Über Machiavellis "Il Principe"


Hausarbeit, 2006
27 Seiten, Note: 2.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Einfuhrung in die Thematik

2. Das Leben des Niccolo Machiavelli

3. Florenz als Zentrum der Renaissance sowie die historischen Umstande zu Machiavellis Zeiten

4. Niccolo Machiavellis Menschenbild

5. Der Aufbau und die Gliederung des Werks ,,ll Principe"

6. Das Werk„IIPrincipe“
6.1 Die Schlusselbegriffe virtu und occasione
6.2 Machiavellis Ansichten und Lehre
6.3 Der Schlusselbegriff Fortuna
6.4 Machiavellis Verstandnis von Macht und Staat
6.5 Uber den Begriff der Staatsrason

7. Fazit

Niccolo Machiavellis „ll Principe"

1. Einleitung und Einfuhrunq in die Thematik

Niccolo Machiavelli war einer der bekanntesten politikwissenschaftlichen Theoretiker. Er erlangte mit seinen Schriften, vor allem mit seinem Werk „ll Principe" / „Der Furst", mit dem sich die vorliegende Arbeit ausschlieftlich befasst, grofte Weltgeltung.

Seine Ansichten wurden inzwischen durch die Bezeichnung „Machiavellismus“ untrennbar mit seinem Namen verbunden. Dieser aus den Lehren seines Werkes ,,Der Furst" spater hervorgegangene und gepragte Begriff bezeichnet den rucksichtslosen Gebrauch der Macht oder auch Staatsgewalt und relativiert damit die vom Herrscher oder den Herrschenden ausgeubten Grausamkeiten als ein legitimes Mittel zur Gewinnung oder Erhaltung der Herrschaft. „Machiavelli“ und „Machiavellismus“ sind geradezu zum Schimpfwort geworden. (vgl. ZORN 1978, XIV) Ein aus dem achtzehnten Kapitel des Fursten (welches auch als das verrufenste Kapitel gilt) entnommenes Zitat steht zusammenfassend fur den Begriff des Machiavellismus und die ausgeloste Emporung uber sein Werk: „Man muss namlich einsehen, dass ein Furst, zumal ein neu zur Macht gekommener, nicht all das befolgen kann, dessentwegen die Menschen fur gut gehalten werden, da er oft gezwungen ist - um seine Herrschaft zu behaupten - gegen die Treue, die Barmherzigkeit, die Menschlichkeit und die Religion zu verstoften." (RIPPEL 1986, S.139)

So ist es auch kein Wunder, dass Machiavelli aufgrund seiner Lehren viel Kritik entgegen schlug. Die romisch-katholische Kirche setzte beispielsweise seine Werke auf den Index und er selbst erlebte den Druck seiner Schriften nicht mehr (vgl. ZORN 1978, XIII), ,,ll Principe" erschien erst knapp 200 Jahre nach seinem Tod.

Friedrich der Grofte versuchte mit seinem „Anti-Machiavel“ die Menschlichkeit, die er durch Machiavelli gefahrdet sah, zu verteidigen. (vgl. KERSTING 1988, S.163) Dadurch kommt auch eine Frage auf, mit deren Klarung ich mich ebenso in dieser Arbeit beschaftigen mochte: Kann man unter diesen Voraussetzungen Machiavelli als einen Atheisten bezeichnen? Oder bezeichnet sich Machiavelli gar selbst als einen?

Im Folgenden wird Machiavellis Anleitung fur einen Fursten betrachtet, die ihm sagt, auf welche Art und Weise er der die Macht in einem Staat erringen und auch erhalten konne. Hierbei distanziert sich Machiavelli klar von der Tradition des politischen Denkens und von der bisherigen Literatur uber diesen Sachverhalt. Obwohl Machiavelli dabei die Namen der Autoren dieser Schriften verschweigt, so ,,durfte er global all diejenigen gemeint haben, die seit der Antike vom besten Staat und vom besten Fursten gehandelt [...] haben." (BUCK 1985, S.5)

Er hingegen will kein Wunschbild eines Herrschers kreieren, sondern diesen auf der Basis der politischen Realitat - sei sie aktuell oder anhand von Beispielen aus der Antike - beschreiben. (vgl. BUCK 1985, S.5) Somit steht er auch im Zeichen der beginnenden empirisch-analytischen Politikwissenschaft.

