Im Jahr 2006 erschien der Film "Das Leben der Anderen" unter der Regie von Florian Henckel von Donnersmarck. Vorlage für diesen Film war das gleichnamige vom Regisseur verfasste Drehbuch.
Die Veröffentlichung des Filmes wurde von positiven Reaktionen und Diskussionen, aber auch vielen negativen Kritiken begleitet. Er wurde nicht nur national sondern auch international auf verschiedenen Filmfestivals aufgeführt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit der Frage, warum dieser Film solch ambivalente Reaktionen beim Publikum hervorgerufen hat und was ihn von anderen so genannten "Wendefilmen" unterscheidet. Dafür ziehe ich die Filme "Sonnenallee" und "Nikolaikirche" zum direkten Vergleich hinzu und gehe besonders auf die Darstellung der Staatssicherheit im Film "Das Leben der Anderen" ein.
Bei der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Donnersmarcks Film fielen mir aus der Perspektive des soziokulturellen Aspekts von Geschlecht einige Defizite auf, auf die ich im Rahmen dieser Hausarbeit eingehen möchte. Ich beschränke mich dabei auf drei Themen: Politik als männlich konnotierter Raum, die Schöne und der Intellektuelle und die Beschreibung der männlichen und weiblichen Figuren im Drehbuch zum Film "Das Leben der Anderen".
Inhaltsverzeichnis
0 Einleitung
1 Filminhalt
2 Was unterscheidet Das Leben der Anderen von anderen Filmen, die das Leben in der DDR thematisieren?
2.1 Klischees im Wendefilm
2.2 Die Beispiele Sonnenallee und Nikolaikirche
2.3 Die Darstellung der Stasi in Das Leben der Anderen
3 Geschlechterstereotype in Das Leben der Anderen
3.1 Geschlechterstereotype
3.2 Politik als männlich konnotierter Raum
3.3 Die Schöne und der Intellektuelle
3.4 Beschreibung der Figuren im Drehbuch
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Film "Das Leben der Anderen" unter zwei zentralen Aspekten: Zum einen wird analysiert, warum der Film im Vergleich zu anderen sogenannten Wendefilmen als außergewöhnlich erfolgreich gilt und wie er die DDR-Diktatur darstellt. Zum anderen erfolgt eine tiefgehende Untersuchung der Gender-Aspekte, insbesondere der Konstruktion von Geschlechterstereotypen innerhalb des Drehbuchs und der filmischen Inszenierung.
- Vergleich des "Wendefilms" mit anderen Produktionen wie "Sonnenallee" und "Nikolaikirche"
- Authentizität und Darstellung der Staatssicherheit (Stasi)
- Analyse der Geschlechterrollen und der Binarität Mann-Frau bzw. Geist-Schönheit
- Untersuchung der Mittäterschaft von Frauen in der DDR
- Stilisierung von Frauencharakteren im Vergleich zu mächtigen männlichen Protagonisten
Auszug aus dem Buch
Die Darstellung der Stasi in Das Leben der Anderen
Interessant ist, dass obwohl die Stasi in der DDR überall präsent war – zu Hause, bei der Arbeit, am Telefon, in der Post – sie im Kino noch nie so ausführlich thematisiert wurde wie in Das Leben der Anderen. Natürlich tauchte die Stasi als Thema in den Wendefilmen auf, jedoch nur als Randthema oder als pures Klischee. In Donnersmarcks Film bekommen die ZuschauerInnen einen ausführlichen Einblick in die Mechanismen der DDR-Diktatur. Verhör- und Abhörtechniken; die systematische Einschüchterung, Drangsalierung und Unterdrückung der Kulturszene Ostberlins und auch die fragwürdige Einstellung führender SED-Funktionäre dem Kommunismus gegenüber werden den ZuschauerInnen hier näher gebracht, wobei der Drang nach Authentizität spürbar ist. Donnersmarck zeigt diese Mechanismen „nicht in Form der plakativen Anklage, sondern indem er versucht, so genau wie es nur geht, menschliche Schicksale in solchen Konfliktsituationen der Diktatur“23 aufzuzeigen. Er lässt das Klischee des durch und durch bösen Staatssicherheitmitarbeiters außen vor und zeigt Stasicharaktere auf, die sich stark voneinander abheben. Dass selbst eine einzelne Person sehr ambivalente Gefühle in sich trägt, zeigt sich am Charakter des Gerd Wiesler, der sich anfangs zwar zögerlich, dann aber konsequent zum Guten wandelt.
