Eine sozialwissenschaftliche Bildinterpretation nach Panofsky


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

18 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Bildinterpretationsmethode nach Panofsky
2.1 Vorikonographische Beschreibung
2.2 Ikonographische Analyse
2.3 Ikonologische Interpretation
2.4 Da Vinci „Das letzte Abendmahl“

3. Bildinterpretation
3.1 Vorikonographische Beschreibung
3.2 Ikonographische Analyse
3.3 Ikonologische Interpretation

4. Fazit

Literatur

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die Gleichberechtigung beider Geschlechter[1] wurde bei der Formulierung des Grundgesetzes festgeschrieben und sollte als selbstverständliches Leitbild unserer Gesellschaft gelten. Rund 35 Jahre später stellt 1983 ein eineinhalbjähriges Mädchen fest:

„Frau nackig […] Mann redet.“[2]

Nun gut, seit dem sind immerhin bereits 26 Jahre vergangen. Wie sieht es also mit der Realisierung der Gleichberechtigung rund 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik aus? Bisher nahm ich an, dass die Gleichberechtigung in der heutigen Zeit wesentlich mehr Bedeutung hat. Auch wenn eine völlige Gleichberechtigung noch lange nicht erreicht ist, so besteht sie doch immerhin als Leitbild insbesondere junger Männer und Frauen. Ein Gespräch mit einer jungen Frau kurz vor ihren Abiturprüfungen im Jahr 2008 ließ mich diese Annahme doch erheblich bezweifeln. Auf die Frage, wie sie sich auf ihre Abschlussprüfungen vorbereiten würde, erhielt ich in Bezug auf das Fach Mathematik die Antwort: „Ich brauche nicht gut in Mathe zu sein, denn ich bin ja ein Mädchen.“

Während bis in die 1970er Jahre das traditionelle Familienleitbild mit dem Mann als Alleinernährer und seiner Frau als treu sorgende Hausfrau und Mutter bestimmend war, sieht die heutige Realität um einiges anders aus. Doch wie sieht eine Realität aus, in der angehende Abiturientinnen sich aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit bestimmte Fähigkeiten absprechen bzw. sich hinter diesen als Ausrede verstecken? Wie sehen die heutigen Frauen(leit)bilder aus? Wie wichtig Bilder für die Wahrnehmung und Beeinflussung der Realität sind betont u.a. die visuelle Kommunikationsforscherin und Politologin Marion Müller:

„Bilder verändern unsere Realität. Bilder beeinflussen unsere Selbstwahrnehmung, aber auch die Wahrnehmung unserer Umwelt.“[3]

Dadurch dass sich im Alltag durch Bilder verständigt wird, folgt, dass unsere Gesellschaft nicht durch Bilder repräsentiert, sondern konstituiert wird. Bilder sind nach Bohnsack handlungsleitend. Sie sind in die vorreflexiven, impliziten und „atheoretischen“ Wissensbestände eingelassen – wodurch insbesondere das habitualisierte Handeln beeinflusst wird.[4]

Ziel dieser Arbeit ist es aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive heraus, die Darstellung von Frauen in der heutigen Gesellschaft zu analysieren. Die Bildinterpretation ist als Methode in den Sozialwissenschaften noch relativ „jung“. Eine der erfolgreichsten Bildinterpretationsmethoden ist die des Kunsthistorikers Erwin Panofsky.[5] Der sog. ikonographisch-ikonologische Dreischritt Panofskys findet unter anderem auch deshalb in den Sozialwissenschaften Anwendung, weil er wesentlich auf den Arbeiten des Soziologen und Kunsthistorikers Karl Mannheim fußt.[6]

Die Arbeit ist so gegliedert, dass zunächst die Bildinterpretationsmethode Panofskys beschrieben und anhand eines kurzen Beispiels dargestellt wird. Im Anschluss wird, um das Frauenbild in der heutigen Gesellschaft anhand der Bildinterpretationsmethode zu analysieren, auf ein Titelblatt einer der meistgekauften Zeitschriften Deutschlands, „DER SPIEGEL“ zurückgegriffen.

2. Bildinterpretationsmethode nach Panofsky

Panofsky plädiert für drei Schritte der Bildinterpretation. Der erste Schritt umfasst die vorikonographische Beschreibung. Auf diese folgen im zweiten Schritt die ikonographische Analyse und darauf dann die ikonologische Interpretation des Bildes.

