In der fünften Erzählung des Bandes Das dreißigste Jahr vollzieht die Protagonistin einen Schritt in Richtung einer neuen, weiblichen nicht vom männlichen Wertsystem abhängige Identität. Ein Schritt nach Gomorrha ist eine „weibliche Schöpfungsgeschichte, und als solche ein bewußter Gegenentwurf zur patriarchalischen Tradition des Juden- und Christentums. Gomorrha evoziert das Böse, das im Alten Testament zerstört wird, damit das Gute gedeihen kann. Sodom und Gomorrha werden durch Feuer und Schwefel zerstört, weil ihre Einwohner dem Bösen verfallen sind. Der Schritt nach Gomorrha, den die Protagonistin Charlotte in der Nacht tut, setzt den Auftakt zur Zerstörung des Bösen in ihrem Leben.“
Inhaltsverzeichnis
1 Ein Schritt nach Gomorrha
2 Gier
3 Drei Wege zum See
4 Ihr glücklichen Augen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die Charakteristik und Funktion von Partnerfiguren in ausgewählten Erzählungen von Ingeborg Bachmann, um die dort dargestellten Machtstrukturen und Identitätsentwürfe in Beziehungen zu untersuchen.
- Darstellung patriarchaler Strukturen und Rollenbilder in der Ehe.
- Die Rolle der Partnerfigur als Spiegel oder Projektion des eigenen Ichs.
- Weibliche Identitätssuche und die Auseinandersetzung mit der "männlichen" Sprachwelt.
- Soziale und psychologische Hintergründe von Gewalt und Dominanz in Partnerschaften.
- Die Bedeutung von Körperlichkeit, Sexualität und Wahrnehmung in den untersuchten Texten.
Auszug aus dem Buch
2 Gier
Die Fragment gebliebene Erzählung Gier ist die Geschichte eines Mordes, bezugnehmend auf einen in der italienischen Presse geschilderten spektakulären Mordfall. In der ersten Textstufe Ein reiches Mädchen steht der soziale Aufstieg einer aus einfachen Verhältnissen stammenden jungen Gouvernante im Mittelpunkt, die in das Milieu der „wirklich Reichen“ einheiratet und von Antoinette Altenwyl, der Repräsentantin alt- österreichischen Adels mit Scharfblick sofort als Bertholds Lamm bezeichnet wird, wodurch sie bereits als sein Opfer charakterisiert wird: „Als Antoinette heimkehrte nach St. Wolfgang, war von Elisabeth kein Name übriggeblieben, sie hieß dort „Bertholds Lamm“. (GI 184) Der Name Elisabeth steht für die karitative Funktion der Heiligen und damit ebenfalls für „Aufopferung“. Elisabeth wird zum Opfer der sexuellen Gier ihres Mannes, der zunächst den Namen Geldern trägt und später in Rapatz umbenannt wird. Nicht nur vermag Elisabeth die Rolle als Opfer ihres Mannes nicht zu durchbrechen, sie arbeitet sogar selbst ihrer Zerstörung zu. Erst in der dritten Textstufe erhält Elisabeth den Nachnamen Mihailovics und wird als Intellektuelle dargestellt, die Rapatz haushoch überlegen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Ein Schritt nach Gomorrha: Die Protagonistin Charlotte erkennt die Einengung ihrer Identität durch patriarchalische Normen und versucht in einer Beziehung zu dem Mädchen Mara, eine neue, eigene weibliche Identität als Subjekt zu begründen.
2 Gier: Diese Erzählung untersucht anhand eines Mordfalls die destruktiven Dynamiken von Macht, Voyeurismus und Besitzgier in der Beziehung zwischen dem dominanten Berthold Rapatz und seiner Ehefrau Elisabeth.
3 Drei Wege zum See: Elisabeth Matrei reflektiert über ihre gescheiterten Liebesbeziehungen und ihre Entfremdung von der Heimat, wobei ihre Partnerfiguren als Projektionsflächen für Sehnsüchte nach Geborgenheit fungieren.
4 Ihr glücklichen Augen: Die Erzählung beleuchtet die Strategien der Protagonistin Miranda, die durch eine bewusste Wahrnehmungssteuerung versucht, die Realität und den Verlust ihres Partners Josef abzuwehren.
Schlüsselwörter
Ingeborg Bachmann, Partnerfiguren, Todesarten-Projekt, Identität, Patriarchat, Machtstrukturen, Gewalt, Geschlechterrollen, weibliche Subjektivität, Voyeurismus, Entfremdung, Abhängigkeit, Körperlichkeit, Rollenmuster, literarische Analyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Rollen von Partnerfiguren in ausgewählten Erzählungen von Ingeborg Bachmann und wie diese das Identitätsbild und die Handlungsspielräume der weiblichen Protagonistinnen beeinflussen.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Themen sind patriarchalische Machtstrukturen, weibliche Identitätsfindung, die psychologische Dynamik von Täter-Opfer-Beziehungen sowie die Auswirkungen von Geschlechterrollen auf die Wahrnehmung von Liebe und Sexualität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Funktionsweise von Partnerfiguren aufzudecken, die oft als Instrumente der Dominanz oder als Projektionsflächen für unerfüllte Bedürfnisse der weiblichen Hauptfiguren dienen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet eine literaturwissenschaftliche Analyse an, die den Textinhalt in den Kontext von Bachmanns Werk (insbesondere das Todesarten-Projekt) stellt und psychologische sowie soziologische Aspekte einbezieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die vier Erzählungen "Ein Schritt nach Gomorrha", "Gier", "Drei Wege zum See" und "Ihr glücklichen Augen" hinsichtlich ihrer spezifischen Beziehungsgefüge.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Identität, Patriarchat, Machtstrukturen, Entfremdung und Geschlechterrollen charakterisieren.
Inwiefern spielt der "Faschismus im Alltag" eine Rolle in der Erzählung "Gier"?
Die Erzählung verdeutlicht, dass Machtausübung und Unterdrückung, wie sie Berthold Rapatz gegenüber seiner Frau ausübt, eine Form von Faschismus innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen darstellen.
Wie lässt sich Mirandas Kurzsichtigkeit in "Ihr glücklichen Augen" interpretieren?
Mirandas Kurzsichtigkeit fungiert als Schutzmechanismus, der es ihr ermöglicht, die als hässlich oder schmerzhaft empfundene Realität auszublenden, um an ihrem subjektiven Lebenskonzept und der Bindung an Josef festzuhalten.
- Citation du texte
- Mag. Eva Lirsch (Auteur), 2002, Charakteristik und Funktion der Partnerfiguren bei Ingeborg Bachmann, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160081