Aber genau dieser Punkt ist es, der auch Anstoß zur Kritik gab. Hubertus Knabe, der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, sagte, dass es bezeichnend sei, „dass ausgerechnet die Geschichte vom ‚guten Stasi-Mann‘ diesen durchschlagenden Erfolg hat [...]. Eine solche Figur habe es im wahren Leben leider nie gegeben. Deswegen habe er den Film damals auch nur als ,begrenzt realistisch‘ bewertet“24. Auch Werner Schulz, ein früherer DDR-Bürgerrechtler, äußerte sich kritisch zu Donnersmarcks erstem Kinofilm: „Das Leben der Anderen hat keinen Oscar verdient. Streng genommen auch keinen deutschen und europäischen Filmpreis [...]. Der gravierendste Fehler des Films besteht darin, dass es einen solchen Stasi-Offizier, der unter Lebensgefahr einen Dissidenten rettet, nicht gab und im System begründet liegt, warum es ihn nie geben konnte."
Zusammenfassung der Kapitel
0 Einleitung: Die Arbeit führt in das Thema ein, erläutert die Ambivalenz der Reaktionen auf Donnersmarcks Film und benennt die Forschungsfelder der Gender-Analyse.
1 Filminhalt: Dieses Kapitel fasst die Handlung des Films zusammen, beginnend mit der Ausgangssituation von Gerd Wieslers Überwachungsauftrag bis hin zur späteren Entwicklung nach der Wiedervereinigung.
2 Was unterscheidet Das Leben der Anderen von anderen Filmen, die das Leben in der DDR thematisieren?: Es wird untersucht, wie der Film durch den Verzicht auf Klischees und eine detaillierte Auseinandersetzung mit Stasi-Methoden aus der Masse anderer Wendefilme heraussticht.
3 Geschlechterstereotype in Das Leben der Anderen: Dieser Hauptteil analysiert die Konstruktion von Geschlechterbildern, die Stilisierung von Weiblichkeit und Politik als männlich dominierten Raum.
4 Fazit: Das Fazit zieht eine Bilanz über den Erfolg des Films und reflektiert kritisch die ambivalente Darstellung des "guten Stasi-Mannes" sowie die noch ungelösten Gender-Aspekte.
Schlüsselwörter
Das Leben der Anderen, Florian Henckel von Donnersmarck, Stasi, Wendefilm, DDR, Geschlechterstereotype, Geschlechterforschung, Mittäterschaft, Gender Studies, Männlichkeit, Weiblichkeit, politische Repression, Drehbuchanalyse, Filmkritik, DDR-Kultur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Kinofilm "Das Leben der Anderen" auf seine filmhistorische Einordnung als Wendefilm sowie auf soziokulturelle Aspekte der Geschlechterdarstellung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Darstellung der Stasi-Diktatur, der Vergleich zu anderen Filmen über die DDR und die Analyse von Rollenbildern (Männlichkeit und Weiblichkeit) im Film.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll geklärt werden, was den Film von anderen Wendefilmen unterscheidet, warum er so erfolgreich war und welche Geschlechterstereotype durch das Drehbuch und die filmische Umsetzung konstruiert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine filmwissenschaftliche Analyse, vergleicht den Film mit anderen Werken (Sonnenallee, Nikolaikirche) und greift auf feministische Filmtheorien sowie Diskurse zur Mittäterschaft von Frauen zurück.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den Mechanismen der Stasi, der Kritik an der Darstellung des "guten Stasi-Mannes" und der intensiven Untersuchung der Paarkonstellation und Figurencharakterisierung im Drehbuch.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Gender-Ebene, Stasi, DDR-Kultur, Geschlechterhierarchie, Mittäterschaft und Klischees.
Warum wird die Darstellung des Stasi-Hauptmanns Wiesler kritisch gesehen?
Die Kritik basiert auf der Darstellung eines "guten Stasi-Mannes", der sich wandelt und einen Dissidenten rettet – eine Figur, deren Existenz in der Realität von vielen Zeitzeugen und Bürgerrechtlern als historisch nicht plausibel und verharmlosend abgelehnt wird.
Wie definiert der Film nach Meinung der Autorin das Verhältnis zwischen den Geschlechtern?
Die Autorin erkennt eine starke Stilisierung nach der Binarität Geist (Mann) und Schönheit (Frau), wodurch weibliche Charaktere oft auf ihre Attraktivität reduziert und aus dem politischen Handlungsraum gedrängt werden.
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- Melanie Bossen (Author), 2007, Untersuchungen zum "Wendefilm" und Darstellungen von Geschlechterstereotype, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160271