Nach Michel ist es problemlos möglich, Panofskys Modell auch für Bilder auf Plakatwänden, in Zeitungen oder Familienalben anzuwenden; die Methode ist nicht auf die Kunstwerkinterpretation beschränkt.[7]

Im Folgenden werden die drei Schritte (siehe Tab. 1) einzeln erläutert und anschließend am Beispiel von Da Vincis letzter Abendmahldarstellung exemplarisch angewendet.

Tabelle 1: Panofskys Dreischrittmodell

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1 Vorikonographische Beschreibung

Bei der vorikonographischen Beschreibung geht es im Wesentlichen um die Frage: Was ist dargestellt? Es sollen alle sich auf dem Bild befindlichen Gegenstände, Personen etc. beschrieben werden.

Die vorikonographische Analyse gliedert sich in die tatsachen- und ausdruckshafte Bedeutung. Zur Verdeutlichung dieser Aufgliederung führt Panofsky folgendes Alltagsbeispiel an: ein Mann hebt seinen Hut und sieht dabei jemanden an. Unter einem rein formalen Gesichtspunkt ist lediglich eine Veränderung der Farben-, Linien- und Körperumrisse feststellbar. Die tatsachenhafte Bedeutung liegt darin, dass die Gebärde des Mannes als Hutziehen verstanden wird. Die Tatsachenbedeutung wird demnach erfasst, wenn bestimmte (sichtbare) Formen mit Gegen-ständen identifiziert werden, die wiederum durch die praktische Erfahrung bekannt sind.

Durch die Erfassung der Tatsachenbedeutung werden bestimmte Reaktionen hervorgerufen. Aus der Art und Weise wie der Mann das Hutziehen durchführt, ist z.B. erkennbar, ob er guter oder schlechter Laune ist und wie die Gefühle gegenüber dem anderen sind (z.B. gleichgültig oder feindselig). Diese psychologischen „Nuancen“ benennt Panofsky als ausdruckshafte Bedeutung. Im Gegensatz zur Tatsachenbedeutung, die identifiziert wird, wird die ausdruckshafte Bedeutung durch Einfühlung erfasst.

Die tatsachen- und ausdruckshafte Bedeutung gehören zur Klasse der primären und natürlichen Bedeutung. Es werden reine Formen identifiziert, z.B. Farben und Linien sowie Darstellungen von Menschen, Tieren, Pflanzen oder Häusern etc., „indem man ihre gegenseitigen Beziehungen als Ereignisse identifiziert […].“[8] Wichtig ist, dass insbesondere auf Details eingegangen wird (z.B. die Position einer Person vor einem Gegenstand, ein leeres Glas etc.), denn diese können bei der Stufe der ikonographischen Analyse von Bedeutung sein. Van Straten betont in diesem Zusammenhang:

„Bei der Aufzählung alles dessen, was auf einem Bild dargestellt wird, ist sehr genaues Hinsehen besonders wichtig: es ist die Voraussetzung für jeden weiteren Schritt auf dem Weg zu einer richtigen Interpretation.“[9]

Zusammengefasst geht es bei der vorikonographischen Beschreibung „um die Beschreibung, dessen […], was man bei der ersten Betrachtung des Kunstwerkes sieht und empfindet.“[10] Es kommt demnach nur auf die Beschreibung des Dargestellten an und noch nicht auf die Interpretation. Foucault bringt das beschreibende Vorgehen dieser Stufe auf den Punkt, in dem er schreibt: „Man muss also so tun, als wisse man nicht.“[11]

[...]


[1] Es ist wird damit nicht bestritten, dass es mehr als zwei Geschlechter geben kann. Hier wird sich allerdings auf die im Grundgesetz benannten Geschlechter bezogen.

[2] Grabrucker 1992: 38.

[3] Müller 2003: 13.

[4] Bohnsack 2006: 18f.

[5] Panofsky entwickelte seine Methode im Jahr 1955.

[6] Müller 2003: 201ff; Bohnsack 2003: 87.

[7] Michel 2006: 148f.

[8] Panofsky 2006: 37.

[9] Van Straten 1997: 18.

[10] Forssmann 1991: 268.

[11] Foucault 1971: 36.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Eine sozialwissenschaftliche Bildinterpretation nach Panofsky
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Qualiative Methoden I
Note
1,8
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V160257
ISBN (eBook)
9783640733644
ISBN (Buch)
9783640734290
Dateigröße
690 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eine, Bildinterpretation, Panofsky
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Nina Eger (Autor), 2009, Eine sozialwissenschaftliche Bildinterpretation nach Panofsky, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160257

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