Charakteristik und Funktion der Partnerfiguren bei Ingeborg Bachmann


Studienarbeit, 2002

24 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Ein Schritt nach Gomorrha

2 Gier

3 Drei Wege zum See

4 Ihr glücklichen Augen

5 Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

Charakteristik und Funktion der Partnerfiguren

1 Ein Schritt nach Gomorrha

In der fünften Erzählung des Bandes Das dreißigste Jahr vollzieht die Protagonistin einen Schritt in Richtung einer neuen, weiblichen nicht vom männlichen Wertsystem abhängige Identität. Ein Schritt nach Gomorrha ist eine „weibliche Schöpfungsgeschichte, und als solche ein bewußter Gegenentwurf zur patriarchalischen Tradition des Juden- und Christentums. Gomorrha evoziert das Böse, das im Alten Testament zerstört wird, damit das Gute gedeihen kann. Sodom und Gomorrha werden durch Feuer und Schwefel zerstört, weil ihre Einwohner dem Bösen verfallen sind. Der Schritt nach Gomorrha, den die Protagonistin Charlotte in der Nacht tut, setzt den Auftakt zur Zerstörung des Bösen in ihrem Leben.“[1] In einer langen Nacht nach einer Party erkennt die Konzertpianistin Charlotte im Beisammensein mit dem Mädchen Mara ihre Unzulänglichkeit, den Widerspruch zwischen ihren Individualität und den von außen an sie herangetragenen gesellschaftlichen Normen und Erwartungshaltungen aufzulösen. Sie sucht einen neuen Weg für sich und erschafft sich Mara als ihr Geschöpf. Bis jetzt hat Charlotte „die Spielregeln der Männergesellschaft akzeptiert, so daß ihr Denken innerhalb desselben Systems stattfindet wie jenes der Männer, das zum Verbrechen führt“[2]. Ihre Bemühung, der Außenwelt gerecht zu werden, hat sie sich selber entfremdet. Als die ureigenen bislang verdrängten Bedürfnisse an die Oberfläche kommen, werden sie zunächst verleugnet, vor ihr tut sich ein Abgrund auf. Die Unzufriedenheit mit der konventionelle Ehe mit Franz wird ihr bewußt: „Sie ist nicht das Subjekt ihres eigenen Lebens, sondern ein Objekt in seinem. Ihre Welt, ihrer beider Ehe ist im wesentlichen Franzens Platz.[3] “ Seine Wohnung, in der sie wohnt, wurde nach seinem Geschmack hergerichtet und liegt- Nomen est omen- am Franziskanerplatz: „ Jetzt lebte sie in der hellen Ordnung, die Franz gehörte, und verließe sie Franz, so ginge sie in eine andere Ordnung, in alte geschweifte Möbel oder in Bauernmöbel oder in eine Rüstungssammlung, in eine Ordnung jedenfalls, die nicht die ihre war- das würde sich nie ändern. Genaugenommen wußte sie auch schon nicht mehr, was sie für sich wollte, weil da nichts mehr zu wollen war.“[4] (G 98) Es gab keine Veränderung und schon gar keine schöpferische Neuerung in der Ehe, weil „Ehe eingehen heißt, in ihre Form eingehen.“(G 100) Die Ehe ist ein unveränderbarer Zustand mit geschlechtsspezifisch festgelegten Rollen, es gibt daher darin keine gleichwertige Beziehung zwischen Mann und Frau. Sie bietet keine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung der Frau.[5] „Da sie in ihrer Beziehung zu Franz keine Position selbständiger Sicherheit einnimmt, bedient sie sich der Manipulation“[6]: „angeplappert hatte sie ihn, mit verzogenem Mund, ein schwacher den Starken, eine Hilflose, Unverständige, ihn, den Verständigen. Sie [...] hatte den Mann dann plötzlich im Arm gehalten, hatte Zärtlichkeiten erpreßt, wenn er an etwas anderes denken wollte.“(G 97) Bis jetzt hatte sie Franz nur im Geheimen in Frage zu stellen gewagt und „ihr war rasch bewußt geworden, daß sie nichts an deren Stelle zu setzen gewußt hätte, daß ihr ein Einfall fehlte.“(G 103) Früher, als Mädchen kannte sie noch „den Zustand der Unmittelbarkeit des Erlebens“[7]: „Sie wollte alles lieben und von allen geliebt werden.“ (G 102) Jetzt hingegen war sie „längst unterrichtet in der Liebe, aber um welchen Preis!“(G 103) Intensives sinnliches Wahrnehmen ist zu einem „System von Zärtlichkeiten“(G 102) verkümmert, die umfassenderen Möglichkeiten der Liebe zu reiner Sexualität erstarrt: „Die gute Ehe gründete geradezu darauf, daß er von ihrem Körper nichts verstand. Dieses fremde Gebiet hatte er wohl betreten, durchstreift, aber er hatte sich bald eingerichtet, wo es ihm am bequemsten war.“ (G 103) Charlotte fühlt, daß ihr dabei etwas Wesentliches abgeht, ein größerer Handlungsspielraum mit einer viel größeren Palette an Möglichkeiten, sie ist sich selber entfremdet. Während Frauen wie Charlotte auf eine ganzheitliche Beziehung bestehen und überhaupt auf eine ganzheitliche Welterfahrung, sind sie für Männer zumeist austauschbare Objekte. Der Schritt in Richtung gleichgeschlechtlicher Liebe signalisiert mit Bezug auf das Alte Testament zunächst einen Schritt ins Sündhafte und Verderbliche.[8] Der Ausbruchsversuch aus der Beziehung zwischen Mann und Frau ist eine Bedrohung der Norm, auch Charlotte fühlt sich vorerst einmal bedroht durch die vielen Rottöne rundherum und an Mara. Das Rot ihres Rockes ist ein „Todesrot“(G 89), die Bar erscheint als „Höllenraum“(G 90). Noch flößt die Umkehrung der alten Ordnung Charlotte Furcht ein, sie zögert noch, ob sie bereit ist, die Konsequenzen zu tragen. Erst als Mara sich ihr nähert und ausspricht, daß sie Charlottes Leben für unaushaltbar hält, brechen ihre enttäuschten Erwartungen aus ihr hervor, sie „fürchtete, loszuweinen “(G 92) Langsam reift in ihr ein Entschluß: „es sollte zu gelten anfangen, was sie dachte und meinte, und nicht mehr gelten sollte, was man ihr erlaubt hatte zu leben. Wenn sie mit Mara zu leben begänne...“(G 98) Mara ist ihre Idee, die sie zur Erlangung ihrer Eigenständigkeit braucht, zur Schöpfung der Frau. „Indem sie Mara als dienende „Andere“ erfindet, jemand, für den sie nicht nur arbeitete[...] den Wert einer Sache bestimmte, einen Ort wählte, jemand ,für den sie das Maß aller Dinge darstellt, gelingt Charlotte der erste, unwiderrufliche Schritt zur Schöpfung ihrer Identität als primäres Subjekt, denn „wenn sie Mara lieben könnte, wäre sie nicht mehr in dieser Stadt, in diesem Land, bei einem Mann, in einer Sprache zu Hause, sondern bei sich.“(G 103) Sie brauchte jemand,

