Der amerkanische Präsidentschaftswahlkampf 2008 in den deutschen Printmedien

Eine Inhaltsanalyse überregionaler Tageszeitungen


Diplomarbeit, 2009

176 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Relevanz des Themas und Problembeschreibung
1.2 Zielsetzung und Forschungsfrage
1.3 Aufbau der Arbeit

2 Wirklichkeitskonstruktion durch die Medien
2.1 Unterschiedliche Positionen in der Realitätsdiskussion
2.2 Folgen der mediatisierten Wirklichkeitskonstruktion

3 Agenda- s etting
3.1 Theorie und Bedeutung
3.2 Intervenierende Variablen
3.3 Agenda-s etting auf zweiter Ebene

4 Auslandsberichterstattung
4.1 Вegriffliche Abgrenzungen
4.1.1 Auslands] oumalismus und Auslandsberichterstattung
4.1.2 Auslands] oumalismus und Reis ej oumalismus
4.2 Entwicklung und Funktion
4.3 Aktueller F orschungs stand
4.3.1 Studien zur Auslandsberichterstattung
4.3.2 Studien zur Berichterstattung über Wahlen im Ausland
4.4 Probleme und Herausfordemngen

5 Qualität in der Berichterstattung
5.1 Die Qualitätsdimensionen nach Haller, Schatz und Schulz
5.2 Das Qualitätskriterium Objektivität
5.3 Inhaltliche Tendenzen in der Berichterstattung

6 US-Berichterstattung über den Wahlkampf 2008
6.1 Allgemeine wahlkampfberichterstattung
6.2 Kandidaten in der Berichterstattung
6.3 Tendenzen in der Berichterstattung
6.4 Themen in der Berichterstattung

7 Grundlagen der Untersuchung
7.1 Die überregionalen Tageszeitungen
7.1.1 Süddeutsche Zeitung
7.1.2 Frankfurter Allgemeine Zeitung
7.1.3 Die Welt
7.1.4 Frankfurter Rundschau
7.2 Der Präsidentschaftswahlkampf in Amerika
7.2.1 Besonderheiten des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes
7.2.2 Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf 2008
7.2.2.1 Weltpolitischer Hintergrund
7.2.2.2 Wahlkampfspezifische Ereignisse

8 Konzeption der empirischen Untersuchung
8.1 Inhaltsanalyse als Methode
8.1.1 Definition der Inhaltsanalyse
8.1.2 Prozess der Erkenntnisgewinnung
8.2 Konzeption der vorliegenden Inhaltsanalyse
8.2.1 Besonderheit der vorliegenden Untersuchung
8.2.2 Untersuchungszeitraum
8.2.3 Untersuchungsgegenstand und -einheit
8.2.4 Hypothesenbildung
8.2.4.1 Hypothesen zur Berichterstattung allgemein
8.2.4.2 Hypothesen zur Berichterstattung durch Ausländskorrespondenten ..
8.2.4.3 Hypothesen zur Themenagenda in der Berichterstattung
8.2.4.4 Hypothesen zu inhaltlichen Tendenzen in der Berichterstattung
8.2.5 Kategorienbildung
8.2.6 Reliabilitätstest
8.2.7 Durchführung der Inhaltsanalyse

9 Ergebnisse der Untersuchung
9.1 umfang der в erichterstattung
9.2 Präsentation der Berichterstattung
9.2.1 Positioniemng in der Zeitung und Beachtungsgrad
9.2.2 D arstellungsformen
9.2.3 В eitragsurheber
9.3 Agenda- s etting
9.3.1 Anlässe für die Berichterstattung
9.3.2 Aufgegriffene Themen
9.3.3 Themenentwicklung im Verlauf der Beobachtungswochen
9.4 Qualitätskriterien
9.4.1 Trennung von Nachricht und M einung
9.4.2 Strukturelle und inhaltliche Vielfalt
9.5 Tendenzen in der Berichterstattung
9.5.1 Skandalisiemng in der Berichterstattung
9.5.2 Negativismus und Konflikthaltigkeit in der Berichterstattung
9.5.3 Personalisierung in der Berichterstattung
9.5.3.1 Personalisierung in den Bildern
9.5.3.2 Personalisierung in den Überschriften
9.5.3.3 Personalisierung in den Beiträgen

10 Prüfung der geschlossenen Hypothesen
10.1 Hypothesenprüfung zur Berichterstattung allgemein
10.2 Hypothesenprüfung zur Korrespondentenberichterstattung
10.3 Hypothes enprüfung zur Themenagenda
10.4 Hypothesenprüfung zu inhaltlichen Tendenzen

11 Beantwortung der Forschungsfrage
11.1 Inhaltliche Forschungsfragen
11.2 В eantwortung der strukturellen F orschungsfragen

12 Fazit und Ausblick

13 Anhang
I Literatur
II Codebuch für die Inhaltsanalyse
III Analysierte Artikel der Inhaltsanalyse
IV Ergebnistabellen zur Inhaltsanalyse

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Verteilung der analysierten Beiträge auf die Medien

Abbildung 2: Entwicklung der Beitragszahlen im Wochenverlauf

Abbildung 3: Entwicklung der Beachtungsgrade im Wochenverlauf

Abbildung 4: Verteilung der Beiträge auf Medien und Darstellungsformen

Abbildung 5: Verteilung der Darstellungsformen auf Beitragsurheber

Abbildung 6: Von den Medien aufgegriffene Themen

Abbildung 7: Entwicklung der Themen in Wochenverlauf

Abbildung 8: Trennung von Nachricht und Meinung

Abbildung 9: Prozentuale Verteilung der Darstellungsformen auf die analysierten Beiträge

Abbildung 10: Tendenzen in der Berichterstattung über Barack obama

Abbildung 11: Tendenzen in der Berichterstattung über John McCain

Abbildung 12: Tendenzen in der Berichterstattung über Sarah Palin

Abbildung 13: Kandidaten in der Bildberichterstattung

Abbildung 14: Personalisiemng im Titel

Abbildung 15: Personenorientiemng in den Beiträgen

Abbildung 16: Umfang der Wortbeiträge im Wochenverlauf

Abbildung 17: Vorwiegende Bezüge auf Barack obama und John McCain im Wochenverlauf

Abbildung 18: Präsenz der Kandidaten in der Berichterstattung im Wochenverlauf 101 Abbildung 19: Präsenz von Sarah Palin in der Berichterstattung im Wochenverlauf...

Abbildung 20: Bezug zu Sarah Palin in der Berichterstattung im Wochenverlauf.

Abbildung 21: Bezug zu Joe Biden in der Berichterstattung im Wochenverlauf

Abbildung 22: Darstellungsformen von Ausländskorrespondenten und anderen Beitragsurhebem

Abbildung 23: Stellungnahme und Kritik von unterschiedlichen Beitragsurhebem

Abbildung 24: Politische Themen in der Berichterstattung

Abbildung 25: Positive und negative Berichterstattung über die Kandidaten im wochenverlauf.

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Wahlkampfbezogene Ereignisse im Untersuchungszeitraum

Tabelle 2: Anteil eines durchschnittlichen Wahlkampf-Beitrages am Seitenumfang des jeweiligen Mediums

Tabelle 3: Positive, negative und ausgewogene Tendenzen in Bezug auf die Kandidaten

Tabelle 4: Nennung der Kandidaten in Titeln der Beiträge

Tabelle 5: Bezüge zu Barack obama und John McCain in den Beiträgen

Tabelle 6: Wertung durch Korrespondenten und Redaktionen in Prozent

Tabelle 7: Informierende und meinungsäußernde Darstellungsformen und ihre Verteilung auf Beitragsurheber

Tabelle 8: Positive und negative Tendenzen in der Berichterstattung über Sarah Palin

Tabelle 9: Bezüge zu den Kandidaten in der Berichterstattung

Tabelle 10: Bezüge zu den Kandidaten in der Berichterstattung

Tabelle 11: Beachtungsgrade der Berichterstattung über die Kandidaten

Tabelle 12: Verteilung der analysierten Beiträge auf die Medien

Tabelle 13: Verteilung der analysierten Beiträge auf Medien und Beobachtungswochen

Tabelle 14: Verteilung der Beachtungsgrade auf Beobachtungswochen

Tabelle 15: Verteilung der Darstellungsformen auf Medien

Tabelle 16: Verteilung der Darstellungsformen auf Beitragsurheber

Tabelle 17: Verteilung der analysierten Beiträge auf Medien und Themen

Tabelle 18: Verteilung der Themen auf Beobachtungswochen

Tabelle 19: Verteilung von Wertung durch Beitragsurheber auf Darstellungsformen..

Tabelle 20: Verteilung der analysierten Beiträge auf Darstellungsformen

Tabelle 21: Verteilung der Obama-Tendenzen in analysierten Beiträgen

Tabelle 22: Verteilung der McCain-Тendenzen in analysierten Beiträgen

Tabelle 23: Verteilung der Biden-Tendenzen in analysierten Beiträgen

Tabelle 24: Verteilung der Palin-Tendenzen in analysierten Beiträgen

Tabelle 25: Kandidaten im Bild in analysierten Beiträgen

Tabelle 26: Nennung der Kandidaten in den Titeln der Beiträge

Tabelle 27: Verteilung der Personenorientierung auf analysierte Beiträge

Tabelle 28: Verteilung des Umfangs der Wortbeiträge der Kandidaten auf analysierte Beiträge

Tabelle 29: überwiegender Bezug zu obama und McCain in den analysierten Beiträgen

Tabelle 30: Kandidatenpräsenz im Wochenverlauf in den analysierten Beiträgen mit hoher Personenorientierung

Tabelle 31: Präsenz von Sarah Palin im Wochenverlauf.

Tabelle 32: Palin-Bezug im Wochenverlauf in analysierten Beiträgen mit hoher Personenorientiemng

Tabelle 33: Biden-Bezug im Wochenverlauf in analysierten Beiträgen

Tabelle 34: Darstellungsformen von Ausländskorrespondenten und anderen Вeitragsurhebem

Tabelle 35: Stellungnahme und Kritik in Kommentaren, Leitartikeln und Glossen

Tabelle 36: Positive und negative Kandidatenbezüge im Wochenverlauf.

1 Einleitung

״Yes, we can“: Der Schlachtruf seiner Kampagne schallte durch Chicago und von dort hinaus in die USA und die ganze Welt. Als am Abend des 4. Novembers 2008 um 23 Uhr Ortszeit feststand, dass soeben der erste afroamerikanische Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden war, kannten die Anhänger Barack Obamas in seiner Heimatstadt kein Halten mehr. Kurz nach Mitternacht betrat er zusammen mit seiner Familie die Bühne im Grant Park und winkte den Menschen dort und denen vor den Bildschirmen zu. Es war in Erfüllung gegangen, wovon zu Zeiten des Bürgerkrieges mnd 150 Jahre zuvor kaum jemand zu träumen gewagt hatte. ״Wenn noch irgendjemand daran zweifelt, dass Amerika ein Land ist, in dem alles möglich ist - der bekommt den heutigen Abend als Antwort“ (Spiegel Online 2008, Stand: 06.12.2008), begann der 44. Präsident der USA folglich seine Siegesrede in Chicago. Ein historischer Tag für Amerika, ein historischer Tag für die Welt.

Denn mit Barack obama hatten die US-amerikanischen Wahlberechtigten nicht nur einen neuen Präsidenten für ihr Land gewählt. Sie hatten gleichzeitig einen neuen Oberbefehlshaber für die derzeit einzige Supermacht der Welt bestimmt - und damit eine neue Führungsperson für die freie Welt. Angesichts dieser einflussreichen Position verwundert es nicht, dass auch außerhalb der Vereinigten Staaten der Präsidentschaftswahlkampf 2008 mit großem Interesse beobachtet wurde. Vor allem in befreundeten Ländern wie Deutschland erlebten die Menschen das Werben um Wählerstimmen aus der Ferne mit, bildeten sich Meinungen zu den verschiedenen Kandidaten und entwickelten Erwartungen an die künftige US-Politik. Das alles konnten sie nur deshalb, weil auch deutsche Medien so ausführlich berichteten, als ginge es um eine Wahl im eigenen Land.

Dementsprechend hatten die Deutschen eine dezidierte Meinung zum Wahlkampf in Amerika[1]: Im Juni 2008, fünf Monate, bevor die Amerikaner wählten, wünschten sich 77 Prozent von 1000 befragten Deutschen Barack obama als Nachfolger von George w. Bush, nur 10 Prozent[2] [3] sprachen sich für den republikanischen Kandidaten John McCain aus (vgl. Emnid 2008, Stand: 11.06.2008).[3] Zur gleichen Zeit hielten sich die tatsächlichen Wähler, die Amerikaner[4] nämlich, in ihren Präferenzen die Waage: In einer Umfrage der Gallup-Organisation zwischen dem 23. und 25. Juni 2008 verteilten sich die Stimmen der 2605 Befragten ausgeglichen zu jeweils 44 Prozent auf Barack Obama und John McCain (vgl. Gallup 2008, Stand: 28.07.2008). Während die amerikanischen Wahlberechtigten die Chance hatten, die Präsidentschaftskandidaten bei einem ihrer unzähligen Wahlkampfauftritte persönlich zu sehen und zu hören und sich dadurch eine eigene Meinung von ihnen zu bilden, hatten die Deutschen - bis auf wenige Ausnahmen - ausschließlich die Massenmedien[5] zur Meinungsbildung zur Verfügung. An diesem Punkt setzt die vorliegende Untersuchung an.

1.1 Relevanz des Themas und Problembeschreibung

Obwohl die Auslandsberichterstattung zu den Bereichen gehört, die medienwissenschaftlich gut erforscht sind, lassen sich empirische Untersuchungen zur Berichterstattung über Wahlkämpfe und Wahlen im Ausland seltener finden. Das bemängelte der Medienwissenschaftler und Empiriker Jürgen Zeh bereits 1992, als er sich explizit zu fehlenden Untersuchungen von Berichten über Wahlkämpfe und Wahlen im Ausland äußerte: Er finde diesen Zustand verwunderlich, weil Wahlen für Gesellschaft und Staat eine so wichtige Funktion zukomme. Somit müsse die Analyse der Berichterstattung über Wahlkämpfe in anderen Ländern besonders dafür geeignet sein, Aussagen darüber abzuleiten, wie die Presse über die politische Kultur und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen eines Landes informiere (vgl. Zeh 1992: 9).״Sachverhalte, bei denen ein Ereignis in einem Land (Wahlen) [Klammem im Original, d.v.] mit einem Ereignis in einem anderen Land (Berichterstattung über diese Wahlen) [Klammem im Original, d.v.] verknüpft wird, finden selten Eingang in Forschungsstrategien, die auf die Erklämng von individuellem Wahlverhalten ausgerichtet sind“ (Zeh 1992: 35).

