Die Moralität in Machiavellis "Principe"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
27 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung

2) Quellenkritik

3) Hauptteil
3.1) Syntaktische Interpretation
3.2) Semantische Interpretation
3.3) Pragmatische Interpretation
3.4) Teleologische Interpretation

4) Schluss

Quellen- und Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Niccolò Machiavelli ist einer der wichtigsten und meist diskutierten Philosophen und politischen Denker der Menschheitsgeschichte und seine Ansichten und Lehren markieren in der politischen Ideengeschichte gewissermaßen den Wendepunkt zwischen dem politischen Denken des Mittelalters und dem der Neuzeit. Dieser Ruhm begründet sich vor allem aus seinen beiden intertextuell miteinander verknüpften Hauptwerken, dem 1513 verfassten und 1532, fünf Jahre nach seinem Tod, veröffentlichten Il Principe und den 1513-21 verfassten und ebenfalls 1532 posthum veröffentlichten Discorsi sopra la prima deca di Tito Livio. Diese beiden Werke Machiavellis beschäftigen sich mit dem Problem der Erlangung, der Organisation und der Erhaltung von politischer Macht. In seiner politischen Lehre verzichtet Machiavelli in signifikanter Art und Weise auf die Frage nach der moralischen Legitimität der von ihm propagierten Methoden und beurteilt stattdessen politisches Handeln einzig und allein nach der Effizienz bezüglich dem Erreichen der vom Herrscher für das Allgemeinwohl bezweckten Ziele. Daher zeichnet sich besonders der Inhalt des Principe dafür verantwortlich, dass man „aus seinem Familiennamen […] ein Epitheton für einen Schurken, aus seinem Vornamen ein Synonym für den Teufel“1 gemacht hat und amoralisches und zynisches Verhalten in der Politik auf sein Wirken zurückführt.

Seit seinem Erscheinen vor etwa fünf Jahrhunderten hat der Principe heftigste Kontroversen ausgelöst, seinen Verfasser sogar auf den Index der katholischen Kirche gebracht, seinen Gegnern und Kritikern eine enorme Angriffsfläche geboten, jedoch auch seinen Befürwortern wertvollste Inspiration geschenkt. Machiavelli wird auf der einen Seite für seinen von moralischen und sittlichen Geboten losgelösten Zweckrationalismus bewundert, auf der anderen Seite aber aufs heftigste kritisiert, da er menschenverachtend, radikal, rücksichtslos und skrupellos sei. Egal, ob Friedrich der Große, der einen Anti-Machiavel verfasst hat, obwohl er seine eigene „Fürstenherrschaft“ bis an sein Lebensende nach den von Machiavelli aufgestellten Prinzipien und Regeln gestaltete, oder berühmte Befürworter wie die Philosophen Herder und Hegel, das Hauptaugenmerk seiner Exegeten lag meist auf der Frage der Moralität bzw. vielmehr der fehlenden Moralität in Machiavellis Werk. Diese Arbeit soll sich um diesen Streitpunkt bezüglich der Auslegung Machiavellis drehen und beschäftigt sich mit der (fehlenden) Moralität in seinem Principe. Es wird untersucht, ob Machiavelli aufgrund der von ihm getätigten Äußerungen im Principe bezüglich Moral und Staatsräson entweder als Moralkritiker bzw. Zyniker oder aber als Moralist zu interpretieren und zu verstehen ist.

Dazu wird nach einer kurzen Quellenkritik der Entstehungskontext der geistesgeschichtlichen Tradition des Humanismus untersucht und einhergehend damit durch eine Analyse der Problemstellung bzw. des thematischen Gegenstandes des Principe eine kurze inhaltliche Einführung geboten (syntaktische Interpretation). Darüber hinaus wird ausgehend von einer Analyse des von Machiavelli benutzten (und seiner Zeit eigentümlichen) Sprachmaterials über die Erklärung des Sinnzusammenhangs bestimmter Begriffe wie fortuna und virt ù ein umfassendes Bild über die Entstehung und darüber hinaus die Bedeutung der dem Principe eigentümlichen Moralvorstellungen gewonnen (semantische Interpretation). Hierbei wird ebenfalls besonderer Wert auf den zeitgeschichtlichen Zusammenhang, sprich die eigentümlichen Vorstellungen des Humanismus gelegt, um über den von Machiavelli vollzogenen Bruch mit dieser Tradition bzw. seiner revolutionären Transformation des Herrschaftsverständnisses auf theoretischer Ebene den Zugang zu seinem Moralverständnis zu gewinnen. Weiterhin wird auf diese Überlegungen aufbauend die persönliche und zeitgeschichtliche Bedeutung des Principe untersucht, das Ziel bzw. der Zweck der Quelle analysiert und die Auswirkung bzw. der Effekt durch den Blick auf die Reaktionen politischer und philosophischer Interpreten dargestellt und somit eine knappe Rezeptionsgeschichte des Principe erarbeitet (pragmatische Interpretation). Letztendlich werden dann die in dieser Arbeit gewonnenen Erkenntnisse zusammengeführt und durch die Analyse von Äußerungen wissenschaftlicher Interpreten mit diesen abgeglichen (teleologische Interpretation). Im Schlussteil dieser Arbeit wird dann der aufgeworfenen Fragestellung bezüglich der Moralität bzw. Amoralität von Machiavellis Principe Rechnung getragen.

