Leben im Ring - Zur Körperlichkeit und Sozialität des Boxens

Integrative Betrachtung von Loïc Wacquants Feldstudie zum Boxen im amerikanischen Ghetto und Pierre Bourdieus Habitustheorie


Seminararbeit, 2009

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Das Milieu der Boxer
1.1 Beschreibung des Stadtteils und des Boxclubs
1.2 Das Verhaltnis zwischen Stadtteil und Boxclub
1.2.1 Eine symbiotische Oppositionsbeziehung
1.2.2 Das soziale Feld des Boxens
1.2.3 Die Illusio des Boxens

2 Die disziplinierte Routine des Boxers
2.1 Der Trainingsablauf
2.2 Der Habitus des Boxers

3 Der Korper des Boxers

Schlussbemerkung

Literatur

Einleitung

In den Jahren 1988 bis 1993 zieht es den franzosischen Soziologen Lo'i'c Wac- quant nach Chicago, Amerika, um dort im Rahmen seiner Dissertation die sozia- len Strategien von Jugendlichen im Ghetto zu untersuchen. Als er von einem Freund eingeladen wird, ein Gym im heruntergekommenen Stadtteil Woodlawn im Suden Chicagos zu besuchen, wahnt Wacquant hierin die Moglichkeit eines guten Ausgangspunktes fur seine Beobachtungen und beginnt schon bald als wei- be Minderheit im Woodlawn Club mit dem Boxtraining. In kurzester Zeit nimmt ihn diese Sportart und die Gemeinschaft in der er trainiert gefangen - zeitweise kann er sich ein Leben auberhalb dieses Mikrokosmos nicht mehr vorstellen, er- wagt sogar, die wissenschaftliche Karriere aufzugeben und Berufsboxer zu wer- den. Als ihn nach 16 Monaten ein trainingsbedingter Nasenbeinbruch zu einer Pause zwingt, in der er sich wieder vermehrt seinen Aufzeichnungen widmen kann, erkennt er im Boxsport das Potential einer soziologischen Analyse und hat ab diesem Zeitpunkt ein weiteres Forschungsfeld, dem er nachgehen kann. Seine Erkenntnisse hierzu schreibt er nieder in Leben fur den Ring - Boxen im ameri- kanischen Ghetto. Diese Erkenntnisse lassen sich in drei wesentlichen Aussagen zusammenfassen: 1. Das Boxen entspringt nicht einer beliebigen Umwelt. Es ist eingebunden in einen spezifischen sozialen Kontext, von dem es abhangig ist. 2. Das Boxen ist eine auberst disziplinierte Tatigkeit, die einen spezifischen Habitus erfordert, aber auch hervorbringt. 3. Der Korper ist das Kapital des Boxers, das gepflegt und geschutzt werden muss.

Entlang dieser zentralen Aussagen, sollen im Verlauf der vorliegenden Arbeit einerseits die Erkenntnisse und Beschreibungen Wacquants bezuglich des Boxens als soziales Feld rekurriert werden. Daruber hinaus sollen diese Erkenntnisse je- doch im Kontext der Theorien Pierre Bourdieus - mabgeblich seiner Habitus- Theorie - betrachtet werden. Wacquant war Schuler Bourdieus in Paris, ja, er kam nach eigenen Aussagen sogar erst durch die personliche Begegnung mit ihm zur Soziologie. Zeit ihrer wissenschaftlichen Arbeit haben beide dann auch immer wieder gemeinsam geforscht und geschrieben, entwickelten eine Freundschaft, die Bourdieu sogar dahin brachte, Wacquant im Woodlawn Club zu besuchen. Daher liegt es nahe, dass sich Wacquant den Methoden und Erkenntnisweisen seines Lehrers bedient und, wie er sagt, Bourdieu mit ins Feld nimmt.