Daran hat sich bis heute wenig geändert. Zwar sind in den vergangenen 17 Jahren einige Studien zur Berichterstattung über Wahlen im Ausland entstanden - im Vergleich zum Gros der Studien über Auslandsberichterstattung ist ihre Zahl jedoch immer noch verschwindend gering.[6] Was darüber hinaus in der Literatur fehlt, und wo diese Diplomarbeit ansetzen will, ist eine detaillierte Analyse der deutschen Medien, die über den Wahlkampf in Amerika berichten. Selbst eine ausführliche und ausgedehnte Literaturrecherche hat keine Untersuchung zu Tage gefördert, in der die deutsche Berichterstattung zu diesem Thema ausführlich analysiert worden wäre. Diese Forschungslücke soll mit der vorliegenden Arbeit - zumindest was den Wahlkampf um das Amt des 44. Präsidenten der USA angeht - geschlossen werden.

1.2 Zielsetzung und Forschungsfrage

Die Auslandsberichterstattung der Medien ist für deren Rezipienten neben eigenen Erfahrungen durch Besuche vor Ort und Berichten aus zweiter Hand die Grundlage dafür, dass sie aktuelle und überdauernde Vorstellungen von fremden Ländern und deren Bewohner entwickeln können (vgl. Zeh 1990: 169). Daraus ergibt sich, dass Ausländskorrespondenten mit ihrer Berichterstattung die politischen Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen im eigenen Land beeinflussen können (vgl. ebd.). Aus diesem Gmnd möchte die vorliegende Diplomarbeit sich in einer explorativen Querschnittanalyse folgender Forschungsfrage widmen:

Wie berichteten die deutschen überregionalen Tageszeitungen über den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2008?[7]

Dieser Forschungsfrage untergeordnet werden die folgenden Zusatzfragen, die Grundlage für mehrere amerikanische Studien zur US-Berichterstattung über Wahlen waren (vgl. Benoit/Stein/Hansen 2005: 360; Fico/Cote 1999: 127), unterteilt nach Inhalt und Struktur:

Inhalt:

1. Was war in der Berichterstattung das häufigste Thema, das die Zeitungen in den Mittelpunkt rückten und wie entwickelte sich die Themensetzung im Laufe der untersuchten Wochen? Welche Rückschlüsse auf das Agenda-Setting der Zeitungen lassen sich daraus ziehen?
2. Wie verhielten sich themenbezogene und politische zu personalisierter В erichterstattung?
3. Lässt sich eine Systematik von positiver und negativer Tendenz in der Berichterstattung und in der Darstellung der Protagonisten erkennen? Fielen inhaltliche Tendenzen wie Personalisiemng, Skandalisiemng und Negativismus dabei zu Lasten oder zu Gunsten der einen oder der anderen Partei aus?
Struktur:
4. Wie verhielten sich die Wortbeiträge, also direkte und indirekte Zitate, der beiden politischen Lager zueinander?
5. Gab es einen Unterschied im Umfang der Berichterstattung, die sich Demokraten und Republikanern widmete? Dazu zählt auch der Platz in den einzelnen Untersuchungseinheiten, den Artikeln, der den Parteien und ihren Spitzenkandidaten jeweils zugestanden wird.
6. Lässt sich ein Unterschied in der Berichterstattung über beide politische Lager erkennen, im Hinblick auf Platziemng der Artikel und die damit verbundene Prominenz in der Zeitung, in der Bebildemng und dem Bildinhalt?

Bei all diesen Fragen soll jeweils auch untersucht werden, wie sich die einzelnen Zeitungen im Erkenntnisschwerpunkt der einzelnen Zusatzfragen voneinander unterscheiden oder welche Gemeinsamkeiten sie aufweisen. Sind diese Fragen beantwortet, lassen sich Rückschlüsse ziehen auf das Informationsmaterial, das deutschen Rezipienten zur Verfügung gestellt wurde und das damit deren Bild von den Kandidaten, der beteiligten Parteien und deren Wahlkampf geprägt hat. Weil der Wahlkampf jedoch schon lange vor dem Wahltermin am 4. November 2008 begann und eine Vollerhebung deshalb den Rahmen einer Diplomarbeit sprengen würde, konzentriert sich die vorliegende Untersuchung auf die Hochphase des Wahlkampfes. Diese entspricht den acht Wochen vor dem Wahltag. Zudem findet eine Einschränkung statt, was die untersuchten Medien angeht: Es wird die Berichterstattung der überregionalen deutschen Tageszeitungen Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung und Die Welt untersucht.

Das Forschungsinteresse dieser Diplomarbeit gilt dabei ausdrücklich nicht der psychologischen Ebene der Selektionsentscheidungen der Auslandsberichterstatter oder derjenigen Journalisten, die in den deutschen Redaktionen über den Inhalt der Politikberichterstattung ihrer Zeitung entscheiden. Wie sie Informationen auswählen, verarbeiten und präsentieren, war bereits Inhalt unzähliger Untersuchungen im In- und Ausland.[8] Diese Arbeit möchte sich auch nicht eingliedem in die Reihe derer, die kommunikationswissenschaftliche Theorien über Nachrichtenwerte und -faktoren in den Mittelpunkt stellen, und sie hat auch nicht zum Ziel, das Amerikabild systematisch zu analysieren, das durch die US-Berichterstattung bei deutschen Rezipienten erzeugt wird. Zwar hat sich die Autorin in der Vorbereitung auf die vorliegende Arbeit intensiv mit all diesen Bereichen auseinander gesetzt, doch werden sie nur im Theorieteil zur Abrundung des Themas Eingang in die Untersuchung finden.

1.3 Aufbau DER Arbeit

Um die Forschungsfrage zu beantworten, die dieser Arbeit zugrunde liegt, ist ein theoretischer Unterbau notwendig, der nicht nur den Rahmen bildet für die analysierte Berichterstattung, sondern gleichzeitig auch das Gerüst für die darauf folgende empirische Untersuchung. So beschäftigt sich der Theorieteil zum einen mit den Rahmenbedingungen der Untersuchung, zum anderen mit der bereits vorhandenen empirischen Datenlage.

Am Anfang des theoretischen Unterhaus steht der Einfluss der Medien auf die Wirklichkeitskonstruktion ihrer Rezipienten, auch, wenn weder Medienrezipient noch die Wirkung der Medien auf ihn im Mittelpunkt des Forschungsinteresses stehen. Unmittelbar damit zusammen hängt die kommunikationswissenschaftliche Theorie des Agenda-Setting. Auch hier soll ein Überblick die spätere Untersuchung stützen.

Zwar beschäftigt sich die vorliegende Arbeit in der empirischen Untersuchung nur mit einem Teilaspekt der Auslandsberichterstattung, nämlich der Wahlkampfberichterstattung. Trotzdem komplettiert ein Kapitel über die Berichterstattung über das Ausland den Hintergrund, vor dem die untersuchten Artikel zu bewerten und einzuordnen sind. Auf die entsprechenden Akteure und Ausländskorrespondenten wird dabei nur am Rande eingegangen. Sie waren in den vergangenen Jahren bereits mehrmals Forschungsobjekt am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft in Leipzig.[9] Umso größeres Augenmerk wird dagegen auf den Aspekt der journalistischen Qualität gelegt, weil diese anhand mehrerer ausgewählter Gesichtspunkte im Hinblick auf die deutsche Berichterstattung über den amerikanischen Wahlkampf einer Prüfung unterzogen werden soll.

Im empirischen Teil der Arbeit werden die untersuchten Zeitungen kurz vorgestellt, allerdings ausschließlich in den Aspekten, die für die Untersuchung für Belang sind. Auf die Inhaltsanalyse als Forschungsinstmment wird ebenso eingegangen wie auf ihre Operationalisierung in der vorliegenden Untersuchung. Die daraus abzuleitenden Ergebnisse und ihre Bedeutung für die Hypothesen, die aufzustellen sind, bilden das Kernstück dieser Arbeit. Hier wird auch die Forschungsfrage nach der deutschen Print­Berichterstattung über den amerikanischen Wahlkampf beantwortet werden.

Im Schlussteil der Arbeit werden dann Forschungsschritte und Erkenntnisse noch einmal zusammengefasst und mit einem Ausblick versehen.

2 Wirklichkeitskonstruktion durch die Medien

Weil die Wirklichkeitskonstruktion durch die Medien für die vorliegende Untersuchung und die folgenden Kapitel des Theorieteils von grundlegender Bedeutung ist, wird diese im Folgenden behandelt. Sowohl für die Betrachtung der Auslandsberichterstattung, als auch für die Qualitäts diskussion und die Einschätzung der amerikanischen Berichterstattung über den Präsidentschaftswahlkampf wird das Wissen darüber, welche Rolle Medien für das Realitätsverständnis ihrer Rezipienten spielen, als unabdingbar betrachtet.

2.1 Unterschiedliche Positionen in der Realitätsdiskussion

״Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ (Luhmann 2004: 9). Dieser viel zitierte Satz des Soziologen und Gesellschaftstheoretikers Niklas Luhmann gilt insbesondere, wenn die Berichterstattung über das Ausland im Mittelpunkt einer Betrachtung steht (vgl. Kapitel 4). Denn in einer Welt, in der immer mehr Medien auf immer mehr Wegen immer mehr Information liefern, verlieren Primärerfahrungen für Rezipienten an Bedeutung. Oder, wie der Kommunikationswissenschaftler Klaus Merten formuliert: ״[...] die Modi menschlicher Erfahrung [werden] immer mehr an die Massenmedien abgetreten [...]“ (Merten 1994: 158). Mertens Folgemng: Medien entfalten Kommunikation und diese wiederum konstruiert Wirklichkeiten (vgl. ebd.). Doch wie genau das Verhältnis von dieser konstruierten Wirklichkeit[10] zur realen Wirklichkeit aussieht, ist Gegenstand eines grundlegenden wissenschaftlichen Meinungsstreits, der über mehrere Jahrzehnte aus getragen wurde - und teilweise heute noch schwelt.

Grundsätzlich lassen sich in diesem Streit drei Positionen unterscheiden (vgl. Meier 2007: 173f):

1. Medien als Spiegel der Wirklichkeit: Diese Auffassung benennt Winfried Schulz (1989: 140) nach dem Astronomen und Mathematiker Claudius Ptolemäus die ptolemäische Position. Flier gilt es als Aufgabe des J oumalismus, ein möglichst getreues und genaues Abbild der Wirklichkeit darzustellen. Gleichzeitig unterstellt diese Position dem Journalismus jedoch auch eine Verzerrung der Realität und das Potential zum Manipulieren und Schaden der Gesellschaft. Aus dieser Auffassung resultieren in der Regel massive Medienkritik und vermutete Manipulation. Sie führt zur Fordemng nach stärkerer Kontrolle und sogar Zensur.
2. Kollektives Bemühen um gemeinsame Realität: Diese Position bringt Schulz (1989: 142) mit dem Astronomen Nikolaus Kopernikus in Verbindung und nennt sie folglich die kopemikanische Auffassung. Hier wird Journalismus als ein aktives Element im sozialen Prozess betrachtet, aus dem eine Vorstellung von Wirklichkeit hervorgeht. Die selektive Wahrnehmung des Journalismus ist erwünscht, weil sie zur Beseitigung von Unsicherheit beiträgt. Die Aufmerksamkeitsregeln dieser Posiüon stimmen weitgehend mit der menschlichen Wahrnehmung überein. Es ist schwer festzustellen, ob Journalismus die Realität verzerrt, weil die Wahrnehmung von Realität immer ein soziales Konstrukt ist. Medienkritik im Sinne der kopemikanischen Auffassung zielt auf professionelle journalistische Standards ab.
3. Radikaler Konstruktivismus: Nach dieser Auffassung ist die Wirklichkeit an sich nicht erkennbar, sondern bemht ständig auf den Konstruktionen eines Beobachters (vgl. Pörksen 2005: 177ff). Diese Konstruktionen erfolgen nicht beliebig, sondern vielfältig, bedingt durch Einflussfaktoren wie beispielsweise Natur, Kultur oder Geschichte. Mit dieser Posiüon geht einher, dass dogmaüsche Wahrheitsansprüche abgelehnt, die Verantwortung für eigene Wirklichkeitskonstruktion übernommen und Toleranz gegenüber anderen Wirklichkeiten geübt wird.

Der Leipziger Medienwissenschaftler und Empiriker Werner Früh sieht die Diskussion über die Wirklichkeitskonstruktion durch Medien vor allem als eine philosophische Frage danach, ob der Mensch mit seinen Erkenntnismöglichkeiten überhaupt einen Zugang zu seiner Umwelt hat. Schließlich gehe es bei der Realitätsvermittlung durch Massenmedien um ״medienvermitteltes Weltwissen“: Die tatsächliche Ereignisrealität wird verarbeitet zu einer Medienrealität, die wiedemm umgearbeitet wird zu einer Publikumsrealität (vgl. Früh 1994: 16). Es handle sich hierbei, so Früh, um ein weites, weil interdisziplinäres Problemfeld. Das hege darin begründet, dass es ontologische, erkenntnistheoretische Fragen mit kognitionspsychologischen Forschungsarbeiten zu Wahrnehmung und Gedächtnis verbinde, die wiedemm auf sprach- und schließlich kommunikahonswissenschafthche Erkenntnisse treffen (vgl. ebd.: 21).

Zwei Erkenntnisse spielen dabei gmndsätzlich in das Themenfeld hinein: Dass es eine Welt außerhalb der eigenen Person gibt und dass weder eine völlig sichere, objeküve Aussage darüber möglich ist, wie diese Welt aussieht, noch darüber, wie die Modalität ihres Seins oder ihr Umfang beschaffen sind (vgl. ebd.). Beides setzt beispielsweise Niklas Luhmann voraus, wenn er sich für den operaüven Konstruktivismus ausspricht und erklärt, dass es dabei immer um die Frage ״Wie konstmieren die Massenmedien die Realität“ gehen muss, und nicht um ״Wie verzerren die Massenmedien die Realität durch ihre Darstellung?“ (Luhmann 2004: 19). Er betrachtet die Massenmedien als ein Funktionssystem der modernen Gesellschaft, bei dem die Unterscheidung zwischen Information und Nichtinformation im Mittelpunkt steht. Verschiedene Selektoren wie beispielsweise Neuigkeitswert, Konflikte, lokaler Bezug, Normverstöße und Quantitäten entscheiden dann darüber, ob die Entscheidung zu Gunsten des Codes״Information“ oder״Nichtinformation“ ausfällt (ebd.: 58ff.)

