Die Entprivatisierung intrafamiliärer Problemlagen in den Medien

Am Beispiel des TV-Formates "Super Nanny"


Diplomarbeit, 2009

115 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Familie und Erziehung im Wandel der Zeit
2.1 Zur Definition des Begriffs Familie
2.2 Funktionen der Familie
2.3 Die Familie im privaten Raum
2.4 Zur Sozialgeschichte der Familie in Deutschland
2.4.1 Das christliche Mittelalter
2.4.2 Die Neuzeit
2.4.3 Das 19. Jahrhundert
2.4.4 Die Zeit des Nationalsozialismus
2.4.5 Die Nachkriegszeit
2.4.6 Schlussbemerkung
2.5 Die Erziehung in der Familie und das öffentliche Interesse an der Familienerziehung in Deutschland
2.5.1 Das öffentliche Interesse an der Familienerziehung und deren gewachsene Bedeutung
2.5.2 Die Themen der Familienforschung
2.5.3 Die Eltern-Kind-Beziehung als Blickpunkt der Familienforschung
2.5.4 Durchdringung des privaten Raumes der Familie
2.6. Die Schwierigkeit des “Eltern-Sein” heute
2.6.1 Analyse und Geschichte der Erziehungsberatung im Zusammenhang zu “Eltern-Sein”
2.6.2 Die Schuldgefühle und die Verunsicherung der Eltern
2.6.3 Grundformen der Erziehungsratgeber und Motive nach Höffer-Mehlmer
2.6.4 Eltern als Schüler der Erziehungsaufgabe
2.6.5 Aktuelle Erziehungsratgeber - Ein Vergleich
2.7 Zusammenfassung

3. Privatfernsehen und seine Wirkung auf den Rezipienten
3.1 Die Geschichte des Privatfernsehens in Deutschland
3.2 Die Erforschung der emotionalen Fernsehwirkung
3.3 Geplante und ungeplante Fernsehnutzung
3.4 Reality-TV
3.4.1 Definition des Begriffs „Reality-TV“
3.4.2 Darstellungsformen und Merkmale des Reality-TV
3.5. Affektfernsehen
3.5.1 Zentrale Merkmale des Affektfernsehens nach Bente und Fromm
3.5.2 Motive und Funktionen der Teilnahme als Protagonist an einer Sendung des Genres Affektfernsehen unter dem Aspekt der Öffnung des privaten Raumes
3.5.3 Folgen der medialen Inszenierung privater und konflikt- behafteter Räume
3.6 Lebenshilfe via Fernsehen
3.6.1 Lebenshilfekonzepte am Beispiel des Privatsenders RTL
3.6.2 Grenzen des Lebenshilfe- TV unter dem Gesichtspunkt des Voyeurismus

4. Erziehungsberatung im Fernsehen mit Hilfe der „Super Nanny“
4.1 Die „Super Nanny“ Katharina Saalfrank
4.2 Hintergrundinformationen und Kritik an der Sendung
4.3 Aufbau und Konzept der Sendung
4.4 Zur Professionalität der „Super Nanny“
4.5 Die Bedeutung der „Super Nanny“ für die ambulanten Erziehungshilfen, insbesondere die der Sozialpädago- gischen Familienhilfe
4.6 Zusammenfassendes Fazit: Familienthematiken im Fernsehen

5. Befragung zum TV-Format „Super Nanny“ unter dem Aspekt der Wirkung auf potenzielle Zuschauer
5.1 Vorüberlegung und Ziel der Befragung
5.2 Fragebogenkonzeption
5.3 Durchführung und Teilnahmebereitschaft
5.4 Quantitative Analyse der Erhebung
5.4.1 Altersgruppen der Teilnehmer
5.4.2 Geschlechterverteilung der befragten Personen
5.4.3 Familienstand der Probanden
5.4.4 Berufliche Situation
5.4.5 Anzahl und Altersgruppen vorhandener Kinder
5.4.6 Wohnverhältnisse
5.4.7 Verfolgung der Sendung „Super Nanny“
5.4.8 Empfinden der Zuschauer gegenüber der Sendung
5.4.9 Identifikation mit den gezeigten Familiensituationen
5.4.10 Motivation der Sendung, selbst professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen
5.4.11 Lebenshilfe über Fernsehen selbst nutzen
5.4.12 Unterscheidung der Zuschauer zwischen Realität und Darstellung
5.4.13 Vorteile der medialen Inszenierung intrafamiliärer Problemlagen
5.4.14 Nachhaltigkeit der Arbeit der „Super Nanny“ in den Familien
5.4.15 Der Wunsch der Zuschauer nach mehr Informationen über Beratungsmöglichkeiten und Ansprechpartner für Familien in schwierigen Situationen innerhalb der Ausstrahlung
5.5 Qualitative Analyse der Erhebung
5.5.1 Qualitative Analyse der Erhebung, klassifiziert nach Alters- gruppen
5.5.2 Befragung eingeteilt nach Geschlecht, Familienstand, beruflicher Situation, Vorhandensein von Kindern und eigenem Haushalt
5.5.3 Begründungen der Probanden bei Frage 13 und 14
5.5.3.1 Begründungen der Probanden zu Frage 13
5.5.3.2 Begründungen der Probanden zu Frage 14
5.4 Zusammnenfassendes Fazit der Untersuchung

6. Schlußwort

Anlagen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Darstellung interner Familienproblematiken unter dem Aspekt einer ver- meintlichen Authentizität in den Fernsehmedien, erlebt derzeit ihren Höhepunkt. „Lebenshilfe via Fernsehen“ und „RTL macht stark für´s Leben“ sind Slogans, die diese Entwicklung weitgehend unterstreichen. So sind beispielweise die Schuldnerberatung und die Erziehungsberatung mit Hilfe einer „Super Nanny“ als wöchentlicher Programminhalt des Privatfernsehsenders RTL auszuma- chen. Das Fernsehen soll als Lebenshelfer fungieren und das so authentisch, wie möglich. Dem scheinbar nach Orientierung suchenden Zuschauer werden Lösungsmöglichkeiten in allen denkbaren Bereichen des täglichen Lebens, an- hand von Lebensgeschichten und Schicksalen bisher unbekannter Privat- personen geboten. Das damit verbundene Eindringen in deren privaten Räume und die daraus resultierende Ermöglichung einer Identifikation des Rezipienten mit dem Gezeigten, unterstützt und befriedigt einen scheinbar vorhandenen Voyeurismus des Menschen, denn die Erfolge diverser TV-Formate aus jenem Genre sind vergleichbar höher, als die einer Ratgebersendung, die sich nur fik- tionalen Materials und Personen bedient.

Diese Arbeit soll die zu verzeichnende Dynamik der Veröffentlichung intrafamiliärer Problemlagen in den TV-Medien und den sich scheinbar verändert stärkeren Blick der Öffentlichkeit auf die Familie als Institution in den letzten Jahrzehnten genauer untersuchen. Als Beispiel wird das vermeintliche Erziehungsratgeberformat „Super Nanny“ dienen.

Sie lässt sich so in vier Teile gliedern: Der erste Teil ist der Familie als Instituti- on und der Erziehung gewidmet. Hier wird der Versuch einer Begriffsdefinition, die Bedeutung und Entwicklung von privaten Räumen für die Familie und deren Sozialgeschichte den Leser in die Thematik einführen. In diesem Zusammen- hang werden ebenso die Problematik einer anscheinenden Verunsicherung der Eltern und die Geschichte der institutionellen Erziehungsberatung beleuchtet.

Im zweiten Teil wird die Wirkung des Fernsehens, vor allem die des Reality-TV, einschließlich seiner Lebenshilfeformate, auf den Rezipienten erarbeitet. Dabei soll auf die mediale Inszenierung intrafamiliärer Problemlagen, deren Motive und möglichen Folgen ebenso eingegangen werden, wie auf die Merkmale des Affektfernsehens, bis dann im vierten Teil das Konzept „Super Nanny“, deren Hintergrundinformationen und Kritik, Gegenstand dieser Arbeit sein soll.

Im dritten und letzten Abschnitt soll anhand einer Befragung potenzieller Zu- schauer die Wirkung und die Bedeutung des Reality-Formats „Super Nanny“ für Rezipienten und die Soziale Arbeit untersucht werden.