2) Quellenkritik

Das von Niccolò Machiavelli um 1513 verfasste und posthum 1532 veröffentlichte Buch Il Principe gilt neben den Discorsi als sein Hauptwerk und ist eines der ersten, wenn nicht sogar das erste Werk der modernen politischen Philosophie. Es steht in der Tradition der humanistischen Fürstenspiegel der Renaissance, bricht jedoch in drastischer Art und Weise mit dieser Tradition. In diesem Buch untersucht Machiavelli auf theoretischer Ebene Beispiele praktischer Politik aus der Antike und dem Italien seiner Zeit und zieht aus diesen Untersuchungen Erkenntnisse, aus denen er letztendlich konkrete Handlungsanweisungen für politische Machthaber entwickelt. Das Werk ist von einer enormen zeitgeschichtlichen Relevanz, da sich zum Einen in Machiavellis persönlicher Biographie die eigentümliche Situation Italiens zur Zeit der beginnenden Renaissance widerspiegelt und er zum Anderen genau diese zeitgeschichtlichen Probleme im Principe analysiert und diskutiert und letztendlich zu lösen versucht. Weiterhin kann das Werk als eine Art Bewerbungsschreiben an die zu der Zeit in Florenz herrschenden Medici verstanden werden.

Für die Untersuchung des Principe in dieser Arbeit wurde die Reclamausgabe2 gewählt, weil sie nicht nur neben dem italienischen Originaltext die deutsche Übersetzung bietet, sondern auch die Widmung an Lorenzo de´ Medici und so den Bogen schlägt zum letzten Kapitel des Principe, in dem Machiavelli die Bürger Italiens dazu auffordert, endlich die Zeit der fortdauernden Umstürze, der Kleinstaaterei, der Kriege und der Krisen zu überwinden. Außerdem folgt dieser Text den Übersetzungen von Johann Gottlob Regis und Rudolf Zorn, ist jedoch an das moderne Deutsch angeglichen. Darüber hinaus bietet Philipp Rippel in seinem Nachwort eine präzise Analyse der Schlüsselbegriffe Machiavellis (virtù, fortuna, necessità und occasione), auch wenn diesen innerhalb der eigentlichen Übersetzung nicht genügend Rechnung getragen wird, da Rippel diese Eigenbegriffe ins Deutsche übersetzt, deren enormer Bedeutungsgehalt sich jedoch nur schwer mit einem einzigen Wort festmachen lässt. Grundsätzlich steht hinter der Auswahl dieser Edition der ganz simple Gedanke, dass eine Übersetzung aus dem Reclamverlag nahezu den Charakter einer Standardedition hat.

3) Hauptteil

3.1) Syntaktische Interpretation

Um einen adäquaten Zugang zum Principe zu gewinnen, empfiehlt es sich normalerweise, im Hinblick auf Machiavellis Wirken den zeitgeschichtlichen Kontext seiner Biographie zu berücksichtigen, auf den seine theoretischen Reflexionen in praktischer Absicht bezogen sind. Von entscheidender Bedeutung ist hierbei, dass es sich nicht um bloße Gedankenspiele eines Gelehrten handelt, sondern um die zur Theorie verdichteten Erfahrungen eines langjährig tätigen Politikers vor dem Hintergrund der Krise der Republik Florenz. Als solcher war Machiavellis (berufliches) Leben in signifikanter Weise von politischen Krisen, Umstürzen und einem „Strudel der Auseinandersetzungen fremder Mächte auf italienischem Boden“3 geprägt und endete 1513 mit einer erzwungenen Ruhigstellung durch die Medici. Nachdem er sich in jungen Jahren Kenntnisse des Lateinischen sowie der Literatur und Philosophie der römischen Antike angeeignet hatte, lernte er aufgrund seiner politischen Tätigkeit Persönlichkeiten wie König Ludwig XII., Cesare Borgia, Papst Julius II. und Kaiser Maximilian I. kennen, studierte diese und ihr Wirken und verarbeitete seine Eindrücke und Erkenntnisse schließlich im Principe.

