Form und Produktivität der sekundärsprachlichen Endung "-(at)ion" im Deutschen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Die Wortbildungsstruktur der Substantive auf - (at)ion

3. Analyse der Ableitungen auf -(at)ion
3.1. Die Textkorpora und die Vorgehensweise
3.2. Die Ergebnisse der Analyse
3.3. Nominale und verbale Derivationsstammbildung

4. Die Produktivität des Suffixes -(at)ion

5. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang
a) Wörterliste alphabetisch mit Derivationsstammbildungen
b) Belege zu Kapitel 4

1. Einleitung

Die Fremd- oder auch Lehnwortbildung im Deutschen wird in der Forschung sehr verschieden interpretiert. Die Grenzen zwischen einheimischem Wort, Fremdwort und Lehnwort sind nicht immer eindeutig zu ziehen. Eine Vielzahl von Fachbegriffen und Definitionen erschweren eine einheitliche Terminologie. Simmler beispielsweise sublimiert Suffixe unter den Begriff Formationsmorphem, Fleischer unter Wortbildungsmorphem. Für diese Arbeit sollen die Begriffe fremd und sekundärsprachlich, Fremdwort und Lehnwort sowie Endung und Suffix gleichbedeutend sein. Weitere Begrifflichkeiten werden im jeweiligen Kapitel präzisiert.

Hintergrund und Ausgangspunkt bildet der Aufsatz „Form und Distribution der Fremdwortsuffixe im Neuhochdeutschen“ von Ernst Dittmer.[1] Unter anderem am Beispiel der Endung -(at)ion stellt Dittmer die These auf, daß Fremdwörter und fremde Endungen im Deutschen andere Ableitungsmuster als einheimische aufweisen. Im Unterschied zu Wellmanns Regelwerk „Deutsche Wortbildung – Das Substantiv“[2] nimmt er statt vier Suffixvarianten nur eine für alle gültige Endung -tion an. Diese unterschiedlichen Sichtweisen werde ich im zweiten Kapitel erläutern.

Den Hauptteil meiner Untersuchung macht eine eigene Analyse der online zugänglichen Korpora des Instituts für Deutsche Sprache (IdS) aus.[3] In diesem dritten Kapitel werde ich anhand der aus den „Korpora der gesprochenen Sprache“ erstellten Wörterliste erstens die Richtigkeit und Durchsichtigkeit der von Dittmer und Wellmann vorgeschlagenen Regeln überprüfen, zweitens zeige ich einen alternativen Lösungsansatz auf mit dem Ziel, ein einheitliche Endung -ion formal und systematisch erklärbar zu machen. Dabei stütze ich mich auf Teilaspekte aus Murjasovs Artikel „Zur Wortbildungsstruktur der Ableitungen mit Fremdsuffixen“[4] und Fuhrops Stammparadigma[5] für fremde Endungen.

Das vierte Kapitel behandelt die Frage, ob die Ableitung mit dem Suffix -(at)ion als produktiv gelten kann. Hierzu habe ich in verschiedenen IdS-Korpora und im Internet recherchiert. Allen Ausführungen ist die synchrone, rein formale Beschreibung gemeinsam; nur vereinzelt wird die diachrone und semantische Ebene mit einbezogen. Im Anhang finden sich zu Kapitel drei eine Tabelle mit der Wörterliste und zum vierten Kapitel Wortbelege; jeweils extrahiert aus den Korpora des IdS.

2. Die Wortbildungsstruktur der Substantive auf - (at)ion

Dittmers Ausgangsfrage lautet: „Kann man die Fremdwörter im Deutschen nach deutschen Regeln beschreiben?“[6] Eine synchrone Untersuchung über Form und Segmentierung der Substantive auf -(at)ion sollen als Beweis dienen, daß Fremdwörtern und fremden Endungen spezifische Ableitungsmuster und Wortbildungsregeln im Deutschen eigen sind. Ähnlich argumentiert Murjasov: „Im inneren Bau der deutschen und fremdsprachigen Ableitungen lassen sich bedeutende Unterschiede nachweisen. Die Kriterien, die bei der Behandlung der deutschen Substantive von Bedeutung sind, können bei der Analyse der Fremdwörter nicht benutzt werden.“[7] Denn im Unterschied zu den heimischen Substantiven, deren Morphemstruktur deutlicher trennbar ist, existiert die Basis der Fremdsubstantive meistens in Form von Stämmen, die voneinander abhängig sind.[8] Dieser Aspekt wird in Abschnitt 3.3. noch eine wichtige Rolle spielen.

Im Falle der Substantive auf -(at)ion formuliert Wellmann das Ableitungsmuster folgendermaßen: „Aus Nomina werden Substantive durch -ion (devot > Devotion), aus Verben meistens durch -ation abgeleitet; die Verbalendung - ier-(en) wird (...) getilgt.“[9] Trotz dieser generellen Regel muß Wellmann vier Suffixvarianten: -ion, -ation, -ition und -tion auflisten, die wiederum jeweils mit bis zu neun morphologischen Zusatzregeln unterteilt werden. Außer der anteilsmäßig geringen deadjektivischen Ableitung wird als Basis ein Verb auf -ieren angenommen (Anteil: 97,1%), wobei die betreffende Basis über die Wahl des Suffixes entscheidet. Hier setzt die Kritik von Dittmer ein. Anstatt einseitig nach Vorbild einheimischer deverbaler Ableitungen vorzugehen (umgeben > Umgebung), schlägt er vor, das Substantiv als Basis zu nehmen. Ziel ist einerseits, die Variationen und Zusatzregeln zu mindern, andererseits den Prozeß der Wortbildung transparenter zu gestalten. In der Tat kann der Sprachbenutzer die richtige Suffixvariante nicht voraussagen, wenn er allein vom Verb ausgeht: „Warum führt invest- zu Investition, demonstr- dagegen zu Demonstration ?“[10]

