Jeanne D'Arc

Die Legitimation des französichen Königtums?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

31 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Thronfolgestreit

3. Ziele und Motive der Jeanne D’Arc

4. Einordnung der Ziele und Motivationen der Jungfrau von Orleans
4.1. Wiederherstellung des Königreichs Frankreich
4.2. Ein nationaler Krieg gegen England?

5. Der Weg des Dauphins auf den Thron
5.1. Der Dauphin
5.2. Die Krönungsstadt
5.3. Krönung und Salbung

6. Königliches Blut und Dynastie

7. Manifestation der Legitimität

8. Die Prozesse der Jeanne D’Arc

9. Quellen und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Geschichte der Jeanne D’Arc beschäftigt bis heute zahllose Menschen, ob nun Historiker, Freigeister, Frauenrechtlerinnen oder Filmproduzenten. Dadurch haben sich im Laufe der Zeit Theorien gebildet, die mythisch, esoterisch oder schlicht phantastisch sind. Der Auftrag, den jeder Historiker hier findet, ist das Untersuchen solcher Paradigmen auf ihren Wahrheitsgehalt. Wer nun Jeanne D’Arc war, scheint mir hier weniger interessant als vielmehr die Frage, was die Jungfrau von Orlean eigentlich für ihre Zeit bedeutete. Ihr Auftauchen in den Wirren des 100jährigen Krieges scheint mir dabei exemplarisch für das Gedankengut der damaligen Zeit: Ein lang andauernder Krieg, unterbrochen von einigen Phasen echten bzw. scheinbaren Friedens, in dem die eigenen militärischen Kräfte zu groß für eine Niederlage, aber auch zu gering für einen Sieg waren, schrie förmlich nach einem Helden – oder, in diesem speziellen Falle, einer Heldin. Mehr noch: Eine Magd Gottes, gekommen, um der einen Seite beizustehen und so eben jener Seite zu einem Sieg zu verhelfen. Allein ihr Auftreten als Gesandte Gottes schien doch der einen Seite zu bescheinigen, dass sie sich im Recht befand und damit den legitimen König Frankreichs zu stellen hatte. Diese für den heutigen Zuhörer bzw. Leser abenteuerlich und absurd anmutende Sichtweise war im mittelalterlichen Frankreich nicht annähernd so abstrus wie sie heute zu sein scheint. Die Vorstellung der göttlichen Intervention durch Propheten oder Gesandte, die seinen Willen vollziehen sollten, passt sich nahezu nahtlos in die Vorstellungen einer Zeit ein, in der Könige als fast Heilige angesehen wurden und deren Wundertätigkeit jedem bekannt war. Demzufolge konnte jemand, der direkte Verbindung mit Engeln für sich beanspruchte, ein entscheidender Faktor werden – sollte er der Prüfung durch die heilige Kirche stand halten. Gerade angesichts der machtpolitischen Konstellationen und Interessen – innerhalb und außerhalb der Kirche – war aber genau diese Prüfung kein einfacher Schritt, sondern eine ernsthafte Herausforderung. Damit war Johanna von Orleans nicht nur eine Heldin in einem Konflikt verfeindeter Parteien, sondern vielmehr auch eine Sendbotin Gottes und damit von entscheidender Bedeutung weit über die Grenzen Frankreichs hinaus. In dieser Arbeit soll der Einfluss Johannas auf das Königtum in Frankreich im Allgemeinen und ihre Rolle bei der Entsetzung von Orléans im speziellen thematisiert werden. Wie trat Johanna auf – und wie schlug sich ihr Auftreten im Bezug auf das Königtum nieder?

Grundlegend für die Beantwortung dieser Fragen ist in dieser Arbeit die Betrachtung der Prozessprotokolle der Jeanne D’Arc. Um aber die Vorgänge und das Wirken der Pucelle zu verstehen, ist es notwendig, vorher auf den Thronfolgestreit einzugehen, in dessen Zuge sich die Verhältnisse bis in die Ausgangssituation entwickelten, die bei Auftreten der Johanna auf der politischen Bühne Frankreichs vorherrschte. Vor diesem Hintergrund gilt es aus den Prozessen und den Äußerungen der Pucelle, aber auch ihrer Anhänger und Gegner, ein Abbild ihrer Ziele und Motive herauszuarbeiten, das es, in einem nächsten Schritt, einzuordnen gilt. Danach folgt dann konsequenterweise die Herstellung der Verbindung zur französischen Königsdynastie und abschließend die Beantwortung der Fragestellung.

