Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen

Eine quantitative Untersuchung mit SOEP-Daten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

48 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Gesellschaftliche Veränderungen
2.1 Bevölkerungsentwicklung
2.2 Familienleitbild und Rolle der Frau
2.3 Kinderwunsch
2.4 Rahmenbedingungen

3. Erklärungsansätze der Kinderlosigkeit
3.1 Humankapitaleffekt
3.2 Institutioneneffekt
3.3 Kritische Einwände
3.4 Zusammenfassung und Hypothesengenerierung

4. Empirische Untersuchung
4.1 Wahl des Datensatzes
4.2 Operationalisierung
4.2.1 Akademikerinnen
4.2.2 Dauerhafte Kinderlosigkeit
4.2.3 Erstgebäralter
4.2.4 Familienstand
4.2.5 Erwerbsstatus
4.3 Charakterisierung des Datensatzes
4.3.1 Gesamtsample
4.3.2 Westdeutsches Sample
4.3.3 Ostdeutsches Sample
4.4 Analyse
4.4.1 Methode
4.4.2 Auswertung
4.4.2.1 Gesamtsample
4.4.2.1.1 Humankapitaleffekt
4.4.2.1.2 Institutioneneffekt
4.4.2.2 Westdeutsches Sample
4.4.2.2.1 Humankapitaleffekt
4.4.2.2.2 Instititioneneffekt
4.4.2.3 Ostdeutsches Sample
4.4.2.3.1 Humankapitaleffekt
4.4.2.3.2 Institutioneneffekt
4.4.2.4 Zusammenfassung

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

In den letzten Jahren sind die sinkende Geburtenrate, die steigende Lebenserwartung und die damit einhergehende Alterung der Gesellschaft zunehmend in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatten gerückt. Da die Aufrechterhaltung unserer Sozialversicherungssysteme nur durch die Beiträge der zukünftigen Generationen dauerhaft gesichert werden kann, stellt der Rückgang der Geburtenzahlen ein nicht zu vernachlässigendes Thema dar. Wie aktuell die Debatten um den zunehmenden Geburtenrückgang sind, veranschaulicht die Darstellung der Periodenfertilitätsraten des Max-Planck-Instituts.[1] Die Fertilitätsrate Deutschlands (schwarze Linie) war und ist im Vergleich zu den anderen nordischen Ländern deutlich geringer.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Deutschland wird Kinderlosen nach Angaben des Instituts für Bevölkerungswissenschaft oft vorgeworfen, dass sie keinen Beitrag zum Generationenvertrag leisten und ihre Karriereansprüche egoistisch in den Vordergrund stellen.[2]

Wenn es um die Ursachen der ansteigenden Kinderlosigkeit geht, ruht der Fokus mehrheitlich auf den Frauen. Und bei den Frauen geraten zunehmend jene mit einer akademischen Ausbildung in den Blickpunkt der Debatte. Es wird von einem über 40%igen Anteil kinderloser Akademikerinnen mit steigender Tendenz berichtet.[3] In einer aktuellen Veröffentlichung zu diesem Thema wird festgehalten: „Wissenschaft als Lebensform und ein Leben mit kleinen Kindern passen nicht zusammen.“[4] Aber entspricht das wirklich den Tatsachen?

Zur Erklärung der Kinderlosigkeit hoch gebildeter Frauen gibt es verschiedene Ansätze. Der Fokus dieser Arbeit soll auf zwei teilweise konkurrierenden Ansätzen aus der Familienökonomie liegen. Der Ansatz des Humankapitaleffekts geht davon aus, dass die Entscheidung für bzw. gegen Kinder einer rationalen Kosten-Nutzen-Abwägung folgt. In der Regel weisen Frauen mit hoher Bildung und damit einhergehend hoch zu erwartendem Erwerbseinkommen, hohe Kosten in Bezug auf die Mutterschaft auf. Dies wird damit begründet, dass oft noch eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung vorliege und im Falle der Entscheidung für ein Kind, Frauen entweder aus dem Beruf ausstiegen oder eine Doppelbelastung in Kauf nähmen. Die Entscheidung für Kinder bei Frauen mit hohem Bildungsniveau würde deshalb, bei angenommener geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung, negativ ausfallen.