Luhmann kommt zu dem Ergebnis, zu dem auch andere Wissenschaftler gelangen und das für die vorliegende Arbeit konstitutiv sein soll: Dass es die Funktion der Massenmedien nicht sein kann, Öffentlichkeit zu produzieren, sondern lediglich, diese zu repräsentieren (vgl. ebd.: 120). Das Mediensystem bietet den Rezipienten also Modelle und Strategien an, mit denen sie Wirklichkeit konstmieren können - und zwar auf eine Art und Weise, die sich bereits im Bemühen um einen ständigen Konsens mit der Gesellschaft bewährt hat (vgl. Marcinkowski 1994: 47). Der Philosoph und Kommunikationswissenschaftler Siegfried J. Schmidt erweitert diesen Gedanken, indem er feststellt:״Wirklichkeitskonstruktion widerfährt uns mehr als daß sie uns bewußt wird - weshalb wir die Konstmiertheit unserer Wirklichkeit erst dann bemerken, wenn wir beobachten, wie wir beobachten, handeln und kommunizieren...“ (Schmidt 1994: 5). Den Prozess der Wirklichkeitskonstruktion sieht er im Individuum und in den Diskursen sozialer Systeme in Gesellschaften verankert (ebd.: 8). Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass eine repräsentative Abbildung der Realität nicht Aufgabe der Medien sein kann. Die selektive Darstellung der Wirklichkeit ist eine Notwendigkeit, ohne die Medienberichterstattung nicht möglich ist. ob der Rezipient dabei ein Wirklichkeitsbild entwickelt, das der Ereignisrealität entspricht, lässt sich wissenschaftlich nicht überprüfen. Das liegt in der Unmöglichkeit begründet, Realität als Reinkultur festzustellen und als Prüfstein anzuwenden (vgl. Hafez 2002: 16). Denn diese Wirklichkeit müsste unbeeinflusst sein von subjektiver Informationsverarbeitung, Selektion und Strukturierung - und ist damit nicht existent (vgl. Schulz 1989: 143).[11] Winfried Schulz stellt aber auch eines ganz deutlich heraus: Dass die Diskussion um Realismus und Konstruktivismus in all ihrer epischen Breite und ihren interdisziplinären Variationen vor allem in der Wissenschaft eine Rolle spielt (vgl. ebd.). Im Alltag komme es vielmehr darauf an, dass Wirklichkeitskonstrukte plausibel seien und als Handlungsbasis taugten, dass folglich Nachrichten von denen, die sie erfahren, als״wirklich“ akzeptiert werden könnten (vgl. Schulz 1989: 143; ders. 1990: 28). Dann nämlich könne der Leser, Hörer oder Zuschauer dem Medium eine objektive Berichterstattung zugestehen.

2.2 Folgen der mediatisierten Wirklichkeitskonstruktion

ob sich aus der plausiblen und alltagstauglichen Medienrealität, die Journalisten durch Selektion, Verarbeitung und Präsentation von Inhalten konstruieren, Probleme ergeben, ist von mehreren Faktoren abhängig. So ist es unter anderem entscheidend, in welchem Maß die Medien die Realität verzerrt darstellen. Nicht umsonst existieren innerhalb des Journalismus Kriterien der Professionalität, die gewährleisten sollen, dass der Verzerrung entgegengewirkt oder diese kenntlich gemacht wird. Dazu zählen beispielsweise die Postulate der Transparenz, die Angabe von Quellen, die Überprüfungsrecherche, die Trennung von Nachricht und Meinung sowie Objektivität (vgl. u.a. Haller 2003: 183 ff.).

Eine wesentliche Rolle bei der Betrachtung von Herausfordemngen im Umgang mit Medieninhalten spielt der tatsächliche Einfluss, den die Medien mit ihrer Berichterstattung auf Rezipienten und Gesellschaft haben. Bei einem Publikum, das passiv agiert und sich stark an den Medien ausrichtet, sind eher negative Folgen durch die Konstruktion der Medienrealität zu erwarten. Anders verhält es sich bei einem Publikum, das im Rezeptionsprozess eine aktive Rolle übernimmt. Dieses entscheidet sich bewusst für bzw. gegen bestimmte Medieninhalte und bezieht bei der Konstruktion seiner Weitsicht neben den Medien noch andere intervenierende Variablen mit ein (vgl. u.a. Merten/Schmidt/Weischenberg 1994: 361f.). Dass Journalisten jedoch über ihre Berichterstattung tatsächlich Einfluss auf die Realität ausüben, haben unter anderem Kepplinger und Roth mit ihrer Fallstudie״Creating a Crisis“ (1978) nachgewiesen. Sie stellten fest, dass die Medien im Winter 1973/74 eine Ölkrise erzeugten, indem sie den unzutreffenden Eindmck einer dramatischen Ölknappheit vermittelten und damit Panikkäufe bei den Rezipienten auslösten, die dann wiedemm zu einer tatsächlichen Ölkrise führten. Andere Studien, die die Realitätstreue in der Berichterstattung zu unterschiedlichen Themen überprüften, kamen ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die Massenmedien oft ungenau und verzerrt berichten.[12] Allerdings besteht in der Forschung Uneinigkeit darüber, welche Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen gezogen werden müssen.

Ein zu berücksichtigender Faktor bei der Wirklichkeitskonstruktion durch Medien ist, dass sich Probleme aus der selektiven Darstellung der Realität umso eher ergeben, je konstanter die Medien berichten. Im folgenden Kapitel wird deshalb die Medienwirkungstheorie des Agenda-Setting betrachtet werden. Die Theorie geht davon aus, dass Medien die Wirklichkeit ihrer Rezipienten formen, indem sie Themen in die öffentliche Diskussion einschleusen und ihnen durch Platzierung und Häufigkeit eine spezifische Relevanz zuschreiben. Diese lässt sich in einer Themenrangordnung abbilden (vgl. Kapitel 3). Darüber hinaus muss der Einfluss von Medien auf die Wirklichkeitskonstruktion in denjenigen Themenfeldern als besonders groß eingestuft werden, bei denen es Rezipienten nicht möglich ist, auf eigene Erfahrungen zurückzugreifen. Die Auslandsberichterstattung, mit deren Spezialgebiet ״Berichterstattung über Wahlen im Ausland“ sich die vorliegende Studie befasst, gehört zu diesen Themenfeldern. Sie wird ebenfalls ausführlich betrachtet (vgl. Kapitel 4).

3 Agenda-Setting

Nachdem im vorangehenden Kapitel ausführlich darauf eingegangen wurde, wie die Medien Wirklichkeit konstmieren, soll an dieser Stelle mit dem Agenda-Setting eine der medienwissenschaftlichen Theorien der Nachrichtenauswahl erläutert werden, die maßgeblich an der Realitätsauffassung der Rezipienten beteiligt ist.[13] Auf die Erläuterung anderer Theorien wird in der vorliegenden Arbeit bewusst verzichtet, weil diese keinen konkreten Beitrag zur Befriedigung des Erkenntnisinteresses leisten und somit den Rahmen der Untersuchung sprengen würden.

3.1 Theorie und Bedeutung

Die״Bilder in den Köpfen“ der Menschen von der״Welt draußen“, wie Walter Lippmann (1997) sie nennt, beruhen in den seltensten Fällen auf primärer Erfahrung des Rezipienten mit seiner Umwelt (vgl. Kapitel 2 und 4). Der Mensch ist auf eine indirekte Umweltwahmehmung angewiesen, die er durch die Massenmedien erfahren kann. Deshalb gehört das Strukturieren des öffentlichen Themenhaushalts zu den am wenigsten umstrittenen Funktionen der Medien. Dieses Strukturieren, auch als Agenda­Setting bezeichnet, beschreibt einen Zusammenhang zwischen der Ereignisrealität, der Berichterstattung über diese Realität und der Sicht der Realität, wie sie der Rezipient entwickelt. Dabei bestehen viele methodische Unsicherheiten in der Kommunikationsforschung. Sie entstehen bei der Suche nach der Wirkung der Medien und resultieren aus der Unmöglichkeit, die Medieneinflüsse auf den Rezipienten von anderen Einflüssen zu isolieren. Nichtsdestotrotz ist die Agenda-Setting-Hypothese[14] unter Forschem weniger umstritten als andere Ansätze. In der vorliegenden Arbeit soll Agenda-Setting als einer der theoretischen aber auch methodischen Ausgangspunkte bezeichnet werden.

Denn seit Walter Lippmann (1997) das Konzept des Agenda-Setting beschrieben hat - auch wenn er ihm in seinem Buch״Public Opinion“ 1922 noch nicht den entsprechenden Namen gab - sind mehr als 400 empirische Forschungen entstanden, die sich mit dem Verhältnis von Medien- und Publikumsagenda beschäftigen. Dazu gehört auch die Untersuchung, deren Urheber dem Konzept ihren Namen gaben: Die Chapel Hill Studie von Maxwell McCombs und Donald Shaw aus dem Jahr 1972, die mit einer Kombination aus Inhaltsanalyse und Umfrage den Zusammenhang zwischen Medienagenda und Publikums agenda[15] während des US-Präsidentschaftswahlkampfes 1968 untersuchten (vgl. McCombs/Shaw 1972) und als lineare Kausalitätsbeziehung nachwiesen. McCombs (1977) war es auch, der drei mögliche Wirkungsmodelle für das Agenda-Setting entwarf:

1. Awareness-Modell: Die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein (Awareness) der Rezipienten für ein Thema entstehen dadurch, dass die Medien diesen Sachverhalt thematisieren.
2. Salience-M odeli: Rezipienten gestehen verschiedenen Themen unterschiedliche Bedeutung zu, weil diese Themen von den Medien unterschiedlich hervorgehoben werden (Salience = Vorspmng).
3. Priorities-Modell: Dass Medien Themen und Sachverhalte in ihrer Berichterstattung unterschiedlich gewichten, wirkt sich nicht nur auf die allgemeine Bedeutung aus, die die Rezipienten dem Thema beimessen. Darüber hinaus schlägt sich die von den Medien angewandte Liste der Prioritäten (Priorities) spiegelbildlich in der Rangfolge wider, in die Rezipienten die Themen einordnen.

Zwar hat die Forschung die Kausalitätsbeziehung von Shaw und McCombs inzwischen verworfen und betrachtet die Themenstrukturierung durch Medien heute nur noch als einen von mehreren Faktoren bei der öffentlichen Themensetzung. Die Idee, die hinter dem Agenda-Setting steht, hat sich jedoch nicht verändert. Sie besagt, dass die Themenauswahl der Medien die Vorstellung der Rezipienten davon, wie relevant ein Thema[16] zu einem bestimmten Zeitpunkt ist, beeinflusst. Als besonders groß ist hierbei der Einfluss von Printmedien einzuordnen: Wer hauptsächlich Zeitungen konsumiert, ist einem stärkeren Effekt ausgesetzt als Menschen, die sich hauptsächlich über das Fernsehen informieren. Das liegt darin begründet, dass gedruckte Medien Inhalte besser hervorheben können und eine intensivere und individuellere Nutzung möglich ist (vgl. Kunczik/Zipfel 2005: 359f.).

Besonders groß ist die Agenda- Setting Wirkung außerdem, wenn die internationale mit der nationalen Ebene oder die nationale mit der lokalen Ebene verglichen wird: Je größer die geographische Entfernung zwischen Rezipient und Ereignisrealität ist und je weniger der Rezipient auf Primärerfahrung zurückgreifen kann, umso größer und länger anhaltend ist die Agenda-Setting-Wirkung (vgl. Wu 1998: 495 ff.). Vor diesem Hintergrund bezeichnet Michael Schenk (1987: 194) Agenda-Setting als Prozess der Erzeugung von ״Aufmerksamkeit“, ״Wissen“ und ״Problembewusstsein“ über bestimmte Vorgänge. Die Massenmedien bestimmen also durch die Publikationshäufigkeit, die Aufmachung und den Umfang eines Themas mit, welche Probleme als besonders wichtig angesehen werden und welche die Rezipienten für vemachlässigbar halten. Die Agenda-Setting-Hypothese kann mit den Worten von Maxwell McCombs also als eine ״Theorie über den Transfer von Salienz“[17] bezeichnet werden (McCombs 2000: 123). Wie wichtig ein Thema tatsächlich ist, hat nichts oder nur wenig damit zu tun, wie wichtig es in der Ereignisrealität ist, sondern damit, welche gefilterte Realität die Medien abbilden (vgl. u.a. Dearing/Rogers 1996: 50).

Im Hinblick auf die Auslandsberichterstattung ergeben sich nach Kai Hafez beim Agenda-Setting drei Problemkomplexe. Diese sind die Themenagenden als Strukturelemente des medialen Auslandsbildes, die Entstehungsbedingungen medialer Themenagenden im Kontext gesellschaftlicher Diskursformierung über außenpolitische und internationale Fragen und die gesellschaftlichen Wirkungspotentiale der Auslandsberichterstattung (vgl. Hafez 2002: 110).

3.2 Intervenierende Variablen

Dabei darf jedoch nicht übersehen werden, dass es so genannte ״intervenierende Variablen“ gibt, die die Ausprägung des Agenda-Setting-Effekts beeinflussen: Sensibilisierung und Betroffenheit verstärken den Effekt, genauso wie das Orientiemngsbedürfnis des Rezipienten - vor allem, wenn es um eine zukunftsweisende Wahl in Amerika geht -, das zu vermehrter Mediennutzung führt. Bedrohlichkeit und Negativismus in der Berichterstattung verstärken den Effekt ebenfalls - zwei Komponenten, die in die vorliegende Erhebung auf der Suche nach inhaltlichen Tendenzen mit einfließen werden.

Die Platziemng eines Themas ist der wichtigste Faktor, den die Agenda-Setting- Forschung festgestellt hat. Dieser kann vor allem bei Printprodukten wirken. Je eindeutiger ein Sachverhalt ist und je klarer die Fakten, mit denen er präsentiert wird, umso größer ist der Agenda-Setting-Effekt. Schließlich und endlich spielen auch noch diejenigen Themen beim Agenda-Setting eine Rolle, die parallel zu einem untersuchten Thema auf der Medienagenda stehen. Da beim Agenda-Setting von einem Nullsummenspiel ausgegangen wird, bei dem ein neues Thema ein altes Thema verdrängt, kommen Verzermngen zustande (vgl. ebd.).

3.3 Agenda-Setting auf zweiter Ebene

Agenda-s etting findet nicht nur auf der Ebene statt, in der die Themenrelevanz der Medien von den Rezipienten für die eigene Themenrelevanz übernommen wird. Es gibt auch eine zweite Ebene des Agenda-Setting, auf der Attribute von Themen und ihre Übernahme durch den Medienkonsumenten eine Rolle spielen. Indem bestimmte Aspekte eines Themas oder einer Person in der Berichterstattung hervorgehoben und andere ignoriert werden, setzen Journalisten nicht nur Trends, sondern sie gewinnen auch politische Einstellungen und treffen eine politische Auswahl (vgl. Rhomberg 2007: 130). Auf dieser zweiten Ebene des Agenda-Settings wird die Wirkung der Medienagenda auf die Einstellungen und das Verhalten des Publikums integriert, und das Agenda-Setting-Potenzial wird auf einzelne Attribute hin betrachtet. Deshalb sprechen etliche Autoren von ״Attribute Agenda-Setting“ (vgl. u.a. ebd.). Nicht ״wie oft“ und ״in welchem Umfang“ berichtet wird, ist hier relevant, sondern ״wie“ und ״was“. Im Forschungsinteresse steht dabei, wie sich das Agenda-Setting auf die Einschätzungen und das Bewusstsein des Publikums auswirkt. Die Frage lautet: ״In welchem Ausmaß wird die Auffassung von einem Objekt durch das Bild geformt und beeinflusst, das die Medien von ihm entwerfen, besonders mit Blick auf die von den Medien verwendeten Attribute?“ (McCombs 2000: 125) Eine eindeutige Trennung zwischen Agenda-Setting auf erster und zweiter Ebene kann nicht vollzogen werden: Die ״in der Medienberichterstattung hervorgehobenen Objekt-Eigenschaften beeinflussen nicht nur, wie die Öffentlichkeit über das Objekt denkt, sondern auch, welchen Stellenwert dieses Objekt in der Prioritäten-Liste des Medien-Publikums zugewiesen bekommt“, fasst Günther Lengauer (2007: 91) dazu zusammen.

