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Ein rhythmisch-prosodisches Modell lyrischen Sprechstils

Titre: Ein rhythmisch-prosodisches Modell lyrischen Sprechstils

Thèse de Doctorat , 2007 , 129 Pages , Note: 1,7

Autor:in: Jörg Bröggelwirth (Auteur)

Rhétorique / Phonétique / Orthophonie
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Résumé Extrait Résumé des informations

Jeder Mensch hat ein intuitives Verständnis von der Rhythmizität sprachlicher Äußerungen, da er die zugrundeliegenden Prinzipien beim Sprechen stets, wenn auch unreflektiert, beachtet. Der sprachliche Rhythmus nun erfüllt Funktionen im Bereich Gliederung und Hervorhebung auf allen linguistischen Ebenen. Silben- und Wortgrenzen sowie Wortbetonungen werden durch ihn markiert, syntaktische Phrasen und semantisch zusammengehörige Einheiten werden rhythmisch gegliedert. Ohne diese rhythmische Gliederung wäre der Sprachwahrnehmungsprozess sicherlich um einiges erschwert. Neben der direkten Beziehung zwischen Rhythmus und linguistischen Einheiten existieren ferner situationsspezifische Rhythmen, welche mit einem bestimmten Sprechstil verknüpft sind. So hat schnelle Sprache vermutlich einen anderen Rhythmus als langsame, eine Predigt wiederum einen anderen Rhythmus als ein Fußballkommentar. Welche Rolle der Sprechrhythmus auf den einzelnen linguistischen und paralinguistischen Ebenen im Detail spielt, ist jedoch noch weitestgehend ungeklärt. Eine relativ große Übereinstimmung besteht in der Meinung, dass es auch sprachspezifische rhythmische Unterschiede gibt, genauer gesagt gibt es die Annahme, dass sich Sprachen in so genannte akzentzählende und silbenzählende Sprachen unterteilen.

Überdies ist der Sprechrhythmus für die Sprachsynthese, d.h. den sprechenden Computer, von Bedeutung. Die häufigste Anwendung in diesem Bereich ist die Überführung von Text in ein entsprechendes Sprachsignal (Text-To-Speech). Auch in den neueren korpusbasierten Synthesesystemen ist eine ausgefeilte Prosodieprädiktion unerlässlich. Diese Vorhersage ist in den meisten Fällen jedoch noch verbesserungswürdig. Leider zielen TTS-Sprachsynthesesysteme im Allgemeinen ausschließlich auf eine prosaische Textdomäne ab, so dass spezielle Domänen, wie etwa die Lyrik, außer Acht gelassen werden. Die vorliegende Arbeit wird unter anderem dadurch motiviert, dass die Grundlagen für eine Erweiterung der Textdomäne von TTS-Systemen um das Feld der Lyrik mit festgelegtem Metrum fehlen und somit erst noch geschaffen werden müssen. Der prominente Rhythmus von Lyrik mit festgelegtem Metrum soll dabei in zwei Dauermodellen abgebildet werden. Es wird angenommen, dass Rückschlüsse von der Rhythmizität der Lyrik im Deutschen auf die deutsche Sprache allgemein möglich sind. Um sich diesen Fragestellungen anzunähern, sind in dieser Arbeit die Ergebnisse mehrerer Perzeptionsexperimente dokumentiert.

