In der vorliegenden Arbeit zum Hauptseminar „Herrschaftsverträge im Mittelalter“ möchte ich mich mit dem Thema „Verträge zwischen Gott, König und Volk im Alten Testament“ beschäftigen. Dabei soll versucht werden darzustellen, inwieweit Textstellen im Alten Testament zu finden sind, die vertragsähnliche Formalien aufweisen und folglich auch als eine Art Vertrag angesehen werden können. Um den Bogen zum Hauptseminar zu spannen, möchte ich die alttestamentarischen Verträge - oder zumindest vertragsähnlichen Fragmente - in einen formalen Vergleich zu einem Vertrag aus dem Mittelalter stellen. Es sollen dabei durchaus existierende Parallelen bei den Formalien aufgezeigt werden, obgleich hier doch Vertragsarten verglichen werden, bei denen - zwischen dem Dekalog und einer mittelalterlichen Urkunde - immerhin eine Zeitspanne von über 1500 Jahren liegt
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begrifflichkeiten
2.1 Der Vertrag
2.2 Der Bund
3. Bund und Ritus
4. Philologische Untersuchungen zum Begriff „Bund“
5. Die Vertragsgestalt des Bundes und die deuteronomische Reform
6. Formgeschichtlicher Vergleich des Dekalogs an einem hethitischen Vasallenvertrag nach Mendenhall
7. Vertragsgeschichtliche Herkunft des alttestamentarischen Bundes
8. Kritik an formgeschichtlichen Vergleichen
9. Bundeserneuerung und Bundesbestätigung im Alten Testament
10. Die verschiedenen Bundesvorstellungen
11. Zusammenfassungen über den Stand der theol. Diskussionen
12. Vergleich vertragsähnlicher Fragmente
12.1 Entstehungsvorgang einer mittelalterlichen Urkunde
12.2 Form und Aufbau einer mittelalterlichen Urkunde
13. Formgeschichtlicher Vergleich
14. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Frage, inwieweit Textstellen des Alten Testaments vertragsähnliche Formalien aufweisen und als eine Art Vertrag angesehen werden können. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf einem formalen Vergleich dieser alttestamentarischen Vertragsfragmente mit einer mittelalterlichen Urkunde, um Parallelen in der rechtlichen Struktur über zeitliche Grenzen hinweg aufzuzeigen.
- Analyse des Begriffsverständnisses von „Bund“ und „Vertrag“ im alttestamentarischen Kontext
- Formgeschichtlicher Vergleich zwischen dem biblischen Dekalog und hethitischen Vasallenverträgen
- Untersuchung der Bedeutung von Ritus und Kult beim Abschluss alttestamentarischer Bünde
- Vergleichende Analyse der formalen Struktur einer frühmittelalterlichen Königsurkunde
- Kritische Würdigung der theologiegeschichtlichen Forschung zum Thema Bundesformular
Auszug aus dem Buch
6. Formgeschichtlicher Vergleich des Dekalogs an einem hethitischen Vasallenvertrag nach Mendenhall
Mendenhall unterzieht den Dekalog, Gottes Zehn Gebote an Moses und sein Volk Israel (Ex 20,1-21 sowie Dtn 5,1-22), einem formgeschichtlichen Vergleich mit den hethitischen Vasallenverträgen.
Die Hethiter waren ein kleinasiatisches Volk mit indogermanischer Sprache, deren Reich seit etwa dem zweiten Jahrtausend existierte und ca.1200 v. Chr. durch den Ansturm der Seevölker zu Grunde ging. Der monarchisch regierte Feudalstaat der Hethiter pflegte es, die Fürsten unterworfener Länder mit Vasallenverträgen an den Hethiterkönig zu binden, dabei genossen die Fürsten innenpolitisch weiterhin Eigenständigkeit.
Eben diese Vasallenverträge untersucht Mendenhall im Vergleich zum biblischen Dekalog. Das normale Aufbauschema der Vasallenverträge, wie sie von den Königen des Hethiterreichs geschlossen wurden, war wie folgt:
1) Eine Präambel, in welcher der Großkönig eingeführt wird
2) Eine Form geschichtlichen Prologs, welcher die vorrangigen Beziehungen zwischen den beiden vertragsschließenden Parteien beschreibt
3) Vertragliche Bestimmungen, durch die der Charakter des neu geschaffenen Vertragsverhältnisses dargestellt wird
4) Eine Urkundenklausel, eine Verordnung über die Aufbewahrung der Vertragsurkunde im Tempel und deren regelmäßiges, öffentliches Verlesen (im Mittelalter war dieses öffentliche Verlesen zum Vollzug eines Rechtsgeschäfts ebenso Brauch, s.u., „Vergleich vertragsähnlicher Elemente“)
5) Eine Liste (göttlicher) Zeugen des Vertrags
6) Eine Fluch- und Segensformel, wobei der Fluch bei vertraglicher Untreue, der Segen hingegen von der Treue zum Vertrag abhängig gemacht wurde
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der vertragsähnlichen Strukturen im Alten Testament und Erläuterung des Vergleichs mit mittelalterlichen Urkunden.