Ebenso will ich in diesem Zusammenhang die in seinem Werk vorkommenden Begriffe virtu, occasione, fortuna und necessita im Hinblick auf deren Zusammenspiel naher erlautern.

Des weiteren soll in dieser Arbeit auf den Begriff der Macht und des Staates bei Machiavelli eingegangen werden, dies besonders in Betracht in Bezug auf den Begriff der Staatsrason, welcher Machiavelli durch die Lehre seiner Werke zugeschrieben wird. Um aber all diese Dinge und besonders Machiavellis Verstandnis von Macht deutlich zu machen, will ich zuerst auf sein Leben sowie die politischen, historischen und gesellschaftlichen Umstande, welche auf ihn wirkten, eingehen.

2. Das Leben des Niccolo Machiavelli

Niccolo Machiavelli wurde am 3. Mai 1469 als drittes Kind und erster Sohn eines Notars in Florenz geboren. Seine Eltern, Bernardo Machiavelli und Bartolomea de’ Nelli, welche auch florentinischen Ursprung gewesen sind, waren seit jeher republikanisch eingestellt. Demnach sollte auch Niccolo nach einer ublichen Schulausbildung in den Staatsdienst von Florenz treten. Machiavelli wurde durch seine Eltern schon fruh mit der antiken Literatur vertraut gemacht. Insbesondere gelang es dem Vater, seinem Sohn in den „studia humanitatis" unterweisen zu lassen, Niccolo selbst besuchte jedoch nie eine Universitat. Als Grund hierfur kommen wahrscheinlich die beschrankten finanziellen Mittel seiner Familie in Betracht. Ansonsten ist uber Niccolo Machiavellis Kindheit und Jugend sehr wenig bekannt. (vgl. LIEBER 1993, S.146 & KERSTING 1988, S.13f)

Am 19. Juni 1498 begann Machiavellis politische Laufbahn. Er wurde von der florentinischen Burgervertretung, dem so genannten Graven Rat, zum „Segretario della Repubblica" gewahlt und musste sich mit militarischen Angelegenheiten und auftenpolitischen Beziehungen befassen. Kurze Zeit spater wurde er zusatzlich im „Zehnerausschuss“, der die zweite Kanzlei leitete, Sekretar. In den nachsten Jahren war Machiavelli viel unterwegs. (vgl. KERSTING 1988, S.15ff) Insbesondere die zahlreichen Gesandtschaften zu Cesare Borgia, dem Sohn des Papstes Alexander VI, waren fur Machiavelli von pragender Bedeutung, wie sich auch bei der Lekture des „Fursten“ herausstellt. (vgl. KERSTING 1988, S.19 & S.27f) Im Herbst 1501 heiratete er Marietta di Luigi Corsini; von ihr ist wenig bekannt. (vgl. KERSTING 1988, S.18)

Mit dem Tod Alexanders VI 1503 verschwand auch sein Sohn Cesare Borgia aus der Politik Italiens. Die aggressivere Politik des neuen Papstes Julius II war fur die republikanische Selbstandigkeit Florenz’ weitaus gefahrlicher.

Im Jahr 1509 siegte Machiavelli noch als militarischer Heerfuhrer uber Pisa, am 07.11.1512 wurde der 43jahrige aber letztendlich aller Amter enthoben. Die Regierung Piero Soderinis wurde gesturzt und die jungeren Sohne des Lorenzo de’ Medici, Guilano und der Kardinal Giovanni, wurden von der „Heiligen Liga“, zu der sich Papst Julius II, Spanien, Venedig und England zusammengeschlossen hatten, zu den neuen Herren Florenz’ erhoben. Damit war die republikanische Ara der Stadt beendet und die Medici, welche von 1434 bis zu ihrer Vertreibung im Jahre 1494 in Florenz geherrscht haben, wieder eingesetzt. (vgl. KERSTING 1988, S.20 & ZORN 1978, XXIV)

Im Fruhjahr 1513 wurde Machiavelli fur kurze Zeit inhaftiert, da er der Teilhabe an einer Verschworung gegen die Medici verdachtigt wurde. Im Gefangnis musste er auch Streckfolter uber sich ergehen lassen. Im Fruhsommer des gleichen Jahres zog er mit seiner Familie (Frau, vier Sohne und eine Tochter) auf ein kleines, ererbtes Landgut in der Nahe von Florenz. (vgl. KERSTING 1988, S.20) In dieser Zeit begann er auch seine Werke zu verfassen, er schrieb in der Einsamkeit des Landguts quasi seine politische Sehnsucht nieder. (vgl. ZORN 1978, XI) 1516 widmete er Lorenzo de’ Medici seinen „Principe“. 1519 wurde Machiavelli von den Medici beauftragt, Vorschlage fur eine florentinische Verfassung auszuarbeiten. Hierbei sprach er sich fur eine Art konstitutionelle Monarchie aus.