1 Das Milieu der Boxer

1.1 Beschreibung des Stadtteils und des Boxclubs

Das Viertel, in dem Wacquant seine Exkursion in den Boxsport unternimmt, einst eines der lebhaftesten und geschaftigsten Chicagos, bietet Ende der 1980er Jahre nur noch ein trauriges Bild. Zerfallene Hauser, aufgerissene StraEen und wenige Geschafte pragen die Infrastruktur des mit 36.000 Seelen bewohnten, zu 96% af- ro-amerikanischen Stadtteils. In den 1950ern waren die rund 81.000 Einwohner noch uberwiegend Wei£e, bis eine rassistisch konnotierte Kommunalpolitik (Ne­gro removal) die soziale Segregation in Gang setzte, die bis 1980 nahezu das ge- samte offentliche Leben in Woodlawn zum Erliegen brachte.1 Nun, 1988, liegt das Viertel auf Rang 13 der Armutsskala der 77 Bezirke, ist damit also langst nicht das benachteiligtste. Die Einkommen liegen unter dem stadtischen Mittel- wert, 60% der Familien sind alleinerziehend und ebenso viele leben von der Sozi- alhilfe. Nur 34% der weiblichen und 44% der mannlichen, arbeitsfahigen Bevol- kerung ist erwerbstatig und mehr als die Halfte der Erwachsenen hat die chro- nisch unterfinanzierte, personell demoralisierte Regelschule nicht bis zu einem an- erkannten Abschluss besucht. Diese kann den Jugendlichen in einer Gegend, in der es im Umkreis von vier Kilometern keinen bedeutenden Arbeitgeber au£er der Universitat von Chicago gibt, aber auch langst keine sichere Zukunft mehr bieten. So kommt es, dass die Kids ihre Zeit eher auf der StraEe verbringen, die zuneh- mend zu einem Hort der Gewalt verkommt.

Verbrechen, so schreibt Wacquant, sind in der Gegend alltaglich und es gibt niemanden der nicht selbst schon einmal Opfer oder Zeuge von Gewalt gewesen ist oder einen engen Freund hat, dem solche widerfahren ist. Die Unsicherheit der StraEe verunmoglicht ein friedliches, geordnetes, offentliches Leben, sie unter- grabt die zwischenmenschlichen Beziehungen und bringt samtliche Aktivitaten des Alltags aus dem Gleichgewicht. Auch wenn es in einem angrenzenden Viertel (Murdertown) noch schlimmer zugehen soll, so liegt die durchschnittliche Lebens- erwartung in Woodlawn aufgrund von Drogenkonsum oder Mord bei nur 30 Jahren.2 Umso erstaunlicher ist es, dass es, auf einer der HauptstraEen gelegen, einen Ort gibt, an dem diese Zustande aufgehoben sind: den Woodlawn Club.

Der Woodlawn Club ist eine ortliche Einrichtung unter der Schirmherrschaft von The United Way, einer nationalen, karitativen Organisation, und beherbergt neben dem Boxclub (Gym) auch den Boys and Girls Club, der Schulerhilfe leistet, Ausfluge und Sportveranstaltungen organisiert. Unter dem Motto „The Club that Beats the Streets“ ist es das dringlichste Anliegen, die Jugendlichen der urbanen Exklusion zu entreiben. Dabei ist die Einrichtung allein auf Spenden angewiesen, erhalt Mittel nur fur den Gebaudeunterhalt und lebt vom ehrenamtlichen Enga­gement seiner Mitglieder. Lediglich fur den Boxclub wird ein Mitgliedsbeitrag von 10 Dollar jahrlich erhoben.3

Der im Souterrain des Gebaudes liegende Boxclub besteht im Wesentlichen aus der Trainingshalle, an die ein kleiner Raum als Trainerburo angeschlossen ist, sowie einer Dusche mit kleiner Garderobe. Aufgrund fehlender Klimaanlage und maroder Heizung ist es im Winter dort sehr kalt und im Sommer sehr heib. Die Wande, von denen der Putz brockelt, sind mit vergilbender Farbe gestrichen, die Turen der Raume sind verzogen und fur die Inneneinrichtung stehen nur die no- tigsten Mobel zur Verfugung. Schmuck gibt es nur in Form von Wimpeln, Pos­tern, Fotos, Zeitungsartikeln und anderen Trophaen, welche als Wandbehang dienen. Fur das Training ist in der Halle ein ca. 11 x 9m grober Bodenabschnitt mit Parkett ausgelegt, an der Wand stehen ein paar Spiegel fur das Schattenboxen. Es gibt Sandsacke und eine Punktbirne fur das Schlagtraining. Fur das Sparring steht in der Halle noch ein Ring zur Verfugung - im Wesentlichen ist das alles.