Extrait


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zum Sprechrhythmus

2.1 Isochronie

2.2 Akustische Korrelate des Sprechrhythmus

2.3 Perzeption von Sprechrhythmus

2.4 Sprechrhythmus und Lyrik

2.4.1 Motivation

2.4.2 Ergebnisse

2.5 Fazit

3 Zum Begriff der Prosodie

3.1 Definierbarkeit

3.2 Funktion

3.3 Fazit

4 Lyrik und Metrik

5 Korpuserstellung

5.1 Textauswahl

5.2 Aufnahme

5.3 Annotation

5.3.1 GToBI-Etikettierung

5.4 Zusammenfassung

6 Datenanalyse

6.1 Dauerphänomene

6.1.1 Silbendauern

6.1.2 Fußdauern

6.1.3 Die Dauerrelation unakzentuiert zu akzentuiert

6.1.4 Phrasen- und Versdauern

6.1.5 Zusammenfassung

6.2 Intonationsphänomene

6.2.1 Höhe der Grundfrequenz

6.2.2 Phonologische Beschreibung der Intonation

6.2.3 Zusammenfassung

7 Rhythmisch-prosodische Modelle

7.1 Dauermodelle

7.1.1 Lineare Regression

7.1.2 Silbendauern bei isochronen Fußdauern

7.2 Intonationsmodell

7.3 Zusammenfassung

8 Evaluation der Dauermodelle

8.1 Verfahren der perzeptiven Beurteilung von Sprachstimuli

8.1.1 Der Faktor Mensch

8.1.2 Testmethoden

8.1.3 Diskussion

8.2 Delexikalisierung

8.3 Modellevaluation

8.3.1 Ergebnisse der Lyrik/Prosa Unterscheidung bei delexikalisierten Stimuli

8.3.2 Ergebnisse der Lyrik/Prosa Unterscheidung bei nicht-delexikalisierten Stimuli

8.3.3 Ergebnisse der Rhythmuserkennung bei delexikalisierten Stimuli

8.3.4 Zusammenfassung

9 Abschließende Zusammenfassung und Ausblick

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Dissertation untersucht den rhythmisch-prosodischen Sprechstil in der deutschen Lyrik mit dem Ziel, Grundlagen für eine Erweiterung von Text-zu-Sprache-Synthesesystemen (TTS) um diese spezielle Textdomäne zu schaffen und entsprechende Dauermodelle zu entwickeln.

  • Analyse der Rhythmizität von Lyrik im Deutschen.
  • Modellierung von Silbendauern mittels linearer Regression und Fußisochronie.
  • Phonologische Beschreibung der Intonation lyrischer Vorträge mittels GToBI.
  • Evaluation der Modelle durch Perzeptionstests zur Sprechstil- und Metrumunterscheidung.
  • Untersuchung der Differenz zwischen poetischem und prosaischem Sprechstil.

Auszug aus dem Buch

2.4.1 Motivation

Kohler urteilt über das rhythmische Prinzip der Sprache:

„Beim Lesen tritt es viel deutlicher hervor als im freien Sprechen, und schließlich erfährt es seine weiteste Stilisierung und strikteste Befolgung in der Poesie. Für Metrik und Verslehre eröffnet sich damit eine interessante Sichtweise und ein neuer Forschungsansatz.“ (Kohler, 1982: 103)

Lehiste (1990) vertieft diese Sichtweise noch, indem sie davon ausgeht, dass sich das prosodische System einer Sprache in der metrischen Struktur seiner traditionellen Lyrik kristallisiert. Danach manifestiert sich in der Lyrik das suprasegmentale System einer Sprache mit seinen optimalen Oppositionen. Auf Grundlage dieser Hypothese betrachtet Lehiste die Lyrik als wesentlichen Gegenstandsbereich für die Sprechrhythmusforschung:

„To understand better the rhythm of spoken language, one should look at the rhythmic structure of poetry developed in that language over the years; patterns that may be imperfectly realized in prose may be manifested in a more regular fashion in poetry.“ (Lehiste, 1990: 123)

Demgemäß wird propagiert, dass eine Reihe von für die Rhythmusforschung wichtigen Phänomenen anhand lyrischer Daten zu untersuchen sind. Allen (1972) sieht in der Lyrik den nächstgelegenen Ort für die Auffindung von Evidenz bezüglich der rhythmischen Schläge von Sprache:

„The most obvious place to look for evidence concerning the beats of speech rhythm is poetry, since we can paraphrase Orwell’s pigs and say ‘Poetry is like speech, only more so’. Poets use naturally occurring phenomena to their artistic advantage; one of those phenomena is speech rhythm, which they creatively select to fit some metrical scheme.” (Allen, 1972: 73)

Auch das in Abschnitt 2.2 skizzierte entrainment Phänomen sowie der damit einhergehende harmonic timing effect sollen in der Lyrik besonders augenscheinlich sein (Port, Tajima & Cummins, 1999). Zudem erwartet Kohler (1983), dass die Kompression von Akzentfüßen beim Lesen rhythmisch stilisierter Lyrik stärker ist als bei Prosa.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Diese Einleitung motiviert die Untersuchung des sprachlichen Rhythmus in der Lyrik zur Erweiterung von Sprachsynthesesystemen.

2 Zum Sprechrhythmus: Es wird ein Überblick über die Sprechrhythmusforschung der letzten 60 Jahre gegeben, insbesondere zur Isochroniehypothese und zu akustischen Korrelaten.

3 Zum Begriff der Prosodie: Dieses Kapitel beleuchtet die Schwierigkeiten bei der Definition von Prosodie und diskutiert ihre Funktionen.

