Erwerbstatigkeit

Bis zum Jahr 2050 sind fur die Erwerbsstruktur deutliche Veranderungen zu erwarten. Durch signifikante Verschiebungen der Altersgruppen untereinander, wird der Anteil der im Er- werbsalter befindlichen Bevolkerung bei einem aktuellen Stand von 39,9 Millionen im Jahr 2009 drastisch sinken (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2009, o. A.). Je nach Wande-rungsgewinnen zwischen 100.000 und 200.000 Menschen pro Jahr, wird das Erwerbsperso- nenpotential bis 2050 entweder um 29 Prozent oder gemafi eines positiven Zuwanderungssal- dos von 200.000 Menschen um 22 Prozent zuruckgehen. Dementsprechend werden im Laufe der nachsten Jahrzehnte der Gruppe der erwerbstatigen Bevolkerung immer mehr Senioren gegenuberstehen (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 6ff.).

Besonders der landliche Raum ist davon stark betroffen, denn uberwiegend junge Menschen verlassen die peripheren Gebiete, da sich Bildungseinrichtungen, wie beispielsweise Universi- taten, qualifizierte Ausbildungsstatten oder berufliche Weiterbildungen oft fernab in den Agg- lomerationsraumen oder Verdichtungsgebieten befinden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie Karte 4 zeigt, wird sich bis 2025 die Zahl der Erwerbspersonen, die junger als 45 Jahre sind, drastisch reduzieren, wobei in den alten Landern mit einer relativen Stagna­tion zu rechnen ist, wahrend die neuen Bundeslander starke Abnahmen und eine sich offnende Schere aufweisen. Bei einer generellen Schrumpfung werden hier vor allem nur die ostlichen Stadte mit einer geringeren Abnahme zu rech- nen haben, wahrend das restliche Gebiet des Ostens stark an Erwerbspersonen verliert. Insgesamt ziehen besonders die vier wirtschaftsstarken Agglomerations- raume Hamburg, Frankfurt, Stuttgart und Munchen gut qualifizierte und junge Erwerbspersonen an (vgl. BUNDES- zierenden Tatigkeitsbereich und Baugewerbe einhergeht, ergibt sich einerseits ein Fach- kraftemangel und andererseits hohe Arbeitslosenzahlen mit bis zu 60 Prozent der in diesen Raumen lebenden Bevolkerung (vgl. WINKEL 2004, S. 9).

Ohne Arbeitsplatze ergeben sich jedoch keine tragfahigen Siedlungsstrukturen, was die Be­volkerung wiederum weiter in Verdichtungsraume abwandern lasst. Folglich ist durch die fehlenden Erwerbspersonen ein Ruckgang an Innovation und Firmenneugrundungen zu er- warten, obwohl der landliche Raum uber genugend Freiflachen mit niedrigen Grundstucks- preisen verfugt (vgl. SINN 2005, S. 65).

Eine dauerhaft okonomische Basis konnte der landliche Raum bisher vor allem im Dienst- leistungs- und touristisch gepragten Bereich erzielen - mit wachsenden Entwicklungschancen in der Zukunft Deshalb wird es zukunftig wichtig sein, die Erwerbszweige in Richtung al- tersbezogener Dienstleistungen auszubauen. Qualifikation und Kompetenzen alterer Men- schen konnen dabei effektiv in der Entscheidungs- und Handelsokonomie beziehungsweise der Dienstleistungsbranche genutzt werden.

2.2.2 Der demographische Wandel unter dem Wohnungsaspekt

„Eine der sichtbarsten Auswirkungen des demographischen Wandels ist die Veranderung [...] der privaten Haushalte und des Wohnungsbedarfs.“ (BIRG 2005, S. 137)

Der Bedarf an Wohneinheiten ist stets von der Bevolkerungszahl abhangig; eine schrumpfen- de Bevolkerung fuhrt demnach eine geringere Nachfrage an Wohnungen mit sich. Hier lasst sich allerdings kein generelles und einheitliches Bild abzeichnen, denn die Auswirkungen vollziehen sich raumlich sehr differenziert.

