Der frühe Jazz: New Orleans, Dixieland und Chicago

Geschichte, Merkmale, Musiker


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

I. Einleitung

„Jazz ist Weltmusik. Er war es von Anfang an – eine musikalische Kunstform, die auf amerikanischen Boden aus der Interaktion der unterschiedlichsten afrikanischen und europäischen Musiktraditionen entstandnen ist. Die Geschichten, die uns der Jazz erzählt, sind Mittler und Boten zwischen den Kulturen der Welt.“[1]

Der Jazz erzählt viele Geschichten – und es gibt auch viel zu erzählen über den Jazz selbst. Aber was ist DER Jazz überhaupt? DEN Jazz an sich gibt es wahrscheinlich so nicht, sondern es existieren viele Arten, Epochen und Stile von Jazz – so dass jede Epoche ihre eigene Geschichte hat. Diese Hauptseminararbeit möchte die Geschichte und den Stil des New Orleans Jazz, des Dixieland Jazz und des Chicago Jazz erzählen. Zwar haben diese drei Stile, die etwa in die selbe Zeitspanne fallen, so viele individuelle Merkmale, dass für jeden eine eigene Hauptseminararbeit nötig wäre, aber sie verbindet auch viel mehr als nur die gleiche zeitliche Ära. In der Fachliteratur wird zum Teil sogar die Diskussion geführt, ob der Dixieland Jazz und der Chicago Jazz überhaupt eigene Stile sind und nicht nur eine Nachahmung des New Orleans Jazz. Diese Arbeit kann diese jahrelange Streitfrage zwar nicht lösen – trotzdem wird hier jeder Stil mit einem eigenen Kapitel behandelt.

Was in dieser Arbeit bewusst nicht erörtert wird, sind die Vorformen beziehungsweise die Formen, von denen man annimmt, sie seien Vorformen des Jazz: die Minstrels und der Ragtime. Minstrelshows waren im 19. Jahrhundert eine äußerst rassenfeindliche Art von Unterhaltung. Weiße Sänger oder Kabarettisten malten sich ihre Gesichter mit schwarzer Farbe oder Kohle an und karikierten die schwarze Lebensart.[2]

Beim Ragtime stellt sich oft die interessante Frage, ob er ein Vorläufer des Jazz oder eine Jazzform an sich ist. Er beherrschte zwischen 1880 und circa 1920 fast das ganze Feld der populären Musik Amerikas.[3] Es lassen sich grundlegende Unterschiede zwischen Ragtime und dem eigentlichen Jazz finden: dem Ragtime fehlt die Improvisation des Jazz, da Ragtimes immer auskomponierte Stücke waren, die exakt nach Noten gespielt wurden und formal lehnten sie sich an Vorbildern der europäischen Tanzmusik, wie Marsch, Polka und Quadrille. Das Merkmal der Synkope aber übernahm dieser Stil aus der Tanzmusik der Schwarzen.[4]

Was sich in dieser Arbeit nicht vermeiden lassen, sind inhaltliche Wiederholungen, da sich die Stile oft überschneiden beziehungsweise, da sich viele Musiker in dieser kurzen Zeitspanne auch kannten und oft gemeinsam musizierten. Biographien einiger ausgewählter Musiker folgen in Kapitel sechs.

Zum Ende der Einleitung möchte die Autorin noch das Wort Jazz definieren beziehungsweise seinen Ursprung erörtern. Bei dieser Frage sind sich viele Musikwissenschaftler und Buchautoren uneinig, da es nicht genau bewiesen werden kann, von wo das Wort herstammt. Einige schreiben, es wurde zum ersten Mal um die Jahrhundertwende in Sportberichten einer Zeitung in San Francisco nachgewiesen. Es wurde Jass beziehungsweise Jasmo oder auch Jismo buchstabiert und bedeutete so viel wie Energie oder Kraft.[5] Wieder andere Stimmen behaupten, es käme aus der Ausdruckswelt der Erotik und hätte eine obszöne Bedeutung – nämlich Samen.[6] Oder es ist die Erinnerung an eine Gestalt aus einer der Minstrel Shows - Mr. Jasbo. Des Weiteren existiert auch noch die Redewendung „to jazz ist up“, was so viel bedeutete wie „aufheizen“ oder „mehr Rhythmus unterlegen“. Einige bestätigen, dass die Vokabel „to jaz“ schon im 19. Jahrhundert so etwas wie „beschleunigen“ geheißen hätte.[7]

Eine andere Vermutung ist, der Name Jazz leite sich ab vom biblischen Jezebel, umgemünzt in Jazebelle, was „liederliches Frauenzimmer“ bedeutet - und weiter in Jazbeau oder Jazzbo als Bezeichnung für den dazugehörigen Mann. Das passte wohl zur erlaubten Prostitution in New Orleans.[8]

Was auch immer der wörtliche Ursprung sein mag – seinen musikalischen Ursprung hatte der Jazz am Anfang des 20. Jahrhunderts höchstwahrscheinlich in New Orleans. Und darüber möchte diese Seminararbeit berichten.