Im Gegensatz zur Theorie des Humankapitaleffekts geht die des Institutioneneffekts davon aus, dass sich die Familiengründung, bedingt durch die längeren Ausbildungszeiten insbesondere bei den Hochgebildeten, nach hinten verschiebe. Die hoch gebildeten Frauen blieben demnach nicht dauerhaft kinderlos, sondern würden ihre Familiengründungsphase nur zeitlich nach hinten verschieben.

Die Frage, die sich stellt und der in dieser Arbeit nachgegangen wird, ist, ob sich eher empirische Belege für das Zutreffen des Humankapitaleffekts oder aber des Institutioneneffekts hinsichtlich der Kinderlosigkeit von Akademikerinnen feststellen lassen. Es geht also darum, ob bei den hoch gebildeten Frauen eher eine dauerhafte Kinderlosigkeit oder eine Verschiebung der Familiengründungsphase nachweisbar ist. Um dieser Frage nachzugehen, werden kurz die Veränderungen in der Bevölkerungsentwicklung, im Familienleitbild, in der Rolle der Frau, des Kinderwunsches und in Bezug auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dargestellt. Im Anschluss daran werden die beiden konkurrierenden familienökonomischen Erklärungsansätze zur Kinderlosigkeit mit den bestehenden kritischen Einwänden erläutert. In dem sich anschließenden empirischen Teil wird zunächst auf den gewählten Datensatz des Sozio-ökonomischen Panels eingegangen. Im Anschluss daran wird die Operationalisierung der verwendeten Variablen erläutert. Daran schließt sich die Charakterisierung des Datensatzes sowie die Auswertung an. Im Fazit wird mit einem Resümee auf die Fragestellung geantwortet.

2. Gesellschaftliche Veränderungen

In diesem Abschnitt soll kurz auf die wesentlichen gesellschaftlichen Veränderungen in Bezug auf die Bevölkerungsentwicklung, das Familienleitbild und die Rolle der Frau, den Kinderwunsch sowie auf die Rahmenbedingungen eingegangen werden.

2.1 Bevölkerungsentwicklung

Die Bevölkerungszahl wird im Wesentlichen durch zwei Determinanten beeinflusst: durch (Ab-)Wanderungen und durch natürliche Bevölkerungsbewegungen. Unter Letzterem sind sowohl die Veränderungen in der Geburtenzahl als auch in der Lebenserwartung zu verstehen.

Geißler folgend lässt sich die Bevölkerungsentwicklung Westdeutschlands in drei Phasen unterteilen. Die erste Phase fand von 1945-1974 statt und war vornehmlich durch Wachstum gekennzeichnet. Die sich anschließende Phase von 1975-1984/86 war stattdessen durch Stagnation und teilweise sogar durch eine rückläufige Bevölkerungsentwicklung bestimmt. In der dritten Phase konnte wieder von einer zunehmenden Bevölkerung gesprochen werden.

In der DDR nahm die Bevölkerungsentwicklung einen etwas anderen Verlauf als in Westdeutschland. Insgesamt gab es einen rückläufigen Bevölkerungstrend zu verzeichnen. Mit der Wiedervereinigung setzte sich der rückläufige Trend in der Bevölkerungsentwicklung weiter fort.[5]

Um die Reproduktion der Gesellschaft zu gewährleisten müssten 100 Frauen im Durchschnitt 208 Kinder gebären. Die deutsche Realität sieht derzeit so aus, dass die Reproduktionsrate deutlich unter dem, die Gesellschaft erhaltenden Niveau liegt; es werden immer weniger Kinder geboren, woraus folgt, dass die kommenden Generationen schrumpfen.[6]

2.2 Familienleitbild und Rolle der Frau

Ein Blick zurück in die Geschichte Deutschlands zeigt, dass das Familienleitbild zu Gründungszeiten der BRD an dem Modell der bürgerlichen Kleinfamilie orientiert war. Demnach war der Mann für die außerhäusliche Erwerbsarbeit zuständig, während seine Frau Haushalt und Kinder zu versorgen hatte.[7]

Insbesondere in Westdeutschland war die Ehefrau, trotz postulierter Gleichberechtigung, dem Ehemann in vielen Bereichen (auch gesetzlich) nachgeordnet. Bis 1976 war es z.B. einer Ehefrau nur dann gestattet erwerbstätig zu sein, wenn sich dies nicht negativ auf ihre Pflichten in der Ehe und Familie auswirkte. War der Ehemann dieser Ansicht, konnte er die Berufstätigkeit seiner Frau jederzeit aufkündigen; des Weiteren oblag ihm die alleinige gesetzliche Vertretung der Kinder.[8]