2. Der Thronfolgestreit

Das Thema Jean D’Arc kann nicht separat, also ohne Kenntnisse der vorhergehenden historischen Ereignisse – namentlich der Auseinandersetzung zwischen Frankreich und England –, behandelt werden. Der Aufstieg und Fall von Johanna von Orleans spielt sich in der als 100jähriger Krieg bezeichneten Zeitspanne ab.[1] Damit ist die Geschichte der beiden hier maßgeblich involvierten Länder England und Frankreich, speziell ihre politische und dynastische Geschichte, für den hier behandelten Zeitraum und bezüglich der Person Jean D’Arc nicht zu trennen. Die Auseinandersetzungen beider Königreiche waren ein entscheidender Faktor für ihre Entwicklung im 14. und 15. Jahrhundert, man könnte die Ereignisse sogar als konstitutiv bezeichnen. Die Ausgangslage scheint mir am besten wie folgt wiedergegeben zu sein:

„Auf der einen Seite stand der englische König, der seinen Besitz auf dem Kontinent nicht aufgeben wollte und der sich in seinem Kampf um die Krone auf längst veraltete Prinzipien berief. Auf der anderen Seite der französische König, der den Krieg im Grunde in demselben Geist führte wie sein Gegner. Doch der Konflikt zweier Herrscher konfrontierte zugleich zwei Völker, verschärfte die bestehenden Spannungen in beiden Ländern und tauchte alle inneren Widersprüche der Auseinandersetzung in ein helles Licht.“[2]

Ebenfalls eine übergeordnete Rolle innerhalb der Auseinandersetzungen spielte die Problematik, die im Mittelalter scheinbar über eine lange Zeit immer dann aufzutauchen schien, wenn ein Monarch starb und seine Nachfolge zu klären war. Zur Zeit der Johanna von Orleans war eben so ein Streit um die Erbfolge entbrannt. Die Hauptakteure in diesen Streitigkeiten waren Karl[3], der französische Dauphin, und Heinrich VI[4] von England. Laut dem Vertrag von Troyes aus dem Mai 1420 wurde zwischen Karl VI und Heinrich V (also den Vätern der späteren Kontrahenten) festgelegt, dass Heinrich VI künftig den Titel „König von England, Erbe und Regent des Königreichs Frankreich und Herr von Irland“ führen sollte. Dieses Zugeständnis basierte auf dem Willen Karls VI. Dieser erklärte, dass er entschieden habe, Heinrich VI zum Erben zu erklären, da ein männlicher Thronerbe nicht existierte und seine Ansprüche auf die Linie seiner Tochter– und damit an den König von England übergehen sollten. Damit wurden natürlich die rechtmäßigen Ansprüche des eigentlichen Dauphins, Karl von Valois, außer Acht gelassen. Was diese Handlung jedoch in weit höherem Maße als die Ignoranz des eigentlichen Dauphins besonders macht, ist die theoretische Bedeutung, die Karl VI dadurch schafft. Hier zeigt sich ein Konflikt, der mehr umfasste, als die bloßen dynastischen Streitigkeiten! Karl VI nahm für sich das Recht in Anspruch, einen Nachfolger unabhängig von seinem Rechtsanspruch, sondern nach seinem Gutdünken zu erklären. Mit dieser „Anmaßung“ kam eine neue Haltung bezüglich der Königswürde in die Diskussion um das Königtum, die der alteingesessenen Haltung des dynastischen Denkens komplett gegenüber stand. De facto konkurrierten nun zwei verschiedene Erbschaftsprinzipien miteinander: zum Einen die Regelung der Nachfolge durch die Festlegung (und Auswahl) in amtlichen Verträgen, zum Anderen die Konstitution der Königswürde und die damit verbundene Regelung der Nachfolge durch Krönungs- bzw. Salbungszeremonie, sowie die damit verbundene Bestimmung des Nachfolgers (und damit das dynastische Prinzip der Erbfolge).[5]

Damit entstand noch vor dem Hundertjährigen Krieg durch den Vertrag von Troyes und die in ihm enthaltenen Erwägungen über das Prinzip und die Legitimation der Thronfolge (und der damit verbundenen Neugestaltung von Teilbereichen der Befugnisse des Königs) eine neue Entwicklungsstufe des französischen Königsmythos.[6] Natürlich haben wir es bei dieser Sichtweise und einer Gegenüberstellung in dieser Form eher mit einem Idealtypus zu tun, als dass man davon ausgehen könnte, dass sich diese Entwicklung sofort und direkt in allen Aspekten und Facetten durchgesetzt hat. Genauso steht es außer Frage, dass, abhängig von der jeweiligen Position, die Meinungen bezüglich der Legitimität solcher Regelungen deutlich variierten: Anhänger der jeweiligen Dynastie werden diese Entwicklung als falsch abgetan haben (wie man am eigentlichen Dauphin und späteren König sehen kann), während die Nutznießer solcher Entwicklungen (in diesem Falle Heinrich V) natürlich die Legitimität anerkannten.