Ein gutes Beispiel, um Agenda-Setting auf erster und zweiter Ebene miteinander zu verbinden, ist die Berichterstattung über Wahlen. Auf erster Ebene kann hier die Relevanz von Kandidaten für das Amt über ein Set von Objekten vermittelt und von der Öffentlichkeit übernommen werden: Je öfter und umfassender über Kandidat X berichtet wird, umso höher wird seine Wichtigkeit gegenüber Kandidat Y in der Bevölkemng eingestuft. Gleichzeitig wird in der Berichterstattung aber auch von beiden Politikern ein Image aufgebaut. Dies geschieht über die Attribute, die ihnen in den Berichten zugeschrieben werden - beispielsweise im Zusammenhang mit ihrer Vergangenheit, ihren Hobbies, ihrer Familie, ihren Stärken und Schwächen. Hier spricht man bereits von Agenda-Setting auf zweiter Ebene.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Bei Agenda-Setting auf erster Ebene steht im Mittelpunkt, welche Themen von den Medien hervorgehoben und demnach von der Öffentlichkeit als wichtig empfunden werden. Auf der zweiten Ebene richtet sich der Fokus anschließend darauf, wie über Themen und politische Akteure berichtet wird und wie sie dadurch wahrgenommen werden. Darüber hinaus ist Agenda-Setting ein integraler Bestandteil des Framing-Konzepts. Günther Lengauer liefert die Erklärung für diesen Zusammenhang: ״Präsentations-, Definitions- und Interpretationsmuster - also Effekte auf den Ebenen von fìrst level agenda-setting und second level agenda-setting [Hervorhebung im Original, d. v.] - in Bezug auf Objekte ergeben frames. Diese frames generieren sich aus formalen und inhaltlichen /гаше-Mechanismen und verschmelzen somit agenda-setting und framing integra tiv. Die salience of objects [Agenda-Setting auf erster Ebene, d. V.] und die salience of attributes [Agenda-Setting auf zweiter Ebene, d. v.] wirken etwa im Bezug auf media frames (Struktur der Medienberichterstattung zu einem bestimmten Objekt) komplementär, rekursiv und wechselseitig und nicht voneinander abgelöst oder gar nachrangig“ (Lengauer 2007: 92).

Bernhard Cohens viel zitierter Satz ״It [the press, d. V.] may not be successful most of the time in telling people what to think, but it is stunningly successful in telling its readers what to think about”, muss also mit McCombs revidiert werden und zwar insofern als dass ״die Medien uns nicht nur (sagen), worüber wir nachdenken sollen, sie sagen uns auch, wie und was wir darüber denken sollen, und möglicherweise sogar, was wir dann tun sollen” (McCombs 2000: 134).

4 Auslandsberichterstattung

4.1 Begriffliche Abgrenzungen

In der medien- und kommunikationswissenschaftlichen Fachliteratur werden die Begriffe Auslands]oumalismus und Auslandsberíchterstattung zwar überwiegend synonym verwendet. Bei genauer Betrachtung jedoch lassen sie sich voneinander abgrenzen, weshalb an dieser Stelle ihre Unterscheidung erläutert werden soll. Darüber hinaus erscheint es unerlässlich, den Auslands]oumalismus von einem weiteren Subsystem des Journalismus, dem Reisejoumalismus[18], abzugrenzen, da sich auch hier teilweise die Bedeutungszuweisungen in der Literatur überschneiden.

4.1.1 Auslandsjournalismus und Auslandsberichterstattung

Im systemtheoretisch modellierten Journalismus, der sich als soziale Konstruktion versteht, ״die in einer bestimmten Zeit bestimmte Merkmale aufweist, wodurch sie bestimmte benötigte Leistungen erbringen kann“ (Weischenberg/Kleinsteuber/Pörksen 2005: 133)[19], haben sich verschiedene Strukturen geformt. Diese sollen den Journalismus seiner Funktion gerecht werden lassen und dafür sorgen, dass er die von ihm erwarteten Leistungen für Publikum und diverse System-Umwelten erbringt. Zu diesen Strukturen gehören Subsysteme wie der Auslands- und der Reisejoumalismus. Während Auslandsjournalismus für das Subsystem im Journalismus steht, bezeichnet Auslandsberíchterstattung die Inhalte und Prozesse dieses Subsystems. Auslandsberichterstattung also ist die Umsetzung des Auslandsjournalismus in schriftliche, auditive, visuelle und audio-visuelle Beiträge, die dann in Print, FLörfünk, Fernsehen oder Internet veröffentlicht werden, verwirklicht von im Auslandsjournalismus tätigen Journalisten. Auslandsberichterstattung umfasst die Nachrichtenproduktion über Ereignisse außerhalb der nationalstaatlichen Grenzen des Landes, in dem sich die entsprechende Redaktion des Mediums befindet und manifestiert sich in den im Journalismus üblichen Darstellungsformen. Auf der informierenden Seite stehen die Nachricht und der Bericht sowie Reportage, Feature, Interview und analysierender Bericht. Auf der meinungsäußernden Seite stehen der Kommentar und die Glosse[20]. Mit den Worten von Kai FFafez kann unter Auslandsberichterstattung ״jedes System der journalistischen Informationsübermittlung verstanden werden, in dessen Verlauf Informationen und Nachrichten staatliche Grenzen überschreiten“ (FFafez 2002: 24). FFieraus wiedemm lässt sich eine Definition für Auslandsjournalismus ableiten: Er ist folglich das Leistungssystem des Journalismus, das durch Kommunikation über Ereignisse, Tatbestände und Entwicklungen im Ausland in allen relevanten Massenmedien generiert wird.

4.1.2 Auslandsjournalismus und Reisejournalismus

Wie bereits erwähnt, zählen Auslands]ournalismus und Reisejournalismus neben anderen zu den Subsystemen des Journalismus. Dabei unterscheiden sie sich jedoch grundlegend voneinander. Denn während Auslandsjoumalismus - wie in Kapitel 4.1.1 dargelegt - die Kommunikation über tatsächliche Ereignisse, Tatbestände und Entwicklungen im Ausland darstellt, geht es im Reisejoumalismus dämm, den Aspekt eines realen Besuches oder auch die Befriedigung von Neugier und Exotik in den Vordergmnd zu stellen (vgl. Kleinsteuber 2005: 403). ״Von der Auslandsberichterstattung unterscheidet sich Reisejournalismus durch unterhaltende, dokumentierende und erzählende Darstellungsformen“ (ebd.), erklärt Hans Joachim Kleinsteuber und nennt als typische Darstellungsform die Reportage, die aus Gründen des Nutzwertes mit optisch abgesetzten Informationen über Kosten, Möglichkeiten der Anreise und Übernachtung und ähnlichem angereichert wird. Aber auch kürzere Darstellungsformen wie Nachricht oder Bericht können im Reisejoumalismus zum Einsatz kommen, wenn es um die knappere Vermittlung von Tatsachen geht (vgl. ebd.). So lässt sich Auslandsjoumalismus von Reisejournalismus anschaulich abgrenzen, indem zusätzlich zu Kleinsteuber der Leipziger Medienwissenschaftler Lutz Mükke (2008: 2) hinzugezogen wird: ״Neue geopolitische Konstellationen (im

Auslandsjoumalismus, Anm. d. V.) führten zur Hinwendung zu neuen Mega-Themen wie Globalisierung, Kampf der Kulturen, islamistischer Terrorismus, Rohstoff- und Ressourcenproblematiken oder EU-Themen“, schreibt er in einem Dossier des Interessenverbandes Netzwerk Recherche und verdeutlicht damit den aktuellen und relevanten Bezug der Auslandsberichterstattung zur Wirklichkeit. ״Reisejoumalismus wird immer der Sehnsucht des Lesers nach Selbstfindung und Selbstverlust Rechnung tragen“, schreibt dagegen Kleinsteuber über Reisejournalismus.

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass es im Auslandsjoumalismus in erster Linie um die gezielte Vermittlung von Fakten über ein im Ausland verwurzeltes Thema geht, meist ohne das Ziel, beim Rezipienten eine unmittelbare Reaktion hervorzurufen. Reisejoumalismus dagegen zielt stets darauf ab, seinen Rezipienten zum Nachreisen zu animieren.

4.2 Entwicklung und Funktion

Theoretisch betrachtet war die Bedeutung von Auslandsberichterstattung nie so groß wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts (vgl. Scherer et alt. 2006: 201). Zwischen 1955 und 2003 hat sich die Zahl der Leser, die angeben ״politische Meldungen und Berichte aus dem Ausland“ immer zu lesen, beinahe verdoppelt (vgl. Meyen 2004: 190). Spätestens die Terroranschläge vom 11. September 2001 oder der Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers und die anschließende Weltwirtschaftskrise 2008 und 2009 haben der Welt vor Augen geführt, welch globale Dimension Ereignisse inzwischen annehmen können und wie eng Nationen miteinander verstrickt sind. Folglich muss auch der Informationsaustausch zwischen den Ländern der Welt einen hohen Wert einnehmen. Zwar bemängeln Medienwissenschaftler gmndsätzlich, dass zu Zeiten des Kalten Krieges die internationale Aufmerksamkeit höher war als rund 20 Jahre nach seinem Ende (vgl. u.a. Hafez 2002: 150), doch ist seit den Terroranschlägen 2001 das Interesse an Auslandsberichterstattung wieder gestiegen - wenn auch mit einem Fokus auf Fragen des internationalen Terrorismus und verwandter Themen (vgl. Mükke 2008: 2). Die Praxis jedoch zeigt, dass gerade die Auslandsberichterstattung in Deutschland zunehmend an Bedeutung verliert. Schuld daran, so manifestiert Lutz Mükke (ebd.) sei auf der einen Seite eine stärkere Selbstbezüglichkeit als Folge der größeren Bedeutung von Inlandsberichterstattung und der Tendenz zu Regionalisierung und Lokalisierung. Auf der anderen Seite nehme der Deutschlandbezug in der Auslandsberichterstattung zu. Das ״Ausland“ spielt also in der ״Auslandsberichterstattung“ eine immer geringere Rolle. Zeitgleich ist die Zahl der Menschen, die Primärerfahmngen mit fremden Ländern - und vor allem den USA - sammeln, trotz enger wirtschaftlicher Beziehungen, kulturellen Austauschs, sozialer Verbindungen und guter Flugverbindungen noch immer gering.[21] Deshalb stellen Medieninhalte für viele ihrer Rezipienten die einzige Quelle dar, aus der sie ihre Informationen über andere Länder beziehen.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass Auslandsberichterstattung heute unter anderen Vorzeichen entsteht als noch vor wenigen Jahren. Galten Korrespondenten lange Zeit als Experten in fernen und unbekannten Ländern, so ist ihr Informationsvorspmng heute stark geschmolzen: Kabel, Satellit und Internet binden selbst entlegene Regionen der Erde an das Weltgeschehen an und transportieren Nachrichten von einem Ende der Welt an das andere (vgl. Wagner 2001: 13). Wer einen Computer besitzt, hat Zugang zur Welt und ist auf die Berichterstattung von Korrespondenten nicht zwingend angewiesen. Die Aussage von Wolfgang Pütz aus dem Jahr 1993, dass die Presse - auch und gerade im Bereich der Auslandsberichterstattung - die Nachrichten anstelle der Bürger beschaffen und verarbeiten müsse (ders. 1993: 55), kann eineinhalb Jahrzehnte später so nicht mehr gelten.

Dementsprechend hat sich die Aufgabe von Ausländskorrespondenten von der eines reinen Berichterstatters hin zu der eines Interpreten gewandelt. Heute soll er zwar immer noch schnell und umfassend berichten, gleichzeitig aber das Ereignis bewerten und einordnen. Er ist dafür zuständig, das Land, in dem er arbeitet, zu erklären. Denn sein Publikum soll begreifen und verstehen, was vor sich geht - jenseits der bloßen Tatsachen (vgl. ebd.). Diese Arbeit jedoch geschieht, wie bereits erwähnt, mit beschleunigten Produktionsprozessen und einem größeren Konkurrenzdruck als noch vor wenigen Jahren. Die Folge: ״Journalisten sitzen täglich vor ihren Computern, Radios und Fernsehern und verfolgen die Themenagenden der eigenen Branche, wobei sie auf zwei Mediengruppen fokussieren - die direkte Konkurrenz und die nationalen und internationalen Leitmedien und Agenturen“, resümiert Mükke (2008: 4) und sieht die Folge in einem selbstreferenziellen Mediensystem, das potenzierten Mainstream veröffentlicht (vgl. ebd.).

Dabei wurde der Auslandsberichterstattung vor der Digitalisierung des Journalismus großes Potential zugeschrieben. So formulierte Bernhard Cohen bereits 1963 die Funktionen der Berichterstattung über andere Länder: Die Presse nehme die Rolle als Beobachter im internationalen Geschehen ein und erfülle die Funktion eines Katalysators, indem sie die Öffentlichkeit am außenpolitischen Entscheidungsprozess teilhaben lasse (vgl. Cohen 1963: 4-8). Andere Aufgaben orientierten sich an der Funktion der Presse im Allgemeinen. Zu ihren öffentlichen Aufgaben gehörten laut Franz Ronneberger (1971: 48-54) demnach politische und soziale Funktionen gleichermaßen:

- Herstellung von Öffentlichkeit
- Politische Sozialisation
- Politische Kontrolle und Kritik
- Politische Bildung und Erziehung
- Sozialisation durch das Gesamtangebot der Medien
- Soziale Orientierung durch medienvermittelte Umweltinformationen
- Rekreation durch unterhaltende Medienbeiträge.

Indem die Ausländskorrespondenten also ihre Berichte aus fernen Ländern über die Medien verbreiten, formen sie ganz konkret das Auslandsbild ihrer Rezipienten mit. Sie nehmen zusammen mit den Massenmedien bei der Vermittlung von Informationen über andere Länder eine zentrale Stellung ein (vgl. Nafroth 2002: 41). Vor allem den Printmedien fällt dabei die Aufgabe zu, andere Nationen ausführlich darzustellen, zu beschreiben und damit dem Rezipienten Sekundärerfahrungen zu vermitteln, die er ohne die Massenmedien allgemein und die Printmedien im Besondern nicht machen könnte (vgl. ebd.: 42 ff.) Die Presse beliefert ihren Leser mit Überschaubarkeit und Transparenz der Ereignisse und befähigt ihn dadurch, neue Detailmeldungen in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen (ebd.: 49).