Offiziell wurde Machiavelli erst im Jahre 1521 politisch rehabilitiert, aber es war ihm nicht vergonnt, zur politischen Tatigkeit in verantwortungsvoller Position zuruckzukehren. (vgl. KERSTING 1988, S.20) Eine ihm angebotene Sekretarsstelle lehnte er ab. (vgl. ZORN 1978, XXVIII)

Als 1527 in Florenz die Medici als Folge der Niederlage gegen die Truppen Kaiser Karls V gesturzt werden, wurde die republikanische Verfassung wiedereingesetzt und Machiavelli als Anhanger der Medici von allen Amtern ausgeschlossen.

(vgl. KERSTING 1988, S.27 & ZORN 1978, XXIX).

Niccolo Machiavelli starb an Krankheit am 21.Juni 1527 im 58. Lebensjahr und wurde in der Familiengruft in der Kirche Santa Croce beigesetzt. (vgl. KERSTING 1988, S.29)

3. Florenz als Zentrum der Renaissance sowie die historischen Umstande zu Machiavellis Zeiten

Schon im Mittelalter war Florenz eine reiche Stadt, es gehorte zu den funf groftten Stadten Europas. Der Reichtum von Florenz beruhte auf der Vorherrschaft der Stadt gegenuber den landlichen Gebieten, insbesondere die Textilproduktion war der wirtschaftliche Motor der Stadt. Die politische Spaltung zwischen Kommune und Land wurde jedoch aufgehoben und durch eine okonomische Arbeitsteilung ersetzt: Das Land stellte Lebensmittel und Rohstoffe zur Verfugung, in der Stadt wurde Handel und Industrie betrieben. Viele der landbesitzenden Feudalherren nahmen ihren Wohnsitz in der Stadt und bauten diesen auch festungsgleich aus. (vgl. DEPPE 1987, S.129f) Obwohl die Anzahl der Einwohner durch Hungersnote und Epidemien immer wieder dezimiert wurde, stabilisierte sich die Zahl wieder und entsprach dem italienischen Trend der Bevolkerungsentwicklung dieser Jahre. (vgl. DEPPE 1987, S.126ff)

In Italien gab es zu Machiavellis Zeit funf Hauptmachte: Mailand, Venedig, Florenz, Neapel und der Kirchenstaat. Diese Staaten standen im Gleichgewicht zueinander und sicherten somit den Frieden im Innern und Aufteren. (vgl. MUNKLER 1984, S.185)

Zu Zeiten Machiavellis herrschten in Florenz, wie schon im Abschnitt „Das Leben des Niccolo Machiavelli" beschrieben, das Geschlecht der Medici, dem das damals groftte Handels- und Bankhaus Europas gehorte. Gegrundet von Cosimo de’ Medici, und fortgefuhrt bis Lorenzo de’ Medici, wurde eine Art Monarchie gegrundet, indem alle politischen Amter an Familienangehorige und Anhanger der Medici vergeben wurden, obwohl der Stadtstaat Florenz damals eigentlich eine Republik gewesen ist. Florenz galt mindestens als das kulturelle Zentrum Italiens, wenn nicht von ganz Europa. Viele bedeutende Renaissancekunstler wie Michelangelo Buonarotti, Leonardo da Vinci, Sandro Botticelli, Filippino Lippi, um nur einige zu nennen, wurden von Lorenzo de’ Medici, gefordert. Eben dieser Lorenzo de’ Medici erhielt durch seine Forderung der Literatur, Malerei und Architektur - heute wurde man es vielleicht als eine Art ..sponsoring" bezeichnen - den Beinamen ,,il magnifico" (der Prachtige). Ebenso konnte man Florenz auch als das Zentrum des Renaissance- Humanismus ansehen. 1439 fand dort das Konzil von Basel - Ferrara - Florenz (1431-1449), das eine Aussohnung mit der orthodoxen Kirche suchte, statt. Dadurch kamen auch viele griechische Philosophen in die Stadt und durch die daraus resultierende Grundung der „Platonischen Akademie" wurde Florenz zum humanistischen Mittelpunkt. Verantwortlich fur die Schaffung dieses geistigen Zentrums waren ebenso die Medici. (vgl. ENCARTA 2004)