Im Gegensatz zu anderen Forschungsdiskussionen zu Machiavelli ist bezüglich der Moralität seines Principe kein erschöpfender biographischer Zugang notwendig, sondern vielmehr ein Zugang über den geistesgeschichtlichen Sinnzusammenhang zwischen den ethischmoralischen Werten der Humanisten und den Ansichten Machiavellis, da er eine fast schon revolutionäre Neudefinition des traditionellen virt ù -Begriffes vorgenommen hat und sich über diese sein Moralverständnis am prägnantesten festmachen lässt.

Im Gegensatz zu anderen humanistischen Autoren, die entweder im Geiste Petrarcas über die Bedeutung und den Sinn antiker und christlicher Tugenden ideeller Herrscher schrieben oder im Anschluss an Platon und Cicero Utopien eines idealen Staates entwarfen, beschäftigen Machiavelli aufgrund seiner praktischen Erfahrungen in der Politik die realhistorischen Möglichkeiten der Rettung Italiens aus Korruption, Zersplitterung und Fremdherrschaft. Er vollzieht einen signifikanten Bruch mit der Tradition der politischen Philosophie und persifliert diese sogar, wie später aufzuzeigen ist.

Gewissermaßen als Ausgangspunkt bzw. Basis für diese Überlegungen dient einer der Grundgedanken Machiavellis, dass bisherige metaphysisch in der politischen Philosophie verankerte ethische Grundsätze, Moralvorstellungen und Normen aufgrund der Eindrücke und Erfahrungen seiner zeitgeschichtlichen Realität illusionär seien, sprich der Gleichzeitigkeit eines politischen und moralischen Handelns im Weg stünden. Im Principe zieht er daher folgende programmatische Konsequenz und bringt diese Gedanken auf den Punkt: „Da es aber meine Absicht ist, etwas Nützliches für den zu schreiben, der es versteht, schien es mir angemessener, der Wirklichkeit der Dinge nachzugehen als den bloßen Vorstellungen über sie […], denn es liegt eine so große Entfernung zwischen dem Leben, wie es ist, und dem Leben, wie es sein sollte, dass derjenige, welcher das, was geschieht, unbeachtet lässt zugunsten dessen, was geschehen sollte, dadurch eher seinen Untergang als seine Erhaltung betreibt.“4 Demnach müsse ein Herrscher „je nach dem Gebot der Notwendigkeit“5 moralisch oder amoralisch handeln, da nicht die Befolgung sittlicher Imperative, sondern die Beachtung der Eigengesetzlichkeiten reeller politischer Entwicklungen das Geheimnis erfolgreicher Staatskunst ausmache. So vollzieht Machiavelli einen ganz bewussten Bruch mit der bisherigen politischen Philosophie, die in signifikanter Weise ethischen Grundsätzen, Moralvorstellungen und Normen verpflichtet war und ersetzt diese gewissermaßen im Vorgriff auf den Liberalismus durch einen enorm ausgeprägten Freiheitsgedanken, der einhergeht mit neuen Werten wie Effizienz, Leistungsfähigkeit und dem Phänomen des bloßen Machterhalts.

Die klassische Staatsphilosophie war bis zu Machiavelli auf den Grundgedanken fixiert, dass der Mensch in der politischen Gemeinschaft nicht nur seine Existenzsicherung findet, sondern sich überhaupt erst als „Bürger unter Bürgern“6 vollends entfalten und seine sittliche Bestimmung erfüllen kann. Dieses moralisch gute Leben als Endzweck eines Staates hat Aristoteles auf den Punkt gebracht, indem er ausführte: „zunächst um des bloßen Lebens willen entstanden, dann aber um des vollkommenen Lebens willen bestehend.“7 An diesen Gedanken anknüpfend ist nach Thomas von Aquin „das Leben nach der Tugend das Endziel der menschlichen Gemeinschaft, um durch dieses tugendvolle Leben in den Genuss der göttlichen Verheißungen zu gelangen.“8

