Würde bei Kant - Genese, Aktualität und Zukunft einer moralischen Kategorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Genese der Menschenwurde

3. Kants Begriff der Menschenwurde
3.1. Moral als Pflicht gegen sich selbst
3.2. Wurde als absoluter Wert

4. Der Menschenwurdebegriff nach Kant
4.1. Gleichheit vs. Leistung als Grundlage der Menschenwurde
4.2. Das Negative Verstandnis der Menschenwurde
4.3. Wurde per Gesetz

5. Ausblick auf die Zukunft des Menschenwurdebegriffs

6. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Im Artikel 1 Absatz 1 des Grundgesetzes heiBt es: „Die Wurde des Menschen ist unan- tastbar. Sie zu achten und zu schutzen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. “1 Auf einem Wahlplakat wird ,Leben in Wurde’ politisch versprochen. Bis vor nicht allzu langer Zeit galt der Grundsatz: „Die schrankenlose Durchleuchtung personlicher Ver- haltnisse durch Fragebogen verstofit gegen Art. 1 Abs. 1. Es ist mir der Menschenwur- de unvereinbar, ,wenn von jemandem ohne Grund Lichtbilder und Fingerabdrucke in einer Kartei der Polizei aufbewahrt werden. “2

Was bedeutet der Begriff Wurde, wenn er fast schon inflationar und scheinbar ohne Notwendigkeit der naheren Erlauterung, selbstverstandlich, quasi selbsterklarend ge- braucht wird? Anscheinend wird ,Wurde’ als universeller Ausgangspunkt rechtlicher, politischer, philosophischer und in jungster Zeit auch biologischer Anschauungen und Wertungen des Menschen zur Hand genommen und die „Vorstellung, man konne ohne Hinsehen auf alle Umstande und alle betroffenen Interessen kategorische Unrechtsur- teile abgeben unddemgemafi absolute Grundrechte verburgen“3 kommt jedem gelegen, der nach der letzten Begrundung verschiedener ethischer Uberzeugungen sucht. Im Se­minar: „Natur und Kultur“, auf dessen Grundlage diese Arbeit aufbaut, wurde der Beg­riff der Menschenwurde mehrfach als Argument, gegen welches nicht angekommen werden kann, ohne ethische Grundsatze moralisch vertretbar zu verletzen, verwendet und schien unbezwingbar.

In dieser Arbeit soll daher der Frage nachgegangen werden, woher der Begriff stammt und wie er an Bedeutung bis hin zum ersten Artikel und Grundsatz des Grund­gesetzes gewinnen konnte. Dabei wird der Kant’sche Wurdebegriff zentral sein, denn er - soviel sei vorweggenommen - nimmt fur das aktuelle Wurdeverstandnis die wesent- lichste Vorreiterrolle ein. Auf welchen philosophischen Grundlagen basieren Kants Uberlegungen? Warum hat sich gerade sein Verstandnis so einflussreich ausgewirkt und wie hat sich der Begriff bis heute semantisch weiterentwickelt? Wie wurde er zur Grundlage deutscher und internationaler Rechtsprechung und Wertvorstellungen? Wie kann er definiert werden und welche Probleme treten dabei auf? Welche Zukunft hat der Begriff? Gerade weil das Konzept der menschlichen Wurde so vielschichtig ist, soll in dieser Arbeit ein Abriss der wesentlichen Stationen gegeben werden.