Zur Veranschaulichung habe ich den Unterschied beider Sichtweisen gegenübergestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Tabelle 1)

Dittmer erhält dadurch ein einheitliches Suffix - tion.[11] Zwei Einschränkungen muß aber auch er machen. Zum einen entfallen bei den abgeleiteten Verben die auslautenden Vokale vor - ieren (vgl. in Tabelle 1 die Basen investi- und demonstra-). Zum anderen setzt er eine t -Erweiterung bei einigen Verben auf - ieren gegenüber den substantivischen Basen an, wie im letzten Beispiel in Tabelle 1.

Neben diesen beiden Ausnahmen von der Regel gibt es zusätzlich ein Reihe weiterer Probleme der Segmentierung und Ableitung, auf die er nicht eingeht. Seine Beispiele sind so ausgewählt, daß sie in das vorgestellte Schema passen. Wellmann führt aber nicht umsonst einige phonologische und morphologische Zusatzregeln auf, die mit Dittmers Prozedur nicht zu erfassen sind.[12] Hochgerechnet werden etwa 75% der Wörter bei Wellmann durch das Vorgehen von Dittmer abgedeckt und nachvollziehbar. Hier einige Beispiele der Ausnahmen, angelehnt an Wellmanns Tabelle:[13]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Tabelle 2)

Fleischer nimmt als Suffix -ion an, das zum Teil mit dem Infix -at- ergänzt wird.[14] Zusätzlich zu Wellmann führt er desubstantivische Derivate (Exkurs > Exkursion) und Wortbildungskonstruktionen an, bei denen eine doppelte Motiviertheit (produzieren - Produktion - Produkt) oder eine Sondergruppe nach dem Muster Fusion - fusionieren vorliegt. Diese weiteren Besonderheiten, die weder Wellmann noch Dittmer erwähnen, schaffen zusätzliche Unklarheit.

[...]


[1] Dittmer (1983). Die bibliographischen Angaben werden mit dem Nachnamen des Autors und Erscheinungsjahr der verwendeten Auflage angegeben. Die vollständigen Angaben sind dem Literaturverzeichnis zu entnehmen.

[2] Wellmann (1975).

[3] www.ids-mannheim.de

[4] Murjasov (1976).

[5] Fuhrop (1998).

[6] Dittmer (1983) S. 385.

[7] Murjasov (1976) S. 121.

[8] Die Segmentierung fällt zudem schwerer, weil Zahl und Bestand der Fremdsuffixe von Autor zu Autor schwanken; vgl. Murjasov (1976) S. 121f.

[9] Wellmann (1975) S. 29.

[10] Dittmer (1983) S. 386.

[11] Doch geht er nicht auf die adjektivischen Basen ein, deren abgeleitete Substantive auf -ion enden.

[12] Viele dieser „Sonderfälle“ können mit Hilfe des Entlehnungsvorgangs oder diachron erklärt werden. Häufig sind die Verben nach dem lateinischen Infinitiv, die Substantive jedoch nach dem Partizip Perfekt gebildet. Auch vollzog sich die Entlehnung und Integration von Verb und Substantiv zeitlich versetzt und eines der beiden gelangte erst über eine andere Herkunftssprache – besonders über das Französische – ins Deutsche. Diese Ausführungen ließen sich weiterführen, doch die diachrone oder entlehnungsgeschichtliche Beschreibung ist nicht Zweck dieser Untersuchung. Es darf keine Voraussetzung an heutige Sprachbenutzer sein, die lateinische Grammatik zu kennen und daraus den Wortbildungsvorgang und die Wortverwandtschaft ableiten zu können. Das Ziel muß sein, nachvollziehbare und anwendbare Muster zu finden, um die bestehenden Ableitungen zu verstehen und gegebenenfalls Neubildungen anhand des Vorbilds zu ermöglichen. Vgl. zur Sprachgeschichte von Suffixen am Beispiel des Lateinischen Leumanns Aufsatz „Gruppierung und Funktionen der Wortbildungssuffixe“ S. 134ff.

[13] vgl. Wellmann (1975) S. 30.

[14] vgl. Fleischer (1992) S. 187.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Form und Produktivität der sekundärsprachlichen Endung "-(at)ion" im Deutschen
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Linguistik)
Veranstaltung
Hauptseminar: Wort- und Begriffsbildung im Deutschen
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
25
Katalognummer
V16022
ISBN (eBook)
9783638209809
ISBN (Buch)
9783638676458
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Fremdwortbildung, Korpusarbeit, Forscher: Fuhrhop, Mater, Wellmann, Dittmer
Schlagworte
Form, Produktivität, Endung, Deutschen, Hauptseminar, Wort-, Begriffsbildung, Deutschen
Arbeit zitieren
Wolfram Baier (Autor:in), 2001, Form und Produktivität der sekundärsprachlichen Endung "-(at)ion" im Deutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16022

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