Machiavelli hingegen musste aufgrund des ausschließlich an ethischen und christlichen Normen orientierten und gescheiterten Regimes des Savonarola in Florenz erkennen, dass „alle bewaffneten Propheten gesiegt haben und die unbewaffneten gescheitert sind.“9 Um die eigentümliche bzw. fehlende Moralität in Machiavellis Principe zu verstehen, ist es von signifikanter Bedeutung zu beachten, dass er aufgrund von Eindrücken und Erfahrungen wie dieser seine politische Philosophie nicht im Einklang mit Ethik, Moralvorstellungen, sittlichen Normen und Theologie konzipierte, sondern als autonome Wissenschaft von den Macht- und Herrschaftstechniken.

So führt Machiavelli als positives Beispiel für einen amoralisch handelnden, jedoch ausschließlich an das Allgemeinwohl denkenden Herrscher Romulus an, da dieser bei der Gründung Roms „erst seinen Bruder erschlug und dann in die Ermordung des Sabinerkönigs Titus Tatius willigte, den er zum Mitregenten erwählt hatte.“10 Diese amoralisch anmutende Tat sei nicht nur nützlich, sondern sogar auch gerechtfertigt, da „aber Romulus wegen der Ermordung des Bruders und des Genossen Entschuldigung verdient und dass der Beweggrund seines Handelns nicht Herrschsucht, sondern das allgemeine Beste war, beweist die sofortige Einsetzung des Senats, mit dem er sich beriet und nach dessen Gutachten er seine Beschlüsse fasste.“11 Diese ambivalente Wertung von Moral bzw. Gewalt bringt Machiavelli in seinen Discorsi auf den Punkt, denn „Tadel verdient nicht, wer Gewalt braucht, um aufzubauen, sondern um zu zerstören.“12

Das grundlegende Thema des Principe sind verschiedene Techniken des Machterwerbs und des Machterhalts, die dem Herrscher eines Gemeinwesens vertraut sein müssen, damit er dieses erfolgreich gestalten kann. Die Titulierung Fürst bezieht sich in diesem Sinne auf einen neu an die Macht gekommenen Alleinherrscher, ohne dass dieser notwendigerweise dem Hochadel entspringen muss. Im Gegensatz zu den Discorsi ist der Aufbau des Principe in signifikanter Weise vom Willen zur Ordnung und zur Systematik durchdrungen; dies lässt sich durchaus als komplementär von Machiavelli entworfenes Spiegelbild der politischen Unruhen und Wirren seiner Zeit verstehen.

[...]


1 Thomas Babington Macaulay, Politik und Moral, Ulm 1947, S. 246.

2 Niccolò Machiavelli, Il Principe. Der F ü rst, übers. und hrsg. von Philipp Rippel, Stuttgart 1986. 5

3 Philipp Rippel, Nachwort, in: Niccolò Machiavelli, Il Principe. Der F ü rst, übers. und hrsg. von Philipp Rippel, Stuttgart 1986, S. 237.

4 Machiavelli, S. 119.

5 Machiavelli, S. 119.

6 Rippel, S. 239.

7 Aristoteles, Politik 1523a 29, übers. und hrsg. von Olof Gigon, München 1976, S. 49.

8 Thomas von Aquin, Ü ber die Herrschaft der F ü rsten, übers. und hrsg. von Friedrich Schreyvogl, Stuttgart 1981, I 14, S. 54.

9 Machiavelli, S. 45.

10 Niccolò Machiavelli, Politische Betrachtungen ü ber die alte und die italienische Geschichte, übers. von Friedrich v. Oppeln-Bronikowski, 2., durchges. Aufl., hrsg. von Erwin Faul, Köln/Opladen 1965, I 9, S. 29.

11 Machiavelli, I 9, S. 30.

12 Machiavelli, I 9, S. 30.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Moralität in Machiavellis "Principe"
Hochschule
Universität Paderborn
Veranstaltung
Machiavellis Begriff der Politik
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
27
Katalognummer
V160238
ISBN (eBook)
9783640733422
ISBN (Buch)
9783640734085
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frühe Neuzeit, Machiavelli, Moral, der Fürst, Politiktheorie
Arbeit zitieren
Lennart Dommer (Autor), 2010, Die Moralität in Machiavellis "Principe", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160238

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