Die Rolle der Frau und des bürgerlichen Familienbildes begann sich im Zuge der Emanzipation zu verändern. Ab Ende der 1950er Jahre gab es u.a. bedingt durch die expandierende Wirtschaft einen Fachkräftemangel zu verzeichnen. Die vornehmliche Beschränkung der Frauen auf die Hausarbeit änderte sich, als die Nachfrage nach Arbeitskräften zunahm. Des Weiteren gibt es ab diesem Zeitpunkt eine kontinuierliche Höherqualifizierung der Bevölkerung (einschließlich der Frauen) zu verzeichnen.[9] In puncto Vereinbarkeit von Familie und Beruf setzte sich größtenteils das „Drei-Phasen-Modell“ in der weiblichen Lebensplanung durch. Dieses sah konkret so aus, dass eine Frau bis zur Geburt ihres ersten Kindes arbeitete, wenn das Kind geboren war die Arbeit für die Familienphase unterbrach und anschließend die Erwerbsarbeit wieder aufnahm.[10]

Im Gegensatz zu Westdeutschland war in der DDR von Beginn an die Gleichberechtigung der Geschlechter ein vorherrschendes Ziel, diese wurde größtenteils über die Erwerbsbeteilung zu erreichen versucht. Allerdings wirkte sich die Gleichberechtigung der Geschlechter nicht auf den privaten Bereich aus, insbesondere die Verteilung der Hausarbeit gestaltete sich nach dem traditionellen Muster.

Insgesamt ist die Bildungs- und Erwerbsbeteiligung der Frauen kontinuierlich angestiegen, die Hausarbeit und Kinderziehung hat sich allerdings nicht im gleichem Maße unter den Partnern verteilt. Nach wie vor obliegt die Hausarbeit sowie Zuständigkeit für die Kinder vorrangig den Frauen.[11] Die zunehmende Erwerbsorientierung und die nahezu alleinige Verantwortung für Haushalt und Kinder führen dabei vermehrt zu einer Vereinbarkeitsproblematik von Beruf und Familie.[12]

2.3 Kinderwunsch

Der Kinderwunsch unter den jungen Erwachsenen scheint nach wie vor ungebrochen. Fast 90% haben, nach Angaben von Belwe, vor eine Familie zu gründen.[13]

Im Vergleich mit früheren Generationen hat sich zwar das Vorhandensein des Wunsches nach Kindern nicht geändert, wohl aber die Gründe. Die Gründe für eine hohe Kinderzahl lagen früher vorrangig darin begründet, dass sie in der Familienwirtschaft gebraucht wurden und darin, dass sie als Alterssicherung der Eltern dienten. Insgesamt verlor die ökonomische Bedeutung des Kinderwunsches u.a. durch die Fürsorgerolle des Staates zunehmend an Gültigkeit.[14]

In diesem Zusammenhang ist der „Value of Children“ Ansatz von Nauck zu erwähnen. Dieser geht davon aus, dass sich mit dem Modernisierungsprozess der Wert von Kindern gewandelt hat. Während Kinder früher, wie bereits angeführt, einen (vornehmlich) ökonomischen Wert hatten und z.B. als Alterssicherung der Eltern dienten, rückt diese Funktion in der heutigen Zeit zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen gewinnt der emotionale Nutzen von Kindern an Bedeutung. Während die Erhöhung der Kinderzahl auf die Erhöhung des ökonomischen Nutzens zielte, braucht es für die Erhöhung des emotionalen Nutzens nicht zwingend eine Erhöhung der Kinderzahl.[15]

2.4 Rahmenbedingungen

Obwohl die weibliche Erwerbsbeteilung nicht erst seit gestern ein normaler Bestandteil der deutschen Gesellschaft ist, spiegelt sich dieser Umstand nicht in den Kinderbetreuungsmöglichkeiten wider. Insgesamt mangelt es nach wie vor an einer ausreichenden Anzahl von Betreuungsplätzen sowie an flexiblen Öffnungszeiten, die die Möglichkeit der (Vollzeit-)Berufstätigkeit beider Elternteile ermöglichen. Gleiches gilt auch für Ganztagsschulen bzw., wenn diese nicht vorhanden sind, für Hortplätze.[16] Des Weiteren stellt die teilweise noch fehlende Akzeptanz bestimmter Betreuungsformen (wie z.B. Kinderkrippen) insbesondere in Westdeutschland ein Problem bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf dar.[17]