Zwei Jahre nach Abschluss des Vertrages von Troyes, am 31. 08. 1422, verschied Heinrich V. Er vererbte seinem Sohn, Heinrich VI, nicht nur die Ansprüche auf englische und irische Besitzungen, sondern er vermachte ihm auch seine Ansprüche auf die französische Krone. Noch während des Transports der Leiche, der ob des Weges (St. Denis – Rouen – London) eine lange Zeit in Anspruch nahm, starb auch am 22. 10. 1422 der französische König Karl VI. Damit brachen die Rivalitäten zwischen dem 1417 zum Dauphin, also dynastisch-legitimen Erben, erklärten Sohn des verschiedenen Königs und dem Sohn des Königs von England, dem vertraglich legitimen Erben, aus. Beim Begräbnis Karls VI. wurde natürlich von Seiten der Engländer nicht versäumt zusätzlich zum Gebet für den gestorbenen König die Akklamation des neuen Königs (aus englischer Sicht Heinrich VI) vorzunehmen, um etwaige Ansprüche des eigentlichen Dauphins bereits im Keim zu ersticken.[7]

In dieser, hier in aller gebotenen Kürze umrissenen Zeit trat dann auch Jeanne D’Arc auf. Unter Berufung auf die Stimmen von Heiligen gab sie an, einer ihr von Gott (über die Heiligen) formulierten Mission zu folgen; einer Mission, die auf die Geschichte der Auseinandersetzungen von Frankreich und England im Allgemeinen, aber auch auf die nationale und dynastische Geschichte Frankreichs im Speziellen bedeutenden Einfluss haben sollte. Diese Mission umschloss im Wesentlichen zum einen die Vertreibung der Engländer bzw. der englischen Kontingente aus Frankreich und die Ermöglichung der Erlangung der Königswürde durch den Dauphin uns späteren König Karl VII in Reims. Nicht zuletzt das Auftreten der Johanna von Orleans war es, das, verbunden mit dem Enthusiasmus, der durch eben dieses Auftreten auf französischer Seite hervorgerufen wurde, die „voyage du sacre“ durch Karl ermöglichte und damit zur Krönung desselben in Reims führte.[8] Es spricht einiges dafür, dass, wenn auch nicht die Einzelperson, so doch dass Auftreten der Johanna von Orleans, der entscheidende Impuls zur erfolgreichen Beendigung bzw. zum Sprengen der Belagerung von Orleans war. Ein Erfolg, der im Endeffekt das Öffnen des Weges zur Krönung Karls VII in Reims bedeutete.[9]

3. Ziele und Motive der Jeanne D‘Arc

Im Folgenden soll an dieser Stelle die „Mission“ der Jeanne D’Arc diskutiert werden. Dabei ausschlaggebend sind die von ihr selbst immer wieder postulierten Pläne, Ziele, Strategien zum Erfolg und die Motivation ihrer Taten. Der aber vielleicht entstehende Eindruck einer präzisen Queste sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem Handeln Johannes weder ein systematisches Programm, noch ein ausgearbeitetes Manifest (in welcher Form auch immer) zu Grunde lag. Die Sammlung der oben aufgeführten Hinweise zur Begründung ihres Tuns entstammten vereinzelten, z.T. beiläufig geäußerten Hinweisen. Dabei kann man die grundsätzlichen Schemata ihres Handelns in drei Kategorien einteilen: politische Intervention, indem sie den (ihrer Meinung nach rechtmäßigen) König stützte, nationale Befreiung, durch das Vertreiben der Engländer, und schlussendlich religiöses Kalkül, durch ihre Überzeugung von Gott gesandt zu sein.[10] Damit verknüpfte Johanna, ob nun von Anfang an wissentlich oder nicht, politische und religiöse Motivationen miteinander. Vor allem in dem Gedanken von Gott gesandt zu sein, um die eigene Heimat von den Feinden zu befreien, scheint hier die Ambivalenz ihres Handelns mehr als nur deutlich.[11]

[...]


[1] „100jähriger Krieg ist hier der terminus technicus, da es sich eigentlich um 114 Jahre (in der hier genutzten Definition des Krieges) handelte. In dieser Zeitspanne unterscheiden Romano und Tenenti 53 Kriegsjahre und 61 Jahre echten bzw. scheinbaren Friedens; vgl. Romano/Tenenti: Grundlegung der modernen Welt, S. 43.

[2] Ebd., S.69f.

[3] Geb. 22.02.1403, gest. 22.06. 1462; Sohn Isabellas von Bayern und Karls VI (von Frankreich) wurde 1416 Dauphin (franz. Thronfolger) und im weiteren Verlaufe als Karl VII zum König gekrönt; vgl.: LexMA, Art. Karl VII, Sp. 978f.

[4] Geb. 22.02.1402, gest. (ermordet) 22.05.1471. Sohn Katharinas von Valois und Heinrichs V wurde bereits am 01.09.1422 König von England; am 31.12.1431 zum König von Frankreich gekrönt. Vgl.: LexMA, Art. Heinrich VI, Sp. 2053.

[5] Tanz, S. 81f.

[6] Ebd., S. 86

[7] Kantorowicz: Die zwei Körper des Königs, S.406f.

[8] LexMA, Art. Jeanne D’Arc, Sp. 342f.

[9] LexMA, Art. Karl VII, Sp. 979.

[10] „Ihr Sendungsbewußtsein war durchdrungen von der Vorstellung eines sakralen Königtums.“ Tanz, S. 138.

[11] Ebd., S. 227.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Jeanne D'Arc
Untertitel
Die Legitimation des französichen Königtums?
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
31
Katalognummer
V159715
ISBN (eBook)
9783640762835
ISBN (Buch)
9783640762774
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jeanne, Legitimation, Königtums
Arbeit zitieren
Bachelor Patrick Saal (Autor), 2010, Jeanne D'Arc, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159715

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