Entwicklungskontext Friedhof


Bachelorarbeit, 2010
79 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Friedhof und seine Bedeutung
2.1. Der Friedhof und seine Entwicklung
2.2. Entsorgung der Toten im 18. und 19. Jahrhundert

3. Gräber - Zeichen der Menschwerdung
3.1. Gräber für die Trauerarbeit?

4. Die Bestattung und ihre Entwicklung
4.1 Bestattungsriten in der Gegenwart als Zeichen unserer Lebenswelt

5. Bedeutung und Funktion der Trauerkultur

6. Grabskulpturen- zeitlose Ideale als Abbilder der Liebe und Erotik

7. Der Tod ein beständiger Begleiter
7.1. Tabuthema oder nicht?
7.2. Der Tod im 21. Jahrhundert zwischen Sprachlosigkeit und Dauerpräsenz

8. Fazit

9. Literatur

Welch tiefe Ruhe ist über alle Friedhöfe gebreitet!

Wenn man dort mit über der Brust gekreuzten Armen liegt, gehüllt in das

Leichentuch, dann gleiten die Jahrhunderte vorüber und stören so wenig wie der Wind, der durch das Gras fächelt.

Gustav Flaubert 1821-1880 (Sörries 2009, S.11)

1. Einleitung

Ein Teilgebiet der Psychologie ist die Entwicklungspsychologie. In der Historie der empirischen Entwicklungspsychologie wurden unterschiedliche Konzepte und Theorien, hinsichtlich verschiedener Fragestellungen und Menschbildern konstruiert. Allen gemeinsam ist der Gegenstand: Die Untersuchung der Veränderung und Kontinuität des menschlichen Erlebens und Verhaltens über die gesamte Lebensspanne hinweg (Oerter & Montada, 2002, S. 3). Dabei versucht das Fachgebiet zu klären, welche Veränderungen als Entwicklung angesehen werden, wie sie entstehen und warum sie sich ereignen. Die Entwicklungspsychologin Berk (2005) erwähnt hierzu, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts davon ausgegangen wurde, dass die Entwicklung in der Adoleszenz abgeschlossen sei. Neben der Annahme, dass die Zeit des Säuglingsalters und der Kindheit mit schnellen Veränderungen verbunden ist, wurde das Erwachsenenalter hingegen als eine stabile Phase und das Alter als ein Stadium des Rückgangs angesehen (Berk 2005). Diese Betrachtungsweise hat sich inzwischen grundlegend gewandelt. Berk (2005) sieht in der heute angewandten Lebensspannperspektive eine realistischere Sichtweise. Entwicklung wird gegenwärtig als lebenslanger Prozess verstanden, der mehrdimensional wirkt und individuelle Veränderungsmöglichkeiten beinhaltet, die in unterschiedlichen Entwicklungskontexten eingebettet sind (ebd.). Entwicklung enthält Wachstum, Veränderung, Gewinn und Abbau oder Verlust über die gesamte Lebensspanne hinweg (Oerter & Montada, 2002). Das bedeutet, in jedem Lebensabschnitt kommt es nach Berk (2005) zu Veränderungen auf physischer, kognitiver und sozialer Ebene. Mit fortschreitendem Alter nimmt jedoch die Plastizität ab und sowohl die Fähigkeiten, als auch die Möglichkeiten zur Veränderung reduzieren sich (ebd.). Angesichts des fortschreitenden Alters halten es Zimbardo & Gerrig (1999) für fast unmöglich, dass sich Menschen am Ende des letzten Entwicklungsabschnitts nicht mit dem Tod auseinandersetzen. Dies kann ihrer Auffassung nach auf individuell verschiedene Art und Weise geschehen.

„Mit Schopenhauer und Freud weist Eissler darauf hin, daß der Tod neben der Geburt das wichtigste Ereignis im Leben des Menschen ist und daß jede Psychologie von Wert dem Tod einen sinnvollen Platz in ihrer Gesamtstruktur zuweisen müsse." (Freud A., 1987, S. 2793).

Jede Geburt und jedes Leben ist einzigartig, das gleiche gilt nach Berk (2005) auch für den Tod. Im Gegensatz zu früheren Generationen wird inzwischen konstatiert, dass die Mehrheit der Menschen viel seltener den Sterbeprozess ihrer Angehörigen begleitet (Berk, 2005; Feldmann 2004, Fischer 1997, Hinderer & Kroth, 2005). Vielmehr würde der Großteil der Menschen in den Industrieländern in Krankenhäusern sterben. Die Konfrontation des Einzelnen im Umgang mit dem direkten Tod ist zu einem seltenen Ereignis geworden (Aries, 1980, Fischer, 1997, Feldmann, 2004). Dennoch ist Berk (2005) davon überzeugt, dass ein sehr großes Interesse an den Themen Tod und Sterben existiert. Trotz der Veränderungen im Umgang mit dem Tod anderer, wollen die Menschen den Prozess des Sterbens begreifen. Unabhängig davon, wie sich der Einzelne mit den unterschiedlichen Auffassungen und Haltungen hinsichtlich des Umgangs mit Sterben und Tod identifizieren kann, der Tod ist ein pulsierendes Thema (Berk, 2005). Es stellt sich jedoch die Frage, wenn dem Tod existentiell eine so hohe Bedeutung in unserem Leben beigemessen wird, warum wurde dann der Friedhof, der „das zentrale Menschheitsproblem berührt“ (Sörries, 2009, S. 13), bisher eher vernachlässigt? Im Hinblick auf die vorliegende Thematik ergab sich, dass ein breites Spektrum an Lektüre über den Tod und das Sterben existiert. Die immense und umfangreiche Literatur, zielt hierbei größtenteils darauf ab, Menschen bei der emotionalen Bewältigung von Sterben und Tod zu helfen. Auffallend war der vielfach hergestellte Zusammenhang zwischen Tod und Erotik, was den Eindruck einer sehr romantisierten Vorstellung des Todes erweckt. Da hier bislang eine überleitende Arbeit zum Thema Friedhof fehlt, soll die vorliegende Arbeit dies aufgreifen, und sich mit dem „Entwicklungskontext Friedhof“ auseinandersetzen.

Sörries (2009) beschreibt den Friedhof als Grenze zwischen den Lebenden und den Toten. Für manch anderen ist er lediglich ein Platz der Trauer und Bestattung (Lehmann, 2005). Es stellt sich die Frage, welche Funktionen der Friedhof neben der Trauer und Bestattung noch erfüllen könnte und was die Gründe dafür sein könnten.