Starke Unterschiede weisen vor allem Stadte, die suburbanen Raume der Verdichtungsgebiete und landlich gepragte Regionen auf. Zeigt das Umland von Agglomerationsraumen eine stei- gende Nachfrage an Wohneinheiten, da sich hier ein 'Wohnen im Grunen' bei gleichzeitig relativer Nahe zum Arbeitsplatz gut miteinander kombinieren lassen, so verlieren uberwie- gend die Stadte an Bevolkerung und weisen oftmals ein Uberangebot an Wohnungen auf (vgl. BIRG 2005, S. 145). Wenn auch in jungster Zeit immer wieder von einem Umkehrtrend der Stadtflucht die Rede ist und hier uberwiegend junge Menschen gemeint sind, die sich in stad- tischen Quartieren eine Miet- oder Eigentumswohnung zulegen, so vollzieht sich auch weiter- hin der Suburbanisierungsprozess in die Umlandgurtel der Grofistadte.

Im landlichen Raum profitieren die Orte, welche eine gunstige Lage zu Verdichtungsraumen aufweisen, denn Zuwanderer werden vor allem durch die umfassende Verfugbarkeit an sozia- ler und technischer Infrastruktur angezogen. Die peripher gelegenen Raume weisen hingegen siedlungsstrukturelle Veranderungen auf. Durch Geburtenruckgang und massiver Alterung wirken sie sich negativ aus. Auch wenn es im ersten Moment positiv erscheint, dass die Zahl der Wohneigentumer im landlichen Raum sehr viel hoher ist als in urbanen Gebieten, so muss man dieses Bild angesichts des demographischen Wandels doch genauer betrachten.

Der landliche Raum, in dem ein Grofiteil der gesamten Bevolkerung lebt, weist steigende Zahlen alterer Menschen auf. Diese besitzen nicht nur eine enge Beziehung zu ihrem Wohnort, sondern leben meist schon Jahrzehnte im eigenen Haus. Verstirbt einer der Ehe- partner, unterbleiben jedoch Umzuge in eine altersgerechte und betreute Wohneinrichtung. Altersbedingt kann das grofizugige Wohneigentum, was fruher oftmals zusammen mit land- wirtschaftlichen Tatigkeiten genutzt wurde, nicht mehr instand gehalten werden. Der Verfall setzt ein und fuhrt beim Ableben des letzten ansassigen Familienmitglieds meist zu einem Leerstand, weil nachfolgende Mieter fehlen. Da die Hochbetagten beziehungsweise die Be- volkerung die uber 80 Jahre alt ist, vorwiegend im Dorfkern und dem daran angrenzenden Bereich der ersten Siedlungserweiterung wohnt, werden durch die grofie Zahl an Sterbeuber- schussen diese Ortsteile bis 2050 hochgradig betroffen sein. Schon heute weisen bereits viele landliche Orte unbewohnte Gebaude auf, die sich negativ auf das Ortsbild auswirken, deren Attraktivitat schmalern und erhebliche Zusatzkosten fur die Gemeinden bedeuten. Die Aus- dunnung der Dorfkerne bei gleichzeitiger Aufien- oder Randentwicklung der Orte hat gleich- falls fatale Folgen hinsichtlich grofierer Entfernungen fur alle Formen der Ver- und Entsor- gungsleistungen oder der Infrastrukturauslastung im Ortskern (vgl. JAHNKE 2003, S. 54).

Die Siedlungsstrukturen haben sich bisher nicht nur durch die Uberalterung und die steigende Zahl der Sterbeuberschusse verandert. Hinzu kommen veranderte Lebensstile beziehungswei- se Familienstrukturen mit weniger Kindern und eine berufliche Mobilitat mit doppelten Haus- haltsfuhrungen, die einen Trend zu Singlehaushalten mit einem steigenden Bedarf an Wohn- flachen mit sich fuhren. So beschreibt das Eurohandelsinstitut im Zeitraum von 1965 bis 2005 eine zunehmende Nachfrage nach Einpersonenhaushalten von 24,2 Prozent auf 37,5 Prozent. Dabei nehmen die Zweipersonenhaushalte innerhalb der gleichen Zeitspanne geringfugiger zu, wahrend die Dreipersonenhaushalte von 20,9 Prozent auf 13,8 Prozent und die Vierperso- nenhaushalte von 26,5 Prozent auf 14,7 Prozent bedeutend zuruckgehen (vgl. EHI RETAIL NETWORK et al. 2007, S. 55). Bis 2025 werden sich die aktuell 39,5 Millionen Gesamthaus- halte auf 40,5 Millionen erhohen, wobei davon allein 16,7 Millionen Einpersonen- und 15 Millionen Zweipersonenhaushalte darstellen (vgl. BUNDESINSTITUT FUR BEVOL- KERUNGSFORSCHUNG 2009, o. A.). Insgesamt ist der Trend zu Singlehaushalten auf dem Land weit weniger ausgepragt als in den Stadten. Dem Eigentum an Wohnraum kommt zu- kunftig eine wachsende Bedeutung zu, denn Vorzuge wie die eigene Verfugungsgewalt, eine geringere finanzielle Belastung oder die Absicherung im Alter spielen hierbei eine wichtige Rolle (vgl. WALTERSBACH 2006, S. 117).