1.2 Das Verhaltnis zwischen Stadtteil und Boxclub

1.2.1 Eine symbiotische Oppositionsbeziehung

Der Boxclub offenbart in seiner Erscheinung ein ahnliches Bild wie das ihn umge- bende Viertel. Die Karglichkeit und der Zerfall scheinen sich in den Raumen fort- zusetzen, insofern kann man von einer Entsprechung sprechen. Andererseits aber besteht ein Unterschied im Umgang mit diesen Zustanden. Im Boxclub mag es zwar armlich aussehen, es ist aber aufgeraumt und sauber. Wacquant nennt dieses Phanomen die „symbiotische Oppositionsbeziehung“4 und meint damit, dass et- was zum gegenseitigen Nutzen beieinander existieren kann, auch/selbst wenn es sich voneinander unterscheidet. Bezuglich der Einrichtung des Gym sieht das nun eben so aus: die Armut der Strabe setzt sich in der Armut des Boxclubs zwar fort, sie wird hier jedoch anders arrangiert, man geht anders mit ihr um, es gibt also eine Art Ungleichheit im Gleichen und umgekehrt. Diese Erscheinung findet sich nicht nur im Materiellen, sie setzt sich in den Hierarchien und Personlichkeiten des Boxclubs fort.

Die Mitglieder des Clubs rekrutieren sich entsprechend der Lage im Ghetto uberwiegend aus der Unterschicht, stellen aber auch hier nicht die Benachteiligts- ten dar. Sie kommen aus dem Randbereich der Arbeiterklasse, haben mehr oder weniger regelmabige Jobs (einer von ihnen ist immerhin bei der stadtischen Feu- erwehr angestellt), so dass sie im Allgemeinen nicht zu denjenigen gehoren, die ihren Unterhalt durch Dealen und Raub bestreiten mussen. Im Gegenteil: Weil es im Gym um die „Vermittlung moralischer und korperlicher Dispositionen“5 geht und die materiellen Schranken eines Clubbeitritts (10 Dollar Mitgliedsbeitrag pro Jahr) quasi nicht vorhanden sind, findet eine Auswahl bezuglich der personlichen Stabilitat des Kandidaten statt. Ein geregeltes Leben, Sinn fur Disziplin und physi- sche sowie mentale Askese, sind die Voraussetzungen fur eine regelmabige und erfolgreiche Teilnahme am Training. Ob ein Kandidat geeignet ist, zeigt sich ent- weder bereits im Verlauf des kleinen Vorstellungsgespraches (das dem Kandidat haufig die Illusion dessen nimmt, was dieser sich bislang unter einem Boxtraining vorstellte), spatestens aber an den Lernfortschritten im Training. Das Training ist gewissermaben der Indikator, der uber das Training hinaus auf die Lebensweise des Individuums verweist. Die Fluktuation unter diesen Bedingungen ist entspre- chend hoch, 90% der Anfanger sind nach kurzer Zeit wieder weg. Neben all den Restriktionen, die gegen das Laissez-faire des Ghettos gerichtet sind, gibt es je- doch auch Momente in der Herkunft der Mitglieder, die sich der Boxsport zunut- ze macht, mabgeblich den Korper, der das nennenswerte Kapital des Boxers dar- stellt sowie die Erfahrung, ihn im Kampf einzusetzen. Schlage auszuteilen und einzustecken ist etwas, was man erst lernen muss und nicht jeder kann das. Im Ghetto lernen die Kids jedoch schon sehr fruh die gewalttatige Auseinanderset- zung in Form von Prugeleien, sie haben also schon ein „Gefuhl“ fur den Einsatz ihres Korpers im Kampf. Fur viele von ihnen stellt sich dann im Laufe des Lebens die Frage, ob sie diese „Fahigkeit“ weiter im Kampf um die Vorherrschaft der Strabe einsetzen und dabei das Risiko eingehen, in der Spirale der Gewalt unter- zugehen (oder alles zu gewinnen) oder sie im Boxclub in eine geregelte Form zu uberfuhren, die sie einerseits vor der Illegalitat bewahrt und andererseits bei ent- sprechendem Einsatz auch eine sportliche Karriere bieten kann. Wir finden in die- sen Voraussetzungen das Moment von Kontiguitat und Kontinuitat wieder, in dem sich insbesondere das mannliche Ethos im Boxclub fortsetzt, der einen emi­nent mannlichen Raum darstellt.6 Das Verhalten der Strabe wird jedoch nicht u- bernommen, sondern transformiert. Durch strenge Disziplin gilt es, die Gewalt zu kodifizieren und pazifizieren. Dies kommt unter anderem zum Ausdruck, wenn man im Boxclub nicht von Kampfen (to fight), sondern ausschlieblich von Boxen (to box) spricht. Diesen Wandel konnen jedoch nicht alle Anfanger bestreiten, weshalb das Boxen im Ghetto auch den „Ausschluss der Ausgeschlossensten"7 bedeutet.