Auch in Bezug auf die arbeitsmarktspezifischen Bedingungen ist nach Wirth heute von keiner familienfreundlicheren Situation auszugehen. Zwar gibt es insgesamt eine Zunahme an Teilzeitarbeitsplätzen, allerdings befinden sich diese überwiegend im Niedriglohnsektor und sind mit nur geringen Aufstiegschancen verbunden.[18]

Auch die soziokulturellen Rahmenbedingungen stellen sich traditionell geprägt dar. Insgesamt werden Familie und berufliche Karriere, insbesondere in Westdeutschland, als zwei getrennte Lebenswege betrachtet. Die Verknüpfung beider wird oft mit einer Benachteilung des Kindes in Zusammenhang gebracht.[19]

3. Erklärungsansätze der Kinderlosigkeit

Auf Basis der Familienökonomie können im Wesentlichen zwei Erklärungsansätze hinsichtlich der Wirkung des Bildungsabschlusses auf das generative Verhalten von Frauen unterschieden werden. Zum einen gibt es den Humankapitaleffekt, der besagt, dass sich hoch gebildete Frauen eher gegen Kinder entscheiden werden. Dem gegenüber steht der Institutioneneffekt mit der Annahme, dass sich die Familiengründungsphase hoch gebildeter Frauen nach hinten verschiebt.[20]

Im Folgenden werden beide Ansätze mit den dazu bestehenden kritischen Einwänden dargestellt. Im Anschluss daran findet die Hypothesengenerierung statt.

3.1 Humankapitaleffekt

Eine Theorie zur Erklärung der geringen Kinderzahl hoch gebildeter Frauen wurde von Becker in seinem Werk „A Treatise on the Family” aufgestellt.[21]

Die ökonomische Theorie der Familie geht davon aus, dass Akteure danach bestrebt sind, ihren individuellen Nutzen zu maximieren. Die vorhandenen Güter bzw. Ressourcen müssen so eingesetzt werden, dass die Nutzenfunktion den maximalen Ertrag erreicht. Nutzenmaximierende Akteure heiraten Becker zufolge dann, wenn der daraus resultierende Nutzen größer als der des Ledigbleibens erwartet wird. Durch die Heirat kommen die Akteure in den „Genuss“ der gemeinsamen Arbeitsteilung. Diese sieht i.d.R. so aus, dass ein Partner für die Hausarbeit zuständig ist (dies ist immer derjenige, der besser dafür geeignet ist), während der andere außerhäuslich erwerbstätig ist. In früheren Schriften hat Becker darauf abgestellt, dass Frauen aus biologischen Gründen für die Hausarbeit besser geeignet seien. Diese Annahme hat er in neueren Auflagen revidiert, bleibt aber dabei, dass vornehmlich die Frauen für die Hausarbeit zuständig sind. Welcher Partner schlussendlich für die Hausarbeit und welcher für die Erwerbsarbeit zuständig ist, entscheidet sich nach der Höhe des Erwerbseinkommens, das bei der Ausübung der Hausarbeit wegfallen würde. Dass die Hausarbeit mehrheitlich von den Frauen ausgeübt wird, begründet Becker zum einen mit der gegebenen Diskriminierung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt (die zu einem geringeren Erwerbseinkommen bei gleicher Qualifizierung führen kann) und zum anderen mit der Doppelbelastung, die die Gleichzeitigkeit von Familie und Erwerbstätigkeit mit sich bringe.[22]

Becker geht von einem Zeitallokationsmodell aus; Zeit ist demnach eine knappe Ressource. Die Akteure müssen ihre verfügbare Zeit aufteilen und sich zwischen Hausarbeit und Erwerbsarbeit entscheiden. Damit ein bestimmter Nutzen erzielt werden kann, müssen Ressourcen eingesetzt werden - es entstehen also Kosten. Nach Becker entstehen beim Vorhandensein von Kindern im Wesentlichen zwei Kostenarten. Zum einen gibt es die direkten Kosten für Güter, wie Nahrung und Kleidung für die Kinder und zum anderen stellt die erforderliche Zeit für die Kinderbetreuung und -erziehung einen wesentlichen Kostenfaktor dar. Damit diese (indirekten) Zeitkosten erfasst werden können, geht Becker davon aus, dass eine Stunde Kinderbetreuungszeit mit einer Stunde des in dieser Zeit wegfallenden Erwerbseinkommen gleichzusetzen ist.[23]