4 Lyrik und Metrik: Hier werden literaturwissenschaftliche Grundlagen der Metrik und deren Zusammenhang mit Rhythmus erörtert.

5 Korpuserstellung: Das Kapitel beschreibt die Erstellung, Aufnahme und Annotation des Lyrik-Korpus, welches die Basis für die statistischen Analysen bildet.

6 Datenanalyse: Es werden deskriptive Statistiken zu Dauer- und Intonationsphänomenen vorgestellt, die als Grundlage für die Modellbildung dienen.

7 Rhythmisch-prosodische Modelle: Dieses Kapitel stellt die entwickelten Dauermodelle (lineare Regression und Fußisochronie) sowie ein Intonationsmodell für lyrische Texte vor.

8 Evaluation der Dauermodelle: Die Dauermodelle werden mittels Perzeptionstests evaluiert, um die Diskriminationsleistung bezüglich Sprechstil und Metrum zu prüfen.

9 Abschließende Zusammenfassung und Ausblick: Eine abschließende Diskussion der Ergebnisse und ein Ausblick auf zukünftige Arbeiten runden die Arbeit ab.

Schlüsselwörter

Sprechrhythmus, Lyrik, Prosodie, Dauermodellierung, Lineare Regression, Fußisochronie, Sprachsynthese, Intonation, GToBI, Metrik, Perzeptionstest, Akzentfuß, Sprachproduktion, Sprachsignale, Annotation

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht den rhythmisch-prosodischen Sprechstil in der deutschen Lyrik, um die Grundlagen für eine Erweiterung der Text-zu-Sprache-Synthese (TTS) zu schaffen, damit Computer natürlichere lyrische Texte vortragen können.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Felder sind die Sprechrhythmusforschung, die literaturwissenschaftliche Metrik, die phonetische Korpusanalyse, die mathematische Dauermodellierung sowie die perzeptive Evaluation durch menschliche Hörer.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das primäre Ziel ist es, Dauermodelle für Silben im lyrischen Sprechstil zu entwickeln und zu evaluieren, wobei die Arbeit insbesondere auf die Unterschiede zwischen lyrischem und prosaischem Sprechstil fokussiert.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine Kombination aus akustisch-phonetischer Korpusanalyse, statistischer Modellbildung (lineare Regression), phonologischer Annotation (GToBI) und perzeptiven Hörtests angewandt.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil befasst sich mit der Korpuserstellung, der statistischen Analyse von Dauer- und Intonationsphänomenen, der Entwicklung von Dauermodellen sowie der Evaluation dieser Modelle durch Hörerstudien.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zu den wichtigsten Begriffen gehören Sprechrhythmus, Lyrik, Prosodie, Dauermodellierung, GToBI, Metrik, Sprachsynthese und Perzeptionstests.

Warum spielt die Lyrik eine besondere Rolle für die Sprechrhythmusforschung?

In der Lyrik wird das rhythmische Prinzip der Sprache stilisierter und deutlicher ausgeprägt als in freier Rede, was sie zu einem idealen Untersuchungsgegenstand für die Rhythmusforschung macht.

Welche Rolle spielt die Isochroniehypothese in dieser Arbeit?

Die Arbeit widerlegt die strenge Isochroniehypothese, zeigt aber, dass im Deutschen eine Tendenz zur isochronen Taktung besteht, die als abstraktes Planungskonzept für die Sprachproduktion fungiert.

Warum sind Hörerstudien für die Evaluation der Modelle so wichtig?

Da Sprachrhythmus ein perzeptives Phänomen ist, müssen die durch die mathematischen Modelle erzeugten manipulierten Sprachsignale daraufhin geprüft werden, ob sie von Menschen als rhythmisch adäquat oder als spezifischer Sprechstil wahrgenommen werden.

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Résumé des informations

Titre
Ein rhythmisch-prosodisches Modell lyrischen Sprechstils
Université
University of Bonn  (Institut für Kommunikationsforschung und Phonetik (IKP) - heute: Institut für Kommunikationswissenschaften (IfK))
Note
1,7
Auteur
Jörg Bröggelwirth (Auteur)
Année de publication
2007
Pages
129
N° de catalogue
V160129
ISBN (ebook)
9783640737857
ISBN (Livre)
9783640737895
Langue
allemand
mots-clé
Modell Sprechstils
Sécurité des produits
GRIN Publishing GmbH
Citation du texte
Jörg Bröggelwirth (Auteur), 2007, Ein rhythmisch-prosodisches Modell lyrischen Sprechstils, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160129
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Extrait de  129  pages
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