Der ursprüngliche Zweck der Friedhöfe war die Bestattung. Sörries (2009) betont, dass sich die Bestattung und vor allem ihre darin enthaltene Interpretation von Leben und Tod gewandelt haben. Es schließt sich die Frage an, was zu diesen Veränderungen geführt hat und worin diese bestehen. Könnte es möglicherweise sein, dass Friedhöfe eine Bestandsaufnahme hinsichtlich des gesellschaftlichen und individuellen Verständnisses von Leben und Tod darstellen? Der Bischof Kardinal Lehmann (2005) beklagte mehrheitlich den Verfall der Friedhofs-, Bestatter- und Trauerkultur. Er vertritt die Position, dass der Friedhof auch zukünftig als ein traditioneller Ort des Gedenkens und der Trauer in unserer Gesellschaft manifestiert sein sollte, da dies unter anderem zu einer wichtigen Auseinandersetzung mit dem Tod beiträgt und die Erinnerung bewahrt. Die Frage, die sich hierbei aufdrängt, ist jedoch, was es zu Lebzeiten so wichtig machen sollte, sich mit seinem eigenen Tod auseinanderzusetzen. Der scheinbare Verlust der verankerten Friedhofs- und Bestattungstraditionen veranlasste mich darüber hinaus, diesen Wandel aus psychologischer Perspektive heraus näher zu beleuchten und herauszufinden, wie die Veränderungen bewertet werden. Für Unklarheit sorgte der häufig hergestellte Zusammenhang, dass durch die Veränderungen automatisch ein Verfall der Friedhofs-, Bestattungs- und Trauerkultur eingetreten ist. Könnte es sich hierbei nicht auch um einen kulturellen Fortschritt handeln?

Um die Vielfalt dieses Themas aufzuzeigen und eine Vorstellung von dem Facettenreichtum des Friedhofes als relevanten Ort und Funktionsträger zu vermitteln, wird zu Beginn der Arbeit eine Auseinandersetzung mit der allgemeinen Bedeutung des Friedhofes stattfinden. Diese Auseinandersetzung wird unter Einbezug eines kulturhistorischen Abrisses erfolgen. Die ersten beiden Kapitel werden sich mit der Bedeutung und Funktion von Friedhöfen, einschließlich ihrer Entwicklungsgeschichte befassen. Es wird zu klären sein, ob Friedhöfe eine wichtige Abbildfunktion gegenwärtiger und bereits vergangener Kulturen, sowie ihren Umgang mit Leben und Tod darstellen. Eine derartige Funktion könnte eine überaus hohe kulturelle Leistung des Menschen darstellen, da sie ihm ermöglicht, seiner eigenen Abstammung und damit einhergehenden Veränderungen nachzugehen und diese zu hinterfragen. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit den Gräbern und Grabstätten sowie ihrer Entwicklungsgeschichte und ihrer Bedeutung hinsichtlich der Trauerarbeit für den Menschen. Im Anschluss wird in den Kapiteln 4 und 5 eine Auseinandersetzung mit den Bestattungs- und Trauerritualen, den verschiedenen Arten, sowie ihrer Bedeutung und Funktion für den Menschen stattfinden. Ein weiterer Aspekt der Problemstellung wird in Kapitel 6 aufgegriffen, das sich mit der Kunst erotisch gestalteter Grabskulpturen und den damit verbundenen Vorstellungen von der unsterblichen Liebe aus dem 18. Und 19. Jahrhundert befasst. Dieser Teil der Arbeit widmet sich der Frage, ob Friedhöfe den Wunsch des Individuums darstellen, die Verbindung zu anderen über den Tod hinaus zu erhalten. In den letzten drei Kapiteln werden verschiedene Meinungen und Sichtweisen hinsichtlich der Themen Tod und Sterben erörtert. Die grundsätzliche Zielstellung der Arbeit ist, neben vergangen und aktuellen Tendenzen im Umgang mit Tod, Trauer und Abschied den Bedeutungswandel und die Funktion des Friedhofes für das Individuum aufzuzeigen. Darüber hinaus, wird ein Vergleich zwischen den vergangenen und gegenwärtigen sozialen Konstruktionen des Todes einfließen. Die Ergebnisse der jeweiligen Kapitel zielen darauf ab, die psychologische Bedeutung dieses Themas für das Individuum aufzuzeigen.

Die für die vorliegende Arbeit verwendete Literatur stammt bewusst aus verschiedenen Fachdisziplinen, um die Vielfalt der unterschiedlichen Betrachtungsweisen zu ermöglichen. Angesichts dieser Zielstellung wurde überwiegend auf die kulturhistorischen Werke von Fischer (1996; 1997; 1998; 1999; 2000; 2009; 2003), Sörries (2009; 1995), Steuer (1998), Schmied (2002), Gerhardt (2007) und Schulz &Seidel (1997) zurück gegriffen, da sie eine sehr umfangreiche, kontrastreiche und vor allem vielseitige Darstellung der historischen Entwicklung und Bedeutung von Friedhöfen, ihrer Grabstätten und der Trauer- und Bestattungskultur ermöglichen. Insbesondere die qualitativen Interviews des Soziologen Schmied (2002) und Schäfer (2003) bilden einen interessanten Ansatz hinsichtlich der Frage, ob Gräber und Friedhöfe vorwiegend mit Trauerarbeit in Verbindung gebracht werden. Um einen Einblick in das Verständnis von Trauer und Trauerarbeit zu ermöglichen, wurden vor allem die Arbeiten von Bowlby (1982; 1987; 2006) Kast (2009), Berk (2005), Aka (2007), Gerken & Prüß (2002) mit einbezogen. Um die Bedeutung und Funktion der Trauerkultur abzubilden, flossen die Arbeiten von Belliger (2007), Bucher (2006), Kränzle, Schmied & Seeger (2007) und Hinderer & Kroth (2005) ein. Weiterhin wurden interessante Perspektiven hinsichtlich der Entwicklung der Friedhofs-, Trauer- und Bestattungskultur von dem Bischof Kardinal Lehmann (2005) und der Theologin Bobert (2004) herangezogen. Hinsichtlich der Auseinandersetzung mit den Grabskulpturen und des Zusammenhangs zwischen Tod und Erotik wurden die Arbeiten von Bataille (1982), Nibbrig (1995), Ohlbaum (2000), Fischer & Zander (2004), Heimerl (2006), Behrens (2004) und Bronnen (1997) berücksichtigt. Was die Beschäftigung mit dem Umgang des Todes in der Gesellschaft angeht, so bildet die Geschichte des Todes von Aries (1980) eine mannigfache Grundlage, die für ein noch besseres Verständnis sorgt, aufgrund der historischen Einordnung. Zudem bieten die Interpretationen von Aries eine hervorragende Diskussionsgrundlage hinsichtlich der Bedeutung der Veränderungen im Umgang mit Tod und Trauer, die mitunter gegenwärtig als eine Tabuisierung des Todes verstanden wird (Hinderer & Kroth, 2005). Hinsichtlich einer Diskussion über eine Verdrängung des Todes und einem damit verbundenen Verfall traditioneller Bestattungs- und Trauerriten wurden die Arbeiten von Feldmann (2004), Hahn (1991, 1995), Graefe (2007), Klinger (2009) und Nibbrig (1995) mit einbezogen. Was die Besonderheit im Umgang mit dem Tod im 21. Jahrhundert angeht, wurden die Arbeiten von Niethammer (2008), Kränzle, Schmied & Seeger (2006), Hinderer & Kroth (2005) und Boehnke & Rath (2006) eingebunden.