Aufgrund der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung weisen Frauen mit potentiell hohem Markteinkommen hohe Opportunitätskosten in Bezug auf Heirat und Mutterschaft auf. Denn zum einen würden diese Frauen laut Beckers Theorie entweder aus ihrem Beruf aussteigen und sich ganz auf die Hausarbeit und Kindererziehung konzentrieren oder sie würden die Doppelbelastung von Familie und Beruf in Kauf nehmen. Im ersten Fall würde das Markteinkommen wegfallen und im zweiten würde eine Doppelbelastung entstehen. Becker geht deshalb davon aus, dass mit einem hohen potentiellen Markteinkommen von Frauen eine insgesamt geringere Neigung zur Familiengründung einhergeht.

Da das Markteinkommen von nicht erwerbstätigen Frauen nicht erfassbar ist, wird von dem Bildungsniveau auf das zu erwartende Markteinkommen geschlossen. Je höher demnach die Bildung einer Frau ist, desto „teurer“ wird für sie die Zeit, in der sie zugunsten der Kindererziehung nicht erwerbstätig sein kann. Becker spricht in diesem Zusammenhang von dem sog. Schattenpreis, der mit dem wegfallenden Einkommen steigt. Er geht deshalb davon aus, dass sich ein hohes Bildungsniveau von Frauen negativ auf die Neigung zur Familiengründung auswirken wird.[24]

Die Kernthese Beckers besteht zusammengefasst darin, dass die Entscheidung von Frauen für Kinder negativ ausfällt, wenn ihre Kosten steigen.[25] Da Frauen durch die vornehmlich traditionelle Arbeitsteilung, den Großteil der Kinderziehung und -betreuung übernehmen (würden), steigt für sie mit zunehmendem Bildungsniveau der Schattenpreis ihrer potenziellen Erwerbstätigkeit – weshalb insbesondere Hochschulabsolventinnen (eher) dauerhaft kinderlos bleiben.

3.2 Institutioneneffekt

Der Institutioneneffekt stellt darauf ab, dass die zunehmenden Wahlmöglichkeiten und Alternativen in der Lebensplanung dazu führen, dass die Entscheidung für bzw. gegen Kinder aufgeschoben wird. Der Unterschied zum Humankapitaleffekt besteht darin, dass nach dem Institutioneneffekt davon ausgegangen wird, dass die Realisierung des Kinderwunsches nur während der Zeit der Ausbildung aufgeschoben wird. Der Institutioneneffekt beeinflusst demnach das Timing der Familiengründung; sie wird nach hinten verschoben.[26]

Heryln/Krüger/Heinzelmann stellen darauf ab, dass nur wenige junge Frauen und Männer vorhaben dauerhaft kinderlos zu bleiben. Der Kinderwunsch wird allerdings oft aufgeschoben, zuerst wegen der Ausbildung, dann damit begründet, dass eine (materielle) Basis zur Familiengründung geschaffen werden soll und schlussendlich wegen des Berufseinstiegs und der anschließenden Karrierelaufbahn.[27]

Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang auch die Verbreitung von Empfängnisverhütungsmitteln, wodurch Kinder im Vergleich zu früher wesentlich besser planbar geworden sind. Das Aufschieben der Erstelternschaft ist auch deshalb von nicht zu unterschätzender Bedeutung, da eine späte Erstelternschaft schon aus biologischen Gründen, die Geburt von weiteren Kindern unwahrscheinlicher macht.[28]

In diesem Zusammenhang ist auch das Wirken gesellschaftlicher Normen nicht zu unterschätzen. So ist eine abgeschlossene Ausbildung und eine gesicherte finanzielle Situation für viele die Voraussetzung für die Realisierung eines Kinderwunsches.[29]