2. Die Familie und Erziehung im Wandel der Zeit

2.1 Zur Definition des Begriffs Familie

Eine einheitliche Definition des Familienbegriffs ist im deutschsprachigen Recht nicht nachweisbar. So finden sich in mehreren Gesetzestexten die unterschiedlichsten Definitionen von Familie, sei es unter dem Begriff der Abstammung und Verwandtschaft, Hausgemeinschaft und Lebensgemeinschaft, oder als systematischer Begriff der Biologie.

Am häufigsten jedoch wird der Begriff Familie unter der Ableitung des lateini- schen “la familia” (Hausgemeinschaft) verwendet und wurde erst im Laufe des 18. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebrauch eingeführt (vgl. Böhnisch 1997, S. 25). Somit ist die Definition “Die Familie ist eine auf Dauer angelegte Ver- bindung von Mann und Frau mit einer gemeinsamen Haushaltsführung und mindestens einem eigenen oder adoptierten Kind” (Hill/Kopp 2004, S. 12) in der Soziologie doch am gebräuchlichsten. Also wird auch von einer faktischen El- ternschaft ausgegangen, selbst wenn keine leibliche Eltern-Kind-Beziehung besteht. Neben dieser Definition gibt es ebenso begriffliche Fassungen, welche Familie “als ein gegenseitiges aufeinander bezogenes Miteinander verschiede- ner Generationen” (Ecarius 2002, S. 37) verstehen, “die in unterschiedlichen sozialen und biographischen Zeitstrukturen den Erziehungsprozess durchlaufen” (Ecarius 2002, S. 37).

Gegenwärtig ist “das zentrale Kennzeichen von Familie die Zusammengehörig- keit von zwei oder mehreren aufeinander bezogenen Generationen, die zueinander in einer Elter1 -Kind-Beziehung stehen“ (Böhnisch 1997, S. 28). Also kann auch die Ein-Eltern-Familie in d]ie Definition einbezogen werden. Familie kann ebenso als Institution zusammengefasst werden, da sie wiederkehrende Handlungsabläufe und Regeln schafft (vgl. Böhnisch 1997, S. 34).

Sie ist eine vermittelnde Institution im Spannungsfeld öffentlicher Interessen und gesellschaftlicher Strukturen, welche deren Aufgaben immer wieder neu bestimmen. In ihr vereinen sich individuelle Lebensmuster mit makrogesellschaftlichen Strukturen2 (vgl. Ecarius 2002, S. 37).

Familien sind nicht als feste statische Gebilde zu verstehen, sondern waren bzw. sind immer das, was die Gesellschaft von ihnen verlangt und müssen sich den verschiedenen Aufgaben und Anforderungen des Lebens anpassen (vgl. Matter 1999, S. 14)

2.2 Funktionen der Familie

Ausgehend vom Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) hat die Familie Vorrang vor anderen staatlichen Einrichtungen. Dabei hat sie viele Funktionen zu erfül- len, die gesellschaftlich unverzichtbar sind. Diese Funktionen beginnen bei der Geburt von Kindern und deren Sozialisation. Die Funktion der Geburt und So- zialisation des Kindes befriedigt das Interesse der Gesellschaft an Nachwuchs und der Erziehung dessen zur Gesellschaftsfähigkeit. Das Kind erhält durch die Erziehung in der Familie einen gewissen Platz in der Gesellschaft3 und im täglichen familiären Zusammenleben werden die Bedürfnisse des Kindes nach Wärme, Zuwendung und gemeinsamer Zeit befriedigt. Die Familie kann als Spannungsausgleich zum Alltäglichen, wie Schule, Beruf und Öffentlichkeit gesehen werden. Zusammenfassend lassen sich fünf Funktionen der Familie ausmachen: Geburt, Sozialisation, Standortfindung, Haushalts- und Freizeit funktion und Spannungsausgleich. (vgl. Hobmair 2002, S. 326)

2.3 Die Familie im privaten Raum

Burkart4 erläutert in seinem Buch “Familiensoziologie” die Familie als “Hausge- meinschaft”5 und “Herrschaftszusammenhang” in ihrer Grundbedeutung. Bei dieser Definition ist davon auszugehen, dass vor allem mit dem Begriff “Haus- gemeinschaft“ eine Gemeinschaft “unter einem Dach”, ohne Einblick von außen, unter dem Schutz der familialen Gegebenheiten, zu verstehen ist. Die Familie kann als private Gegenstruktur zur Gesellschaft gesehen werden, deren Probleme der Macht aller Mitglieder obliegt. “Sie hat sich im Zuge fortschreiten- der Modernisierungsprozesse in partnerschafts- und kindorientierte, sowie in- dividualisierte Privatheitstypen ausdifferenziert” (Meyer 1992, S. 88). Privat ist das Geheime, Verborgene und Unsichtbare, das von äußeren Zugriff und Kont- rolle Geschützte. Die Familie ist einerseits dem öffentlichen Einfluss ausgesetzt und muss oder kann Lebensschwierigkeiten und soziale Probleme andererseits im privaten Raum austragen. “Dieser innerliche Kreis ist für die Öffentlichkeit tabu” (Böhnisch 1997, S. 60). Der private Raum als ein von außen abgegrenz- tes Innere. Familie mit ihrem “privatistischen und intimen Charakter” (Hamann 2000, S. 29) ist nicht nur das private Zusammenleben von mehreren Personen, sondern auch ein institutioneller Funktions- und Interaktionszusammenhang. In- trafamiliäre Problemlagen sind verhüllt und unzugänglich, Auseinander- setzungen und Beziehungsproblematiken geschehen auf einer Art Hinterbühne, dem privaten Raum des Konstruktes Familie. Der Sinn eines familialen Privat- raumes ist es also, dass sich dieser vor äußeren Eingriffen selbst zu schützen wissen sollte, da er seine Grenzen selbst definieren kann, beziehungsweise darf. Privatsphäre ist somit eine gegebene Freiheit, die eigene Lebensführung selbst zu bestimmen und „von Eingriffen und unerwünschten Hineinreden ande- rer geschützt zu sein“ (Weiß 2002, S. 31). Nur durch diese Freiheit kann sich individuelle Autonomie entwickeln. Eine deutliche „Grenzverschiebung“ (Weiß 2002, S. 19) im Sinne eines Verschmelzens von Öffentlichkeit und familialer Pri- vatsphäre zeichnet sich vor allem in den aktuellen medialen Reality-Formaten des Privatfernsehens ab. Privatheit steht in unmittelbarer Verbindung zu Indivi- dualität und diese Individualität bestimmt sich selbst, indem sie sich von Gesell- schaft und Öffentlichkeit abgrenzt (vgl. Weiß 2002, S. 30). Gesellschaftswissen- schaftlich hat die Unterscheidung von Öffentlichem und Privatem eine Bedeu- tung in dreierlei Hinsicht: 1. Die Identitätsbildung und Selbstverwirklichung des Einzelnen 2. Die zivilisierten Formen sozialen Zusammenlebens 3. Die Funkti- onstüchtigkeit politischer Ö ffentlichkeit in der Demokratie (vgl. Weiß 2002). Wenn man sich mit der Veränderung bezüglich des Eingriffs in private Räume auseinandersetzt, so lässt sich diese, beginnend in der zweiten Hälfte des letz- ten Jahrhunderts, nachweisen, denn „bis dahin war Privatheit durch traditionelle Vorgaben für das angemessene Betragen in Familie und gesellschaftlichen Le- ben bestimmt gewesen“ (Weiß 2002, S.4). Dieses veränderte Verständnis ist Teil eines Prozesses, nämlich dem der Individualisierung, meint, der Einzelne hat die Wahl, persönlich für sich zu entscheiden, was privat ist und demzufolge auch bleiben soll. Er kann sich also die Grenze selbst ziehen, wobei diese frü- her eindeutig zwischen Öffentlichkeit und Privatheit trennte.

Wie entwickelte sich dieser Raum im Laufe der letzten Jahrhunderte? Dazu muss als erstes die Sozialgeschichte, sowie die Erziehung und deren Anforde- rungen in der Familie betrachtet werden. Im folgenden Abschnitt soll dies am Beispiel der Entwicklung der Familie in Deutschland geschehen, um herauszu- finden, wo die Ursachen für die Öffnung des privaten Raumes des Konstruktes Familie liegen, wie sich ihre privilegierte Stellung, gesellschaftlich und politisch gesehen, verändert hat und sich demzufolge auch neue Erwartungen und Anforderungen an die Familienerziehung herausgebildet haben .