4.3 Aktueller Forschungsstand

Die Übersicht über neuere, aber auch bedeutende ältere Studien, die den aktuellen Forschungsstand darstellen, ist nicht vollständig, sondern auf den Schwerpunkt der hier angestrebten Untersuchung konzentriert und lässt deshalb all jene Untersuchungen außer Acht, die sich mit den Produzenten von Auslandsberichterstattung - den Korrespondenten - beschäftigen. Schließlich sollen die im Folgenden genannten Forschungsergebnisse die Grundlage bilden für die Untersuchung der deutschen Printmedien im Hinblick auf ihre Berichterstattung über den Präsidentschaftswahlkampf in Amerika.

4.3.1 Studien zur Auslandsberichterstattung

Schon 1920 setzten Walter Lippmann und Charles Merz zur ersten wichtigen Analyse von Auslandsberichterstattung an, in der die Qualität der Berichterstattung eine Rolle spielte: Sie untersuchten in der New York Times, wie diese über die Oktoberrevolution in Russland berichtete. Am Ende der Studie, die sie unter dem Namen״A Test of the News“ veröffentlichten, stand die Erkenntnis, dass die Leser getäuscht wurden und die Berichterstattung falsche Erwartungen über den Ablauf der Revolution weckte (vgl. Wilke 1986: 54). Was Lippmann und Merz feststellten, sollte in darauf folgenden Studien - bis hinein ins 21. Jahrhundert - immer wieder nachgewiesen werden, unter verschiedenen Bedingungen und mit unterschiedlichen Methoden.

Die״Flow of the News“-Studie des Internationalen Presseinstituts aus dem Jahr 1953 beispielsweise reiht sich hier ein.[22] Als Ergebnis präsentierten die Autoren, dass zu wenig über das Ausland berichtet würde und die wenige Berichterstattung, die statt finde, zu sehr auf mächtige Staaten konzentriert sei (vgl. ebd.). Zu diesem Ergebnis kommt auch die״Foreign Images Study“[23], die von der Unesco angeregt und von der International Association for Mass Communication Research koordiniert wurde: Die Wirtschaftsmächte Nordamerika und Westeuropa fanden demnach besonders häufig Beachtung, weil in den unterschiedlichen Ländern überwiegend identische Kriterien bei der Nachrichtenauswahl angewendet wurden. Trotzdem konnte nach Ansicht der Autoren von einer eindeutigen Dominanz der Weltzentren gegenüber der Peripherie keine Rede sein (vgl. Kunczik/Zipfel 2005: 428).

Die״Foreign Images Study“ wurde 1995 noch einmal neu aufgelegt.[24] Medienwissenschaftler Lutz M. Hagen, der mit Winfried Schulz und Jürgen Wilke das entsprechende Projekt in Deutschland realisierte, fasst drei Jahre später zusammen (Hagen u.a. 1998: 59):

- Bei Auslandsnachrichten müssen als Nachrichtenfaktoren vor allem Merkmale von Ländern beachtet werden, weil sie Schauplätze und Akteure gleichzeitig sind.
- Die Position von Ländern im internationalen Beziehungsgeflecht ist wichtig.
- Die Rangfolge der relativen Stärke der Nachrichtenfaktoren und ihr Einfluss auf den Nachrichtenwert sind zu beachten: 1. Machtstatus eines Landes (unabhängig vom Land des berichterstattenden Mediums); 2. Relatives Handelsvolumen (Anteil von Land A am Handelsvolumen von Land B); 3. Einflussfaktoren, die auf Nähe beruhen; 4. Gemeinsame Amtssprache und Ähnlichkeit im sozioökonomischen Status; 5. Nähe der Hauptstädte.

Jürgen Wilke (1998: 53) verbindet die beiden ״Foreign Images“-Studien miteinander: ״Als Konstante der Auslandsberichterstattung erweist sich auch 1995 der Regionalismus, d.h. daß die meisten Auslandsnachrichten aus der Region der Welt stammen, in der das jeweilige Land selbst liegt.“[25] Er weist aber auch ausdrücklich auf eine andere Konstante hin, die Bevorzugung von Elite-Nationen nämlich und darauf, dass je nach politischem Einfluss Groß- und Supermächte in der Auslandsberichterstattung häufiger Vorkommen als Kleinstaaten.[26] In einer Metaanalyse neueren Datums erkennt Kai Hafez (2002) ebenfalls ״Probleme wie

Dekontextualisiemng der Nachricht, des Regionalismus der Nachrichtengeographie, der Politikzentriemng oder der Elitenzentriemng als Kembereiche eines Stiukturmodells des medialen Auslandsbildes“ (Hafez 2002: 180). Auslandsberichterstattung wird auf drei Ebenen in seinen Entstehungs- und Wirkungsprozessen beeinträchtigt: Auf der Mikroebene durch die Einflüsse von und auf Joumalisten, auf der Mesoebene durch die Einflüsse von und auf Medienorganisationen und Mediensysteme und auf der Makroebene durch Einflüsse von und auf Politik, Gesellschaft und Kultur (vgl. Hafez 2002: 178). Nach Hafez‘ Erkenntnissen ist die deutsche Auslandsberichterstattung im Allgemeinen konzentriert auf Politik, Eliten und Konflikte.

Ungefähr zur gleichen Zeit untersuchte Haoming Denis Wu in mehreren Forschungsprojekten den internationalen Nachrichtenfluss[27], und stellte schließlich in seiner zusammenfassenden Studie ״The World’s Windows to the World: An Overview of 44 Nations‘ International News Coverage“[28] einmal mehr fest, dass die untersuchten Medien am häutigsten über ökonomische Mächte berichteten. Zusammenfassend konstatiert Wu (2004: 106 ff):

- Die großen, nachrichtenproduzierenden Länder USA und

Großbritannien machten in den meisten Ländern die Schlagzeilen.
- Sieben der zehn meist genannten Länder sind Wirtschaftsmächte.
- 15,6 Prozent der weltweiten Auslandsberichterstattung beschäftigt sich mit den USA[29].
- Länder mit politischer und wirtschaftlicher Macht tauchen in Auslandsnachrichten am häutigsten auf.

Eine weitere, weltweite Studie initiierte der Kommunikations- und Medienwissenschaftler Helmut Scherer an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover (Scherer et alt. 2006). Er beschäftigte sich mit der Frage, inwieweit Beziehungen, die zwischen zwei Ländern bestehen, einen Einfluss auf die Auslandsberichterstattung der dortigen Medien haben.[30] Das Ergebnis entbehrte dem Neuigkeitswert: Je näher ein Land einem anderen Land in geographischer, kultureller, politischer oder ökonomischer Hinsicht ist, umso stärker wird dieses Land in den Medien des anderen Landes beachtet. Die ökonomische Nähe erwies sich als der stärkste Einflussfaktor auf die gegenseitige Berichterstattung (vgl. ebd.: 213 f).

4.3.2 Studien zur Berichterstattung über Wahlen im Ausland

Die Liste der Studien zur Auslandsberichterstattung im Allgemeinen könnte beinahe unendlich weitergeführt werden.[31] Wendet man sich dagegen dem speziellen Themenfeld der Berichterstattung über Wahlkämpfe und Wahlen im Ausland zu, dünnt das Feld der Forschungsarbeiten auffällig aus. Vor allem im direkten Vergleich mit der unermesslichen Anzahl an Studien, die sich mit Wahlen im Inland beschäftigen, fällt die Zahl derer zu Wahlen im Ausland verschwindend gering aus. ״Das ist nicht verwunderlich“, schreibt Jürgen Zeh (1992) dazu, ״denn da in einem solchen Falle die Wählerschaft auch die potentiellen Medienrezipienten stellt, findet die inländische Medienberichterstattung wegen ihren sich daraus ergebenden möglichen Wirkungen auf das Wählerverhalten und das Wahlergebnis besonderes Forschungsinteresse“ (ebd.: 23). Auch die umfangreiche Literatur zum internationalen Nachrichtenfluss, so seine Anmerkung, gebe zu dem Thema kaum Aufschluss.

Zu nennen ist hier dennoch der schwedische Kommunikationswissenschaftler Karl Erik Rosengren, der ganz gezielt den internationalen Aspekt wählte und die Berichterstattung von drei Zeitungen zu Wahlen im Ausland untersuchte (Rosengren 1974).[32] Er machte dabei jedoch keine näheren Angaben zur Struktur und zum Inhalt der Wahlberichterstattung. Auch in Deutschland wurden einige wenige Studien zum Thema realisiert. So beschreibt beispielsweise Kurt Koszyk ein Projekt, in dem er die Berichterstattung zur Bundestagswahl 1961 analysiert (Koszyk 1965).[33] Zu den jüngeren unter den wenigen Analysen von medialer Berichterstattung über Wahlen im Ausland gehören die Analysen von Jürgen Zeh. So untersuchte er unter anderem die Berichte in deutschen, englischen und französischen Zeitungen zur Bundestagswahl in Deutschland und zur General Election in Großbritannien (Zeh 1990).[34] Er kam dabei zu dem Ergebnis, dass insgesamt mehr Aussagen über die Regiemngsseite als über die Opposition veröffentlicht wurden, sowohl von Ausländskorrespondenten als auch von Redakteuren im Mutterhaus der Zeitung. ״Dieses quantitative Übergewicht der Regiemngsseite mag mit dem ,Amtsbonus‘ (AnfühmngsZeichen im Original, Anm. d.v.) Zusammenhängen, den man der Regiemng zuschreibt“, resümiert Zeh (ebd.: 177). Weil in beiden Wahlen die Amtsinhaber bestätigt wurden, verschob sich die Berichterstattung im Anschluss an die Wahlen teilweise erheblich zu ihren Gunsten. Dass die Oppositionsparteien dennoch vergleichsweise häufig berücksichtigt wurden, liegt nach Zehs Auffassung am Spezifikum der Berichterstattung durch Ausländskorrespondenten: Sie publizieren verstärkt Hintergrundinformationen (vgl. ebd.).

Zwei Jahre später kommt Jürgen Zeh in einer weiteren Analyse zu ähnlichen Ergebnissen. Er erweiterte die Studie von 1990 um die Berichterstattung über die Präsidentschafts- und Nationalversammlungswahlen 1988 in Frankreich (vgl. Zeh 1992: 37)[35] und konstatierte wiedemm ein quantitatives Übergewicht zugunsten der Regiemngsseite. Wie schon zwei Jahre zuvor argumentiert Zeh mit dem ״Amtsbonus“ (vgl. ebd.: 177). Darüber hinaus kommt er zu den folgenden Ergebnissen: Alle Zeitungen berichten intensiver über die im Wahlzusammenhang entscheidenden Akteure als über andere Beteiligte. Sie werden hauptsächlich in Verbindung mit Wahlmodalitäten, früheren und aktuellen Wahlergebnissen und Umfrageergebnissen genannt. Darüber hinaus erscheinen Politiker und Parteien dann in der Berichterstattung, wenn es um ihre Wahlkampffühmng und Wahlkampfziele geht. Die Erwähnung von Eigenschaften der Parteien und ihrer Spitzenkandidaten dagegen erachtet Zeh nicht als Spezifikum dieser Art der Wahlkampfberichterstattung (vgl. ebd.: 174ff). Die wohl interessanteste Schlussfolgerung aus seiner Forschung - und die gleichzeitig für die vorliegende Arbeit wichtigste - ist die Folgende: ״Ausländskorrespondenten geben in den von ihnen vornehmlich verwendeten Darstellungsformen Bericht/Reportage zum Teil deutlich mehr wertende/subjektiv gefärbte Aussagen zu Akteuren und Anlässen der Berichterstattung ab als Redaktionen“ (ebd.: 179). Ausländskorrespondenten, die als Überbringer von Informationen über ferne Länder aktiv das Auslandsbild ihrer Rezipienten formen, vermitteln also eher ihre eigene Meinung und weniger eine objektive Sicht der Situation.

Fast 15 Jahre nach Zeh analysierte Thomas Emons (2004) in seiner Dissertation zum Amerika-Bild der Deutschen und seinem Wandel in Zeiten des Kalten Krieges die Kommentare deutscher Regionalzeitungen über die Wahlkämpfe in Amerika und stellte dabei fest: ״...dass die engen deutsch-amerikanischen Beziehungen und die damit verbundene demokratische Vorbildfunktion und die amerikanische Sicherheitsgarantie für Westdeutschland innerhalb des Untersuchungs Zeitraumes von keinem Zeitungskommentator ernsthaft in Frage gestellt wurde“ (Emons 2004: 261). Mit Emons findet die kurze Liste von deutschen Studien zu Wahlen im Ausland bereits ihr Ende.

4.4 Probleme und Herausforderungen

Dass die Auslandsberichterstattung - und hier insbesondere die Berichterstattung über Wahlen im Ausland - problembehaftet ist, hat der Überblick über den Forschungsstand gezeigt. Dabei leidet der Anspmch, den Rezipienten und Medienforscher an diese Nische des Journalismus haben, unter den Bedingungen, unter denen die Berichterstattung entsteht (vgl. auch Kapitel 4.2). So stehen Korrespondenten häufig unter Zeit- und Aktualitätsdruck. Das führt dazu, dass sie Themen selten ausführlich recherchieren und standessen ihre eigenen Stereotypen und Nationenbilder mit in ihre Arbeit einfließen lassen. Verstärkt werden die Effekte dadurch, dass die Journalisten im Ausland, wo es ihnen nötig erscheint, vereinfachen (vgl. Nafroth 2002: 42). Vor allem für Berichterstatter, die in den USA stationiert sind, ergibt sich zudem aus der Zeitverschiebung von mindestens sechs Stunden im Vergleich zum deutschen Mutterland ein enormer Zeitdruck: Wenn in der amerikanischen Hauptstadt Washington DC der politische Tag beginnt, stehen die Redaktionen in Deutschland bereits kurz vor ihrem Redaktionsschluss. Nachrichten vom frühen (amerikanischen) Morgen relativieren sich im Laufe des Tages. Deshalb muss der Korrespondent seinen Geschichten Akzente geben, die nicht von den tagespolitischen Geschehen abhängen - und büßt deshalb Aktualität ein (vgl. Wagner 2001: 49; Seifert 2006: 69).