für den sie das Maß aller Dinge war, jemand, dem es wichtiger war, ihre Wäsche in Ordnung zu halten, ihr das Bett aufzuschlagen, als einen anderen Ehrgeiz zu befriedigen- jemand vor allem, dem es wichtiger war, mit ihren Gedanken zu denken, als einen eigenen Gedanken zu haben (G 99)

Mara verhält sich ihr gegenüber wie sie selbst gegenüber Franz:

Sie hatte das schon einmal gehört, nicht die Worte, aber den Tonfall. Diesmal hatte sie Einblick. Es verfing nicht bei ihr. Oder doch? Es half vielleicht gar nicht, daß sie das Mädchen erkannte oder durchschaute, weil sie sich plötzlich an sich selber erinnerte und erschaute. Nur viel älter kam sie sich mit einemmal vor, weil dieses Geschöpf vor ihr das Kind spielte, sich klein machte und sie größer machte für seinen Zweck. Sie fuhr Mara noch einmal zaghaft durchs Haar, hätte ihr gern etwas versprochen Etwas Süßes, Blumen, eine Nacht oder eine Kette. Bloß damit sie endlich Ruhe gab. Damit sie, Charlotte, endlich aufstehen und an etwas anderes denken konnte; damit dieses kleine lästige Tier verscheucht war. Sie dachte an Franz und sie fragte sich, ob auch er manchmal so von ihr belästigt worden war und sie gern verscheucht hätte, dieses kleine Tier, damit Ruhe war. (G 97)