2.4 Zur Sozialgeschichte der Familie in Deutschland

2.4.1 Das christliche Mittelalter

Die frühgeschichtliche Familienform war die Sippe. Diese war nicht darauf an- gewiesen an einem Ort zusammen zu wohnen, hatte auch kein gemeinsames Sippenoberhaupt, sie war allein durch die Blutsverwandtschaft verbunden. Es entwickelte sich ein verwandtschaftliches Zusammengehörigkeitsgefühl und ein Normengefüge. Diese Entwicklung wurde durch die Einführung des Christen- tums durchbrochen. Die Forderung der Kirche bestand aus einem Eheideal der Monogamie und Treue, sowie der Schutzpflicht des Mannes gegenüber seiner Familie. In den Ehegesetzgebungen von 1215 wurden diese Forderungen fest- gelegt. Doch die feudalen grundherrlichen Machtstrukturen auf dem Lande und die patriarchalischen Verhältnisse in den Städten dauerten trotz dessen an und Frauen hatten sich männlicher Gewalt zu unterwerfen. Ebenso waren Säug- lingssterblichkeit und das physische Elend der Frauen sehr hoch, so dass diese sich Schutz in der durch Marienkult geprägten Kirche suchten. Es entwickelte sich ein klösterliches Ideal der Keuschheit. (vgl. Weber-Kellermann in Paetzold; Fried 1989, S. 22)

2.4.2 Die Neuzeit

Hier formte sich langsam das Leitbild der christlichen Familie unter der Führung eines “Hausvaters”, die sogenannte Haushaltsfamilie, heraus. Darunter ist eine familiale Gruppe zu verstehen, die in einem Hause lebt und ein gemeinsames Produktionsmittel bewirtschaftet, wie einen Bauernhof, oder ähnliches. Dabei handelte es sich nicht ausschließlich um Blutsverwandte, sondern auch Knech- te, Mägde, etc. Die Haushaltsfamilie umfasste also das ganze Haus und der Hausvater übte die rechtliche und erzieherische Macht über den gesamten Hausstand aus. Ebenso verfügte er über das Züchtigungsrecht aller Zugehöri- ger dieses Hausstandes. Man konnte jetzt von einem autoritär-patriarchalen Herrschaftsprinzip sprechen. Ein solches Herrschaftsprinzip, wie es der Lan- desvater und auch der sogenannte Doktorvater inne hatten. Die Eheschließung wurde als Rechtshandlung von der Familie an die Kirche übergeben, so dass sie vom Tridentiner Konzil 1563 zum Sakrament erhoben wurde. Dem entge- gengesetzt war das Rechtsdenken der protestantischen Kirche, die die Ehe- schließung als rechtliches Weltgeschäft ansah. Die Spaltung der Kirche im 16. Jahrhundert betraf also insbesondere das Eherecht. (vgl. Weber-Kellermann in Paetzold; Fried 1989, S. 23).

2.4.3 Das 19. Jahrhundert

Ausgehend von der Industriellen Revolution führten die Umstrukturierungen des Fabrik- und Verwaltungswesens für Arbeitnehmer und Dienstleistende zu einer Trennung von Arbeits- und Wohnbereich, ausgenommen hierbei die dörflich- agrarischen Lebensverhältnisse. Somit löste sich die Haushaltsfamilie und das Leitbild der Neuzeit, nämlich das des “ganzen Hauses” auf. Es entwickelte sich eine dominierende Sozialform der Familie, nämlich die bürgerliche Kernfamilie. Die Eheschließung wurde, wenn auch durch die neue Gedankenrichtung des Naturrechts der Einzelpersönlichkeit der Französischen Revolution 1789, zu ei- nem Akt des weltlichen und bürgerlichen Rechtes. Die Einführung der Zivilehe 1875/76 und deren Aufnahme in das BGB um 1900 schloss die Entwicklung des Eherechtes vorläufig ab, wenn auch nicht von der katholischen Kirche ak- zeptiert. Durch die Trennung von Arbeits- und Wohnbereich bahnte sich eine vollkommen neue Entwicklung der Wohnkultur an. Geprägt vom Zeitalter des Biedermeier (bis ca. 1850) entstand ein selbstständiger bürgerlicher Möbelstil, welcher Gemütlichkeit in die Wohnungen der bürgerlichen Familie bringen soll- te. Die Instandhaltung und Pflege dieser Gemütlichkeit war vor allem Aufgabe der Hausfrau und Mutter, die somit einen Ausgleich für ihre Stigmatisierung auf “Kirche-Küche Hausfrau” fand. Strukturell hatte sich im bürgerlichen Familienleben jedoch nicht grundlegend viel geändert. Die konservativen Regeln der unemanzipierten Hausfrau und Mutter, sowie die der traditionell autoritär erzogenen Kinder blieb weiterhin bestehen.

Das Leben der Bauernfamilie hingegen war auf Autarkie6 beschränkt. Alle pro- duzierten Güter waren der bäuerlichen Wirtschaftsführung untergeordnet, somit auch die gesamte familiale Struktur, welche in jeder Beziehung auf den Hof konzentriert war. Arbeiten waren streng nach Geschlechtern aufgeteilt, so dass der Mann Acker und Feld besorgte und die repräsentative Autorität im Sinne der Haushaltsfamilie über seinen Hof besaß, die Frau jedoch den innerhäusli- chen Pflichten nachkam. Der Hausvater galt als oberste Autoritätsperson, wel- cher auch Gehorsam von Frau und Kindern organisierte. Auch wenn nach dem Ersten Weltkrieg die Monarchie und die damit zusammenhängende Klassenge- sellschaft zusammenbrachen, blieb in der Gesellschaft das Leitmotiv des Pat- riarchalismus teilweise bestehen, vor allem in der Schule und im Elternhaus (vgl. Weber-Kellermann in Paetzold; Fried 1989, S. 24).

2.4.4 Die Zeit des Nationalsozialismus

Adolf Hitlers Ideologien und dessen Familienvorstellungen griffen ebenfalls wie- der weit zurück ins 19. Jahrhundert. Trotz dessen nur 20% der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeiteten, sollte hier die Bauernfamilie das Vorbild der Nati- on, im Sinne des germanischen Rassismus und des Bildes von “Blut und Boden” sein. Die Frauen sollten gänzlich auf ihre Rolle als Gebärerin reduziert werden, was mit dem Mutterkreuz und Kindergeld belohnt werden sollte. Doch die Ideologie hatte kein Vertrauen in die bürgerliche Kleinfamilie und ihre Erzie- hungsqualitäten, so dass man die Erziehung der Kinder ab dem zehnten Lebensjahr der Hitlerjugend (HJ) und dem Bund Deutscher Mädel (BDM) über- lies. Hier sollte den zukünftig heroischen Jungen und künftigen Müttern unter der Parole: “Du bist nichts - Dein Volk ist alles!” eine gewisse Kälte des Gemüts beigebracht werden. Somit waren sie nicht mehr in der Lage, sensibel oder gar bemitleidenswert anderen Gruppen gegenüber zu reagieren. Doch diese an- gestrebten Familienideale konnten durch Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht mehr bedient werden, da die daraus resultierende Berufstätigkeit der Frauen und der Einsatz von Kindern in der Rüstungsindustrie dieses Ideal un- terbrachen und zerstörten. Die unmittelbaren Folgen des Zweiten Weltkrieges ließen für viele die Familie als einzigen Ort der Geborgenheit und sozialen Si- cherheit erscheinen, um die Schwierigkeiten des damaligen von Krieg und Zerstörung geprägten Alltags zu bewältigen (vgl. Weber-Kellermann in Paet- zold; Fried 1989, S. 28/29).

2.4.5 Die Nachkriegszeit

In der ersten Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg galt die Familie als Ersatzheimat, bis 1953 das erste “Bundesministerium für Familienfragen” entstand. Die Fami- lie war nun als politische Größe erkannt worden und in ihr entwickelte sich ein partnerschaftliches Rollensystem, wo neben dem verdienenden Mann und Va- ter auch die berufstätige Ehefrau und Mutter einen autoritären Platz im Kon- strukt Familie fand. Die Kinder hatten demzufolge mehr Freiraum, aber auch weniger Geborgenheit.

Innerfamliäre Aufgaben, wie schulische und berufliche Ausbildung, sowie Krankenversorgung und Alterssicherung wurden nun größtenteils vom Staat übernommen. Wobei auch den sozial schwächeren Familien eine gesetzlich festgeschriebene Sicherheit gewährleistet wurde.