Hinzu kommen Schwierigkeiten in der Arbeitsrealität der Korrespondenten. Vor allem, wenn es um Wahlkampfberichterstattung für ausländische Medien geht, sehen sich Berichterstatter in Amerika mit Problemen konfrontiert: ״Ausländische Journalisten stehen am untersten Ende der Hierarchie, schließlich beteiligen sich deren Leser und Zuschauer gar nicht an den Wahlen“, schreibt der amerikanische Journalist Mike Colton über seine ausländischen Kollegen (Colton 2000: 106). Was das vor allem für die deutschen Berichterstatter bedeutet, zeigen unter anderem die Ergebnisse einer Diplomarbeit am Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. Vanessa Seifert untersuchte Arbeitsrealität und Selbstverständnis der Washington-Korrespondenten deutscher Medien und fand heraus, dass es nach Aussage von zwölf der 16 von ihr befragten Journalisten schwierig ist, ״einen Interviewtermin mit amerikanischen Senatoren, Kongressabgeordneten oder gar mit dem Präsidenten selbst zu bekommen“ (Seifert 2006: 69). Sie bestätigt, was Colton schreibt: ״Ausländische Medien spielen im Wichtigkeits-Ranking amerikanischer Politiker, die stets darauf bedacht sind, ihre politische Botschaft an ihre Wählerschaft zu verbreiten, eine deutlich untergeordnete Rolle“ (Colton 2000: 16).

Auch die Probleme, die die Zeitverschiebung mit sich bringt, brachten die Korrespondenten im Gespräch mit Seifert zum Ausdruck. So seien Sekundär quellen wie die New York Times oder die Washington Post für sie unerlässlich, wegen der bereits erwähnten Problematik, Primärquellen aufzutun. Zu einem identischen Ergebnis kam auch der Medienwissenschaftler Gerd G. Kopper mit einer Gmppe von Studenten von der Universität Dortmund (vgl. Kopper 2006: 19ff). Er zieht daraus die Schlussfolgerung, dass es der deutschen Amerikaberichterstattung an einer eigenen Perspektive mangele. Mükke (2008) geht mit der Auslandsberichterstattung härter ins Gericht: Er spricht von potenziertem Mainstream und einem selbstreferenziellen Mediensystem (vgl. ebd.: 4).

Viele Journalisten, die nicht als ständige Korrespondenten in den USA etabliert sind, schaffen es jedoch noch nicht einmal so weit, dass sie vor Ort recherchieren können: Das so genannte US Visa Waiver Program verwehrt ihnen die problemlose Einreise in die Vereinigten Staaten. Journalisten sind von der Aufenthaltserlaubnis ausgenommen, die Touristen und Geschäftsreisenden aus 27 befreundeten Staaten für die Dauer von 90 Tagen eingeräumt wird, und müssen ein gesondertes ״Media Visa“ beantragen (US Department of State 2008, Stand: 29.07.2008)[36].

5 Qualität in der Berichterstattung

Wenn es Ziel einer wissenschaftlichen Untersuchung ist, die Qualität von Medieninhalten zu überprüfen, so wie es in der vorliegenden Arbeit teilweise der Fall ist, so ist eine Definition des angewandten Qualitätsbegriffs zwingend notwendig. Zielsetzung ist es, letztlich einen Katalog von Kriterien zu erstellen, dessen Anwendung auf die Berichterstattung über den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf zwar nicht zu einem einzigen Qualitätswert führt, aber doch ein charakteristisches Qualitätsprofil ermöglicht. Im Hinblick auf das Thema der vorliegenden Arbeit also wird der Qualitätsbegriff anwendungsorientiert bzw. normativ-pragmatisch verstanden und nicht gmndlagentheoretisch.

5.1 Die Qualitätsdimensionen nach Haller, Schatz und Schulz

Mit der Suche nach der ultimativen Begriffsbestimmung ״Qualität im Journalismus“ beschäftigen sich Wissenschaftler und Journalisten gleichermaßen seit vielen Jahren.[37] Die meisten von ihnen stimmen mit Jürgen Habermas darin überein, dass eine freiheitliche Meinungsbildung, die darauf gründet, dass die Medien entsprechend qualifizierte Angebote Vorhalten, eine freiheitsverbürgende Wirkung auf den politischen Prozess hat (vgl. Habermas 1998)[38]. Darauf gründet auch der Leipziger Professor für Journalistik, Michael Haller, seinen Qualitätsanspruch, den er folgendermaßen in Worte fasst: ״Journalistisch gemachte Medien sind darauf aus, mit allgemein verständlich aufbereiteten Aussagen über relevante Aspekte der aktuellen Ereignisrealität möglichst viele Menschen zu erreichen, um ihnen Orientierung zu geben“ (Haller 2003: 182). Er weist dem Journalismus also Funktionen zu, aus denen ein Anforderungskatalog erstellt werden kann. An ihm kann journalistische Leistung - in diesem Fall die Leistung ״Qualität“ - überprüft werden. Haller fordert für alle am medialen Kommunikationsprozess beteiligten Akteure (vgl. ebd.: 183):

- Der Status von journalistischen Aussagen muss transparent, Meinung von Nachricht getrennt und Bewertungen kenntlich gemacht sein.
- Die Aussagen müssen vom Rezipienten in Bezug auf die Ereignisrealität als bedeutungsvoll verstanden werden.
- Formal und inhaltlich sollten die journalistischen Aussagen für möglichst viele Menschen verständlich sein.
- Für möglichst viele Menschen sollte die Präsentation der journalistischen Aussagen attraktiv sein.
- Die journalistischen Aussagen sollten möglichst zeitnah an der Ereignisrealität, auf die sie sich beziehen, verbreitet werden.

Weil die oben genannten Fordemngen einem Qualitätsverständnis, wie es in der vorliegenden Untersuchung überprüft werden soll, jedoch noch nicht genügen, wird der Qualitätsbegriff an dieser Stelle erweitert um die zentralen Dimensionen von Qualität, die der Politikwissenschaftler Heribert Schatz und der Kommunikationsforscher Winfried Schulz in einem Modell miteinander verbunden haben (Schatz/Schulz 1992). Darin schlagen sie fünf Dimensionen vor: Vielfalt, Relevanz, Professionalität, Akzeptanz und Rechtmäßigkeit. Um die Qualität von Medieninhalten mit einer Inhaltsanalyse zu untersuchen, sind die drei ersten Aspekte besonders geeignet, auch, wenn sie nicht trennscharf voneinander abgegrenzt werden können. Sie werden im Folgenden genauer vorgestellt.[39]

Mit der Qualitätsdimension ״Vielfalt“ zielen die Autoren auf die inhaltliche Breite der Berichterstattung in den Medien (vgl. Schatz/Schulz 1992: 693ff). Dabei fallen unterschiedliche Genres und journalistische Darstellungsformen unter den Aspekt ״strukturelle Vielfalt“, die jedoch isoliert von der ״inhaltlichen Vielfalt“ noch kein Urteil über das Maß an Qualität zulässt. Dieses ist erst möglich, wenn auch die ״inhaltliche Vielfalt“ untersucht wird. Sie ist gewährleistet, wenn ein Medienangebot Aussagen macht zu verschiedenen Lebensbereichen, Regionen oder Kulturen, wenn verschiedene politische und gesellschaftliche Interessen Beachtung finden und mehrere Quellen in die Berichterstattung mit einfließen.[40]

Zieht man die Qualitätsdimension ״Relevanz“ in Betracht, so stellen Schatz und Schulz fest: ״Ein Sachverhalt oder Vorgang ist nie an sich und aus sich heraus relevant oder bedeutsam, sondern immer nur in Bezug auf etwas anderes“ (Schatz/Schulz 92: 696). Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, ob Journalisten tatsächlich die wichtigen Themen und Ereignisse aus der Masse der ihnen zur Verfügung stehenden Informationen auswählen. ״Relevanz“, so folgern die Autoren, sei das Schlüsselkriterium, wenn es um die Beurteilung journalistischer Auswahlentscheidungen geht, wobei sich diese Auswahl auch auf einzelne Aspekte eines umfassenderen Themas beschränken kann, was als ״interne Relevanz“ bezeichnet wird.[41] Dass diese schwer zu beurteilen ist, weil sie nach einer Instanz verlangt, an der sich die Qualität messen lässt, ist den Autoren dabei bewusst, weshalb sie drei Indikatoren Vorschlägen, an denen ״interne Relevanz“ überprüft werden könne: Medienexterne Daten, Einschätzungen aus der Bevölkerung oder von Experten und die Berichterstattung anderer Medien.[42] Zwar sind alle drei Indikatoren problembehaftet - weil sich beispielsweise bei Extra-Media-Daten die Frage stellt, inwieweit diese die Wirklichkeit zuverlässig abbilden. Nichtsdestotrotz sind sie dazu geeignet, sich dem Kriterium ״Relevanz“ empirisch zu nähern (vgl. Maurer/Reinemann 2006: 30).

Die ״Professionalität“ schließlich beschäftigt sich mit der Art der Nachrichtenselektion, ihrer Aufbereitung und Präsentation entlang anerkannter journalistischer Regeln (Schatz/Schulz 1992: 701ff). Bei der Diskussion um die Qualität von Medieninhalten spielt sie eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Die ״gestalterische Professionalität“ umfasst dabei alle Aspekte, die sich mit der stilistischen und sprachlichen Umsetzung von Information beschäftigen. Die ״inhaltliche Professionalität“ steht in vielen empirischen Inhaltsanalysen zur Qualität von Berichterstattung im Mittelpunkt. Sie untersucht zum einen die Kritik- und Kontrollfunktion der Medien analytisch, indem sie das Ausmaß und die kritische Distanz betrachtet, mit denen Sachverhalte erklärt und hinterfragt werden. Und sie fragt danach, wie komplex und logisch die Argumente gehandhabt werden. Zum anderen befasst sich ״inhaltliche Professionalität“ deskriptiv mit der Frage nach der Objektivität. Dabei wird überprüft, inwieweit Sachverhalte so wiedergegeben werden, dass die Rezipienten sich möglichst eigenständig eine Meinung bilden können. Weil Objektivität in der Qualitätsprüfung zu den entscheidenden, eingehend zu untersuchenden Aspekten gehört, soll sie im Folgenden ausführlicher betrachtet werden.

5.2 Das Qualitätskriterium Objektivität

״Objektivität der Berichterstattung ist angesichts der politischen Funktion der Massenmedien die wesentliche Anforderung an eine unabhängige Presse“, schreibt der Kommunikationswissenschaftler Klaus Merten und fügt hinzu: ״gerade im Wahlkampf“[43] (Merten 1979: 317). Denn Rezipienten können vor allem dann eine Wahl in der Gesellschaft kritisch verfolgen, wenn sie von den Massenmedien möglichst vollständig, sachlich und verständlich informiert werden (vgl. Meyn 1974: 6f.).

Mit der Forderung nach Objektivität geht jedoch auch immer ihre Einschränkung einher. So merkt Winfried Schulz richtig an, dass keine Berichterstattung umfassend sein kann: ״Sie ist ihrem Wesen nach eher das Gegenteil: Ereignisse werden erst dadurch zu Nachrichten, daß sie aus der Totalität und Komplexität des Geschehens ausgewählt werden“ (Schulz 1990: 8; vgl. auch Kapitel 2). Fragt man also nach der Objektivität von Berichterstattung, ist es unabdingbar, zeitgleich auch nach den externen Umständen zu fragen, unter denen die Berichterstattung entsteht. Aus diesem Grund hat der Medienwissenschaftler Wolfgang Donsbach fünf Konzeptionen von Objektivität entwickelt (Donsbach 1990: 18ff). Für die hier angestrebte Untersuchung soll diejenige verwendet werden, die er die ״relativistische Konzeption von Objektivität“ nennt.[44] Sie betrachtet Objektivität als journalistische Flandlungsnorm, die aber nicht überprüfbar ist, weil niemand bestimmen kann, was die richtige Wiedergabe von Realität ist.[45] Nichtsdestotrotz gibt es Kriterien, mit denen die Objektivität von Berichterstattung - soweit diese im Schulz’schen Sinne möglich ist - überprüft werden kann. Allerdings liest sich der folgende Katalog wie ein utopischer Wunschkatalog an die Medien: Wahrheit, Richtigkeit, Vollständigkeit, Wichtigkeit, Maßstabsgerechtigkeit, Ausgewogenheit, Vielfalt, Genauigkeit, Sachlichkeit, Neutralität, Werturteilsfreiheit, Fairness, Trennung von Nachricht und Meinung und etliche andere Fordemngen können dazu herangezogen werden, die Objektivität in Nachrichten zu überprüfen (vgl. Neuberger 1996: lOOff). Im weitesten Sinne ist diese Art der überprüfbaren Objektivität, das, was Walther von LaRoche unter ״äußerer Objektivität“ versteht: Regeln zur möglichst objektiven Berichterstattung, die sich erreichen lässt, indem bestimmte formale Kriterien berücksichtigt werden (vgl. LaRoche 2008: 147). Dem gegenüber stellt er die ״innere Objektivität“, die nicht erreichbar ist - und hier lehnt er sich an Schulz an - weil der Journalist eine Beschreibung der Wirklichkeit nicht leisten kann (vgl. ebd.). LaRoche lässt bei seiner Unterscheidung vollkommen außer Acht, dass bestimmte Aspekte der Realität ausgeklammert werden müssen, um die Komplexität der Realität zu verringern. Doch genau diese Selektivität, auch wenn sie den Medien von vielen Seiten vorgeworfen wird, betrachtet Emil Dovifat als dringende Notwendigkeit: ״Man stelle sich eine rein ,objektive‘ Zeitung vor. Sie würde wie ein Aufbau mathematischer Formeln aussehen und beim ersten Rechenfehler stürzen. Zudem würde sie überhaupt nicht gelesen werden“ (zitiert nach Kunczik/Zipfel 2001: 278). Auch Winfried Schulz betont, dass eine selektive Wahrnehmung im Journalismus durchaus gewünscht sei, weil sie zur Beseitigung von Unsicherheit beitrage (vgl. Schulz 1989: 142). Vielmehr gehe es im Journalismus um ein kollektives Bemühen um eine gemeinsame Realität.[46] Dieses Bemühen um eine Wirklichkeit, auf die sich die Gesellschaft einigen kann, findet jedoch ein jähes Ende dort, wo Medienschaffende anfangen, ihre Berichterstattung mit eigenen Einstellungen oder denen ihrer Arbeitgeber zu versehen - und dadurch den Inhalt mit Tendenzen verfälschen. Weil die Abwesenheit von Tendenz deshalb in der vorliegenden Untersuchung als eines der entscheidenden Qualitätskriterien gelten wird, soll hier explizit auf die drei häufigsten Tendenzen ״Negativismus“, ״Personalisiemng“ und ״Skandalisiemng“ eingegangen werden.

5.3 Inhaltliche Tendenzen in der Berichterstattung

״Inhaltliche Tendenzen“ (Weiß 2002: 284ffi), ״journalistische Gestaltungsformen“

(Kepplinger 1998: 129ff), ״Strukturmerkmale der Auslandsberichterstattung“ (Hafez 2002: 58), ״Merkmale des politischen Journalismus“ (Lengauer 2007: 26): All diese Bezeichnungen meinen die Verzerrung der Realität zugunsten einer bestimmten Medienwirkung, die sich in der Berichterstattung nachweisen lässt.[47] Gleichzeitig stehen sie jedoch auch für das, was Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge (1965), Einar östgaard (1965) und Winfried Schulz (1990) - neben anderen - ״Nachrichtenfaktoren“ nennen und Niklas Luhmann (1996) - ebenfalls neben anderen - als ״Selektoren“ betitelt. Unabhängig davon, wie man sie benennt, wirken sie sich auf den Inhalt von Nachrichten aus und darauf, wie und wo sie präsentiert werden.