2. Der Friedhof und seine Bedeutung

Wenn sich ein Erlebnis des Menschen niemals wiederholen wird, so ist es das seines eigenen Todes und nirgends manifestiert er sich so, wie in einer Leiche (Schmied, 2002). Schmied (2002) macht darauf aufmerksam, dass sich bereits die Neandertaler der toten Körper ihrer Verstorbenen annahmen und sie in einer Grube bestatteten. Dieses zweifellose Interesse an den Toten und dem Tod sollte den Menschen bis heute begleiten (ebd.). Fragt man heutzutage nach der Bedeutung von Friedhöfen, wird man mit unterschiedlichen Meinungen konfrontiert. So wird der Friedhof häufig mit „Ruhe und Frieden“ (Schmied, 2002, S. 8) in Verbindung gebracht, aber es werden auch andere Verknüpfungen zu diesem „Wohnort der Toten“ hergestellt (ebd. S. 8). So schreibt Gerhardt (2007) in ihrer Arbeit Exklusive Orte und normale Räume, von Befunden, in denen der Friedhof auch als ein Erholungsgebiet vor allem in bevölkerungsreichen und dichtbesiedelten Gegenden bezeichnet wird. Für den Friedhof wird dann mit Begriffen wie „grüne Lunge“ oder „Insel der Erholung durch Broschüren und dem Internet geworben wird (Gerhardt, 2007, S. 6). Gerhardt (2007) sieht in einem Friedhof ein „Thanatop“ (S. 1), da er als Lebensraum für Pflanzen und Tiere ein „Biotop“ ist, indem Leben wächst, wo die toten Körper biologisch vergehen (S.7).

Schmied (2002) versteht den Friedhof als einen „öffentlichen Ort privater Trauer“ (S. 30), da für ihn der Friedhof vor allem in einen Zusammenhang mit den Angehörigen steht, die als Hinterbliebene die Gräber ihrer Verstorbenen pflegen. So bezeichnete die Mehrheit der befragten Personen in seiner Studie den Friedhofsbesuch als festen Bestandteil ihres Alltagslebens, aber nicht nur aus Gründen der Grabpflege, sondern auch um Kontakte zu knüpfen. Für Schmied (2002) bedeutet der Besuch auf dem Friedhof ein „Stück psychischer Hygiene“ (S. 9). Wohingegen Gerhardt (2007) den Friedhof mehrheitlich als Ort der persönlichen Trauer und Psychohygiene anzweifelt. Sie wirft die Frage auf, ob angesichts der Entstehung anderer Friedhofsformen (wie zum Beispiel virtuelle Friedhöfe), überhaupt noch die Notwendigkeit besteht, die Trauer mit dem klassischen Friedhof in Verbindung zu bringen. Ihrer Auffassung nach, vereint der Friedhof viele einzelne Funktionen in sich: Eine hygienische Funktion, denn die Leichen werden abgegrenzt von den Toten aufbewahrt. Hinzu kommt eine ökologische Funktion, da die verfallenen Körper infolge ihrer Zersetzung wieder der Natur zurück geführt werden. Desweiteren existiert eine rechtliche Funktion, da der Friedhof der in Deutschland vorgeschriebene Ort für die Bestattung toter Menschen ist und es gesetzlich reglementiert ist, was, wie, wo und wann auf dem Friedhof getan werden darf. Ferner ist die planerische Funktion zu nennen, da der Friedhof auch als Parkanlage ebenso als Erholungsgebiet mitten in einem Ballungszentrum errichtet wird. Erwähnt seien noch die touristische Funktion, da Friedhöfe Attraktionen beherbergen können, eine ökonomische Funktion, weil Friedhöfe einen Wirtschaftsraum darstellen, die historische Funktion aufgrund ihrer Spiegelfunktion einer Gesellschaft und der hergestellten Verbindung zu den Vorfahren durch die Gräber, eine denkmalschützende Funktion, da sie Denkmäler beinhalten, die ein Relikt vergangener Kulturen darstellen und eine mythenbehaftete Funktion, da Friedhöfe als unheimlich und sogar gruselig angesehen werden können (Gerhardt, 2007, S. 34). Sie spricht daher vom Friedhof als „eklusiven“ Ort, da er einerseits als „Wohnort für die Toten“ getrennt ist vom „Wohnort der Lebenden“ (S. 33). Andererseits trägt die Vielseitigkeit der Perspektiven, von denen aus der Friedhof betrachtet werden kann, zu dieser Exklusivität bei. Gerhardt (2007) lehnt es demnach ab, dem Friedhof eine eindeutige Bedeutung zuzuweisen, da die verschiedenen gesellschaftlichen Zugriffsweisen dies nicht ermöglichen (S. 33).

Bezugnehmend auf unser kapitalistisches Wirtschaftssystem und der ökonomischen Funktion schreibt Gerhardt (2007): „Vom Umgang mit den Toten leben viele Menschen“ (S. 37). Sie meint damit vor allem das Bestatter-, Steinmetz- und Gärtnergeschäft, in denen es inzwischen vorrangig um Gewinnspannen geht: „Ein ganzer Wirtschaftszweig profitiert direkt und erheblich davon, dass über den Tod in einer sehr spezifischen Weise gesprochen wird“ (Gerhardt, 2007, S. 38).