Der Reichtum und die Blutezeit der Renaissance hatten also in der zweiten Halfte des 15. Jahrhunderts ihren Hohepunkt erreicht, aber der Zerfall hatte ebenso schon begonnen, wurde jedoch durch die Hochzeit der Renaissance noch verschleiert. Doch 1492 veranderte sich mit der Machtubernahme von Piero de’ Medici die politische Situation: Florenz verbundete sich nun mit Neapel, daraufhin wandte sich Mailand, das die Isolation furchtete, an Frankreich. Der franzosische Konig Karl VII marschierte in Italien ein, was wiederum zu Spannungen mit Spanien und Osterreich fuhrte. Dies hatte zur Folge, dass die Einheit des italienischen Staatenbundes zerfiel und sich nun die einzelnen Staaten untereinander bekampften. Eben aus diesem Grund kam die Praxis auf, Soldnerheere anzuwerben. Eine Praxis, welche Machiavelli sehr kritisierte (hierauf werde ich spater weiter eingehen). Die Stimmung in Florenz wurde immer schlechter und die einstigen Verhaltnisse hatten sich umgekehrt: Hatten die Medici zuvor ihren Reichtum genutzt, um sich in die Herrschaft einzukaufen (s.o.), die Konkurrenz auszuschalten und das Volk mit Festen bei Laune gehalten, so musste spater die Staatskasse Florenz’ herhalten, um den Ruin des Bankhauses zu verhindern. (vgl. DEPPE 1987, S.112)

Mit dem Einmarsch der franzosischen Truppen in Italien wurden 1494 die Medici aus der Stadt vertrieben. Der Abstieg des Bankhauses Medici war nun endgultig besiegelt. Ein starker italienischer Territorialstaat ware von Noten gewesen, um die Schwache der okonomischen wie politischen Verhaltnisse abzufangen. Diese Schwache trat dann mit der Invasion der Franzosen im Jahre 1494 sichtbar auf. (vgl. DEPPE 1987, S.85 & S.167f)

Ab 1496 versuchte der Dominikanermonch Girolamo Savonarola durch strenge Religiositat und durch den Verzicht auf Luxus die Krise zu uberwinden. Savonarola, der gegen die politischen und religiosen Auswirkungen der Herrschaft des Piero de’ Medici predigte und somit an dem Sturz der Medici Herrschaft einen maftgeblichen Anteil hatte, stieg nach der Flucht Pieros zur beherrschenden politischen Gestalt von Florenz auf. Seine politische Autoritat beruhte dabei im wesentlichen auf seinen religiosen Prophezeiungen. Machiavelli griff eine von Savonarolas Reden uber die „Sunden Italiens" spater auf, im Gegensatz zu seinem Vorredner waren diese Sunden bei Machiavelli nicht theologisch, sondern gesellschaftlich-politisch aufzufassen. (vgl. MUNKLER 1984, S.234).

Doch die Herrschaft Savonarolas wahrte nur kurz: Durch seinen fanatischen, aber dennoch waffenlosen Kampf gegen Kirche und Borgia - Papst Alexander VI (s.o.), lieft dieser ihn im Jahre 1498 hinrichten. (vgl. MUNKLER 1984, S.238)

1512 spater wurden die Franzosen von den Medici mit Hilfe eines spanischen Heeres wieder aus Italien vertrieben, in Florenz wurde die republikanische Regierung gesturzt und die Medici konnten wieder die Macht ergreifen. Doch 1527 wurden sie erneut vertrieben, kamen aber 1531, drei Jahre nach dem Tode Machiavellis, wieder an die Macht. (vgl. ENCARTA 2004)