Die bereits hohe Anzahl an Leerstanden in den landlichen Raumen lieB viele Gemeinden be- reits die Entscheidung treffen dieses siedlungsstrukturelle Problem einzudammen, indem kei- ne Neubaugebiete mehr ausgewiesen werden. Die Abschaffung der Eigenheimzulage fur jun- ge Familien mit Eigenheimwunsch soll durch staatliche Fordermittel und den Sanierungen von alteren Gebauden in den Ortskernen kompensiert werden. Zudem gilt: Je mehr Einwohner eine Gemeinde verzeichnen kann, umso hohere finanzielle Mittel stehen ihr zur Verfugung (vgl. BUNDESMINISTERIUM FUR VERKEHR, BAU UND STADTENTWICKLUNG 2009, o. A.).

2.2.3 Die Folgen innerhalb der Gesundheitsversorgung und des Altensicherungssystems

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bis 2050 wird die Zahl der über Achtzigjährigen von 3,7 Millionen Menschen im Jahr 2005 auf circa 10 Millionen Menschen im Jahr 2050 steigen (vgl. STA- TISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 23) Mit zunehmendem Alter steigt auch die Pflegebe- durftigkeit oder beispielsweise Krankenhausaufenthalte, so dass die stationare und ambulante arz- tliche Versorgung, sowie die Pflege- und Betreuungseinrich- tungen zukunftig bei der deutli- chen Zunahme alterer Menschen eine auBerordentlich wichtige Rolle spielen.

Schreibt man die bisherigen Pfle- ge- und Behandlungsquoten der Krankenhauser fort, so ergeben sich sogenannte Status-Quo-Vorausberechnungen fur die unterschiedlichen Altersgruppen (vgl. STATISTISCHE AMTER DES BUNDES UND DER LANDER 2008, S. 5).

Wie Abbildung 5 zeigt, verzeichnen alle Altersgruppen bis 2030, die 60 Jahre und junger sind, abnehmende Krankenhausfalle. Arztlicher Bedarf steigt vor allem bei den Bevol- kerungsteilen, die alter als 60 Jahre sind - zusammenfassend um 14,3 Prozent.

Demnach ist es wichtig herauszustellen, dass sich die Versorgungsstruktur an der raumlichen Verdichtung orientiert. Folglich weisen vor allem die Stadte und ihr Umland hohe Bevol- kerungszahlen auf. Mit Abnahme der Zentralitat, nehmen insgesamt die Versorgungseinrich- tungen ab - seien es Krankenhauser, Fach- oder Allgemeinarzte, Pflegeinrichtungen oder gar Apotheken.

Auch wenn bisher hinsichtlich der medizinischen Versorgungseinrichtungen ein Stadt-Land- Gefalle existiert - sowohl qualitativ als auch quantitativ - so besteht in Deutschland doch eine relativ flachendeckende Infrastrukturversorgung in diesem Bereich. Bis 2050 ergeben sich allerdings erhebliche Problemlagen, denn die bereits bestehenden Einrichtungen konnen die hoheren Patientenzahlen nicht auffangen, so dass sich zukunftig ein hoher Anpassungsdruck hinsichtlich der Ausbautatigkeit oder Neuerrichtung dieser sozialen Infrastruktur ergibt (vgl. BUSCH 2000, S. 97).

Aber nicht nur die zukunftig fehlenden Einrichtungen sind problematisch. Die Anzahl der derzeit noch tatigen Arzte und des Pflegepersonals wird bis 2050 stark zuruckgehen, da auch dieser Bevolkerungsteil dann ins Rentenalter kommt. Ein seit Jahrzehnten vorhandenes Ge- burtendefizit fuhrt eine sinkende Zahl zukunftig neu ausgebildeter Arzte mit sich, wobei sich auch das Alter erhoht, indem diese in ihren Beruf einsteigen (vgl. SCHULTE 1997, S. 126). Viele Arzte sind darauf bedacht ihre Karrierechance wahrzunehmen und wahlen immer selte- ner den Bereich der Allgemeinmedizin, was vorrangig den landlichen Raum negativ betrifft, denn hier befinden sich uberwiegend Allgemeinmediziner, die zukunftig eine immer weiter sinkende Anzahl ausmachen werden. Fur die landliche Bevolkerung ergeben sich dahinge- hend erhohte Wegelangen und Wartezeiten aufgrund der Konzentration medizinischer Ein- richtungen in den verdichteteren Regionen.