Für den römisch- katholischen Bischof Karl Kardinal Lehmann (2005) ist der Friedhof und somit der Umgang mit dem Tod ein Kennzeichen einer Kultur, da hier (zumindest in den meisten Kulturen) eine rituelle Beisetzung der Verstorbenen erfolgt. Folglich versteht er den Friedhof überwiegend als einen Ort des Gedenkens. Für Tanas (2006) hingegen erfüllt der Friedhof weitere Funktionen, wie zum Beispiel als: öffentliche Anlage, Religiöse Kultstätte, Historische Gedenkstätte und ein Ort der gesellschaftlichen Aktivität (ebd. Ausgabe Nr. 92). Dieses vielfältige Ressourcenangebot ist von jeweils unterschiedlicher erzieherischer, didaktischer, ästhetischer, nationaler und religiöser Bedeutung (ebd.) Ein Phänomen stellt in diesem Zusammenhang die sogenannte „touristische Perspektive“ dar (Gerhardt, 2009, S. 39; Tanas, 2006). Hiermit sind Friedhöfe gemeint, die aufgrund ihrer Gestaltung, Geschichte, Bedeutung oder Prominenz einiger ihrer Toten berühmt wurden (Gerhardt, 2009). Dazu zählen der Pére Lachaise in Paris, der die letzte Ruhestätte des Sängers Jim Morrison beherbergt, der Wiener Zentralfriedhof und der Friedhof Hamburg Ohlsdorf (Gerhardt, 2009, Tanas, 2006). Nach Gerhardt (2009) stehen viele dieser Friedhöfe unter Denkmalschutz, um in ihrer gesellschaftlichen Funktion an bestimmte Verstorbene zu erinnern. Gerhardt (2009) ordnet die touristische Sichtweise jedoch eher zu den ökonomischen Perspektiven, da nicht nur die Friedhöfe ein Image bekommen, sondern auch die Reiseführer (S. 39). Darüber hinaus kritisiert sie eine durch die touristische Perspektive vorgenommene Etikettierung, was oder wer als wertvoll anzusehen ist und von wem das festgelegt wird. Tanas (2006) wiederrum sieht gerade in der touristischen Ressource einen wichtigen Indikator der Beziehung zwischen Gesellschaft und Friedhof. Hier wird für Lehmann (2005) der Nutzen des Friedhofs zur Aufrechterhaltung eines nationalen Erbes deutlich, Werte an nachfolgende Generationen weiterzugeben und biografische Details aus dem Leben einer Person zu vermitteln. Das macht den Friedhof für ihn zu einem wichtigen historischen Dokument und zu einem kulturellen Erbe.

Der evangelische Theologe und Archäologe Sörries (2009) versteht den Friedhof als einen „exklusiven Ort, der als materiell erfahrbare Stätte präsent, beschreibbar und deutbar mit den Methoden historisch- kritischer Forschung ist“ (S. 17). Er sieht in dem Friedhof ähnlich wie Lehmann (2005) eine aufschlussreiche Quelle über den Umgang der Kulturen, Gesellschaften und Individuen mit dem Tod und wie sie dieses Problem „zu lösen versuchten“ (Sörries, 2009, S. 13). Für Fischer (1996) ist der Friedhof ein „domestizierter Kulturraum“ (S. 2), dessen Geschichte eng mit dem jeweiligen gesellschaftlichen Kontext verknüpft ist. Er begründet das damit, dass die einzelnen Elemente des Friedhofs (Bauten, Bepflanzung, Grabgestaltung) von der jeweiligen Gesellschaft bestimmt werden. Die Verwendung dieser Einzelelemente wiederrum ermöglichen es Schlussfolgerungen zu ziehen über die sozialen, wirtschaftlichen, religiösen, technischen und architektonischen Entwicklungen (Fischer, 1996). Auch in dem Verständnis von Fischer findet sich der Gedanke wieder, dass der Friedhof eine wichtige Abbildfunktion der ihn umgebenden Kultur und Gesellschaft darstellt. Er erfasst die Trauerkultur als ein Ausdrucksmittel der Gefühlsstrukturen und Machtverhältnisse historischer Epochen (Fischer, 1996, S. 3). In vielen Religionen stellt der Friedhof eine Art heiliger Ort mit eigenen Gesetzen, Tabus und moralischen Verpflichtungen dar (Lehmann, 2005). Gerhardt (2007) illustriert diese Verpflichtungen und Regelungen anhand bestimmter Gesetze und Erwartungen, die dem Einzelnen vermitteln, wie er sich auf einem Friedhof zu verhalten hat: „dass auf Friedhöfen zum Beispiel nicht Fußball gespielt werden sollte, ist uns selbstverständlich“ (S. 31). Fischer (1997) und Gerhardt (2007) weisen auf den hierzulande existierenden Friedhofszwang hin, der vorschreibt, dass Menschen und ihre Asche (bis auf Ausnahme von Seebestattungen), nur auf Friedhöfen beigesetzt werden dürfen. Anhand dieser Tatsachen ist deutlich zu erkennen, dass der Friedhof eindeutigen Gesetzen und Verordnungen folgt. Für Gerhardt (2007) bildet er somit einen klar definierten und reglementierten Teil der Gesellschaft. Das verdeutlicht auch Fischer (1997): „auf dem Friedhof wird die Größe seines Grabsteins bis auf den Zentimeter genau reglementiert“ (S. 21).