Mit dem Wirtschaftswunder 1955 kehrte die berufstätige Frau wieder gänzlich in den häuslichen Bereich zurück, da der Ehemann und Vater in der Lage war, den Lebensunterhalt allein zu erwirtschaften. Nun wurden wieder Erziehungs- ziele angewandt, die die Eltern mit ihrer eigenen Kindheit verbanden, nämlich Gehorsam und Artigkeit, statt Selbstständigkeit und partnerschaftliche Verant- wortung. Bis 1971 war die Prügelstrafe unter gewissen Umständen gerecht- fertigt und spielte auch eine umfassende Rolle. Bis sie dann in jenem Jahr vollständig, einschließlich der Schule, abgeschafft wurde. Dieser Sachverhalt zeigte, dass Erziehung nun als Prozess des Autonomwerdens gesehen wurde und nicht als Leitmotiv des Quälens und Gehorchens (vgl. Weber-Kellermann in Paetzold; Fried 1989, S. 29-31).

2.4.6 Schlussbemerkung

Die Sozialgeschichte der Familie zeigt die Veränderungen ihrer Sozialform in unabdingbarer Abhängigkeit von den jeweiligen gesellschaftlichen und politi- schen Bedingungen. Von der Sippe über die Haushalts- und Bauernfamilie, bis hin zur Familie mit einem partnerschaftlichen Rollensystem als nun politische Größe, spielten immer die gesellschaftlichen und politischen Gegebenheiten die einflussreichste Rolle. Ebenso zeigt die etappenweise strukturell veränderte Familie und die Bedeutung der Eheschließung in Deutschland eine Dynamik in sich und dementsprechend auch in der Öffnung des privaten Raumes auf. So war die Familie in der Zeit des Christentums, bis auf die Eheschließung für die Gesellschaft größtenteils noch unantastbar, denn die innerfamiliären Macht- strukturen auf dem Land spielten sich noch immer auf der schon erwähnten Hinterbühne ab, bis dann in der Zeit des Nationalsozialismus die Anforderungen an die innerfamiliäre Erziehung teilweise geöffnet und an die politischen Führer übergeben wurden, obgleich dies nur teilweise umgesetzt werden konnte. Der Rückschritt in der Nachkriegszeit macht das Festhalten an konservativen Machtstrukturen deutlich. Die Gründung des ersten Bundesministeriums für Familienfragen öffnete den Weg in den privaten Raum der Familie erneut, da nun bestehende innerfamiliäre Aufgaben stückweise an den Staat übergeben und der Blick auf die Familie als Institution geschärft wurde, wobei hier auch die soziale Absicherung eine relativ große Rolle spielte.

2.5 Die Erziehung in der Familie und das öffentliche Interesse an der Familienerziehung in Deutschland

2.5.1 Das öffentliche Interesse an der Familienerziehung und deren gewachsene Bedeutung

Da das öffentliche Interesse an der Erziehung in der Familie in den letzten Jah- ren weiter wächst, vor allem die Diskussion um das Versagen familiärer Erziehungskompetenzen in den Medien, sollen im folgenden Abschnitt die Aus- löser dieser öffentlichen Diskussion betrachtet und untersucht werden. Wieso geraten Familien in den letzten Jahrzehnten verstärkt in den Blickpunkt von Po- litik und Gesellschaft, welche Dynamik einer solchen Entwicklung ist zu verzeichnen und warum wird in der Familienforschung von einem Erzie- hungsschwund7 in der Institution Familie gesprochen? Familienerziehung kann in zweierlei Bedeutung einmal Familie als Subjekt (Hamann 2000, S. 27) sein, wobei die Erziehung durch und in der Familie geschieht und auf der anderen Seite Familie als Objekt (Hamann 2000, S. 27), hier ist die Erziehung an die Familie als Adressaten gerichtet und das Annehmen einer bestimmten Gestalt von Familie gemeint (vgl. Hamann, 2000 S. 27). Wie ihre Sozialgeschichte be- reits gezeigt hat, spielt die Funktion der Erziehung bis ins 18. Jahrhundert eher die untergeordnete Rolle. “Mit reformpädagogischen Bestrebungen war eine neue Bewertung von Kindheit und Jugend verbunden” (Hamann 2000, S. 28), womit dann auch andere, neue Erwartungen und Anforderungen an die Erzie- hung in der Familie entstanden. Erziehung war in dieser Zeit keine zentrale Aufgabe der Familie, sondern “die Kinder liefen einfach mit und wurden in die Obhut von Mägden gegeben” (Böhnisch 1997, S. 22). Erziehung war in der Pri- vatheit legitimiert.

2.5.2 Die Themen der Familienforschung

Um die gegenwärtigen Themen der Familienforschung zu beleuchten, ist es unumgänglich, sich einer Vergangenheitsanalyse jenem Themenfeldes zu be- dienen. Trotz der Stützung an Forschungsergebnissen hatten gewisse Mythen, welche mit dem Konstrukt Familie in Verbindung gebracht wurden immer wieder Überlebenskraft (vgl. Böhnisch 1997, S. 11). Da ist zum Beispiel die Rede vom “Harmoniemythos”: “die Vorstellung, dass das Familienleben in der Vergangen- heit durch Harmonie geprägt sei” (Böhnisch 1997, S. 11) oder vom “Größen- mythos”, welcher besagt, dass Familie “in der vorindustriellen Zeit das Zusam- menleben von drei oder mehr Generationen die dominante Lebensform ge- wesen sei” (Böhnisch 1997, S. 11). So manifestierten sich Vorstellungen und Erwartungen an den Familienbegriff über einen langen Zeitraum bis heute. So zum Beispiel der scheinbar unmittelbare Zusammenhang von Ehe und Familie (vgl. Nave- Herz, 1989, S. 3). Demnach wurden gewisse Familienbilder als Idealbild und Wunschvorstellung, “wie eine richtige Familie sein sollte oder wie eine Familie auszusehen habe” (Wahl in Böhnisch 1997, S. 26) immer wieder vordergründig in Verbindung mit der Familienforschung genannt. So ist davon auszugehen, dass die überlieferten Leitbilder in öffentlichen Äußerungen von Politik, Wissenschaft und natürlich auch in den Medien ihren Platz finden und somit gewisse Vorstellungen und Erwartungen an die Familienerziehung belie- big beeinflussen. Auch der Begriff der Familienrhetorik8, welcher 1995 von Kurt Lüscher9 in der deutschen Familienforschung eingeführt wurde, fand Gefallen an diesen Familienbildern. So sollten Texte, Bilder und Reden, in denen spezifi- sche Familienformen erscheinen, in vorbildlicher und auch unerwünschter Dar- stellung, öffentlich bewertet werden (vgl. Böhnisch 1995, S. 27). Trotz der Ver- änderungen in Gesellschaft und Familienpolitik sind diese Leitbilder “vielfach impliziter Maßstab bei der Beurteilung des Familienalltags“ (Böhnisch 1995, S. 27).

Die Nachkriegszeit, welche in der Familienforschung eine große Stabilität und Anpassungsfähigkeit zeigt, vermittelte somit auch ein sehr positives Bild der Familie an die Öffentlichkeit. Doch bedingt durch veränderte Verlaufsdaten, welche vor allem das steigende Heiratsalter, die sinkende Geburtenrate, sowie die steigende Scheidungsrate in der Statistik gegen Ende der Sechziger Jahre betrafen, diagnostizierte man jetzt einen drohenden Funktionsverlust der Fami- lie. Um die innerfamiliären Beziehungen zu analysieren, standen vor allem die Rolle des Vaters und seine Autorität, sowie die Eltern-Kind-Beziehungen im Vordergrund. Ebenso sprach man von “defizitären Auswirkungen mütterlicher Erwerbstätigkeit” (Cyprian 1995, S. 26).

In den siebziger Jahren kam es zu einer erneuten Diskussion in der Familien- forschung, angeregt durch die Entwicklung neuer Familienformen, welche nun nebeneinander existierten. Thema war jetzt auch “die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau als Indikator für Machtungleichheit in der Ehe” (Cyprian 1995, S. 26).