Einen weiteren problematischen Schwerpunkt stellen die zukunftigen sozialen Sicherungssys- teme dar. Steigende Gesundheitsausgaben durch eine zunehmend alternde Bevolkerung, die viel haufiger und langer andauernde Krankenhausbesuche in Anspruch nehmen muss als jun- gere Menschen, stellen Deutschland vor schwerwiegende Probleme. Allein bis 2030 werden sich die Krankenhausfalle von insgesamt 17 Millionen auf 19 Millionen erhohen (vgl. STA­TISTISCHE AMTER DES BUNDES UND DER LANDER 2008, S. 10). Jedoch werden die Kosten fur die in Deutschland vorhandene gesetzliche Renten- und Pflegeversicherung nach dem Drei-Generationen-Vertrag aufgebracht. Die Beitrage fur die noch nicht oder nicht mehr erwerbstatige Bevolkerung wird dabei innerhalb dieses Umlageverfahrens durch Beitrage und Steuern der Erwerbspersonen erbracht. Bis 2050 befinden sich die heute im Erwerbsleben stehenden Menschen im Rentenalter und bilden die grofite Bevolkerungsgruppe Deutschlands. Es entwickelt sich eine ungunstige Relation zwischen Beitragszahler und Rentenempfanger, was letzten Endes weder durch eine Heraufsetzung des Renteneintrittsalters, noch durch hohe- re Wanderungsgewinne aufgefangen werden konnte (vgl. MERTINS 1997, S. 22 / vgl. BIRG 2005, S. 31).

2.2.4 Die Folgen innerhalb des Bildungssektors

Neben der ausgepragten Bevolkerungsalterung, machen sich die Auswirkungen des demogra- phischen Wandels durch die dezimierten Nachwuchsraten auch im Bildungsbereich stark be- merkbar. Im Folgenden werden jedoch nur Beispiele aus vereinzelten Schulbereichen heraus- gegriffen, um ein verbessertes und ubergreifendes Gesamtverstandnis zu erhalten.

Aufgrund einer Geburtenrate, die nicht mehr zur Bestandserhaltung der Bevolkerung Deutschlands ausreicht, ergeben sich zwangslaufig sinkende Zahlen an schulpflichtigen Kin- dern. Gehorten im Jahr 2005 noch 3,2 Millionen zu den schulpflichtigen Kindern von 6 bis unter 10 Jahren, so wird ihre Zahl bis 2020 um 600.000 zuruckgehen und bis 2050 auf 2 Mil­lionen Kinder sinken (vgl. STATISTISCHES BUNDESAMT 2006, S. 19).

Raumlich betrachtet zahlen uberwiegend die neuen Bundeslander zu den Verliererregionen. Grofie Bevolkerungsteile, vornehmlich junge Frauen im gebarfahigen Alter, sind aufgrund verbesserter Bildungs- und Berufschancen in den Westen Deutschlands ubergesiedelt (vgl. KRAMER et al. 2006, S. 193ff.). Betroffen sind auch die landlichen Raume, die fehlende junge Familien mit Kindern aufweisen, so dass zukunftig mit weiteren rucklaufigen Schuler- zahlen zu rechnen ist.

Kommen immer weniger Schuler auf eine Lehrperson, mussen Klassen zusammengelegt oder Schulen aufgrund der hohen Instand- und Unterhaltungskosten geschlossen werden. Durch weiter sinkende Schulerzahlen werden Bildungseinrichtungen zukunftig nur noch in zentralen Orten zur Verfugung stehen konnen, um tragfahige Angebotsstrukturen zu gewahrleisten (vgl. KRAMER et al. 2006, S. 195f.).