In Deutschland gibt es etwa 30 000 Friedhöfe (Sörries, 1995, S. 627). Hierbei wird zwischen Großstadtfriedhöfen und kleinen Friedhöfen unterschieden (Schmied, 2002). Der Friedhof hatte nicht immer die Bezeichnung, wie wir sie heute kennen. Schmied (2002) beschreibt den Begriff Friedhof als die jüngste deutsche Bezeichnung und früher war er unter Begriffen wie „Leichhof“, „Kirchhof“, „Gottesacker“, „Totenhof“, „Totenacker“, „Totengarten“ (S. 7) bekannt. Das Wort Friedhof leitet sich vom altdeutschen „frithof“ ab und bezeichnete den eingefriedeten Bereich um eine Kirche (Schels, 2010). Bereits Aries (1980) hielt fest: „Man darf also sagen, daß einer der ältesten Namen zur Bezeichnung des Friedhofes weder die religiöse Bedeutung der Ruhe oder des Schlafes noch die realistische der Bestattung hat: er meint ganz einfach den Hof der Kirche“ (Aries, 1980, S. 71). Schmied (2002) weist jedoch darauf hin, dass der Bestandteil „fried“ nicht auf „Friede“ bezogen ist, sondern „Umfriedung“ meint (S. 8). Das Aussehen alter Friedhöfe wird von Aries (1980) mit klosterähnlichen Anlagen mit überwölbten Galerien verglichen. Auch wenn die Mehrheit der Friedhöfe heute keine Ähnlichkeiten mehr mit dem von ihm beschriebenen Bild aufweisen, sind sie dennoch von außen erkennbar. Gerhardt (2007) versteht sie als „integraler Bestandteil jeder menschlichen Siedlung“ (S. 32). Inmitten der Gesellschaft übernehmen Friedhöfe allerdings auch die Funktion der Abwehr vor dem Tod, im Sinne einer Gefahrenabwehr. Gerhardt (2007) stellt fest, dass der Friedhof noch immer eine Art „Bannfunktion“ übernimmt (S. 32). „Friedhöfe sind öffentliche Einrichtungen. Sie dienen der Bestattung menschlicher Leichen und damit der Abwehr von Gefahren, welche der öffentlichen Ordnung andernfalls in gesundheitlicher, sittlicher und religiöser Beziehung drohen würden“ (Gaedke, 2004 S. 23). Gerhardt (2007) sieht darin ein übrig gebliebenes Relikt zu Maßnahmen der Totenabwehr seitens der Kirchen. Hinsichtlich des Schutzes, lenkt sie den Fokus auf eine „ rationale hygienisch- medizinische Funktion“ (S. 34). Der Friedhof dient aus dieser Perspektive betrachtet als eine Deponie für Leichen (Gerhardt, 2007). Die Toten werden von den Lebenden strikt getrennt und der Körper ist in diesem Zusammenhang ein „gefährliches Ding, eine Sache, die potenziell ansteckend ist“ (S. 34). Ist der Mensch verstorben, enden die Aufgaben von Ärzten und dem Pflegepersonal und der Friedhof wird von Gerhardt (2007) als eine Verlängerung hygienischer Maßnahmen angesehen. Der hygienisch- medizinischen Perspektive schreibt Gerhardt (2007) in der westlichen Kultur eine große Bedeutung zu: „innerhalb des derzeitigen medizinischen Selbstverständnisses ist der Tod ein bedauerliches Missgeschick“ (S. 34). Dieser Gedanke findet sich auch bei Feldmann (2004) wieder, der den Tod als irreparablen Maschinenschaden versteht (S. 10).

Dies bedeutet zusammenfassend, dass der Friedhof nicht nur die eine Funktion übernimmt, sondern vielseitige Sichtweisen ermöglicht. Abhängig von der jeweiligen Perspektive, mit der man den Friedhof betrachten will, wird eine entsprechende Funktion fokussiert. Friedhöfe sind in dem Sinne nicht nur Aufbewahrungsort menschlicher Überreste, sondern auch kulturhistorische Relikte. Sie können sowohl Einzelschicksale bewahren, als auch für den Erhalt eines kollektiven und historischen Gedächtnisses sorgen. Sie schützen die Lebenden vor den Toten, gestatten jedoch auch einen Raum des Gedenkens und der Erinnerung für die Toten. Neben der Abgeschiedenheit und der Ruhe werden sie ebenso zu einem Treffpunkt der Lebenden, die Kontakte finden zu anderen und sich vom Alltagsleben abgegrenzt in mitten eines Ballungszentrums erholen können. Somit hat der Friedhof vielseitige Bedeutungen und Funktionen, die sich je nach Gesellschaft und Epoche verändern.

2.1. Der Friedhof und seine Entwicklung

Die Geschichte des Friedhofs ist so umfangreich, dass eine vollständige Auseinandersetzung im Rahmen dieser Arbeit nicht stattfinden kann. Die Ausführungen sollen lediglich einen Überblick hinsichtlich der Entwicklung des Friedhofs in der westlichen Kultur geben. Die ältesten gesetzlichen Vorschriften für die Anlage von Friedhöfen in Europa werden auf das 5. Jh. v. Chr. datiert (Tanas, 2006). Nach Steuer (1996), existierten bereits vor 6- 8000 Jahren v. Chr. reguläre Friedhöfe mit zahlreichen Bestattungen und Gräbern. Tanas (2006) führt aus, dass die bis zum 6. Jh. n. Chr. außerhalb der Städte und Kirchen angelegten Friedhöfe als heilig und geschützt angesehen wurden. Im 3. Jh. n. Chr. erschienen Christliche Friedhöfe, die unter anderem als Zufluchtsort für gesetzlich Verfolgte dienten (Tanas 2006). Seit dem 9. Jh. n. Chr. wurden die Kirchen für Bestattungen genutzt (ebd.) und seit dem 9. Jahrhundert lautet die Bezeichnung für den Friedhof „eingefriedetes Grundstück“, das Schutz und Schonung verleihen sollte (Lehmann, 2005). Lehmann betont, dass es seitens der Öffentlichkeit kein Eingriffsrecht auf den Friedhöfen gab. Grundsätzlich jedoch führte Sörries (2009) zufolge, das frühe Christentum dazu, dass das Bestatten der Toten als gemeinschaftliche Aufgabe angesehen wurde.

Die Entstehung sogenannter Gottesäcker datiert Fischer (1996) auf das 16. Jahrhundert. Er skizziert diese im Gegensatz zu heutigen Ruhestätten als einfach strukturiert, frei von Gestaltungsprinzipien, ästhetischen Idealen oder Auflagen zur Grabpflege. Eine Ausnahme in diesem Bereich bildet für ihn der 1594 vollendete Stadtgottesacker Halle/ Saale. Die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts errichtete Grabstättenanlage wird von Tietz (2004) auch heute noch, als ein vielbesuchter Ort der Ruhe und Besinnung beschrieben. Die Besonderheiten sieht sie in der architektonischen Geschlossenheit, sowie in der zum damaligen Zeitpunkt untypischen Fassadendekoration mit Inschriften und Reliefs (Tietz, 2004). Die kunst- und sepulkralgeschichtlichen Eigenarten führten dazu, dass dieser Friedhof bereits zum damaligen Zeitpunkt eine herausragende Stellung einnahm (ebd.). Für Fischer (1996) demonstrieren diese Eigenarten den Zusammenhang zwischen der Friedhofsgestaltung und dem Ausdruck der damaligen sozialen Veränderungen. Mit „Sepulkralkultur“ ist die Trauerkultur gemeint, wenn von der Bewältigung des Todes im Hinblick auf den gesellschaftlichen Umgang mit dem Tod und den Toten gesprochen wird (Fischer, 1996, S. 2).