Sie sieht in ihr sich selbst und verachtet Mara für ihr unterwürfiges Verhalten. Charlotte überträgt die Struktur von Dominanz und Unterwerfung auf ihre Beziehung zu Mara, kehrt nur die Rollen um und möchte selber zur Beherrscherin werden. Sie setzt genau die Schritte, die sie selber überwinden wollte und versucht, ihr das aufzwingen, was sie selber als unbefriedigend empfunden hat. Später heißt es:

Charlotte packte Mara an den Handgelenken. Sie hatte sie jetzt da , wo sie sie hatte haben wollen. Sie schätzte ihre Beute ab, und die war brauchbar, war gut. Sie hatte ihr Geschöpf gefunden. [...] jetzt konnte sie die Welt übernehmen, ihren Gefährten benennen, die Rechte und Pflichten festsetzen, die alten Bilder ungültig machen und das erste neue entwerfen. (G 107)

Mara ist Charlottens Geschöpf, wie Abraham das Geschöpf Gottes war. Aus der Kurzform Abram wird durch Umkehrung bis auf einen Buchstaben das Wort Mara „Ein Wesen von gleicher Beschaffenheit“(G 96), aus den Tiefen ihrer Phantasie aufgetaucht, aus demselben Stoff gemacht wie Charlotte. Mara gehört nicht nur zum gleichen Geschlecht, sondern kann als Teil von Charlottens Wesen, als ihr Ebenbild angesehen werden.[9] Als Charlotte in einem inneren Monolog die Pflichten memoriert, die mit der Rückkehr von Franz am kommenden Morgen zusammenhängen, reagiert Mara unmittelbar darauf und antwortet: „Morgen kommt er also.“ Sie ist es auch, die auf Charlottes Wut reagiert und stellvertretend das Geschirr (von Franz) zerschlägt, das Alte zerstört und die Möglichkeit zu einem Neubeginn ermöglicht. Nicht Mara, sondern Charlotte wirkt danach erleichtert. Mara verkörpert das Wissen um den weiblichen Körper, das Franz vollkommen fehlt und signalisiert die Entdeckung der weiblichen Sinnlichkeit. (sie tanzt für Charlotte, berührt und umarmt sie etc.). Charlotte möchte einen Neubeginn, die Möglichkeit zu vollkommen neuer Erkenntnis und schließt ihr letztes geheimes Zimmer für immer ab: „Tot war der Mann Franz und tot der Mann Milan, tot ein Luis, tot alle sieben, die sie über sich atmen gespürt hatte. (G 107)Sie sehnt sich nun nach einem neuen Reich, das „nicht ein Reich der Männer und nicht das der Weiber werden soll“(G 107). Aber die neue Situation mit Mara ist gekennzeichnet von der Sprachlosigkeit Charlottes, denn die Sprache ist geprägt von den alten Strukturen. Die Sprache der Frauen existiert noch nicht, wenn sie sprechen, ist das eine Verfremdung dessen, was sie von den Männern übernommen haben. Sie ist unfähig, das weibliche Sein in den Grenzen der von Männern geschaffenen Sprachstrukturen zu artikulieren. Die Sprache der Männer war nur geborgt, eine neue passendere und eigene weibliche Sprache und damit eine eigene weibliche Identität kann von ihr nicht noch gefunden werden, und so entläßt Bachmann den Leser mit einem Bild der Trauer über die Notwendigkeit, einen Persönlichkeitsanspruch zumindest vorläufig aufgeben zu müssen: „Sie waren beide tot und hatten etwas getötet.“ (G 108) So wurde ein Schritt wurde getan in das neue Reich der Zukunft, das aber hier noch Vision bleibt.