Ermuntert durch die Psychologie definierte man die Familie Anfang der Achtzi- ger Jahre als ein “Konzept, sich ständig veränderten, dynamischen Systems” (Cyprian 1995, S. 27). Das Augenmerk richtete sich jetzt fast ausschließlich auf das Kind, die Rolle der Partnerbeziehung, inwiefern sich der Vater an der Kin- dererziehung beteiligen kann und das eigene Empfinden der Mütter in ihrer Rolle in der Familie. Gegen Ende der Achtziger Jahre diskutierte die Familien- forschung vor allem die Wechselbeziehung familialer Lebensformen. Die Plu- ralisierung dieser nun vorherrschenden Lebensformen waren nichteheliche Partnerschaften, Alleinerziehende, kinderlose Paare, sowie Single- Haushalte. Wichtig hierbei war es herauszufinden, welche Gemeinsamkeiten und Beson- derheiten zu den herkömmlichen Familienformen bestehen. Dabei standen jetzt nicht mehr nur die Kinder im Mittelpunkt des Interesses der Familienforschung, sondern verstärkt die Eltern und ihre Beziehungen zu ihrer Herkunftsfamilie (vgl. Cyprian 1995, S. 28). Familienalltag wurde thematisiert unter dem Aspekt “Familiales Handeln ist überwiegend gelebter Alltag” (Lüscher 1988). In der Öf- fentlichkeit wurde einem vollkommen neuem Thema viel Aufmerksamkeit geschenkt: sozial abweichendes Verhalten in der Familie. Dies betraf die sen- siblen Themen von Gewalt in der Ehe, Kindesmisshandlung und sexuellen Missbrauch. Familiäre Ereignisse als Stressfaktoren wurden jetzt umgekehrt in die Betrachtung, wie alltägliche Stressfaktoren von außen in der Familie verar- beitet werden können. Im Laufe der Achtziger Jahre wurde dabei vor allem das Verhältnis von Familien zur bestehenden Familienpolitik in zahlreichen empiri- schen Untersuchungen beleuchtet. Im Vordergrund stand dabei die Fragestellung, inwieweit öffentliche Leistungen und Hilfen den Familien in Prob- lemsituationen helfen können. Man sprach von veränderten Bedingungen für Familien in den Bereichen Recht, Wohnung, Arbeitsmarkt und -zeiten, sowie Medien (vgl. Cyprian 1995, S. 28).

2.5.3 Die Eltern-Kind-Beziehung als Blickpunkt der Familienforschung

Um die Dynamik des öffentlichen Interesses an der Familie in den letzten Jahr- zehnten zu betrachten, müssen vor allem die Erwartungen der Politik und Wis- senschaft an die Familien unter Beachtung der Eltern-Kind-Beziehung unter- sucht werden. Die familiale Sozialisationsforschung beschäftigte sich dabei vor allem mit einer zentralen Frage: “Welches elterliche Verhalten bestimmte Kom- petenzen des Kindes zur Folge hat beziehungsweise deren Entwicklung behin- dert” (Cyprian 1995, S. 29).

In den fünfziger und sechziger Jahren wurde fast ausschließlich das mütterliche Erziehungsverhalten untersucht, also wie gestaltet sich der Umgang der primä- ren Bezugsperson, welche in der Regel die Mutter war, mit dem Kind. “Das Kind wurde dabei als der mehr oder minder passive Empfänger mütterlicher Soziali- sationsleistung betrachtet” (Cyprian 1995, S. 29). Später geriet der Vater in das Blickfeld der Familienforschung, wobei hier die Frage nach dem Eingreifen des- sen in die Erziehung der Kinder und nach Gemeinsamkeiten, sowie unter- schieden zwischen Müttern und Vätern im Vordergrund stand. Die Familie als Sozialisationsinstanz wurde also bis in die siebziger Jahre hinein in einzelne Dyaden getrennt dargestellt, wobei durch bestimmte Interaktions- und Kommu- nikationsmuster der Eltern die Lebenswelt des Kindes relativ dauerhaft beein- flusst wurde. Die Varianz der kindlichen Entwicklung wurde nun in Abhängigkeit der elterlichen Persönlichkeitsstrukturen, sowie deren Erziehungsverhalten er- klärt und begründet.

Danach vergrößerte sich das Untersuchungsfeld auf das gesamte System Fa- milie. Man sprach nun nicht mehr von Zweierbeziehungen und der primäre Bezugspartner wandelte sich zu mehreren, in der Familie vorhandenen Interak- tionspartnern. Also wurde zum Beispiel das Verhalten zu Geschwistern unter- sucht. Systematisch wird das gesamte Interaktionsverhalten der Familieneinheit erforscht. “Die Familie als ganzes System” (Cyprian 1995, S. 29) war nun Ob- jekt und Subjekt der wissenschaftlichen Forschung, vor allem in der Soziologie. “In der Psychologie dominierte das Konzept des Familienklimas” (Cyprian 1995, S. 29).

Anfang der siebziger Jahre richtete sich der Blickpunkt auf die Interaktionsbe- dingungen in der Familie, wobei man hier besonders auf schichtspezifische Un- terschiede aufmerksam machen wollte (vgl. Cyprian 1995, S. 30). Später fand vor allem die Lebensgeschichte der Eltern in Verbindung mit der Sozialisation des Kindes einen Platz in der Familienforschung. Als dann Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre die Entwicklung der pluralisierten Lebensfor- men von Familien, wie “Ein-Eltern-Familien, Stieffamilien, Pflegefamilien, nicht- eheliche Partnerschaften” (Cyprian 1995, S. 31) eine erweiterte Bedeutung des Verhältnisses der Eltern-Kind-Beziehung hervorbrachte. Man sprach jetzt nicht mehr nur von der natürlichen biologischen Elternschaft, sondern auch von der sozialen Elternschaft (Cyprian 1995, S. 31). Als Zielvariable der Familienpolitik wurde das Kindeswohl10 bezeichnet, welches aber auch aus der Sicht und Empfinden des Kindes bestimmt werden sollte und nicht nur aus der Sicht der Eltern (vgl. Cyprian, 1995, S. 31).

2.5.4 Durchdringung des privaten Raumes der Familie

Anhand des sich in den letzten Jahrzehnten fortschreitenden und gezielteren Blick auf Familien, besonders durch die Familienforschung, scheint sich der pri- vate Raum, in dem Familienleben stattfindet, aufzulösen. „Die Grenze zwischen der Familie und ihrer sozialen Umwelt (ist) immer durchlässiger geworden“ (Meyer 2002). Dabei dringen äußere, an der Familie interessierte Organisatio- nen und Institutionen immer weiter in den Privatbereich ein (vgl. Peuckert in Ecarius 2007, S. 52). Zu dieser Entwicklung haben einige Tendenzen beigetra- gen: Zuerst die professionalisierte Elternschaft, wobei Fragen zu Schwangerschaft, Geburt und Erziehung immer häufiger Ratgebern und Exper- ten übergeben werden und die traditionell innerfamiliären Normen „entkleidet werden“ (Peuckert in Ecarius 2007, S. 52). Weiterhin sind es organisierende El- ternschaft, da sich das Binnenleben innerhalb der Familien heute immerzu von Terminen und Zeitangaben kontrollieren lässt und bildungsengagierte Eltern- schaft, hier ist der Eingriff und die Kontrolle durch Bildungseinrichtungen, wie die der Schule gemeint. Ebenso sind die Trends der gleichberechtigten Vertei- lung von Machtstrukturen zwischen Eltern und Kind, also die kommunikative Elternschaft und die Darstellung scheinbar fiktiver Realität in den Medien, womit die Fiktionalisierung von Wirklichkeit gemeint ist, wichtige Einflussfaktoren bei dieser Entwicklung von der privaten zur öffentlichen Familieninstitution (vgl. Peuckert in Ecarius 2007, S. 53).

„Familie kann demnach heute immer weniger als Inbegriff von Privatheit verstanden werden, als Gegenprinzip der rationalen und instrumentell orientierten Organisationswelt der Öffentlichkeit“ (Meyer 2002, S. 46).