Im Allgemeinen war der Tod in der Gesellschaft der Frühen Neuzeit im alltäglichen Leben integriert (Fischer, 1996, Aries, 1980). Die Kirchen wurden oftmals am Sterbeort von Märtyrern errichtet und aufgrund ihrer Reliquien im Altar als heilsame Orte verehrt (Schröter, 2006). Es entstand der Brauch, sich dort bestatten zu lassen, da man davon ausging, dass durch die scheinbare Nähe zu den Märtyrern eine Art Fürbitte im Jenseits erreicht werden könne (ebd.). „Wie man sieht, handelt es sich also nicht nur um Schutz gegen die Kreaturen des Tartarus, den die Heiligen gewähren; sie übertragen dem Verstorbenen, der ihnen zugesellt ist, auch einen Teil ihrer Tugend und sühnen, post mortem, seine Sünden“ (Aries, 1980, S. 48). Durch den schnell auftretenden Platzmangel jedoch, diente bald der Kirchhof als Begräbnisstätte (Fischer, 1996). Die eigene Bestattung innerhalb der Kirche vornehmen zu lassen, wurde zu „einer Art Auszeichnung oder käuflichem Privileg“ (Fischer, 1996, S.23). Die Bestattung von Selbstmördern, Exekutierten, Angehörigen „unehrlicher“ Berufe, Ehebrechern und Andersgläubigen, vor allem Juden, Leprakranken, Armen und Pilgern, fand jedoch auf sogenannten Pestfriedhöfen statt, da ihnen die kirchlichen Bestattungsorte verboten waren (Fischer, 1996; Lehmann, 2005). Hinzu kam, dass der Friedhof, im Mittelalter sehr gegensätzlichen Zwecken diente (Tanas, 2006). Er war sowohl Schauplatz von Messen, Festlichkeiten, Versammlungen, Gerichtsprozessen, Predigten, als auch Sammelplatz für Volksbräuche, Hinrichtungen oder auch Kriegszüge (Fischer, 1996;Tanas, 2006). Der Historiker Aries (1980) beschreibt den Friedhof im Mittelalter sogar als Brennpunkt des sozialen Lebens und verweist auf die Funktion eines Asylraums rings um die Kirche: „Der Schutzheilige gewährte den Lebenden, die ihn verehrten weltlichen Schutz, wie er den Toten, die ihn verehrten, geistliche Sicherheit bot“ (S. 83).

Aufgrund der zunehmenden hygienischen Problematik angesichts der Überfüllung der Kirchen und Kirchhöfe an verwesten Leichen, ging man dazu über, sogenannte Gemeinschaftsgruben anzulegen (Fischer, 1996). Aries (1980) bezeichnet diese Gemeinschaftsgräber auch als „Fleischfresser“ (S. 78). Diese Gemeinschaftsgruben stellten jedoch keine dauerhafte Lösung für das Problem dar, da lediglich immer wieder neue Leichen hineingeworfen wurden (Fischer, 1996). Angesichts der Aufklärung und der Entdeckung des menschlichen Körpers als Objekt der Wissenschaft setzte zwar ein zunehmendes Interesse für die Begräbnisplätze ein, allerdings reichte es nicht aus, um konkrete Veränderungen herbeizuführen (Fischer, 1996). Fischer (1996) weist auf die Schwierigkeit der Bevölkerung hin, dieser Herausforderung entgegen zu treten. Aufgrund der Normen und Werte (Erhalten und Bewahren) in der Bevölkerung, sieht er das zentrale Problem in der Gleichsetzung von Veränderungen mit Katastrophen. Anhand dessen schlussfolgert Fischer (1996), dass die Bevölkerung Problemen wie Seuchen, Missernten, Kriegen und der hygienischen Problematik mehrheitlich hilflos gegenüber stand.

Zu einer Änderung der Verhältnisse kam es erst infolge historischer Entwicklungen wie die Reformation und der französischen Revolution (Fischer, 1996). Auch Bobert (2004) sieht in der Reformation die Ursache eines kompletten Wandels der Friedhofs- und Totenkultur. Diese Veränderungen gaben den Anstoß sowohl für eine Sensibilisierung der hygienischen Problematik, als auch für die aufkommende soziale Bedeutung der Gesundheitspflege für den Menschen (Fischer, 1996). Die Bedeutung der Gesundheitspflege nimmt für Fischer (1996) einen hohen Stellenwert ein, da sie für ihn den Beginn einer „Medikalisierung des Hauses, des Körpers, der Krankheit, der Gesundheit und des Todes“ (S. 32) darstellt. Konkrete Veränderungen, die für eine „vernunftorientierte Gesundheitspolitik“ (Fischer, 1996, S. 32) sprechen, sieht er in dem Beginn von Impfungen, dem Bau von Krankenhäusern, auch wenn diese eher Verwahrungsanstalten glichen und der Ergreifung hygienischer Maßnahmen hinsichtlich der Nahrungsmittelversorgung. Die Veränderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse bewirkten, dass die Begräbnisplätze nicht mehr für gleichermaßen gefährlich gehalten wurden, wie beispielsweise Schlachthöfe, Gefängnisse und Hospitäler (Fischer, 1996). Diese fortschrittlichen Entwicklungen kamen jedoch zunächst ausschließlich dem Klerus zu Gute und bewirkten außerdem eine soziale Segregation (ebd.). Da Krankheit nun als Störfaktor in einer vermehrt leistungsorientierten Gesellschaft angesehen wurde, konnte sie folglich zum Ausschluss aus der Gesellschaft führen (ebd.).

Es wird deutlich, dass der Aufklärungsprozess nicht gleichermaßen in allen gesellschaftlichen Schichten griff. Fischer (1996) führt zudem aus, dass die Veränderung der hygienischen Problematik nicht nur wohlwollend hingenommen wurde, sondern zum Teil auch als Eingriff in die gewohnte Lebenswelt verstanden und zunächst abgelehnt wurde. Hinzu kommt der erhebliche Einfluss der Kirche in den normalen Bevölkerungsschichten (ebd.). Doch nicht nur die Ablehnung der Reliquienverehrung seitens der Reformatoren, sondern auch das durch die Aufklärung entfachte Bewusstsein für das selbstbestimmte Individuum bewirkten, dass zunehmend anstelle der Toten, die Hinterbliebenen in den Mittelpunkt gerückt wurden (Ortag, 2008).