Es zeigt sich also, dass Boxclub und Boxer „irgendwie passen“ mussen und Abweichungen nur in einem bestimmten Mabe ertraglich sind. Als das vermit- telnde Moment kann hier der Habitus als das „Erzeugungsprinzip objektiv klassi- fizierbarer Formen von Praxis"8 verstanden werden. Die Anfanger mussen eben ein bestimmtes Verhalten (Praxis im Boudieu'schen Sinne) mitbringen, um den Erwartungen des Clubs zu entsprechen. Dabei ist es jedoch nicht so, dass dieses Verhalten bereits fix und fertig ist:

„Was der neu Eintretende tatsachlich in dieses Spiel hineinbringen muss, ist nicht der Habitus, der hier stillschweigend oder explizit verlangt wird, son­dern ein Habitus, der praktisch kompatibel sein oder eine genugende Nahe aufweisen und der vor allem formbar und geeignet sein muss, um sich in ei- nen konformen Habitus konvertieren zu lassen, der, kurz gesagt, kongruent und lernfahig, das heifit offen fur die Moglichkeit der Restrukturierung ist."9 "

Damit spielt sich am unteren Ende der Gesellschaft (wenn man das Ghetto und seine Bewohner als solches auffassen will) eben dasselbe ab wie im Kreise der Eliten.10 In die Gemeinschaft aufgenommen werden nur diejenigen, die sich an- passen konnen und das heibt mabgeblich auch, an die Spielregeln des Kreises zu glauben, dem man beitritt. Hier lassen sich dann auch zwei weitere, wesentliche Begriffe Bourdieus einfuhren: soziales Feld und Illusio.

1.2.2 Das soziale Feld des Boxens

Bei einem sozialen Feld handelt es sich, grob umrissen, um das soziale System, in dem der Habitus zum Tragen kommt. Soziale Felder sind abgegrenzte, soziale Sektoren, wie sie nur in einer arbeitsteiligen, differenzierten Gesellschaft vor- kommen konnen.11

[...]


1 Vgl. Loic Wacquant: Leben fur den Ring. Boxen im amerikanischen Ghetto, Konstanz 2003, S. 22ff.

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. ebd., S. 34ff.

4 Ebd., S. 60

5 Ebd., S. 47

6 Vgl. ebd, S. 58f.

7 Ebd., S. 47

8 Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt a.M. 1987, S. 277

9 Pierre Bourdieu zit. n. Beate Krais u. Gunter Gebauer: Habitus, Bielefeld 2002, S. 61f.

10 Wie sehr etwa - neben der formalen Qualifikation - die Rekrutierung fur das Topmanagement auch von Personlichkeitseigenschaften und gegenseitigem Verstandnis und Vertrauen abhangt, zeigt besonders Michael Hartmann: Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft, Frankfurt a.M. 2002

11 Vgl. Krais/Gebauer a.a.O., S. 55

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Leben im Ring - Zur Körperlichkeit und Sozialität des Boxens
Untertitel
Integrative Betrachtung von Loïc Wacquants Feldstudie zum Boxen im amerikanischen Ghetto und Pierre Bourdieus Habitustheorie
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Historische und sozialtheoretische Perspektiven der Körpersoziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V159758
ISBN (eBook)
9783640726820
ISBN (Buch)
9783640864829
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Boxsport, Boxen, Ghetto, Loic Wacquant, Pierre Bourdieu, Habitus, Habitustheorie, Körperlichkeit, Körpersoziologie, Sozialisation, Soziale Felder, Boxstudio
Arbeit zitieren
Christian Heitland (Autor), 2009, Leben im Ring - Zur Körperlichkeit und Sozialität des Boxens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159758

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