2.6 Die Schwierigkeit des “Eltern-Sein” heute

2.6.1 Analyse und Geschichte der Erziehungsberatung im Zusammen- hang zu “Eltern-Sein”

Was bedeutet Eltern-Sein, was ist darunter zu verstehen? In historischen Wör- terbüchern und auch in der Geschichte der Erziehung, sowie in der Erzieh- ungswissenschaft ist der Begriff Eltern nicht definiert. Einzig in elektronischen Lexika sind Begriffsdefinitionen zu finden. So wird von “der Bezeichnung für die direkten Vorfahren einer Person”, den “Verwandten ersten Grades”11 und rech- tlich von den “Erziehenden, Verantwortlichen und legitimierten Interessen- vertreter (männlich und/oder weiblich) eigener oder angenommener Kinder, siehe Elternschaft”12 gesprochen. Von Aufgaben und Verantwortungen, die man als Eltern erfüllen darf oder sogar muss, ist hier nicht die Rede. Scheinbar fin-den diese Aufgaben doch in den jeweils privaten Räumen statt, in denen sich Familienleben abspielt, oder sie sind von gesellschaftlichen Interessen ge- prägt, aus denen sich Erwartungen und Aufgaben der Familienerziehung immer wieder neu ergeben und verändern. In der Geschichte der Ratgeberliteratur zeigen sich immer wieder Titel, die sich an Eltern als Kunde wenden, aber dann auf der anderen Seite den Anschein machen, dass die Aufgabe der Erziehung wohl doch nur der Mutter obliegt. Anfang des 20. Jahrhunderts, parallel zur Entwicklung der bürgerlichen Kindheitsbilder, welche “auf die Besonderheiten und Ent-wicklungsbedürfnisse der Kinder zugeschnittenen Räume, die von un- mittelbaren Druck ökonomischer und staatlicher Zwänge entlastet sind” (Neuhäuser 2000 S. 207), wurden die ersten Ratgeber bezüglich elterlicher Verantwortung veröffentlicht. Somit war das eigentliche Eltern-Sein nicht mehr nur biologisch begründet, sondern auch in der Pflicht des kindgerechten Zu- wendens in der Erziehungsaufgabe (vgl. Griese 2007, S. 43).

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts nimmt sich die Ratgeberliteratur auch den Er- ziehungstipps für Eltern an. Dies geschieht seit dem über Presse, Funk, Fern- sehen und auch im Buchhandel. So heißt es zum Beispiel: „Beim Auszahlen des Taschengeldes feste Regeln einzuhalten, ist von entscheidender Bedeu- tung“13 oder „Schenken Sie Ihrem Kind viel Liebe und Aufmerksamkeit!“14. Die- se Tipps am Rande sind mit der gegenwärtigen Darstellung von Familienprob- lematiken, vor allem der in den Realityformaten als Lebenshilfe-TV kaum noch zu vergleichen. Die Ratgeberliteratur wandelt sich zur realen Darstellung von Familien- und Beziehungsproblematiken im Fernsehen, “deren Defizite sich ins Versagen zu steigern scheinen” (Griese 2007, S. 42). Offensichtlich geht es nicht mehr nur allein um einzelne Probleme mit den Kindern, sondern um das Versagen einer gesamten Institution, nämlich der der Familie. Die Verschiebung der traditionellen Normen und Werte erfordern gleichzeitig neue Erwartungen an die private Erziehung. In diesem Zusammenhang wird von einer “Pädagogi- sierung der Elternrolle” gesprochen (vgl. Griese 2007, S. 44). Dabei haben die Akteure dieser Rolle die Pflicht die ”bestmögliche Gewährleistung des Kindes- wohls” (Schneider 2002, S.11) umzusetzen. Eltern werden angeleitet ihre Kinder zu erziehen, eine Tatsache, die sich in Deutschland jedoch nicht erst in den letzten Jahren entwickelt hat, sondern auf eine hundert-jährige Tradition zu- rückblicken kann. Die Vorläufer der heute bekannten institutionellen Erziehungsberatungsstellen wurden, vordergründig privat und medizinisch fun- diert, eingerichtet und es wurde größtenteils ehrenamtlich gearbeitet. Ebenso fiel die Installation der ersten Beratungsstellen in Deutschland in eine Zeit, die gesellschaftlich gesehen sehr autoritär geprägt und eingestellt war. Pädagogen dieser Zeit hatten “die Einpassung des Kindes in die gegebene Ordnung, auch durch systematisches und gewaltsames Strafen” (Vossler 2005) als Ziel ihrer Arbeit. So mussten sich Eltern noch nicht damit auseinander-setzen, welche Erziehung die richtige sei, beziehungsweise, ob sie gegebenenfalls einen Feh- ler machen, da diese Erziehungsziele auch gesamtgesellschaftlich unterstützt wurden. In der Zeit des Nationalsozialismus 1933-1945 wurde der Zusammen- hang von Erziehungsberatung und gesellschaftlichen, sowie politischen Entwicklungen deutlich (vgl. Vossler, 2005). Hier stand die Verfolgung der ideo- logischen Ziele im Vordergrund der Beratung und das Netz der institutionellen Beratungsstellen wurde weiter aufgebaut, bestehend aus sogenannten NSV- Helfern und NSV-Helferinnen15 auf unterer Ebene und Psychologen in der Lei- tungsposition (vgl. Riemann 2000, S. 30). Auch in der Nachkriegszeit wurden Erziehungsberatungsstellen im Sinne gesellschaftlicher Interessen reinstalliert. Die kriegsbedingten Folgen und Brüche, wie schwierige familiale und auch ma- terielle Verhältnisse, setzten Familien besonderen Belastungen aus, “führten zu Orientierungsschwierigkeiten und einem steigenden Beratungsbedarf” (Vossler 2005). Der heute vielfach genannte “Erziehungsnotstand”16 war also schon vor 50 Jahren, nur in anderer Form, gesellschaftlich begründet. Mit dem Inkrafttre- ten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) am 1.1.1991 wurde nun auch eine gesetzliche Grundlage für die institutionelle Beratung in Erziehungsfragen geschaffen und als Hilfe zur Erziehung im § 27 KJHG festgehalten. Multidiszip- linäre Teams aus unterschiedlichen Fachrichtungen, wie Psychologie, Pädagogik und Medizin arbeiten hier entsprechend der gesetzlichen Vorgaben. Die Statistik der letzten 10 Jahre zeigt eine Zunahme von Beratungen, vor allem bei den Themen Trennung und Scheidung, Alleinerziehung und Aufwachsen in Pflegefamilien (vgl. Vossler 2005). “Eltern sehen sich heute mit veränderten Ansprüchen und Erwartungen an ihr Erziehungsverhalten konfrontiert” (Vossler 2005) und “Eltern möchten ihre Kinder richtig erziehen” (von Schlippe, 2005). Die behandelten Themen in den Beratungsstellen haben sich entsprechend ge- sellschaftlicher Modernisierungsprozesse verschoben.