Für Bobert (2004) relativierte sich nun die bis dahin enge Verknüpfung zwischen Kirche und Friedhof. Sie macht die Reformation für die spätere Verlegung der Toten außerhalb der Städte verantwortlich. „ Für die Toten schien es fortan nicht mehr wichtig, in der Nähe heiliger Stätten zu ruhen“ (Bobert, 2004, S. 2). Auch Fischer (1996) erkennt in der Tendenz sich von den Toten zu distanzieren, ein Resultat aufgeklärten Denkens und verweist auf einen beginnenden rationalen Umgang mit dem Tod. Grundsätzlich hält Lehmann (2005) die Einstellungsänderung hinsichtlich des Umgangs mit den Toten für einen entscheidenden Wendepunkt der Funktion von Friedhöfen. Infolge der Friedhofsverlegungen entwickelte er sich zu einem gesellschaftlich relevanten Raum, der eine konkrete Aufgabe als Trostspender übernehmen sollte. Er wurde zu einem Ort der Ruhe umfunktioniert (ebd.).

Die medizinischen Fortschritte bewirkten neben den Friedhofsverlegungen allerdings nicht nur eine zunehmende Distanzierung von den Toten, sondern auch von den Kranken. Diese wurden zunehmend als ansteckend und lebensgefährlich angesehen (Bobert, 2004). Nach Bobert (2004) kam es angesichts des hygienischen Fortschritts zur Entstehung von Reihengräbern, um sich einen Überblick über Bestattungen, Ruhefristen und Verwesungszeiten zu verschaffen. Sie sieht in dieser Entwicklung einen Fortschritt hinsichtlich des individualisierten Umgangs mit den Toten. Die Verstorbenen bekamen eine Identität, da sie mit einem Namen und einer Nummer ausgestattet wurden (Bobert, 2004). Fischer (1996) und Bobert (2004) interpretieren die Entstehung der Reihengräber jedoch gleichzeitig als Wegbereiter für das anonyme Grab. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde das Friedhofs- und Bestattungswesen Teil der öffentlichen Daseinsfürsorge und es kam zu einer Kommunalisierung der Friedhöfe (Sörries, 2009, Bobert, 2004). Daher kann der Anspruch auf ein eigenes Grab als eine Entwicklung der Neuzeit angesehen werden (Sörries, 2009). Statt eines katholischen, jüdischen und evangelischen Friedhofs sollte es nur noch einen geben. Diese Anonymisierung hatte jedoch auch zur Folge, dass den Toten nicht mal ihre Religion gelassen wurde (Sorries, 2009). Sorries (2009) Fischer (2000) und Bobert (2004) halten den Bedeutungsverlust der kirchlichen/ konfessionellen Friedhöfe für einen bedeutenden Wandel, da er Auswirkungen bis ins 20. Jahrhundert hatte.

Wie eingangs erwähnt ist die Geschichte des Friedhofs sehr umfangreich. Eine ausführliche Darstellung würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Der Friedhof wurde von einem für die Römer heiligen und geweihten Ort zu einem sich im frühen Christentum entwickelnden Platz, an dem die toten Körper niedergelegt wurden. Im Mittelalter fanden die Toten ihre letzte Ruhe auf dem Kirchhof. Dieser wurde angesichts der Reliquienverehrung als heilig angesehen und war gleichzeitig Funktionsstätte des gesellschaftlichen Lebens. Die Reformation verursachte einen Umbruch, da der Friedhof nun außerhalb der Städte angelegt wurde und eine deutliche Abgrenzung zwischen den Lebenden und den Toten erfolgte. Es wurden neue Begräbnisplätze erschaffen, die vor allem die Entstehung eines relevanten und konkreten Raumes bewirkten, indem sich eine bürgerliche Trauerkultur entfalten konnte.

2.2. Entsorgung der Toten im 18. und 19. Jahrhundert

Die wichtigsten Neuheiten des 18. und 19. Jahrhunderts waren der Bau von Leichenhallen und die Einführung der modernen Feuerbestattung (Fischer, 1999). Ein Grund für den Bau von Leichenhallen war unter anderem die Angst davor, lebendig begraben zu werden (ebd.). Schon in der Antike wurden Feuerbestattungen entdeckt. Für Sörries (2009) ist die Wiedereinführung der Krematorien ein ähnlicher Bruch wie der Übergang von der Feuer- zur Erdbestattung in der Spätantike. Bobert (2004) sieht in diesem Fortschritt eine moderne, platzsparende und vielversprechende Lösung, die Toten keimfrei zu entsorgen. Durch den Bau von Leichenhallen kam es für Fischer (1999) zu einer bürokratischen Reglementierung des Leichnams. Er skizziert diese Entwicklung unter anderem daran, dass die Aufbahrung des toten Körpers im eigenen Haus durch die Leichenhallen abgelöst wurde. Auch Bobert (2004) beschreibt die Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Funktionsträger wie Familie, Kirche und Nachbarn durch die den Leichenhallen zugeschriebenen Kompetenzen. Die Bereiche, die zuvor ausschließlich Angelegenheit von Kirche und Familie darstellten, wurden bürokratisiert (Fischer 1999). Bobert (2004) sieht in dieser Neuerung ein aufgeklärtes und von Rationalität geprägtes Weltbild, das durch die Architektur zum Ausdruck gebracht wurde. Die Architektur wirkte jetzt hygienisch, ökonomisch und technisch geprägt (Fischer, 1999, Bobert 2004).