II. Geschichtlicher Hintergrund

Der Jazz wurde höchstwahrscheinlich in New Orleans geboren. Das ist der vorletzte Satz der Einleitung. Warum nur höchstwahrscheinlich? Arrigo Polillo sammelte viele Zeugenaussagen, die bestreiten, New Orleans sei die Geburtsstadt des Jazz. Vielmehr behaupteten diese Stimmen, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon in vielen anderen Städten der Vereinigten Staaten Jazz gespielt wurde. Andere hingegen trafen die Aussage, nur in New Orleans wurde für den damaligen Begriff „richtiger Jazz“ gespielt – in den anderen Orten handelte es sich um Ragtime.[9] Auch Joachim-Ernst Berendt schreibt in seinem Jazzbuch, dass New Orleans zwar die wichtigste Stadt der Jazzentstehung war, aber nicht die Einzige. Unabhängig von der Stadt in Louisiana bildeten sich in Memphis, Dallas und St. Louis sowie in anderen Städten des nordamerikanischen Südens und Mittelwestens ähnliche Spielweisen.[10] Wo auch immer er geboren wurde - der wichtigste Ort seiner Entstehung war mit Sicherheit New Orleans. Auch wenn es keine akustischen Dokumente gibt, da aus dieser Zeit keine Schallplattenaufnahmen existieren. Die erste Jazzschallplatte wurde erst 1917 in Chicago produziert (siehe Kapitel ).

Der New Orleans Jazz war die Musik, die sich zwischen circa 1900 und 1915 bis 1920 im Storyville in New Orleans als Musik der Schwarzen entwickelte. Parallel dazu entstand der Dixieland Jazz der weißen Musiker. Wobei die Grenzen fließend waren: auch Weiße spielten zum Teil in New Orleans Jazz Bands und Schwarze in Dixieland Kapellen. Als dann die Abwanderung nach Chicago begann, setze sich dort der New Orleans Stil der Schwarzen und der Dixieland Jazz fort und junge, weiße Chicagoer waren so begeistert, dass sie den New Orleans Stil nachzuahmen versuchten. Dadurch entstand der so genannte Chicago Jazz. Aber beginnen wir von Anfang an.

[...]


[1] Huesmann, Günther: Vorwort. In: Berendt, Joachim-Ernst: Das Jazzbuch. Von New Orleans bis ins 21. Jahrhundert. Frankfurt am Main 2007, S. XIV.

[2] Vgl., Sandner, Wolfgang: Vorformen des Jazz. Minstrel und Ragtime. In: Wolbert, Klaus (Hg.): That´s Jazz. Der Sound des 20. Jahrhunderts. Eine Musik-, Personen-, Kultur-, Sozial- und Mediengeschichte des Jazz von den Anfängen bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main 1997, S. 45.

[3] Vgl., Von Essen, Reimer: New Orleans. In: Berendt, Joachim-Ernst (Hg.): Die Story des Jazz. Vom New Orleans zum Rock Jazz. Hamburg 1980, S. 20.

[4] Vgl., Sandner 1997, a.a.O., S. 46.

[5] Berendt, Joachim-Ernst: Vorwort. In: Berendt, Joachim-Ernst (Hg.): Die Story des Jazz. Vom New Orleans zum Rock Jazz. Hamburg 1980, S. 9.

[6] Vgl., Berendt 2007, a.a.O., S. 12.

[7] Vgl., Polillo, Arrigo: Jazz. Geschichte und Persönlichkeiten. Mainz 1981, S. 85/86.

[8] Vgl., Starr, Frederick S.: Der frühe New Orleans Jazz: Legende und Wirklichkeit. In: Wolbert, Klaus (Hg.): That´s Jazz. Der Sound des 20. Jahrhunderts. Eine Musik-, Personen-, Kultur-, Sozial- und Mediengeschichte des Jazz von den Anfängen bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main 1997, S. 98.

[9] Vgl., Polillo 1981, a.a.O., S. 60/61.

[10] Vgl., Berendt 2007, a.a.O., S. 4.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der frühe Jazz: New Orleans, Dixieland und Chicago
Untertitel
Geschichte, Merkmale, Musiker
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V160215
ISBN (eBook)
9783640733323
ISBN (Buch)
9783640734030
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jazz, New Orleans, Dixieland, Chicago
Arbeit zitieren
Christine Engel (Autor), 2008, Der frühe Jazz: New Orleans, Dixieland und Chicago, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160215

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