2.6.2 Die Schuldgefühle und die Verunsicherung der Eltern

Was ist richtige Erziehung und woher kommt die Angst der Eltern, “falsch” zu erziehen? Hierbei haben mediale Vorgaben, wie “Starke Kinder brauchen star- ke Eltern” (RTL Super- Nanny 2009) einen enormen Einfluss. “Elternschaft heute” ist eine Aufgaben- und Rollenübernahme “im Kontext gesellschaftlicher Rahmenbedingungen” (Schneider 2002, S.14), welche individuell gestaltet wer- den kann. Diese gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geben der Erzieh- ungsaufgabe eine wohl doch ganz persönlichen Note, so dass die individuelle private Umsetzung, oder Gestaltung dieser Aufgabe Eltern an ihre Grenzen stoßen lässt und diese Angst haben, kläglich bei dieser Aufgabe zu versagen. Zwischen Eltern und Kind sind die Umgangsformen in den letzten Jahrzehnten auf Gleichheit bedacht und somit entwickelte sich eine anspruchsvollere Eltern- rolle. Diese Entwicklung kann aus der Rollenverschiebung von der Unterord- nung des Kindes unter die elterliche Autorität zur Übernahme von Kind und El- tern, als gleichberechtigte Partner, als gesellschaftliche Idealvorstellung resul- tieren. “Die Verunsicherung der Eltern” (Quindel 2007, S.64) ist also Ergebnis der verlorengegangen eindeutigen Orientierungen in der Erziehung, wie den traditionellen Normen der Autorität zum Beispiel, die den Eltern eine gewisse Sicherheit gaben. Der pädagogische Spielraum ist jetzt größer und somit steigt das Fehlerrisiko in der Erziehung, hinzu kommt, dass der gesellschaftliche Druck auf die Erziehungskompetenz wächst (vgl. Quindel 2007, S.64). Das ehe- malige Machtgefälle hat sich also zugunsten der Kinder verändert. Die Ansprü- che an eine gute Kindheit und eine gelingende Erziehung wachsen und Eltern fällt es immer schwerer, begründet, durch fehlende Zeit mittels beruflicher Ein- spannung auf der einen Seite und fehlender ökonomischer Ressourcen auf der anderen, diesen Ansprüchen gerecht zu werden. (vgl. Schneider 2002, S.14). Das Kind als gleichberechtigter Partner führt scheinbar zu Unsicherheit und Angst vor Fehlern, die Eltern in ihrer Rolle “als nichtautoritärer Partner” bege- hen könnten. Im Jahr 2000 gab nur noch eine Minderheit, nämlich 5% der Bevölkerung, Autorität, also Unterordnung und Gehorsam als wichtigen Be- standteil in der Kindererziehung an und 55%, also die deutliche Mehrheit, Freiheit und Selbstbestimmung (vgl. Peuckert in Ecarius 2007, S.51). In diesem Zusammenhang heißt es, „dass sich die moderne Leitnorm der Erziehung zur Selbstständigkeit…als dominantes Muster für moderne Eltern-Kind-Bezieh- ungen in über zwei Dritteln der Familien, vor allem in höheren Sozialgruppen durchgesetzt hat“ (Krüger 1996, S. 226). Ecarius17 spricht von der Transforma- tion des „Erziehungsverhältnisses“ zum „Beziehungsverhältnis“, Du Bois- Reymond18 vom historisch kulturellen Übergang des „Befehlshaushalt“ zum „Verhandlungshaushalt“. Konflikte werden nicht mit Strafen sanktioniert, son- dern es wird mit-einander gesprochen und nach Kompromissen gesucht. Erwartungen, welche das Verhalten und Auflagen betreffen, werden, bezie- hungsweise müssen nur mit Begründung und Rechtfertigung an Kinder und Jugendliche gerichtet sein (vgl. Peuckert in Ecarius 2007, S.52). Es ist das Ver- langen nach Verzicht von autoritären Maßnahmen und das Schaffen einer Balance zwischen zugestandenen Freiräumen, „legitimen Geboten, zwischen Autonomieprojekten der Kinder und Entwicklungsprojekten der Eltern“ (Meyer 2002, S.44). Mit dieser “Pädagogisierung der Elternrolle” (Griese 2007, S.44) entwickelte sich das Ideal der “guten Mutter”. Ein Bild, was sicherlich in vielen Köpfen werdender und seiender Eltern kursiert und natürlich die Angst vor der Verantwortung, vor allem unter dem öffentlichen Blick der Gesellschaft, nicht gerade geringer macht. In Büchern, Internetforen und medialen Talkrunden ist die Frage: “Was macht eine gute Mutter aus?“ ein vieldiskutiertes Thema, wo- bei das scheinbare Ideal der “guten Mutter” wiederum nie präzise definiert wurde und die Vorstellungen von diesem Bild in sämtliche Richtungen aus- schlagen. Diese individuellen persönlichen Vorstellungen, was eine “gute Mutter” ausmacht, resultieren wahrscheinlich aus den eigenen familialen Erfah- rungen und natürlich daraus, wie diese empfunden wurden. Erziehungs- und Verantwortungskompetenz sind sicherlich keine von Natur aus gegebenen Fä- hig- und Fertigkeiten, die jeder Mensch besitzt, doch durch die öffentliche Diskussion um ein Versagen dieser, wird automatisch propagiert, dass Eltern diese einfach haben müssen. Die Stellung des Kindes hat sich verändert, es hat einen „gestiegenen Eigenwert“ (Peuckert in Ecarius 2007, S.52). Es wird eine dauerhafte Zuwendung und kindgerechte Umgangsform in der Erziehung er wartet, vor allem von den Müttern. Dabei ist der Druck auf die Eltern umso größer, weil sie sich in der Aufgabe sehen, die bestmöglichen Förderungs- möglichkeiten und Ausbildungschancen für eigene Kinder zu bieten (vgl. Peu- ckert in Ecarius 2007, S.52). Die Vielzahl an Beratungsangeboten in Erziehungsfragen, vom Elternratgeber in Buchform, in Zeitschriften19, in Inter- netforen20 und nicht zu vergessen die Darstellung familiärer Beziehungs- problematiken, anhand verschiedener Reality-Formate im Fernsehen21, vermit- teln einen scheinbar unverzichtbaren Bedarf für Familien oder Eltern, sich bei Problemen professionelle Hilfe und Rat einzuholen und lassen auf einen erhöh- ten Orientierungs- und Beratungswunsch von Eltern in Bezug auf Erziehungs- fragen deuten. Auch werden dadurch Klienten, Leser und Zuschauer wiederholt und unweigerlich zur Selbstreflexion animiert, welche Versagen und Fehler des eigenen Verhaltens aufzeigt und diese somit “ihre individuelle Schuld am Schei- tern erkennen“ (Griese 2007, S. 58). Der heute so fortwährend öffentlich diskutierte Erziehungsnotstand “ist gegenwärtiger Endpunkt eines Prozesses moderner gesellschaftlicher Entwicklung” (Griese 2007, S. 58), welcher schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts seinen Anfang fand. Scheinbar sind jetzt die auch wirklich Schuldigen gefunden “- die Eltern -, die permanent versagen” (Griese 2007, S. 58). Erziehungskompetenz heute, bedeutet die Unterstützung der Entwicklung des Kindes einerseits und die Anpassung des Kindes an die gesellschaftlichen Erwartungen andererseits. Dahingehend sind zwei Reaktio- nen von Eltern beobachtbar: Die Eltern lassen das Kind, aus Angst selbst Fehl- er zu begehen, “das familiäre Terrain” (Quindel 2007, S.64) übernehmen oder Eltern, angehalten durch Leistungsnormen, nehmen eine einengende kontrol- lierende Haltung gegenüber ihren Kindern ein, welche sich somit in ihrer Frei- heit stark eingeschränkt fühlen. Daher wird die Beziehung und spontane Be- gegnung mit dem Kind durch Kontrolle oder Rückzug gestört22. Die Reaktionen der Kinder sind unterschiedlich, enden aber meist in Verhaltensauffälligkeiten, wie Aggression oder Depression. Spätestens dann suchen sich die Eltern pro- fessionelle Hilfe, zum Beispiel in Form von Erziehungsberatung. Hier kann es leicht passieren, dass Eltern sich selbst als Schüler der Beratung verstehen und ihre Unsicherheit durch das Aufzeigen der Beziehungsstörung und der daraus resultierenden kritischen Selbstreflexion noch verstärkt wird (vgl. Quindel 2007, S. 64/65).

2.6.3 Grundformen der Erziehungsratgeber und Motive der Erziehungsbe- ratung nach Höffer-Mehlmer

Erziehen kann als Einführung in eine Kultur und auch Kulturtechnik gesehen werden, die immer wieder neu erlernt werden muss (vgl. Höffer-Mehlmer in Ecarius 2007, S. 680). Daher wird der Rat, in diesem Fall der erzieherische Rat, in drei Grundformen eingeteilt. Einmal die Beratung durch Mentoren, welche selbst Erziehungserfahrungen gesammelt haben, wie zum Beispiel durch die eigenen Eltern, Verwandte, Nachbarn, etc. Ein zweites mal die Beratung durch Professionelle, welche Hebammen, Ärzte und Lehrer sein können. In diesem Falle spielt die im 20. Jahrhundert herauskristallisierte Entwicklung der institu- tionellen Erziehungsberatung eine wichtige Rolle, wo sich diese Professionalität nochmals intensiver verankerte. Soll heißen, dass sich dadurch auf neue Stufen und Formen der Familienbildung und Familienberatung spezialisiert wurde. Die dritte Grundform bildet die mediale Beratung, welche sich unmittelbar, aber auch indirekt an die Eltern richten kann (vgl. Höffer-Mehlmer in Ecarius 2007, S. 680). Die aktuelle Form der Erziehungsberatung ist vor allem der direkten me- dialen Beratung untergeordnet und findet sich somit auch im Rundfunk, Fernsehen und Internet. Größtenteils ist eine professionelle Hintergrundmotiva tion zu finden, in meinem Beispiel „Die Super Nanny“ als Diplom-Pädagogin.23

Nun stellt sich die Frage, ob diese Form eine Allgemeingültigkeit und Verbindlichkeit für die Konsumenten einer derartigen Art von Beratung darstellen kann oder vielleicht sogar soll?