Eine weitere Veränderung erfuhr die Trauerkultur durch den Bau von Krematorien und der Feuerbestattung. Das Krematorium wurde zu einem Symbol für einen erneuten Wandel im Umgang mit dem Tod. Bobert (2004) macht jedoch nicht einen vermeintlichen innerpsychischen Verdrängungsprozess für die Ursache der Entstehung von Krematorien verantwortlich. Sie sieht die Ursache in der Reformation, die ein technisches, ökonomisches, hygienisches und effizientes Denken hervorbrachte (Bobert, 2004, S. 4). Fischer (2000) sieht in dieser Entwicklung eine Verbindung zwischen Technik und Kultur, die seiner Auffassung nach, noch immer nicht verarbeitet wurde. Den hauptsächlichen Anlass für den Bau von Krematorien sieht auch er in den kritischen hygienischen Zuständen der Friedhöfe im 19. Jahrhundert (Fischer, 1999). Man war einerseits auf der Suche nach einer modernen, platzsparenden und günstigen Bestattungsart, andererseits wurde ein erneutes Interesse an der Antike entfacht (Fischer, 1996, 1999). Bobert (2004) macht darauf aufmerksam, dass bereits zum Zeitpunkt der Aufklärung sowohl in Frankreich, als auch in Deutschland der Gedanke existierte, die Leichenverbrennung widereinzuführen. Allerdings verhinderten gesellschaftliche Widerstände und fehlende technische Möglichkeiten die Umsetzung dieser Idee (Bobert, 2004). Im 19. Jahrhundert jedoch, konnte dieser Gedanke endlich umgesetzt werden. Da man sich neben der wachsenden Forderung nach Hygiene in einem Zeitalter des technischen Fortschritts befand und die Kirchen bereits an Bedeutung verloren hatten (ebd.). Fischer (1996) und Bobert (2004) verstehen die moderne Feuerbestattung aufgrund ihrer Auswirkungen bis heute als revolutionär im Bestattungswesen. Ein Hauptgegner der Feuerbestattung waren die Kirchen, die sie als heidnisch und pietätlos beurteilten und sich folglich zu massiven Widerständen veranlasst fühlten (Bobert, 2004). So kam es, dass die Feuerbestattung 1886 von der römisch- katholischen Kirche verboten wurde und erst 1962 wieder aufgehoben wurde (Fischer 1999). Das erste deutsche Krematorium wurde 1878 in Gotha gebaut, es folgten 1891 Heidelberg und 1892 Hamburg (Bobert, 2004; Fischer, 1996;1997). Bis zum zweiten Weltkrieg blieb die Feuerbestattung eher Angelegenheit des aufgeklärten Bürgertums (Bobert, 2004; Fischer, 1999). Bis zu diesem Zeitpunkt war das Krematorium ein mehrheitlich funktionaler Bestattungsort für Leichen, der die Leichenverwahrung, die Trauerfeier und die Einäscherung gleichermaßen übernahm (Fischer, 1999). Der genaue Ablauf dieser neuen, effektiven und lautlosen Methode war jedoch eher ein Tabuthema gegenüber der breiten Bevölkerung und das wirkte sich Fischer (1999) zufolge, auf den sich entwickelnden Missbrauch des Verwendungszwecks der Krematorien aus. Seiner Auffassung nach, konnte erst durch so einen Verbrennungsapparat die systematische Vernichtung und Entsorgung von Menschen durch den Nationalsozialismus ermöglicht werden (Fischer, 1997). Die Aschenbeisetzung als letzte Stufe der Feuerbestattung wird von Fischer (2000) als maßgebliche Veränderung der Grabgestaltung im Allgemeinen angesehen. Dadurch kam es zu einer Veränderung der Trauerzeremonien und neue Bestattungsarten wurden entwickelt. So fanden die Grabrede und der Abschied am offenen Grab nicht mehr statt und die Feuerbestattung wurde als schlichter und weniger aufwendig als eine Erdbestattung empfunden (Fischer, 1999). Die anfangs (um 1920) sehr teure Feuerbestattung wurde sogar zu der billigsten Bestattungsform der Arbeiterklasse (Bobert, 2004). Neben dem Bruch mit alten Traditionen, entwickelten sich jedoch auch neue Ausdrucksformen, die darauf hinweisen, dass der Bereich Tod und Trauer sich immer wieder neue Ausdrucksmöglichkeiten sucht (Bobert, 2004; Fischer, 1999).

3. Gräber und Grabstätten- Zeichen der Menschwerdung

„Das Grab ist auch eine Art Tempel, ein geheiligter Ort, an dem man die Messe zelebrieren kann. Später wird man sagen: Kapelle“ (Aries, 1980, S. 54) Den zentralen Aspekt eines Friedhofes bilden die Grabstätten. Lehmann (2005) schreibt ihnen eine hohe sozial-, kultur-, und religionsgeschichtliche Bedeutung zu. Der jüdische Philosoph Hans Jonas war der Auffassung, dass das Werkzeug, das Bild und das Grab den Menschen vom Tier unterscheiden würden: „Das Grab ist ein exzellentes menschliches Phänomen, dass die Artefakte von Werkzeug und Bild übersteigt und auf die Glaubensvorstellungen und Metaphysik verweist“(Jonas zitiert nach Globokar, 2002, S. 314). Das Grab hatte für Jonas eine besondere Bedeutung und er sieht es als eine Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Herkunft. Für Schmied (2002) sind Gräber Spiegel vergangener und gegenwärtiger Kulturen. Sie bringen nicht nur die Vorstellungen von Leben und Tod zum Ausdruck, sondern „generell das menschliche Schicksal“ (S. 7). Sie sind nicht nur Zeichen eines grundsätzlich vorhandenen Interesses am Tod, sondern verraten konkrete Unterschiede über die Menschen (Lehmann, 2005).

Für Lehmann (2005) ist das Grab eine Ruhestätte und ein sicherer Aufenthaltsort der Toten, da es vor Leichenschändung, schädigenden irdischen Einflüssen, wie Tiere oder Naturkatastrophen und überirdischen Einflüssen wie Dämonen und Geister schützen soll. Allerdings soll es auch die Lebenden vor den Toten schützen, indem der Tote das Grab nicht mehr verlassen kann und durch seine Wiederkehr die Lebenden stören könnte (Lehmann, 2005; Feldmann, 2004). „Ein Grab ist doch immer die beste Befestigung wider die Stürme des Schicksals.“ (Lichtenberg, 1958, S. 152). Im Gegensatz zu anderen Lebewesen, bestattet nur der Mensch seine Toten und sorgt dafür, dass sie auch nach Eintritt des Todes nicht in Vergessenheit geraten (Lehmann, 2005; Steuer, 1998).

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Ende der Leseprobe aus 79 Seiten

Details

Titel
Entwicklungskontext Friedhof
Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Magdeburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
79
Katalognummer
V160016
ISBN (eBook)
9783640735112
ISBN (Buch)
9783640735198
Dateigröße
846 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklungskontext, Friedhof
Arbeit zitieren
Yvonne Kohl (Autor), 2010, Entwicklungskontext Friedhof, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160016

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