2. Die Genese der Menschenwurde

Um den heutigen Wurdebegriff verstehen zu konnen ist es notwendig einen kurzen Ab- riss seiner Genese auszufuhren. Als eine der ersten Quellen ist an dieser Stelle Cicero zu nennen, der ganz in der Tradition der altromischen ,dignitas’ lebt und denkt. Zu sei­ner Zeit war der Begriff vor allem fur das politische Leben zentral. „Sie war an adelige Abstammung, an die Bekleidung hoher offentlicher Amter, an herausragende politische Leistungen, auch an Grundbesitz und fnanzielles Vermogen und nicht zuletzt an sich offentlich bewahrende moralische Integritat geknupft. “4 Diesen standisch begrenzten und politisch gebundenen Begriff offnete Cicero in Richtung der Philosophie und den freien Kunsten, indem er erstmals jedem Menschen auf Grund seiner Anlage zum ver- nunftbasierten Handeln grundlegend Wurde zuerkennt, die jedoch durch Handeln zum Gemeinwohl individuell gesteigert werden kann.5 Es lasst dich festhalten, dass der Beg­riff der ,dignitas humana’ seine geschichtlichen Wurzeln im politischen Leben Grie- chenlands hat und bis heute ,,das Bedeutungselement des Aristokratischen bzw. Konig- lichen und Gottlichen“6 aufbewahrt. Wie modern dieses Verstandnis bereits ist lasst sich daran verdeutlichen, dass ein ahnliches Begriffsverstandnis fast zweitausend Jahre spater - nach einer langen Phase christlich dominierter Philosophie - wieder auftaucht und zu einer Erfolgsgeschichte im 20. Jahrhundert wird.

Die antiken Wurzeln hat sich der Wurdebegriff bis heute bewahrt. Fur viele Jahrhunderte war er jedoch von religiosen, christlichen Einflussen bestimmt. Der Aus- gangspunkt ist dabei die „Lehre von der Gotteskindschaft und Gottesebenbildlichkeit des Menschen “7. Thomas von Aquino hat in seiner Summa Theologiae mit den Worten: „ homo factus ad imaginem die - der Mensch ist zum Bild-Gottes-Sein gemacht “ ausge- druckt, dass er seine Moraltheorie auf der biblischen Lehre vom Menschen grundet. Seine herausgehobene Wurde verlieh demnach Gott dem Menschen indem er in Gestalt Christi selbst Mensch - und eben nicht Tier oder Pflanze - wurde.8

Fur Christen ist daher die Antwort auf die Frage nach dem Ursprung der menschlichen Wurde einfach: sie kommt direkt von Gott. Da der Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen ist, hat er zwangslaufig Anteil an der gottlichen Heiligkeit und folglich einen hoheren Grad an Wurde als andere Lebewesen. Die kirchliche Argumen­tation hat sich seither kaum geandert. Mit den Worten von Papst Johannes Paul II.: „Der Mensch kann weder seiner Spezies noch der Gesellschaft als einfaches Mittle oder blo- fies Werkzeug untergeordnet werden; er hat einen Wert an sich. Er ist Person. “9 Auf Grund seiner „ Geistseele “ besitz die gesamte Person Wurde und weil der Korper die Seele beheimatet kommt auch ihm Wurde zu. Auch wenn sich der Vatikan im Laufe des 20. Jahrhunderts mit der Evolutionstheorie ausgesohnt hat, wird die Frage woher diese Geistseele stammt vom Papst damit beantwortet, dass es im Verlaufe der Evolution ei­nen „ontologischen Sprung“ gab.10 Da sie nicht in der Lage sind die Wurde der Person zu begrunden, weist der Papst die Evolutionstheorien, die den Geist fur ein Ergebnis der Krafte der Natur verstehen, als nicht mit der „Wahrheit uber den Menschen verein- bar“11 zuruck. Das lasst nur zu folgern: ,,Irgendwann im Verlauf der funf Millionen Jahre zwischen unseren schimpansenartigen Vorfahren und dem Auftreten des moder- nen Menschen wurde die menschliche Seele in uns eingepflanzt, und wie das geschah, bleibt geheimnisvoll. “12

Wahrend der Renaissance gewinnt der Wurdebegriff eine entscheidende, neue Di­mension durch Pico della Mirandola. 1486 formuliert er, dass die Wurde des Menschen darin begrundet sei, dass „Gott den Menschen der Freiheit ganzlicher Selbstgestaltung uberantwortet habe “13. Der Mensch ist fur ihn unbeschrankter ,Selbst- und Weltgestal- ter’ der das gottliche Werk nicht mehr bloB erkennt und sich ihm fugt, sondern es durch Forschung und Erfindung als ,homo faber’ nachgestaltet.