Die Anlässe und Motive der Erziehungsberatung wird bei Höffer-Mehlmer in fol- gende Typen gegliedert : Neue Entwicklungsaufgaben, dazu zählen vor allem die Schwangerschaft, die Geburt und die Entwicklung der ersten Lebensjahre, da diese in den bestehenden Ratgebern am häufigsten thematisiert werden. Weiterhin sind Risiken und Probleme, also körperliche, seelische, sowie Verhal- tensproblematiken und -risiken und auch besondere Bedürfniss e, welche sich aus diesen ergeben, ein Thema und dementsprechend auch ein eigenes Genre in der Ratgeberliteratur. Das Motiv der Optimierung, da sich aus den zahlrei- chen und fortschrittlichen Erkenntnissen in der Erziehungsberatung die Vermu- tung ergibt, dass Erziehen jetzt wohl doch besser gelingen sollte. In diesem Zu- sammenhang wird auch immer wieder von „moderner Erziehung“ (Höffer- Mehlmer in Ecarius 2007, S. 681) gesprochen. Abschließend wird von verän- derten Bedingungen des Aufwachsens und Erziehens als einer grundlegenden Annahme gesprochen, wobei hier beispielsweise die Medien als „geheime Mierzieher“ (Höffer-Mehlmer in Ecarius 2007, S. 682) eine grundlegende Rolle spielen (vgl. Höffer-Mehlmer in Ecarius 2007, S. 681-682).

2.6.4 Eltern als Schüler der Erziehungsaufgabe

In der Geschichte der Erziehungsberatung wird immer wieder deutlich, dass die Ursache aller Beziehungsproblematiken oder Verhaltensauffälligkeiten der Kin- der größtenteils bei den Eltern gesucht wird. Die Eltern kontrollieren oder zieh- en sich zurück. Die, die ihre Probleme in der Kindererziehung nicht mehr selbst lösen können, werden unsicher, suchen sich dann professionelle Hilfe in Erzie- hungs- und Familienberatungsstellen und werden somit selbst zum Schüler, denn ihnen wird dort das Erziehen gelehrt (vgl. Quindel 2007, S. 64). Vor allem in den medialen Darstellungen des Lebenshilfefernsehens in den schon ge- nannten Fernsehformaten, sind die Schuldigen doch immer schnell ausgemacht, die Eltern.

[...]


1 „Elter“ ist die Singularform von Eltern, war im Frühneuhochdeutsch noch gebräuchlich und wurde von der Familienforschung wieder neu aufgegriffen (vgl. Clason/Hoffmann-Riem, 1989 in Böhnisch 1997).

2 Zu makrogesellschaftlichen Strukturen zählen in diesem Fall Arbeitsmarktbedingungen, Geschlechter- und Generationenverhältnisse, sozialpolitische Entscheidungen, die Schulpflicht, sowie rechtliche Regelungen die Familie betreffend (vgl. Ecarius 2002, S. 37).

3 Dies betrifft Religionszugehörigkeit, Vereinsmitgliedschaft, Beruf, etc. (vgl. Hobmair, 2002, S. 326)

4 Dr. Günter Burkart ist Professor für Soziologie an der Leuphana Universität Lüneburg und hat zahlreiche Veröffentlichungen zu den Themen Familie und Paarbeziehungen, Geschlechterforschung, sowie Biografie /Lebenslauf publiziert.

5 Im engeren Sinne spricht man erst dann von einer Hausgemeinschaft, wenn die Wohnpartei- en auch untereinander Kontakt haben und haben wollen (http://de.wikipedia.org/wiki/ Haus- gemeinschaft).

6 Autarkie meint die selbstständige Erarbeitung von Gütern einer Organisationseinheit, welche diese dann auch nur für sich selbst gebraucht.

7 Mit Erziehungsschwund ist hier der Zusammenhang der Zunahme auffälligen Verhaltens und mangelnder Erziehungskompetenz gemeint (vgl. Familie und Familienerziehung in Deutschland, 1995, S. 5).

8 Familienrhetorik ermöglicht Interpretationen der Situation und Funktionen von Familie als gesellschaftlicher Institution und dessen, was jeweils als Familie gelten darf. Mit Hilfe des Ansatzes der Familienrhetorik werden Begründungen für familienpolitisch relevante, spezifi- sche Unterstützungsleistungen bzw. deren Unterlassung als soziale Konstruktionen sichtbar (vgl. Deutsches Jugendinstitut, Forschung über Kinder, Jugendliche und Familien an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Praxis, 2007).

9 Kurt Lüscher (* 1935 in Luzern) ist emeritierter Ordinarius für Soziologie an der Universität Konstanz. Lüscher ist hervorgetreten durch seine Arbeiten zur Soziologie der Familie und der Familienpolitik, des Kindes, der Generationenbeziehungen und der Ambivalenz.

10 Mit Kindeswohl wird ein Rechtsbegriff aus dem Familienrecht bezeichnet, welcher das gesamte Wohlergehen eines Kindes oder Jugendlichen als auch seine gesunde Entwicklung umfasst (Coester, 1983).

11 www.wissens-quiz.de/wissen/bildung/wikipedia/v/ve/verwandschaftsbeziehung.html

12 http://de.wikipedia.org/wiki/Eltern.html

13 http://www.familie.de/kind/erziehung

14 http://www.starke-eltern.de

15 Nach 1933 wurden von der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ (NSV) ehrenamtliche Kräfte in den Beratungsstellen eingesetzt. (vgl. Riemann, 2000)

16 Der Begriff „Erziehungsnotstand“ wird vor allem in den Medien und öffentlichen Debatten verwendet, wenn von Krisen, Zerfall und Funktionsverlust der Familie die Rede ist. (vgl. Liegle, 2004)

17 Dr. Jutta Ecarius ist Professorin für Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kul- turwissenschaften an der Justus-Liebig Universität Gießen (Ecarius, 2007, S. 697)

18 Prof. Dr. Manuela du Bois-Reymond war 1977-2002 Professorin im Fachbereich Soziologie an der Universität Leiden (Niederlande).

19 Hier ist vor allem die Zeitschrift „Familie & Co“ zu nennen. “Diese moderne Zeitschrift

beschäftigt sich mit allem, was wichtig für eine glückliche und harmonische Familie ist. Viele Themen rund um das Familienleben werden ausführlich und tiefgründig behandelt“ (http://www.abo-direkt.de). Oder die Kinderzeitschrift “Bummi“ aus der ehemaligen DDR. „Bummi will Eltern und Erziehern bei der Vorschulerziehung helfen und zwischen dem Spielzeugland und der realen Welt vermitteln” (http://weblog.medienwissenschaft.de)

20 Communities im Internet, wie zum Beispiel http://www.eltern.de ermöglichen Eltern mit

individuellen Diskussionsbedarf ihre Probleme mit anderen auszutauschen und sich beraten zu lassen. Hier steht der Aspekt der Anonymität im Vordergrund.

21 Die Entwicklung scheinbar fiktiver medialer Beratungsangebote im Fernsehen, welche in den letzten Jahren dimensionale Ausmaße angenommen haben, scheint derzeit die am häufigs- ten genutzte Quelle. Formate, wie „Die Super Nanny“, „Mitten im Leben“ oder „Familienhilfe mit Herz“ sollen famiale Problematiken aufgreifen und dem Zuschauer Lösungen zeigen.

22 Quindel bezieht sich bei seinen Beobachtungen auf seine Arbeit als Familientherapeut.

23 Markus Höffer-Mehlmer ist Hochschuldozent am Pädagogischen Institut Mainz, seine Arbeits- schwerpunkte sind Sozial- und Bildungsforschung, Bildungsmanagement, Medien (vgl. Eca- rius 2007, S. 698)

Ende der Leseprobe aus 115 Seiten

Details

Titel
Die Entprivatisierung intrafamiliärer Problemlagen in den Medien
Untertitel
Am Beispiel des TV-Formates "Super Nanny"
Hochschule
Hochschule Mittweida (FH)  (Fachbereich Soziale Arbeit)
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
115
Katalognummer
V159700
ISBN (eBook)
9783640729395
ISBN (Buch)
9783640729890
Dateigröße
4912 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Inhalte: Medienpädagogik, Familienhilfe, Privatfernsehen vs. Öffentlich Rechtliches Fernsehen, RTL, Super Nanny, Katharina Saalfrank, Dokutainment, Hilfen zur Erziehung, Fernsehen als Lebenshilfe, Professionelle Sozialarbeit, Zuschauerbefragung, Einschaltquoten,...
Schlagworte
Entprivatisierung, Problemlagen, Medien, Beispiel, TV-Formates, Super, Nanny
Arbeit zitieren
Nadine Schlotte (Autor), 2009, Die Entprivatisierung intrafamiliärer Problemlagen in den Medien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159700

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