Schaeper stellt darauf ab, dass es einen negativen Zusammenhang zwischen Bildungsbeteiligung und Familiengründung gibt. Eine Mutter- bzw. Vaterschaft ist demzufolge während der Ausbildungszeit sehr unwahrscheinlich. Zum einen wird die begrenzte finanzielle Lage angeführt und zum anderen die Konzentration auf die Ausbildung, die kaum Zeit für anderes lässt. Wird eine Ausbildung aufgrund eines Kindes unterbrochen oder verlängert, haben nach Schaeper meist die Mütter die Folgen zu tragen. Ein Ausbildungsabbruch kann weitreichende Konsequenzen für die Karrierechancen mit sich bringen und somit kann auch die Entscheidung für ein Kind während der Ausbildung mit erheblichen indirekten Kosten verbunden sein. Die Entscheidung für ein Kind während der Ausbildungsphase muss allerdings nicht in jeder Gesellschaft negative Konsequenzen bzgl. der Karriereaussichten nach sich ziehen. Im System der DDR gab es z.B. gezielte Anreize für eine frühzeitige Realisierung des Kinderwunsches; Studentinnen mit Kind wurden bspw. gezielt gefördert.[30]

[...]


[1] Max-Planck-Institut 2009.

[2] Bundesinstitut für Bevölkerungswissenschaft 2004: 27.

[3] Gaschke 2004; Martens/Pauly/Schmid/Stoldt/Wiegrefe 1999: 45; Schmidt/Wagner 2004: 7; Zerrahn 2002: 14; Schwarz 2002: 343.

[4] Metz-Göckel/Möller/Auferkorte-Michaelis 2009: 13.

[5] Geißler 2006: 42ff.

[6] Geißler 2006: 47.

[7] Nave-Herz 2004: 67f.

[8] Peil: 1996: 3f.

[9] Timm 2006: 294.

[10] BMFSJ 2003.

[11] Geißler 2006: 316.

[12] Ziefle 2004: 213; Geißler 2006: 48.

[13] Belwe 2007: 1.

[14] Geißler 2006: 48; Institut für Demoskopie Allensbach 2004: 8.

[15] Nauck 2001: 137ff.

[16] Geißler 2006: 48; Onnen-Isemann 2008: 120f.

[17] Hank/Andersson/Duvander/Kreyenfeld,/Spieß 2004: 47f.

[18] Wirth 2007: 172.

[19] Kreyenfeld/Geisler 2006: 333ff; Wirth 2007: 172 (In diesem Zusammenhang sollte Erwähnung finden, dass es nur in der deutschen Sprache die Bezeichnung „Rabenmutter“ gibt).

[20] Beide Ansätze der Familienökonomie beruhen auf dem ökonomischen Rational-Choice-Ansatz. Die Grundannahme der ökonomischen Theorie besteht darin, dass die einzelnen Akteure ihren Nutzen maximieren wollen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Maximierung der Nutzenfunktion. In diese Funktion gehen die auf dem Markt erworbenen Güter ein. Da das verfügbare Einkommen beschränkt ist, wird die Nutzenfunktion unter dieser Prämisse maximiert. Für Güter kann also nicht mehr, als das zur Verfügung stehende Einkommen ausgegeben werden.

[21] Becker 1991. Weitere ökonomische Theorie zu diesem Themengebiet stellten u.a. Schwarz-Miller, Zimmermann, Matsushita, Siegers, de Jong-Gierveld und van Imhoff auf (siehe hierzu: Brüderl/Klein 1993: 195).

[22] Sackmann 2007: 176.

[23] Becker 1981: 17f.

[24] Brüderl/Klein 1993: 197; Huinink/Konietzka 2007: 150.

[25] Timm 2006: 296.

[26] Hill/Kopp 2004: 213.

[27] Herlyn/Krüger/Heinzelmann 2002: 128ff.

[28] Da Männer oft mit Partnerinnen im gleichen Alter zusammen sind, trifft für sie, aufgrund der biologischen Reproduktionsgrenze der Partnerin, i.d.R. die gleiche Reproduktionsgrenze zu.

[29] Kreyenfeld 2002: 15f.

[30] Schaeper 2007: 141ff.

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen
Untertitel
Eine quantitative Untersuchung mit SOEP-Daten
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Master of Arts Projekt 1
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
48
Katalognummer
V160253
ISBN (eBook)
9783640733460
ISBN (Buch)
9783640734146
Dateigröße
663 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich um theorieangeleitete empirische (quantitative) Untersuchung mit SOEP-Daten (multivariate Analyse)
Schlagworte
Multivariate Analyse, binär logistische Regression, Quantitative Methoden, kinderlosigkeit, Demographie
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Nina Eger (Autor:in), 2009, Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160253

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