Unter ״Negativismus“ werden dabei forschungsübergreifend sowohl die Konfliktzentrierung der Berichterstattung als auch die allgemeine negative Tonalität der Sprache verstanden. Schon Galtung und Ruge legten 1965 den ״Negativismus“ als den zwölften und letzten ihrer Nachrichtenfaktoren für die Auslandsberichterstattung fest: ״The more negative the event in its consequences, the more probable that it will become a news item“ (Galtung/Ruge 1965: 68). Sie begründeten ihre Wahl unter anderem damit, dass bei negativen Ereignissen schnell Einigkeit darüber bestehe, dass das Geschehen tatsächlich als negativ eingestuft werden könne, während vermeintlich positive Nachrichten durchaus negative Auswirkungen für eine bestimmte Bevölkemngsgmppe haben könnten (vgl. ebd.: 69). Aber auch der Überraschungseffekt unterstütze die Veröffentlichung von negativen Nachrichten, weil sie den Rezipienten unerwarteter als positive Nachrichten träfen (vgl. ebd.: 70). östgaard weist bei seiner Metaanalyse daraufhin, dass sich Auftreten und Ausprägung von ״Negativismus“ von Zeitung zu Zeitung und Land zu Land unterscheiden können, doch ist auch seine Erkenntnis eindeutig: Die Aufmerksamkeit der Auslandsberichterstattung wird vermehrt auf gefährliche Situationen gelenkt, auf Unfälle und Katastrophen, auf Konflikte, Blutvergießen, Gewalt und Instabilität (vgl. östgaard 1965: 49ff).

Eine von östgaards Schlussfolgerungen lautet dementsprechend: ״The news media tend to present the world as being more conflict-laden than it really is“ (ebd.: 55). Mit dieser Erkenntnis stimmt auch Winfried Schulz überein. Auch, wenn er nicht ausdrücklich von ״Negativismus” spricht, fasst er dennoch die Faktoren ״Schaden“, ״Kriminalität“ und ״Konflikt“ in seiner Faktorendimension ״Valenz“ zusammen und gesteht ihnen jeweils hohe Werte zu (vgl. Schulz 1998: 34; 65ff.)[48] Niklas Luhmann schreibt bei der Aufzählung seiner Selektoren, dass Konflikte bevorzugt werden (vgl. Luhmann 1996: 58ff). Damit nimmt er die Erkenntnis einer Literaturanalyse von Kai Hafez (2002) vorweg, die die Konfliktperspektive als das am häufigsten genannte Strukturmerkmal der Auslandsberichterstattung erkennt. Dies liegt darin begründet, dass nahezu alle empirischen Untersuchungen daraufhinweisen (vgl. ebd.: 60). Hafez verweist auf die Auswirkungen: ״[Es] besteht eine Beziehung zwischen positiven/negativen affektiven Nationenbildem des Publikums und der Medienberichterstattung, d.h. Konfliktperspektive und Negativismus als häufige Strukturmerkmale der Auslandsberichterstattung verfügen über ein hohes Wirkungspotential hinsichtlich der affektiven Dimension von Auslandsbildern“ (ebd.: 123). Die Tendenz ״Negativismus“ also hat einen nicht unerheblichen Einfluss darauf, wie fremde Länder gesehen und eingeschätzt werden. Dies trifft auch für die Tendenz ״Personalisierung“ zu.

Da Politik, und hier insbesondere Auslandspolitik, in den Massenmedien vor allem über Personen vermittelt wird, zählt auch ״Personalisiemng“ zu den Tendenzen, auf die in einer Untersuchung zur Berichterstattung über die Präsidentschaftswahlen in Amerika ein besonderes Augenmerk gelegt werden muss. Dass Personen, getreu dem Grundsatz ״only one thing interests all human beings always, and that is the human being itself“ (Sidall, zitiert nach östgaard 1965: 47), grundsätzlich große Aufmerksamkeit in den Medien zukommt, wird an dieser Stelle als Tatsache vorausgesetzt. Gezielt geht es hier um die Personalisierung, die sich auf Politiker und - im Hinblick auf den Forschungshintergrund - die Präsidentschaftskandidaten in Amerika bezieht. Dabei soll folgende Definition angewandt werden: ״Personalisierung bedeutet, dass die Person (des Politikers/der Politikerin) zum Deutungsmuster komplexer politischer Tatbestände wird, und zwar in der Selbstdarstellung der Politik, in der Darstellung von Politikern in den Medien oder auf Seiten der Wählerschaft bzw. des Publikums. [Insofern] meint die so verstandene Personalisiemng, dass politische Realität konstruiert wird unter Bezugnahme auf Personen“ (Holtz-Bacha/ Lessinger/Hettelsheimer, zitiert nach Lengauer 2007: 137). Der Grund für diese inhaltliche Tendenz liegt vor allem darin, dass politische Prozesse, die über das Handeln einzelner Personen vermittelt werden, einfach, klar und übersichtlich strukturiert werden können. Im Hinblick auf die Auslandsberichterstattung bedeutet das: Personalisiemng reduziert komplexe internationale Prozesse auf das psychologische Profil einzelner Akteure (vgl. Srebemy- Mohammadi u.a., zitiert nach Hafez 2002: 65). Gleichzeitig, darauf verweisen mehrere Medienwissenschaftler, wird durch ״Personalisiemng“ jedoch der Mythos von einem Politiker geschaffen, der alles schaffen kann und deswegen schlussendlich enttäuschen muss (vgl. Galtung/Ruge 1965: 68; Hoffmann/Sarcinelli 1999: 739; Weiß 2002: 292f.; Wilke 1998: 286f). Dass ״Personalisiemng“ jedoch keine Entwicklung der neueren Mediengeschichte ist, sondem von Beginn an ein tragendes Element der journalistischen Berichterstattung war, darauf weist Jürgen Wilke ausdrücklich hin (Wilke 1998: 284). Dabei verfolgt ״Personalisiemng“ vor allem folgende Ziele: Sie stillt das Bedürfnis des Rezipienten nach Identifikation (ebd.: 288; Galtung/Ruge 1965: 69), sie dient dem sozialen Vergleich (Wilke 1998: 291), sie dient der Selbstaufwertung (ebd.), sie lenkt Neugierde und Aufmerksamkeit auf Akteure, hinter denen politische Vorgänge verschwinden (Meyer/Ontmp/Schicha 2000: 170), sie hebt Randgeschehen hervor (Hafez 2002: 64) und sie erzeugt Betroffenheit (Lengauer 2007: 138).

Das dritte Strukturmerkmal, das in der folgenden Untersuchung eine Rolle spielen soll, wird zusammengefasst unter dem Begriff ״Skandalisiemng“. Es beinhaltet all jene Tendenzen in der Berichterstattung, die zum einen das Handeln von Einzelnen oder von Gmppen als Herausfordemng für das vorherrschende Verständnis des ״Richtigen“ darstellen. Zum anderen betonen sie dabei mehr als nötig, dass mit diesem Handeln eine akute Gefahr oder ein drohender Schaden verbunden ist (vgl. Weiß 2002: 297). Hans Mathias Kepplinger (1999) hat in einer Untersuchung festgestellt, dass Journalisten kontroverse Sachverhalte vor allem in Meinungsbeiträgen skandalisieren (ebd.: 203). Das bedeutet jedoch konkret, dass sie nicht selbst Skandale aufdecken, sondem Missstände lediglich skandalisieren, indem sie sie als sowohl unerträglich als auch unvermeidbar darstellen (vgl. ebd.). Die Gefahr von Skandalisiemng besteht dabei darin, dass ein negativer Personenstereotyp entworfen wird. Im konkreten Fall der Politikberichterstattung wären das zum Beispiel kriminalisierte Politiker (vgl. ebd.). ״Skandalisiemng“ entsteht - genauso wie Emotionalisierung, die hier mit eingebunden werden kann - mit sprachlichen Mitteln: Die Verwendung von assoziativen Techniken, das Einflechten von bestimmten Begriffen und rhetorischen Figuren in die Berichterstattung führt dazu, dass Sachverhalte als schlimmer, weitreichender und unvermeidbarer dargestellt werden, als sie es sind (vgl. Kepplinger 1998: 130). Besondere Reichweite erreichen Skandalisierungen, wenn sie mit vermeintlichen Normverstößen einhergehen, weswegen Luhmann sie ausdrücklich zu seiner Liste von Selektoren hinzufügt (vgl. Luhmann 1996: 58f£).

Zusammenfassend kann also ein Katalog an ausgewählten Kriterien erstellt werden, anhand dessen in der vorliegenden Untersuchung die Qualität in der Berichterstattung über den amerikanischen Wahlkampf gemessen werden soll:

1. Trennung von Nachricht und Meinung,
2. Strukturelle und inhaltliche Vielfalt,
3. Skandalisiemng in der Berichterstattung,
4. Negativismus und Konflikthaltigkeit in der Berichterstattung und
5. Personalisiemng in der Berichterstattung.

[...]


[1] In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff Amerika synonym für die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) verwendet, auch wenn er eigentlich geografisch präzisiert den gesamten amerikanischen Kontinent umfasst.

[2] Wegen der besseren Lesbarkeit werden - entgegen der üblichen Rechtschreibregeln - bei Prozentangaben die Ziffernוbis 12 verwendet.

[3] Zu vergleichbaren Ergebnissen kamen mehrere Studien: Bereits Im März 2008 fragte das Marktforschungslnstltut YouCov seine deutschen Nutzer In einer Interneterhebung: ״Welcher Präsidentschaftskandidat wird Ihrer Meinung nach Ins Weiße Haus elnzlehen?“ 73 Prozent der Teilnehmer sprachen sich für Barack obama aus, 8,5וProzent für Hillary Clinton, 8 Prozent für John McCain und 0,5 Prozent für Mike Huckabee (vgl. YouCov 2008, Stand: 09.05.2009). Das Marktforschungsunternehmen TNS Infratest befragte am ไ6. Juli 2008 Ί000 Deutsche für das Magazin Spiegel, wer der bessere Kandidat sei, Barack obama oder John McCain. Das Ergebnis: 76 Prozent der Befragten sprachen sich für obama aus,סוProzent für McCain (vgl. TNS 2008, Stand: 09.05.2009). Bel einer weltweiten Umfrage des Melnungsforschungslnstltuts Globe Scan für den BBC World Service unter 22 53ไ Menschen In 22 Ländern wurde ebenfalls danach gefragt, wen die Teilnehmer wählen würden. Die Befragten aus Deutschland sprachen sich zu 65 Prozent für obama aus und zu 7 Prozent für McCain (vgl. Globe Scan 2008, Stand: 09.05.2009).

[4] In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff Amerikaner synonym für die Staatsbürger der Vereinigten Staaten von Amerika (USA) verwendet. Gemeint sind Immer männliche und weibliche Staatsbürger gleichermaßen.

[5] Die Definition von Massenmedien In der vorliegenden Arbeit orientiert sich an der Definition von Niklas Luhmann. Danach umfasst der Begriff״Massenmedien“ alle Einrichtungen der Gesellschaft,״die sich zur Verbreitung von Kommunikation technischer Mittel der Vervielfältigung bedienen“ (Luhmann 2004:סו). Wert legt Luhmann dabei darauf, dass es sich um In großer Zahl maschinell hergestellte Produkte als Träger der Kommunikation handelt, die allgemein zugänglich sind und sich an noch unbestimmte Adressaten wenden. Entscheidend Ist, dass eine Interaktion unter Anwesenden zwischen Sender und Empfänger nicht statt findet, ein unmittelbarer Kontakt also durch Technik unterbunden Ist (vgl. ebd.). Klaus Merten geht mit dieser Definition einher, fügt aber noch hinzu, dass ein wichtiger Aspekt der Massenmedien die Institutionalisierte Erwartbarkelt von Unbekanntem, also Aktualität, Ist (vgl. Merten 1994: Ί50Τ).

[6] Einen Überblick über die Studien zur Berichterstattung über Wahlen Im Ausland bietet Kapitel 4.3.2.

[7] Für eine Definition der Begriffe ״überregional“ und ״Tageszeitung“ sowie eine Beschreibung des amerikanischen Präsidentschaftswahlkampfes 2008 siehe Kapitel 7·

[8] Für einen ausführlichen Überblick über aktuelle Untersuchungen und den derzeitigen Forschungsstand siehe Kapitel 4.3.

[9] So hat Stefanie Dobmeier beispielsweise 2006 in ihrer unveröffentlichten Diplomarbeit an der Universität Leipzig ״Von Beruf Ausländer - Eine Untersuchung zu Merkmalen und Rollenverständnis, Arbeitsrealität und Profil von US-Korrespondenten in Deutschland“ amerikanische Journalisten befragt. Vanessa Seifert fokussierte ihre Diplomarbeit im selben Jahr auf deutsche Korrespondenten in Amerika unter dem Titel ״Kulturdolmetscher zwischen white House und Wohnzimmer. Eine Studie zu Arbeitsrealität und Selbstverständnis der Washington-Korrespondenten deutscher Medien“.

[10] Um zwischen der tatsächlichen Realität und der durch Medien konstruierten Realität zu unterscheiden, verwendet die Fachliteratur verschiedene Termini: Auf der einen Seite stehen ״Geschehensrealität/- Wirklichkeit“, ״Ereignisrealität/-wirklichkeit“, ״wirkliche/faktische Realität/Wirklichkeit“, ״außermediale Realität/Wirklichkeit“. Als binäre Gegensätze dazu werden die Begriffe ״Medienrealität/-wirklichkeit“, ״konstruierte Realität/Wirklichkeit“, ״reale Realität/Wirklichkeit“, ״abgebildete Realität/Wirklichkeit“ und ״innermediale Realität/Wirklichkeit“ verwendet (vgl. u.a. Früh 1994, Hafez 2002, Lengauer 2007, Luhmann 2004, Nafroth 2002). Die vorliegende Arbeit verwendet die Termini Ereignisrealität und Medienrealität.

[11] Dem widerspricht die hier nicht weiter beachtete Position des Realismus. Dabei wird davon ausgegangen, dass es nur die Wirklichkeit ist, die auf eine Instanz wie den Rezipienten oder die Massenmedien einwirkt. Als״Spiegel der Wirklichkeit“ sollen die Medien im Realismus ein möglichst getreues und genaues Abbild der Realität darstellen - was aber allein schon wegen der Fülle der täglich neu hinzukommenden Informationen nicht möglich ist. (vgl. Schulz 1989: 140; Weber 2002:וו)

[12] Hier ist beispielsweise die Studie״Demonstrations and Communication“ von Halloran aus dem Jahr 1970 zu nennen, die nachwies, dass die Medien schon vor einer Vietnam-Demonstration in London einen Erwartungsrahmen aufgebaut hatten und damit eine adäquate Wahrnehmung verhinderten. Außerdem wiesen Lang und Lang in ihrer Analyse״MacArthur Day in Chicago“ 968וnach, dass sich Situationen und Ereignisse in dem Moment ändern, in dem Journalisten auf den Plan treten.