2 Gier

Die Fragment gebliebene Erzählung Gier ist die Geschichte eines Mordes, bezugnehmend auf einen in der italienischen Presse geschilderten spektakulären Mordfall. In der ersten Textstufe Ein reiches Mädchen steht der soziale Aufstieg einer aus einfachen Verhältnissen stammenden jungen Gouvernante im Mittelpunkt, die in das Milieu der „wirklich Reichen“ einheiratet und von Antoinette Altenwyl, der Repräsentantin alt- österreichischen Adels mit Scharfblick sofort als Bertholds Lamm bezeichnet wird, wodurch sie bereits als sein Opfer charakterisiert wird: „Als Antoinette heimkehrte nach St. Wolfgang, war von Elisabeth kein Name übriggeblieben, sie hieß dort „Bertholds Lamm“. (GI 184) Der Name Elisabeth steht für die karitative Funktion der Heiligen und damit ebenfalls für „Aufopferung“. Elisabeth wird zum Opfer der sexuellen Gier ihres Mannes, der zunächst den Namen Geldern trägt und später in Rapatz umbenannt wird. Nicht nur vermag Elisabeth die Rolle als Opfer ihres Mannes nicht zu durchbrechen, sie arbeitet sogar selbst ihrer Zerstörung zu. Erst in der dritten Textstufe erhält Elisabeth den Nachnamen Mihailovics und wird als Intellektuelle dargestellt, die Rapatz haushoch überlegen ist. Elisabeth nimmt schließlich alles, was sie vorfindet, als gegeben hin. Nach ihrer mißglückten Affaire mit Toni Marek scheint sie sich damit abgefunden zu haben, mit Berthold Rapatz verheiratet zu sein, den sie nicht liebt und duldet aufopfernd all seine Launen. Sie weiß auch, daß er sie nicht liebt, „er hatte aufgehört, außer Begierden etwas zu empfinden“(GI 194). Sein Verhalten Elisabeth gegenüber wird so geschildert:

Herr Rapatz [war] etwas ganz anderes als alle Menschen, die sie kannte, und sie kam sich klein vor, von einem Raubtier gefangen, und sie fürchtete ihn körperlich, das Gewalttätige und die Gewehre, die Rehböcke, die sich überschlugen und die er in die Wirbelsäule traf oder in die Lunge, sie sah sie zusammenbrechen und als Herr Rapatz die Tür absperrte und sie zum Bett drängte. Sie sagte, erregt, [...] aber es kann doch jeder kommen. Ja, was meinen Sie denn eigentlich, daß ich in meinem Haus nicht tun kann, was ich will. Aber Sibilla [...] es wird sie kränken,[...]Sie behandeln sie doch grundverkehrt , und lieblos und hart und und und. Halt doch endlich den Mund, sagte Herr Rapatz, und: mein Kleines. (GI 190, 191)