Fur den Empiristen Bacon liegt ein Jahrhundert spater, methodisch klarer, die Wur­de des Menschen, die ,dignitas scientarium’, in der Nutzung seiner Fahigkeit zur Selbstgestaltung. Ganz utilitaristisch liegt hier ,Wurde’ im Geschaffenen, das dem Wohle der Menschheit dient, wobei er Erfindungen lediglich als Nachahmungen gottli- cher Werke ansieht.14 Zur Zeit Bacons galt die Ansicht: Wissenschaft und Technik be- wirken ausschlieBlich Gutes fur die Menschheit und sind somit vollig legitim der Wurde wurdig. Erst einige Kapitel der Menschheitsgeschichte spater wird die Skepsis gegen- uber technischen Neuerungen den Sieg uber die Natur in Frage stellen.

Dass sich Vernunft und Erkenntnis nicht zwangslaufig bedingen und gleichsam fort- schreiten, sondern im Wettlauf der Wissenschaften die Moral eher auf der Strecke blieb, erkannte schlieBlich Rousseau 1750.15 Erstmals war nun der Bedarf des Schutzes menschlicher Anliegen gegen den Trend zur Idealisierung des Technischen Fortschrittes geboten.

Die Wichtigkeit dieser Erkenntnis fur die Genese des Wurdebegriffs liegt darin be- grundet, dass durch sie, Immanuel Kant von seiner zeitgleichen Sicht - ausschlieBlich wissenschaftliche Erkenntnis und technische Leistung seien wurdestiftend - abkam und den „modernen sittlich-rechtlichen Begriff der Wurde des Menschen entscheidendprag- te“16. Er wollte die Wurde von nun an am Beitrag zur ,,Herstellung der Rechte der Menschheit“ messen.17 Im nachsten Abschnitt wird Kants Konzept der menschlichen Wurde dargestellt, um im Weiteren dessen Auswirkungen betrachten zu konnen.

3. Kants Begriff der Menschenwurde

3.1. Moral als Pflicht gegen sich selbst

Vorwegzunehmen ist, dass es Kants Verdienst ist dem Menschen einen moralischen Ausnahmestatus zuzuschreiben, der frei von Gottbezugen ist. Ihm gelang es diesen Sta­tus ohne Unterscheidungen wie Geschlecht, Ethnie, Wohlstand oder Intelligenz herzu- leiten, indem er die menschliche Fahigkeit, nach freiem Willen sittliche Entscheidungen zu treffen, als das entscheidende, die besondere menschliche Wurde ausmachende, Kri- terium bestimmte.18

Grundlegend unterscheidet er zwei Perspektiven den Menschen zu betrachten, die aus seiner Einteilung der Philosophie entlehnt ist: der Mensch als Teil des naturli- chen bzw. physikalischen Systems und den Menschen als Person, der im System der Ethik bzw. der Freiheit verankert ist.19 Personlichkeit ist bei ihm nicht mit dem empiri- schen Menschen identisch, beide sind aber auch nicht voneinander zu trennen. Sie ist nicht das Resultat, sondern die Voraussetzung des menschlichen Wertes.20

Die Natur versteht er, in Anknupfung an Bacon, als „Inbegriff der Gegenstande der Erfahrung und der erfahrungs-wissenschaftlichen Forschung“, die objektiv beo- bachtet und erfasst, sowie mathematisch beschrieben werden konnen.21 Der Verstand ermoglicht dabei den Zugang zu diesen empirischen Tatsachen, die unter Abstraktion aller subjektiven und intersubjektiven Einstellungen und Auffassungen, Bestand ha- ben.22 Er stellt fest, dass in der Natur nichts liegt, „das dem Menschen in Befriedigung seiner Neigungen schadlich ware23 “ und fordert der Natur keinerlei moralische Ver- pflichtungen ab. Seinem Verstandnis nach kann die Ordnung der Natur nur durch den frei handelnden Menschen, der seinen naturlichen Neigungen nicht unterworfen ist,24 schadlich umgeformt werden.25 Fur den kantschen Wurdebegriff kommt der Natur da- her wenig Bedeutung zu.