2. Begrifflichkeiten: Definition der Begriffe Vertrag und Bund unter Berücksichtigung sowohl allgemeiner als auch mittelalterlicher Rechtsvorstellungen.
3. Bund und Ritus: Untersuchung der kultischen Aspekte und des rituellen Charakters bei der Schließung von Bünden.
4. Philologische Untersuchungen zum Begriff „Bund“: Analyse der hebräischen Wurzeln und der Bedeutung des Rechtsverhältnisses zwischen den Partnern.
5. Die Vertragsgestalt des Bundes und die deuteronomische Reform: Diskussion der theologischen Entwicklung Israels und des Einflusses der Reformen auf das Bundesverständnis.
6. Formgeschichtlicher Vergleich des Dekalogs an einem hethitischen Vasallenvertrag nach Mendenhall: Anwendung des hethitischen Vertragsmodells auf den biblischen Dekalog.
7. Vertragsgeschichtliche Herkunft des alttestamentarischen Bundes: Erörterung der mesopotamischen und hethitischen Einflüsse auf die altorientalischen Vertragsformen.
8. Kritik an formgeschichtlichen Vergleichen: Auseinandersetzung mit theologischen Gegenstimmen zur Anwendbarkeit des profanen Vertragsmodells auf den Gottesbund.
9. Bundeserneuerung und Bundesbestätigung im Alten Testament: Darstellung der rituellen Erneuerung des Bundes bei Krisen oder Führungswechseln.
10. Die verschiedenen Bundesvorstellungen: Analyse weiterer Metaphern für den Bund, wie Ehe und Adoptivsohnschaft.
11. Zusammenfassungen über den Stand der theologischen Diskussionen: Bilanz der Forschung zur Relevanz des Bundesformulars im Leben Israels.
12. Vergleich vertragsähnlicher Fragmente: Vorbereitung des direkten formellen Vergleichs durch Erläuterung mittelalterlicher Urkundenmerkmale.
13. Formgeschichtlicher Vergleich: Synoptische Gegenüberstellung des hethitischen Vertrags, des Dekalogs und einer mittelalterlichen Königsurkunde in tabellarischer Form.
14. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der These, dass dem Dekalog eine bewusste Vertragsabsicht zugrunde liegt.
Schlüsselwörter
Altes Testament, Dekalog, Bund, Vertrag, Vasallenvertrag, Hethiterreich, mittelalterliche Urkunde, Bundesformular, Rechtsgeschichte, Gott, Israel, Formgeschichte, Theologie, Lehnsrecht, Treueverhältnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, ob die im Alten Testament beschriebenen Bünde zwischen Gott und seinem Volk als Verträge im rechtlichen Sinne verstanden werden können, indem sie diese mit außerbiblischen Vertragsformen vergleicht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind das Verständnis von Bund und Vertrag, die Anwendung formgeschichtlicher Methoden auf biblische Texte und der Vergleich dieser Strukturen mit mittelalterlichem Urkundenwesen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass im Alten Testament Textstellen mit vertragsähnlichen Formalien existieren, die sich formal in eine Struktur einordnen lassen, die auch bei zeitlich deutlich späteren mittelalterlichen Urkunden zu finden ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen formgeschichtlichen Vergleich, bei dem Textstrukturen (Präambel, Prolog, Bestimmungen, etc.) zwischen hethitischen Staatsverträgen, dem biblischen Dekalog und einer mittelalterlichen Königsurkunde gegenübergestellt werden.
Welche Schwerpunkte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Definition von Begriffen, der philologischen Untersuchung des Begriffs „Bund“, der Kritik an formgeschichtlichen Analysen und einer detaillierten tabellarischen Gegenüberstellung der Vertragsmerkmale.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die wichtigsten Begriffe sind Altes Testament, Dekalog, Bundesformular, Vasallenvertrag, Rechtsgeschichte und mittelalterliche Urkunde.
Warum wird eine mittelalterliche Urkunde zum Vergleich herangezogen?
Der Autor möchte den Bogen zum Hauptseminar „Herrschaftsverträge im Mittelalter“ spannen und aufzeigen, dass formale Parallelen in der Dokumentation von Rechtsgeschäften über einen Zeitraum von über 1500 Jahren hinweg existieren.
Wie bewertet die Arbeit die Kritik an formgeschichtlichen Vergleichen?
Die Arbeit erkennt an, dass es berechtigte theologische Einwände gibt, hält jedoch daran fest, dass die formale Übereinstimmung der Texte (z.B. historische Aufzählung, Bedingungen, Segen/Fluch) als starkes Indiz für eine vertragsähnliche Absicht gewertet werden kann.
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- Martin Teichmann (Author), 2008, Verträge zwischen Gott, König und Volk im Alten Testament, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159759