Der Faschismus beginnt im Alltag, in der Beziehung zwischen Mann und Frau. Die Frau wird in der Gesellschaft automatisch zum Opfer gemacht. Berthold Rapatz sieht Elisabeth dementsprechend, da sie eine Frau ist, als Freiwild, auf das er Jagd machen kann nach Belieben, wie auf die Rehe, deren „Todesarten“ und Todeskampf er ihr begeistert schildert. Sein Selbstbild ist das eines Herrschers über Leben und Tod. Erst durch den Tod der Tiere hat er vollständige Macht über sie erlangt und sich ihrer bemächtigt. Sie gehören nun ganz ihm. Er ist Trophäensammler, auch Elisabeth ist eine von ihm begehrte Trophäe, allerdings eine lebendige und widerspenstige, die er ständig unter Kontrolle halten muß, damit sie sich seiner Machtausübung nicht auf listige Weise zu entziehen versucht. Täter und Opfer sind aufeinander angewiesen, Elisabeth spielt die ihr zugedachte Rolle mit. Sie wird mitschuldig, weil sie sich zum Opfer machen läßt. Sie, die Arme, das Opfer, der alles in ihrem Leben einfach passiert ist, genauso wie ihr die Ehe mit Berthold Rapatz einfach passiert ist. Er kam ihr gerade recht, einer, an dem sie nie hängen würde, wo die Distanz groß genug war, um sich nicht an ihn zu verlieren, sich nicht preiszugeben und schließlich selbst aufzugeben. Sie hätte ihn nicht heiraten müssen, gezwungen hat er sie nicht, gedrängt vielleicht: Wann denn endlich! Wann würde sie ihm endlich ganz gehören, so wie die Rehe sein eigen sind, so wie ihm sein Haus gehört, aber auch seine Dienstboten und sogar seine Tochter. Sie wußte genau, was für ein Mann er war, und trotzdem, oder gerade deshalb hat sie es getan, hat sich sozusagen heiraten lassen. Ein bischen graut ihr vor ihm, wenn er sie ans Bett drängt und sie beobachtet ihn, wie roh und viehisch er sich ihr gegenüber benimmt. Sie sieht in ihm ein mächtiges, brutal- primitives, seinen Trieben jederzeit nachgehendes, viehisches Wesen, wobei dessen Selbstverständlichkeit, einfach zu nehmen, was er haben will, ohne Rücksicht auf Verluste, sie gleichzeitig fasziniert und abstößt. Elisabeth ist sich bewußt, „sie hatte mit einem merkwürdigen Problem zu tun, mit einem unersättlichen Mann, der sie unersättlich machte.“(GI 197) Mit seinem viehischen, rohen Verhalten steht Berthold Rapatz in krassem Gegensatz zur der ihr bisher bekannten Wiener Gesellschaft. Ab und zu ertappt sie sich selber dabei, wie sie sich wünscht, er möge ihr ein paar schweinische Worte ins Ohr flüstern, die für sie erschreckend und dabei doch so erregend sind. Ohne ihn hätte sie dergleichen wohl nicht einmal zu denken gewagt, als Frau, die weiß, was sich gehört. Rapatz hat Macht über sie und sie ordnet sich ihm unter, wie einem Naturgesetz. Sie muß nichts tun, außer dem, was er für sie vorgesehen hat. Alles, was Rapatz verkörpert, steht für die negativen Eigenschaften, denen Elisabeth in ihrem eigenen Charakter keinen Platz zugestehen will: Aggression, Machtgier, Herrschsucht, aber auch ungezügelte Sexualität. Als verselbständigter personifizierter Part ihrer eigenen dunklen Flecken übt er, sozusagen in stellvertretender Funktion, diese dunkle Seite aus, die so gar nicht zu der von ihr angestrebten Frauenrolle paßt. So kann sie ihn problemlos für seine „männliche“ Primitivität verachten und sich intellektuell bei weitem überlegen fühlen. Ihr Selbstbild scheint ja das genaue Gegenteil von ihm zu sein, denn sie selbst würde so etwas schließlich niemals tun! In seiner Gegenwart wird sie Zeugin von Sexualität, von körperlicher Nähe ohne seelische Hingabe an den Partner. Auch sie selbst gibt sich, ihre Sehnsüchte, zerstörten Hoffnungen und Wünsche nicht preis. Ihre Gedanken bleiben unangreifbar für ihn und sie kann heimlich über ihn triumphieren. So merkwürdig es klingen mag, er vermag nicht, sie zu verletzen und ihr weh zu tun. Schließlich hat er gar keinen Zutritt zu ihren seelischen Vorgängen. Seine Brutalität ist faßbar und physisch, psychisch hat er keine Gewalt über sie. Doch sie macht einen Fehler, trotz aller scheinbaren nach außen sichtbaren Überangepaßtheit. Gänzlich inakzeptabel ist für sie sein Vorschlag: Er möchte mit zwei Frauen gleichzeitig schlafen und fragt Elisabeth allen Ernstes: „Wie findest du die Hetti. Nette Person, obwohl sie eine dumme ist, aber die Marburgs sind das alle, ich meine die Frauen, sie mag Dich, würdest Du, was mein Kleines, stell Dich nicht so an. Es macht mehr Spaß mit zwei Frauen, mir jedenfalls.“ (GI 196, 197) In seinem Tonfall mischt sich gleichzeitig Verachtung und sexuelles Interesse an dieser Frau, er wertet sie gleichzeitig ab und begehrt sie körperlich. Indem er sie abwertet, das ist je eh nur eine Dumme, die kann man haben, mit der man ohnehin machen kann, was man will, wird sie für ihn greifbar, er ist sich nun sicher, er kann auch sie besitzen und ihrer habhaft werden. Zwei Frauen gleichzeitig zu besitzen, wäre der Gipfel seiner Machtphantasien, er will noch mehr und mehr haben vom Leben, ganz gierig scheint er danach zu sein, die betroffene Frau scheint er dabei gar nicht fragen zu müssen, so sicher ist er sich ihrer schon. Elisabeth ist nicht einmal entrüstet, ein derartiges Verhalten paßt zu Rapatz und war zu erwarten. Sie sucht nach einer Erklärung für ihre ablehnende Einstellung und antwortet: „Mir aber nicht, ich kann es nicht. Ich kanns mir nicht einmal denken, es ist schwer, Dir das zu erklären, ich möchte nicht, daß eine andere Frau das sieht.“ (GI 196) Als er sie dann lachend fragt, wenn sie sich schon um dieses Vergnügen bringt, ob sie sich das wenigstens vorstellen könnte, einen zweiten Mann, sagt Elisabeth einmal:

[...] der neue Förster, Oh sagte er, und er drückte sie zärtlich an sich, der neue Förster na schön, wir werden ja sehen. Ich habe es nur gesagt, weil ich gehofft habe, du ohrfeigst mich, nur deswegen. Viel zu hübsch, um geohrfeigt zu werden, mit dir macht man etwas anderes, mein Kleines, sagte er. (GI 197)

Kurz blitzt einer ihrer eigenen Gedanken auf und Rapatz ahnt sofort die Rebellion, die dahintersteckt. Er entfacht in Rapatz rasch entflammbaren Gemüt einen Flächenbrand, auch wenn er es nicht zugibt. Immer mehr drängt sich ihm die Ahnung auf, daß er sie doch nicht ganz besitzt und nie besitzen wird. Es gibt einen Bereich, über den er keinen Einfluß hat und das macht ihn rasend. Wenn er keine Macht hat, hat er versagt. Berthold Rapatz muß sich beweisen, daß er das Sagen hat: Er wird sie zu etwas zwingen und sie hat zu gehorchen, selbstverständlich, sie muß gehorchen. Alle müssen sie ihm gehorchen, er ganz alleine hat zu bestimmen, auch wenn die anderen ausbrechen und nicht mitmachen wollen. Er muß sich durchsetzen!

Mitten in der Nacht , vor dem Einschlafen sagte er, du gehst morgen mit ihm in den Wald, hörst du, hier im Haus passiert mir das nicht. Ich gehe nicht, sagte sie, und weil ich nicht will. Du gehst und am Abend will ich es wissen, und ganz genau und jedes Detail. Er hatte nie so mit ihr gesprochen, er war viel furchtbarer, als wenn er schrie, und sie fürchtete, er würde sie würgen, und als hätte er ihre Furcht erraten, umklammerte er mit beiden Händen ihren Hals, den drücke ich dir zu, mein kleines Vögelchen, wenn du nicht parierst, aber du wirst ja gehen. Du sollst deinen Spaß haben. Ich werde keinen haben, sagte sie. Ich kann nicht. Du wirst, weil es ein Spaß für mich wird, unsere Späße, die sind meine, hast du verstanden. (GI 197, 198)

Elisabeth tut wie geheißen, geht in den Wald, legt dem fremden, so andersartigen Sascha die Arme auf die Schulter und küßt ihn „zwischen das Hemd, wo es offen war, die vielen dunklen Haare, es war ihr wirklich übel, aber sie wußte nicht mehr warum, nur daß es ihm ähnlich ging.“(GI 198) Beide sind sie Abhängige, die sich nicht wirklich zugehörig zu den anderen fühlen. Es kommt anders, als sich Elisabeth die Szene ausmalen konnte:

Er [Anm.: der neue Förster] hielt sie plötzlich fest und sanft zugleich, und sie spürten im Stehen ihre Körper endgültiger als in einer Vereinigung, und sie standen nur da, aneinandergepreßt wie die Verurteilten, die man nackt vor Jahrhunderten an einen Pfahl gebunden hatte, um sie zu verbrennen, und dieses Verbrennen war mehr als jedes andere Gefühl, das Elisabeth je gespürt hatte, und es gab nichts darüber hinaus. (GI 198)

Die Begegnung mit Sascha läßt sie die Möglichkeit von Gefühlsintensität erahnen, die sie bei Rapatz niemals erleben könnte, die sie gleichzeitig befremdet und aufregt. Für sie beide ist etwas Besonderes geschehen, das sich nicht so einfach in Worte fassen läßt. Doch dieser neue Erlebnishorizont ist nicht von Dauer, sie müssen in ihre alte Welt zurück, zurück zu Rapatz und dessen Launen, denen sie hilflos ausgeliefert sind, da er von ihrem „Geheimnis“ weiß und daran denkt, sein Wissen zu seinem Vorteil zu nutzen. Totenbleich wie eine Verurteilte, kehrt sie nach Hause zurück, erwartend, daß Rapatz seine Spielchen mit ihr treiben wird. Berthold Rapatz hat schon den neuen Förster zu sich geladen, er scherzt und scheint merkwürdigerweise unheimlich gut gelaunt zu sein. Zunächst noch Witze erzählend, spielt er schließlich auf das Treffen der beiden an. Sein voyeuristisches Interesse ringt mit seiner Eifersucht. Er läßt den beiden nicht einmal die Zeit, den Vorfall zu erzählen, auch wenn er Elisabeth ursprünglich zur Tat gedrängt und einen nachfolgenden detaillierten Bericht verlangt hatte. Später fallen Schüsse: Rapatz hat seine Frau Elisabeth, den Förster und anschließend sich selbst gerichtet. Erhellend für das Verständnis von Berthold Rapatz Charakter ist das Urteil des Psychiaters Antonio Castellani, der den schrecklichen Mordfall in Rom analysiert hat, das auch Ingeborg Bachmann das Stichwort für den späteren Titel der Erzählung lieferte:

Nach dem, was ich in den Zeitungen gelesen habe, kann man sagen, daß er eine psychopathische Persönlichkeit vorrangig auf psycho- sexuellem Gebiet war. Es ist anzunehmen, daß es nicht nur voyeuristische, sondern auch homosexuelle Valenzen gab[...] Die erotisch- sexuelle Beziehung des Perversen ist nie die Begegnung mit einem Du als erster Person[...], sondern ein Nehmen des anderen ausschließlich auf der Ebene des Habens und Besitzens und nie auf der Ebene der Gegenseitigkeit. Es gibt kein Schenken, nur possessive Gier.[10]

Die Gier des Herrn Rapatz ist die Gier nach Geld, Macht, nach dem Besitz von Frauen, nach Leben. Doch diese Gier zerstört unweigerlich nicht nur die Menschen, die in seiner Gewalt sind, sondern auch ihn selbst.[11] Wenn nicht ausschließlich er und nur er sie besitzen konnte, wenn sie nicht mehr nur die „Seine“ war, dann hatte er keine Macht mehr über sie, dann hatte er versagt. Über ein mögliches Motiv zu den Morden gibt der weitere Bericht des Psychiaters Aufschluß:

Einer der wahrscheinlichsten [Gründe] ist das tiefe Gefühl der Rache gegenüber dieser Frau, die sich für sein Spiel nicht mehr zur Verfügung stellte, undankbar gegen all seine Großzügigkeit[...].Das zentrale Problem [...] ist unzweifelhaft das komplexe Verhältnis des Protagonisten zur Frau, er war ein sexuell unreifes und an vielfältigen Verirrungen, das heißt an zwanghaftem Voyeurismus, mit Manifestationen der Herrschaft über das andere Geschlecht leidende Individuum.[12]

Er fühlt, daß sie sein Spiel bald nicht mehr mitspielen wird. Sobald er die Macht über sie verliert und damit den Glauben an seine Macht, ist in seinen Augen alles vernichtet, und er hat nun das Recht, seine Welt auszulöschen und die Lebewesen in seiner Welt:

Einen Beweggrund [für den Selbstmord] könnte man in einem schmerzlichen Zustand der mit Schuldgefühlen beladenen Angst in Verbindung mit dem bereits begangenen Mordakt finden. Ein Zustand, der das Subjekt in einen tiefen Verzweiflungszustand gestürzt hat (das, was wir Psychiater eine Grenzsituation nennen), demzufolge er, da er nun jede Existenzmöglichkeit als unwiderruflich verloren ansah, es für richtig gehalten hat, alles zu zerstören, was seine Welt ausgemacht haben konnte, und damit selbst unterzugehen[...][13]

Schlußendlich rückt die Frage nach den tieferen Ursachen für Doppelmord und Selbstmord in den Mittelpunkt:

Warum die abschließende Explosion? Im Gegensatz zu dem, was im allgemeinen geglaubt wird, verwirklicht das Individuum, das in sich starke passiv- masochistische Komponenten trägt, die eigenen Phantasien, indem es sich zu ihrem „Regisseur“ macht.[...] Auf diese Weise sind die zerstörerischen Ladungen nicht vollständig gegen das Subjekt gerichtet: Ein Teil von ihnen, gut oder böse, richtet sich nach außen und findet in den bereits beschriebenen despotischen und anleitenden Verhaltensweisen Ausdruck. Wenn jedoch diese kurze Spanne verschwindet, in der es dem Ich noch, und sei es auch nur in der Einbildung, gelingt, sich zu behaupten, fühlt sich das Individuum verloren, seine zerstörerische Aggressivität durchbricht jedes Hindernis und zieht es zusammen mit den Akteuren seines abartigen „persönlichen Theaters“ ins Nichts herab.[14]

[...]