„Machiavelli hat diesen Zyklus des Aufstiegs der Stadtrepubliken", so wie Florenz eine war, ,,der in den Niedergang Italiens im fruhen 16.Jahrhundert umschlagt, vor allem auf die Fehler, die Borniertheit, die Selbstsucht der Fursten zuruckgefuhrt. [...] Schlieftlich fiel die Macht fast uberall in die Hande von Alleinherrschern, von Despoten oder Tyrannen oder auch von Condottiere", das waren Soldnerfuhrer, welche vom spaten Mittelalter bis Mitte des 15.Jahrhunderts in Diensten der italienischen Stadtstaaten standen, „die sich zu Fursten erhoben, oder die dieses personelle Regiment (wie die Medici in Florenz) mehr oder weniger informell ausubten und die republikanische Verfassung formell in Kraft hielten." (DEPPE 1987, S.169)

4. Niccolo Machiavellis Menschenbild

Um die radikale Einstellung Machiavellis, wie sie insbesondere in seinem Werk „Der Furst“ zum tragen kommt, betrachten zu konnen, ist es von Noten, Machiavellis Menschenbild zu beleuchten.

Es steht in der Tradition der humanistischen Menschenkunde, die mit dem durch die Renaissance wiedererwachte Interesse an der Psyche des Menschen einhergeht. Obwohl das Menschenbild des italienischen Humanismus’ im Allgemeinen durchaus von einem optimistischen Lebensgefuhl durchzogen ist, so weist es dennoch ebenso negative Zuge aus. Deren Ursache sieht man in der Natur der Dinge selbst: Der Mensch, seinen naturlichen Trieben schutzlos ausgeliefert, sinkt auf die Stufe des Tieres, falls er nicht durch die „humanitas“ gezahmt wird. Denn der einzelne Mensch ubertrifft die Tiere sogar in der Maftlosigkeit seiner Begierden. (vgl. BUCK 1985, S.37)

Durch den Zusammenbruch des italienischen Systems aufgrund des Einfalls franzosischer und spanischer Truppen und der damit einhergehenden okonomischen und politischen Krise Florenz’, war eine grundlegende Veranderung des italienischen Humanismus eingetreten. (vgl. MUNKLER 1984, S.272f)

„Durch ihren bloften Anspruch auf Befriedigung wirkten diese menschlichen Bedurfnisse nunmehr destabilisierend auf die politische Ordnung. Sie konnten nur noch zu einem Teil aufgefangen werden durch das Versprechen einer Entschadigung fur irdische Bedurfnisversagung in einem besseren Jenseits." (MUNKLER 1984, S.273) Diesen anthropologische Pessimismus, verknupft mit Machiavellis Ansicht und Forderung, die Menschen so zu sehen, wie sie sind und nicht, wie sie sein sollten, kann man im Zusammenhang mit der erwahnten Krise (s.o.) als eine Mahnung Machiavellis an seine Zeitgenossen sehen, sich den neuen Umstanden anzupassen und sich nicht langer einem uberholten Menschenbild hinzugeben. (vgl. MUNKLER 1984, S.264)

Fur Machiavelli ist es die in der Natur des Menschen wirkende Kraft, die dem Menschen - ohne dessen Schuld - zum Schicksal geworden ist. Diese Ansicht geht ziemlich analog einher mit dem kirchlichen Bild des Bosen im Menschen. Jedoch kann aus kirchlicher Sicht die Erlosung allein durch gottliche Gnade kommen. Man kann Machiavelli zwar als Kritiker der Kirche (s. „Machiavellis Bild von Macht und Staat“), aber nicht unbedingt als Atheisten bezeichnen, - obwohl ihm das von einigen Kritikern, beispielsweise Jean Bodin (1529-1596), vorgeworfen wird (vgl. DEPPE 1987, S.376) - so ist fur ihn jedoch der christliche Begriff der Sunde fremd. (vgl. BUCK 1985, S.38f)

Er beschreibt den Menschen aus seiner Sichtweise folgendermaften: ,,Denn man kann von den Menschen im Allgemeinen sagen, dass sie undankbar, wankelmutig, unaufrichtig, heuchlerisch, furchtsam und habgierig sind [...]“ (s. RIPPEL 1986, S.129)