Fur die Erarbeitung des kantschen Wurdebegriffs ist selbstverstandlich die ethi- sche, nicht die physische Perspektive ausschlaggebender. Moralisch entscheidend ist das sittliche Bewusstsein, das fur den Menschen im System der Freiheit, durch die prak- tische Vernunft bestimmt und in moralischen Pflichten verankert ist.26 Freiheit wird dem Subjekt durch die „Selbstbestimmung des Willens“27 moglich, wobei die Selbstbe- stimmung durch die Gesetze der Vernunft „aus Achtung vor dem Gesetz“28 und der sich daraus ergebenden Pflichten bedingt sind. Was den Menschen von der ubrigen Na- tur unterscheidet, ist das Vermogen willentlich, nach Prinzipien, also pflichtgemaB zu handeln. Sind der Wille und die resultierenden Handlungsgrundsatze (nach Kant Maxi- me) vollkommen durch objektive Gebote der Vernunft bestimmt, so handelt es sich um praktische Vernunft.29

Der Ursprung der Wurde liegt in dieser Vernunft, denn in ihre haben sittliche Begriffe a priori, also ohne empirisch erkannt werden zu mussen, ihren Sitz.30 Es kommt demnach Wurde nicht erst dem moralisch handelnden, sondern schon dem der Moral fahigen Person mit seiner Vernunft zu. Sie geht demnach auf die „Freiheit des Menschen zu vernunftbestimmter Lebensfuhrung und Selbstgestaltung“ zuruck.31 Wenn nun die Sittlichkeit durch die Selbstbestimmung des Willens konstituiert ist, muss sie „als Autonomie32 zu einem Inhalt werden, der unbedingt verpflichtend ist“33 und dem- zufolge ist der oberste Imperativ der Sittlichkeit, so zu handeln, dass auch andere Personen ihrer Selbstbestimmung des Willens nachkommen können, kategorisch geboten.34

[...]


1 Art. 1 GG

2 Low: Grundwerte der Demokratie, 28

3 Brugger: Menschenwurde, Menschenrechte, Grundrechte, 28

4 Forschner: Uber das Handeln im Einklang mit der Natur, 96

5 Ebd., 97

6 Ebd., 92

7 Ebd., 92f.

8 Ebd., 93

9

Papst Johannes Paul II: http://stjosef.at/dokumente/evolutio.htm

10 Fukuyama: Das Ende des Menschen, 225

11 Papst Johannes Paul II: http://stjosef.at/dokumente/evolutio.htm

12 Fukuyama: Das Ende des Menschen, 226

13 Forschner: Uber das Handeln im Einklang mit der Natur, 98

14 Ebd., 101

15 Forschner: Uber das Handeln im Einklang mit der Natur, 103.

16 Ebd., 104

17 Ebd., 104

18 Fukuyama: Das Ende des Menschen, 212

19 Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 11

20 Baumgartner, Honnefelder, Wickler, Wildfeuer: Menschenwurde und Lebensschutz, 198

21 Forschner: Uber das Handeln im Einklang mit der Natur, 107

22 Forschner: Uber das Handeln im Einklang mit der Natur, 107

23 Kant: Eine Vorlesung uber Ethik, 136

24 Ebd., 135

25 Ebd., 136

26 Forschner: Uber das Handeln im Einklang mit der Natur, 107

27 Baumgartner, Honnefelder, Wickler, Wildfeuer: Menschenwurde und Lebensschutz, 179

28 „Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung vor dem Gesetz. “ Vgl. Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 26

29 Ebd., 41

30 Ebd., 39f.

31 Forschner: Uber das Handeln im Einklang mit der Natur, 106

32 „Autonomie des Willens ist die Beschaffenheit des Willens, dadurch derselbe ihm selbst [...] ein Gesetz ist. Das Prinzip der Autonomie ist also: nicht anders zu wahlen, also so, dafi die Maximen seiner Wahl in demselben Wollen zugleich als allgemeines Gesetz mit begriffen sein. “ Vgl. Kant: Grundlegung zur Me- taphysik der Sitten, 74f.

33 Baumgartner, Honnefelder, Wickler, Wildfeuer: Menschenwürde und Lebensschutz, 179

34 Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 51

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Würde bei Kant - Genese, Aktualität und Zukunft einer moralischen Kategorie
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V159912
ISBN (eBook)
9783640726912
ISBN (Buch)
9783656162537
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Würde, Menschenwürde, Kant, Genese, Habermas, Luhmann, Singer, Menschenrechte, Wert und Preis, Grundgesetz
Arbeit zitieren
Peter Wöckel (Autor:in), 2009, Würde bei Kant - Genese, Aktualität und Zukunft einer moralischen Kategorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/159912

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