[13] Da der Agenda-Setting-Effekt in vielen Untersuchungen nachgewiesen wurde - unter unterschiedlichen geografischen und thematischen Bedingungen - soll er für die vorliegende Arbeit vorausgesetzt werden. Ein Abgleich der Medienagenda der deutschen Berichterstattung über den amerikanischen Wahlkampf, die in der vorliegenden Analyse erarbeitet wird, mit einer Publikumsagenda findet in dieser Arbeit wegen der starken empirischen Evidenz für das Vorliegen des Effekts nicht statt, es erfolgt lediglich eine deskriptive Analyse der Medienagenda.

[14] Patrick Rössler 0997) hat sich ausführlich mit der Begriffsverwendung der״Agenda-Setting-Theorie“ auseinandergesetzt und dabei festgestellt, dass es eine sorgfältige ausgearbeitete״Theorie“ zum Agenda­Setting gar nicht gibt (vgl. ebd.: 60). Deshalb schlägt er die Begriffe״Hypothese“,״Annahme“ oder״Konzept“ im Zusammenhang mit Agenda-Setting vor, um zu verdeutlichen, dass sie zwar eine״Hypothese mit empirischen Anspruch“ (ebd.) beschreiben, nicht jedoch um eine Unterscheidung in wissenschaftstheoretischer Hinsicht.

[15] Unter״Medienagenda“ wird die Hierarchie von Themen in der Medienberichterstattung zu einem bestimmten Zeitpunkt verstanden und die Themenstruktur, unter״Publikumsagenda“ dementsprechend die Hierarchie der Themen in der Öffentlichkeit und die Diskussionsstruktur (vgl. Dearing/Rogers 40:996ו; Rhomberg 2007: 08ו).

[16] In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff״Issue“ aus der englischsprachigen Origmalliteratur mit der deutschen Bezeichnung״Thema“ gleichgesetzt, so wie es beispielsweise Kai Hafez (2002) in seiner Arbeit getan hat. Andere Autoren sprechen bei einem״Issue“ von einer״politischen Streitfrage“ oder einem״Problem, dem sich das politische System annehmen sollte“ oder behalten einfach den englischen Ausdruck bei. (vgl. u.a. Rhomberg 2007)

[17] In der deutschsprachigen Literatur wird ״Salience“ meist mit ״Salienz“ übersetzt. Die Autoren, die sich selbst oder deren Übersetzer sich für einen deutschen Ausdruck entscheiden, sprechen entweder von ״Relevanz“ (vgl. McCombs 2000), ״Wichtigkeit“ (vgl. Rhomberg 2007) oder ״Bedeutung“ (vgl. Lengauer 2007).

[18] Synonym für Reisejournalismus wird beispielsweise an der Universität Hamburg am Institut für Geographie auch von Ceojournalismus gesprochen. In der medien- und kommunikationswissenschaftlich relevanten Literatur zum Thema Auslandsjournalismus oder Reisejournalismus wird dieser Begriff jedoch nicht verwendet.

[19] Vgl. auch Kapitel 2.

[20] Diese Aufteilung der Darstellungsformen orientiert sich an den Definitionen von Walther von LaRoche (2008: 75ff.), die auch im Codebuch der vorliegenden Untersuchung Eingang gefunden haben.

[21] Im Hinblick auf die USA beispielsweise antworteten In einer Umfrage des Ifak-Instltuts nur 94 von 9446 befragten Deutschen zwischen Juni und August 2006, dass sie planten, Ihren Jahresurlaub dort zu verbringen (vgl. Ifak Institut 2006). 2,4 Prozent von 45 000 Deutschen, die ein Jahr später zu Ihrem letzten Reiseziel befragt wurden, nannten die USA (vgl. GfK-TravelScope 2007). 1080 Urlauber gaben also an, Zelt In den USA verbracht zu haben.

[22] Die Studie״Flow of the News“ untersuchte 7ו וZeitungen aus zehn Ländern und Dienste von fünf Nachrichtenagenturen auf Herkunft, Umfang und Inhalt der Meldungen (vgl. Wilke 9וร6: 55).

[23] Die Studie״Foreign Images“ untersuchte unter Beteiligung von ไ3 Staaten im J ah r 979וdie Massenmedien aus 29 Ländern, mit dem Forschungsziel, das Bild in den Massenmedien in verschiedenen Ländern von anderen Ländern nachzuzeichnen (vgl. Kalantzi 2003: 57).

[24] Dieses Mal untersuchten Wissenschaftler aus 40 Ländern die Auslandsberichterstattung von Tageszeitungen, Fernseh- und/oder Radionachrichtensendungen.

[25] Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen 1958 bereits Malcolm s. MacLean und Luca Pinna, die an einem italienischen Dorf das Auslandsinteresse von Medienrezipienten untersuchten und feststellten, dass dieses vorhanden ist, wenn das entsprechende Land nicht zu weit entfernt ist. Auch Karl Erik Rosengren veröffentlichte 1972 in seinen Ergebnissen der Studie ״Distance and News Interest“, dass die Entfernung sowohl Wichtigkeit als auch Faktizität von Nachrichten beim Empfänger beeinflusst (vgl. Dorsch 1975: 901­924) "

[26] Das weisen auch Wilbur Schramm (1964) und Karl Erik Rosengreen (1972) nach. Schramm fand heraus, dass vor allem zwischen entwickelten und in der internationalen Politik dominierenden Ländern Nachrichten fließen und USA, Deutschland, Frankreich und Großbritannien überproportional vertreten sind. Rosengreen erkannte, dass der ökonomische Faktor und die Prominenz eines Landes darüber bestimmen, welche Nachrichten fließen (vgl. Dorsch 1975: 902).

[27] Siehe: Wu 1998; Wu 2003.

[28] Erschienen in: Paterson/Sreberny 2004; Wu untersuchte die Berichterstattung von 44 Ländern weltweit, davon 20 aus Europa, zwei Wochen lang im Jahr 995ו·

[29] Über Frankreich, auf Platz 2 der Rangliste, wird nicht einmal halb so viel berichtet, wie über Amerika: 7,8 Prozent der weltweiten Berichterstattung dreht sich um Paris und das Land. Deutschland wird nur in 3,2 Prozent der Auslandsberichterstattung erwähnt (vgl. Wu 2003:106).

[30] In die Untersuchung bezog er 23.749 Länderpaare mit ein. Das Material stammte aus einer natürlichen Woche im Jahr 2004.

[31] Um einen Eindruck des Umfangs zur Forschung auf diesem Gebiet zu geben, sei folgende Zahl genannt: Allein in den 6וJahren zwischen 1970 und ไ9ร6 entstanden mindestens ไ50 Forschungsberichte zum Thema der internationalen Berichterstattung (vgl. Wu 494:998ו).

[32] Rosengren wandte sich der deutschen Zeitung״Neues Deutschland“, der britischen״The Times“ und der schwedischen Zeitung״Dagens Nyheter“ zu.

[33] Koszyk untersuchte nicht nur mehr als 150 regionale und überregionale Tageszeitungen in Deutschland, sondern auch ไ5 ausländische über einen Zeitraum von fünfeinhalb Monaten (vgl. Zeh 1992: ไ7)

[34] Zeh untersuchte acht Qualitäts- und acht Regionalzeitungen. Insgesamt flossen 37וArtikel aus den drei Ländern zur Bundestagswahl 1987 und 288 Artikel zur General Election 1987 in das Ergebnis mit ein (vgl. Zeh 72ו:990וf).

[35] Zeh wählte acht Tageszeitungen aus Deutschland, und jeweils sechs aus Frankreich und Großbritannien für seine Untersuchung aus. Er fasste sie zu 24 Analysegruppen zusammen und untersuchte anhand von ihnen den Januar 987וfür die Bundestagswahl, 36 Tage im Mai und Juni 987וfür die British General Election und 38 Tage im April und Mai 988וfür die Präsidentschaftswahlen und 30 Tage im Mai und Juni für die Nationalversammlungswahlen in Frankreich.

[36] In journalistischen Fachzeitschriften wird Immer wieder von Journalisten berichtet, denen aus undefinierbaren Gründen die Einreise nach Amerika verwehrt wird (vgl. u.a.: o. A. 2003; o. A. 2004).

[37] Hans-Jürgen Bucher (2003) geht auf die vielfältigen Gründe dafür ein und findet als Quellen für die Komplexität der Qualitätsdiskussion verschiedene ״Arenen“: Er unterscheidet die Diskurse von Repräsentanten des Rechtssystems, Medienpraktikern, medienexternen Repräsentanten, medienexternen Experten und Medienpublikum, die allesamt zu unterschiedlichen Qualitätsauffassungen gelangen. Darüber hinaus nennt er die Vielfalt der möglichen Bezugsaspekte, die mannigfaltigen Prinzipien, Maßstäbe, Normen und Regelungen, die Differenz zwischen Qualitätsstandards und ihrer Anwendung auf die Medienkommunikation und die notwendige Sicherung von Qualität als Gründe dafür, dass ein eindeutiger (^ualitätsbegrifffür den Journalismus bis heute nicht gefunden ist (vgl. ebd.: 13ff).

[38] Auf die spezifische Funktion der Massenmedien, insbesondere der Presse, im Hinblick auf die Auslandsberichterstattung, wurde in Kapitel 4 gezielt eingegangen.

[39] Die Dimension ״Akzeptanz“ kann nicht inhaltsanalytisch überprüft werden, sondern muss über Reichweitenmessungen oder Befragungen erfolgen, die Aufschluss über den Erfolg beim Rezipienten geben. Die Dimension ״Rechtmäßigkeit“ kann zwar durchaus inhaltsanalytisch überprüft werden, doch kann lediglich ein Jurist ein abschließendes Urteil über die Befunde abgeben (vgl. Maurer/Reinemann 2006: 29).

[40] Wenn es darum geht, die Anwesenheit von unterschiedlichen Ansichten zu einem Thema zu überprüfen, so fällt das unter den Oberbegriff ״Ausgewogenheit“, der im Modell von Schatz und Schulz in der dritten Dimension ״Professionalität“ mit behandelt wird (vgl. Maurer/Reinemann 2006: 30).

[41] Auf das dadurch mögliche, gezielte Setzen von Themenschwerpunkten - in der Medienwissenschaft als Agenda-Setting bezeichnet - wurde bereits in Kapitel 3 eingegangen.

[42] Genau genommen geht es hierbei um die Suche nach einem Vergleichskriterium außerhalb des untersuchten Mediums, anhand dessen sich die Qualität der Realitätsabbildung messen lässt. Weil diese Suche jedoch den Rahmen der in der vorliegenden Untersuchung angestrebten explorativen Datenanalyse sprengen würde, wird auf die Objektivitätsdimension ״Relevanz“ in der Auswertung der Ergebnisse nicht eingegangen. Der Vollständigkeit halber wird sie hier jedoch trotzdem erwähnt.

[43] Auch, wenn es in der vorliegenden Untersuchung um einen Wahlkampf geht, dessen Bild in der Berichterstattung keinen Einfluss auf die Wahlentscheidung der Rezipienten der untersuchten Printmedien hat, gilt das streben nach objektiver Berichterstattung auch hier als elementar. Schließlich geht es darum, welches Bild vom Wahlkampf in Amerika den deutschen Lesern vermittelt wird - und welches Bild sie deshalb für ihre Wirklichkeitskonstruktion verwenden.

[44] Der Vollständigkeit halber seien die anderen vier Konzeptionen an dieser stelle auch genannt: Bei der ״ideologischen Konzeption“ gilt als objektiv, was beispielsweise im Marxismus einer bestimmten Parteilinie folgt. Bei der ״funktionalen Konzeption“ erfüllt Objektivität den Zweck, einen Schutzmantel für die Journalisten bereit zu stellen. Die ״konsensuelle Konzeption“ sieht Objektivität dann als gegeben an, wenn sich der Journalisten verpflichtet fühlt oder sich zumindest bemüht, die Wirklichkeit möglichst unverzerrt zu beschreiben. Diese Beschreibung wäre dann allgemein gesellschaftlich akzeptabel. Donsbach selbst vertritt das ״realitätsbezogene Konzept“, nach dem Objektivität empirisch überprüfbar ist.

[45] Vgl. Kapitel 2.

[46] Ein Weg aus dem Dilemma der Objektivitätsdiskussion sehen etliche Wissenschaftler in der Anwendung von Karl R. Poppers ״Kritischem Rationalismus“ auf den Journalismus: Hier tritt an stelle einer verlangten Übereinstimmung von Medien- und Ereignisrealität die Forderung nach intersubjektiver Verifizierbarkeit (vgl. Kunczik/Zipfel 2001: 282). Der Wahrheitsgehalt von Aussagen wird dabei grundsätzlich geprüft, indem sich der Journalist fragt, ob eine andere Person in der gleichen Situation zum gleichen Ergebnis kommen würde. Wenn seine Berichterstattung von anderen Teilnehmern am Diskurs bestätigt werden kann, wird ein hohes Maß an Objektivität vermutet. Die intersubjektive Überprüfbarkeit geht über die Forderung von Schulz, dass Nachrichten von denen, die sie erfahren, als wirklich akzeptiert werden können, hinaus (vgl. ebd.).

[47] Fico und Cote (1999) betrachten ״Tendenz“ als die systematische und unterschiedliche Behandlung von direkten und undirekten Zitaten von Gegnern in poltischen Wahlkämpfen durch die Berichterstattung in Medien. Sie legen ihr Augenmerk auf zwei Komponenten, nämlich Fairness und Ausgewogenheit, die in jede Berichterstattung aufgrund von Auswahlmechanismen durch die Journalisten eine Rolle spielen.

[48] Winfried Schulz findet hier Beachtung, weil in seiner Untersuchung zwar Auslandsberichterstattung nicht im Mittelpunkt stand, sie jedoch unter dem Aspekt ״Internationale Politik“ mit untersucht wurde.

Ende der Leseprobe aus 176 Seiten

Details

Titel
Der amerkanische Präsidentschaftswahlkampf 2008 in den deutschen Printmedien
Untertitel
Eine Inhaltsanalyse überregionaler Tageszeitungen
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
176
Katalognummer
V159896
ISBN (eBook)
9783668795679
ISBN (Buch)
9783668795686
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Amerika, Wahlkampf, Berichterstattung, Inhaltsanalyse, Barack Obama, Deutsche Printmedien, Tageszeitung, USA
Arbeit zitieren
Heike Schmieder (Autor), 2009, Der amerkanische Präsidentschaftswahlkampf 2008 in den deutschen Printmedien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159896

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