Von dieser Grundlage ausgehend, basiert daher Machiavellis Menschenbild auf einem anthropologischen Pessimismus (vgl. DEPPE 1987, S.297): Er ist davon uberzeugt, dass der Mensch in seinem Innersten schlecht ist und sich nicht andern kann. Sein Hauptziel sei die Machtmaximierung und er werde dies immer ohne Rucksicht auf Verluste durchsetzen. Dabei wird er auch, zum Erreichen seines Ziels, alle ihm zur Verfugung stehenden Mittel gebrauchen, egal, ob diese nun aus moralischer oder ethischer Sichtweise verwerflich seien oder nicht. Daher musse der Mensch in einer Art Kafig (sinnbildlich fur einen starken Staat) gehalten werden. Es ist deshalb notig, dass es einen Fursten gibt, der das Volk lenkt und fuhrt. Dadurch relativiert Machiavelli seine vorgeschlagenen Methoden eines erfolgreichen Regierens. Aber diese Vorschriften gelten naturlich auch nur, weil der Mensch schlecht ist. Waren hingegen alle Menschen gut, so waren im Gegenzug diese Vorschriften schlecht. (vgl. RIPPEL 1986, S.137)

Machiavelli zog demnach die Schlussfolgerung, dass derjenige, der im politischen Bereich so handelt, wie er aus moralischer Sichtweise handeln sollte, seinen eigenen Untergang herbeifuhrt. ,,Ein Mensch, der die Rolle des Guten spielen will, muss unter so vielen, die nicht gut sind, zu Grunde gehen.“ (BUCK 1985, S.39 & RIPPEL, S.119) Ein Furst muss also, je nachdem, inwiefern es notig ist, Milde, Treue, Menschlichkeit etc., oder aber deren Gegenteile walten lassen. (vgl. DEPPE 1987, S.297f)

5. Der Aufbau und die Gliederunq des Werks „ll Principe"

Das Werk besteht aus sechsundzwanzig Kapitel, das Werk lasst sich aber auch in vier Gesamtabschnitte unterteilen. Obwohl es gegenteilige Behauptungen gibt, beruht der „mainstream“ der Meinungen darin, dass der Aufbau des Werkes gradlinig bis zum letzten Kapitel fuhrt. Dieses letzte Kapitel beinhaltet einen Aufruf Machiavellis an die Medici, in Italien wieder die Macht zu ergreifen, es von den „Barbaren“ - damit bezeichnet er die Fremdherrschaft - zu befreien und zu einem starken, einheitlichen Territorialstaat umzuwandeln.

Machiavelli weist zu Beginn des zweiten Kapitels darauf hin, dass er in diesem Buch nur von Furstentumern und nicht von Republiken (damit befasst sich hauptsachlich sein Werk „Discorsi“) spricht. Er pladiert dadurch auch nicht fur eine sofortige Wiederherstellung einer Republik, in welcher er als Sekretar tatig war, sondern fur ihn kann die Rettung Italiens (vorerst) nur von einem Fursten kommen. Diesen sieht er, wie schon erwahnt, in der Person des Lorenzo de Medici. (vgl. DEPPE 1987, S.201)

Die Kapitel eins bis elf befassen sich mit den verschiedenen Arten der Herrschaftsformen, deren Grundung und Erlangung, deren Behauptung aber auch deren Verlust. Dies ist der erste Abschnitt des Werkes.

Der zweite umfasst die Kapitel zwolf bis vierzehn. In diesen erlautert Machiavelli das Heerwesen sowie die militarischen Grundlagen, bzw. die militarische Ordnung der Furstentumer.

Kapitel funfzehn bis dreiundzwanzig bilden den dritten Abschnitt, dieser wird auch als der Kernabschnitt der Schrift angesehen, aus dessen Inhalt auch der Begriff des „Machiavellismus“ abgeleitet wird. In diesem dritten Abschnitt befasst sich Machiavelli mit den eigentlichen Regierungsproblemen und dem Aufbau eines Staates (vom Standpunkt des absolutistischen Herrscher aus gesehen). Darin legt er auch die Verhaltensprinzipien dar, die sich ein Furst anzueignen hat, will er die Macht erringen oder erhalten.

Die letzten drei Kapitel (vierundzwanzig bis sechsundzwanzig), welche den vierten Abschnitt bilden, handeln nochmals deutlich von den Ursachen der Herrschaftsverluste, wobei sich hier Machiavelli explizit auf Italien und dessen Regierungen und Herrscher bezieht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Über Machiavellis "Il Principe"
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Politikwissenschaft)
Note
2.0
Autor
Jahr
2006
Seiten
27
Katalognummer
V159757
ISBN (eBook)
9783640726783
ISBN (Buch)
9783640727544
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Machiavellis, Principe
Arbeit zitieren
Martin Teichmann (Autor), 2006, Über Machiavellis "Il Principe", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159757

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