Nachteilig ergeben sich langere Wegestrecken mit einem erhohten Zeit- und Kostenfaktor fur Schuler, die im landlichen Raum wohnen. Spielen diese Faktoren bei der Erreichbarkeit der Grundschulen weniger eine Rolle, da die meisten Gemeinden Deutschlands die Verkehrsan- bindungen durch Zuschusse aufrechterhalten, so gilt dies nicht bei weiterfuhrenden Schulen. Eine steigende Entfernung zur Bildungseinrichtung weist nicht nur verschlechterte Zugangs- moglichkeiten auf, sondern fuhrt gleichfalls zu einem Absinken der Bildungsnutzung uber- haupt. Geringer verdienende Eltern haben damit nicht die Moglichkeit ihr Kind kostengunstig zur Schule bringen zu lassen und verzichten oftmals auf weiter entfernte Einrichtungen, so dass vor allem Schuler aus den peripheren Regionen niedrigere Bildungsstande aufweisen als solche, die in verdichteteren Kreisen wohnen (vgl. KRAMER et al. 2006, S. 200). Sie bilden zukunftig eine gering qualifizierte Unterschicht, die anhand einer bildungsfernen und schlech- ten Ausgangsbasis weniger Berufsmoglichkeiten besitzt.

2.2.5 Die Folgen im Verkehrswesen

Gibt es in den kommenden Jahrzehnten immer weniger Schuler bei gleichzeitiger Schliefiung von Bildungseinrichtungen im landlichen Raum, werden sich unweigerlich auch viele Veran- derungen im Verkehrsbereich ergeben.

Der offentliche Personennahverkehr (OPNV), der bisher uberwiegend fur Fahrzwecke zum Schulgelande diente, wird zukunftig nicht mehr ausgelastet sein und Streckenschliefiungen sind vorprogrammiert. Dementsprechend nehmen die Fahrten innerhalb des motorisierten Individualverkehrs (MIV) zu, was zu erheblichen Umweltbelastungen fuhrt. Allein der Pkw- Bestand in Deutschland verzeichnet zwischen 2004 und 2025 eine Zunahme von 45,4 Millio- nen auf 51,1 Millionen, was eine Steigerung von 12,5 Prozent ausmacht (vgl. BUNDESMI- NISTERIUM FUR VERKEHR, BAU UND STADTENTWICKLUNG 2007, S. 2).

Die erhohte Mobilitat resultiert vor allem aus den Faktoren der verlangerten Wegstrecken und Fahrtzeiten aufgrund okonomischer und beruflicher Ursachen, Flexibilitat im Alltag und der eingeschrankten Mobilitat in dunn besiedelten Raumen ohne das Vorhandensein eines Pkws (vgl. BUNDESMINISTERIUM FUR VERKEHR, BAU UND STADTENTWICKLUNG 2007, S. 2f.).

Demzufolge weisen besonders Haushalte im landlichen Raum oftmals einen Pkw-Bestand von zwei Fahrzeugen auf, wenn beide Ehepartner im Berufsleben stehen, denn aufgrund feh- lender Anbindungen ist keine Moglichkeit vorhanden mit dem OPNV zum Arbeitsplatz zu gelangen.

Mit steigendem Alter nimmt zwar die Mobilitatsbereitschaft ab, doch werden wir bis 2050 vollig veranderte Strukturen diesbezuglich vorfinden, denn heute zeigt die Bevolkerungs- schicht bis unter 65 Jahren eine weitaus hohere Mobilitat auf, als dies noch vor einigen Jahr- zehnten der Fall war. Problematisch wird es jedoch gerade fur Menschen, die zwar einen Fuh- rerschein und einen eigenen Pkw besitzen, aber aufgrund einer Behinderung oder anderer korperlicher Beeintrachtigungen nicht am Verkehr teilnehmen konnen.

Die „Anbindungen mit offentlichen Verkehrsmitteln sind (innerhalb landlicher Regionen) in Quantitat und Qualitat [...] (aber oftmals so schlecht), daB [...] von den alteren Mitburgern ofter (fremde Hilfe) in Anspruch genommen werden mufi.“ (LICHTE 2000, S. 145) Die Wahrnehmung behordlicher oder arztlicher Termine werden fur hilfsbedurftige Menschen stark durch Eigenfinanzierung beeintrachtigt. Steigende Kosten fur Bus- und Bahnnutzungen fuhren weiterhin dazu, dass der eigene Pkw vorgezogen wird, die Nachfrage am OPNV weiter sinkt und die Verkehrsinfrastruktur in landlichen Gebieten weiteren RuckbaumaBnahmen des derzeit noch vorhandenen Angebots unterliegt.