[1] Achberger, Karen: Bachmann und die Bibel. Ein Schritt nach Gomorrha als weibliche Schöpfungsgeschichte. In: Der dunkle Schatten, dem ich schon seit Anfang folge. Ingeborg Bachmann. Vorschläge zu einer neuen Lektüre des Werks. Hrsg. v. Hans Höller. Wien, München: Löcker Verlag 1982

[2] Bartsch: Ingeborg Bachmann. 2.überarb. Aufl., Stuttgart, Weimar: Metzler 1997(Sammlung Metzler, Bd. 242), S. 140

[3] Achberger, Karen: Bachmann und die Bibel. Ein Schritt nach Gomorrha als weibliche Schöpfungsgeschichte. In: Der dunkle Schatten, dem ich schon seit Anfang folge. Ingeborg Bachmann. Vorschläge zu einer neuen Lektüre des Werks. Hrsg. v. Hans Höller. Wien, München: Löcker Verlag 1982

[4] G = Ingeborg Bachmann: Ein Schritt nach Gomorrha. In: dies., Das dreißigste Jahr. Erzählungen. 1. Aufl., München: Piper 1966

[5] vgl. dazu auch : Christa Gürtler: Möglichkeit von Frauenbeziehungen. In: Schreiben Frauen anders? Untersuchungen zu Ingeborg Bachmann und Barbara Frischmuth. Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik, Hrsg. v. Ulrich Müller, Franz Hundsnurscher und Cornelius Sommer, Nr. 134. Stuttgart: Akadem. Verl. 1983

[6] Karen Achberger : Bachmann und die Bibel. Ein Schritt nach Gomorrha als weibliche Schöpfungsgeschichte. In: Der dunkle Schatten, dem ich schon seit Anfang folge. Ingeborg Bachmann. Vorschläge zu einer neuen Lektüre des Werks. Hrsg. v. Hans Höller. Wien, München: Löcker Verlag 1982

[7] Christa Gürtler: Möglichkeit von Frauenbeziehungen. In: Schreiben Frauen anders? Untersuchungen zu Ingeborg Bachmann und Barbara Frischmuth. Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik, Hrsg. v. Ulrich Müller, Franz Hundsnurscher und Cornelius Sommer, Nr. 134. Stuttgart: Akadem. Verl. 1983, S. 275

[8] vgl. dazu auch: Christa Gürtler: ebda.

[9] vgl. dazu auch: Achberger, Karen: Bachmann und die Bibel. In: Der dunkle Schatten, dem ich schon seit Anfang folge. Ingeborg Bachmann. Vorschläge zu einer neuen Lektüre des Werks. Hrsg. v. Hans Höller. Wien, München: Löcker Verlag 1982

[10] Nachwort. In: Ingeborg Bachmann: Requiem für Fanny Goldmann und andere späte <<Todesarten>>-Texte Hrsg. v. Monika Albrecht und Dirk Göttsche, München: Piper 1999, S. 256

[11] zitiert nach: Gier. In: Ingeborg Bachmann: Requiem für Fanny Goldmann und andere späte <<Todesarten>>-Texte Hrsg. v. Monika Albrecht und Dirk Göttsche, München: Piper 1999, S. 201

[12] Nachwort. In: Ingeborg Bachmann: Requiem für Fanny Goldmann und andere späte <<Todesarten>>-Texte Hrsg. v. Monika Albrecht und Dirk Göttsche, München: Piper 1999, S. 256- 257

[13] ebd., S. 257

[14] Nachwort. In: Ingeborg Bachmann: Requiem für Fanny Goldmann und andere späte <<Todesarten>>-Texte Hrsg. v. Monika Albrecht und Dirk Göttsche, München: Piper 1999, S. 257 - 258

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Details

Titel
Charakteristik und Funktion der Partnerfiguren bei Ingeborg Bachmann
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Proseminar Ingeborg Bachmann
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
24
Katalognummer
V160081
ISBN (eBook)
9783640729579
ISBN (Buch)
9783640729968
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ingeborg Bachmann, Gier;, Drei Wege zum See;, Ein Schritt nach Gomorrha;, Ihr glücklichen Augen;
Arbeit zitieren
Mag. Eva Lirsch (Autor), 2002, Charakteristik und Funktion der Partnerfiguren bei Ingeborg Bachmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160081

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