2.3 Zusammenfassung und zukunftiger Handlungsbedarf

Es lauft ein Alterungsprozess ab, dessen Entwicklungsgang zukunftig weder durch die Gebur- tenraten noch durch Wanderungsgewinne aufgefangen werden kann. Die Bevolkerungspyra- mide verschiebt sich dahingehend, dass ein schmaler werdender Sockel einer breiteren Spitze gegenubersteht. Wie Abbildung 6 zeigt, fuhren demnach die fehlenden Kinderzahlen, aber auch die gestiegene Lebenserwartung ganz unterschiedliche Veranderungen mit sich, die sich zwar generell, aber in einigen Regionen Deutschlands starker auswirken als in anderen.

Durch zukunftig immer geringere finanzielle Haushaltsgelder des Bundes und der Lander, wird zu fragen sein, wie man diesem Wandel und der bevorstehenden sich weiter verandern- den sozialen, kulturellen und technischen Infrastruktur entgegentritt und diese anpasst. Uner- lasslich erscheint es, mit den Akteuren auf allen Ebenen konstruktiv zusammen zu arbeiten, um tragfahige Losungen fur die Zukunft zu linden und etablieren zu konnen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Gerade der hohe Anteil alterer Menschen im landlichen Raum beziehungsweise das Hineinal- tern in die Flache zeigt heute schon die Dimension der negativen Auswirkungen der hier le- benden Bevolkerung auf. Eine zumutbare Erreichbarkeit von Infrastruktureinrichtungen ist oftmals nicht mehr gegeben und nachfolgende Auslastungsdefizite fuhren zu veranderten Strukturen, wie beispielsweise im Gesundheits-, Verkehrs- und Bildungswesen oder auf dem Wohnungsmarkt (vgl. KUHLMEY 2000, S. 193). Eine immer enger werdende Schlinge ent- steht, wenn das eigene Umfeld als Lebensstandort zunehmend an Attraktivitat verliert. Eine alternde und insbesondere schrumpfende Gesellschaft im landlichen Raum bewirkt wie be- reits dargestellt einen anhaltenden Ruckzug offentlicher aber auch privater Infrastrukturein­richtungen, wozu ausdrucklich die Einzelhandelsstruktur gehort. Diese bildet nicht nur die Grundlage einer ausreichenden Nahversorgung mit Lebensmitteln des taglichen Bedarfs, son- dern stellt gleichzeitig einen Kommunikationsort dar, der es der Bevolkerung ermoglicht ein Wir-Gefuhl und eine starke Ortsgebundenheit zu entwickeln. Auch der Einzelhandel, der hauptsachlich durch die Nachfrage gesteuert wird, bleibt durch den demographischen Wandel nicht unberuhrt und zieht weitreichende Folgen mit sich, die auf den folgenden Seiten naher analysiert werden sollen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 150 Seiten

Details

Titel
Versorgungsnot im ländlichen Raum?
Untertitel
Die Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Einzelhandelsstrukturen am Fallbeispiel der saarländischen Gemeinde Freisen
Hochschule
Universität Trier  (Geographie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
150
Katalognummer
V159573
ISBN (eBook)
9783640771868
ISBN (Buch)
9783640772056
Dateigröße
4900 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Staatsexamensarbeit enthält neben umfassenden Literaturrecherchen, eigens erhobene Einzelhandelsdaten (sowie die dazu benötigten Kurzfragebögen) und umfassende Interviewgespräche mit Experten der Gemeinde Freisen mit den entsprechenden Interview-Leitfäden.
Schlagworte
Versorgungsnot, Raum, Auswirkungen, Wandels, Einzelhandelsstrukturen, Fallbeispiel, Gemeinde, Freisen, ländlicher Raum, Versorgung, demographisch, demografisch, demographischer Wandel, saarländisch, Saarland, Deutschland von 1950 bis 2050, Bevölkerungsentwicklung, Bevölkerungsrückgang, Geburtenrate, Alterung, Wanderungsprozesse, Auswirkungen demographischer Wandel, Einzelhandel, Einzelhandelsentwicklung, Nachfrageseite, Angebotsseite, Versorgungsleistung, Gemeinde Freisen, Bestandsanalyse Gemeinde Freisen, Bestandsanalyse, Stationäre Konzepte, Mobile Konzepte, Direktvermarktung, mobile Händler, mobiler Händler, flexibler ÖPNV, bedarfsorientierter ÖPNV, MELANIE, Mehrgenerationenhaus, Generationentreff, Hand-in-Hand, Freisener Achatwege
Arbeit zitieren
Doreen Flegel (Autor), 2009, Versorgungsnot im ländlichen Raum?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159573

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