Zur Problematik in bikulturellen Paarbeziehungen: Schwierigkeiten und Bewältigungsversuche - eine qualitative Studie


Hausarbeit, 2003

48 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

GLIEDERUNG

1. Einleitung: Vorstellung des Themas

2. Methodenwahl

3. Tabellen des Statistischen Bundesamts: Ausländische Bevölkerung

4. Begrifflichkeiten und Erläuterungen
4.1 Ein Verständnis von „Kultur“
4.1.1 Entkulturation und Akkulturation
4.1.2 Ethnozentrismus und kulturelle Feindseligkeit
4.2 Kulturelle Distanz und das „Fremde“
4.3 Bikulturelle Paarbeziehungen
4.3.1 Interkulturelle Kommunikation
4.3.2 „Endogamie“/„Exogamie“ und „Homogamie“/„Heterogamie“

5. Strukturelle Kulturcharakteristika
5.1 Wertorientierungen
5.2 Verhaltensmuster
5.3 Soziale Beziehungen und soziale Gruppen
5.4 Nationalcharakter
5.5 Wahrnehmung
5.6 Denken
5.7 Sprache
5.8 Zeit- und Raumkonzepte

6. Beschreibung und Durchführung der Interviews
6.1 Eine kurze Erläuterung zur verwendeten Methodik
6.2 Paar A: Fukuda S. (32) und Jan B. (31): japanisch – deutsch
6.3 Paar B: Silke P. (26) und George P. (35): deutsch – afro-amerikanisch
6.4 Paar C: Steffi M. (28) und Roberto V. (29): deutsch – italienisch
6.5 Paar D: Nadja L.(25) und Thomas S. (29): deutsch – deutsch

7. Auswertung der Interviews
7.1 Eine kurze Erläuterung zur verwendeten Methodik
7.2 Im Fokus: Das bikulturelle Einzelpaar
7.2.1 Analyse der bikulturellen Beziehungen
7.2.2 Ein Partnerwahlmodell
7.2.3 Kulturbedingte und kulturunabhängige Problembereiche
7.2.3.1 Missverständnisse und kulturelle Unterschiede
7.2.3.2 Probleme des Alltags
7.2.4 Problemlösungsverhalten und kulturelle Anpassung in der Beziehung
7.3 Im Fokus: Bikulturelle Paarbeziehungen im Vergleich
7.3.1 Im Vergleich: Bikulturelle Beziehungen
7.3.2 Im Vergleich: Bikulturelle und monokulturelle Beziehung

8. Abschließende Bewertung und Fazit

1. Einleitung: Vorstellung des Themas

Die Fragestellung dieser qualitativen Einzelfallanalyse lautet: Welche Probleme und Herausforderungen bestehen in interkulturellen Liebesbeziehungen und welche dieser Schwierigkeiten lassen sich durch kulturelle Unterschiede[1] der Partner erklären? Zudem soll der Frage nachgegangen werden, wie diese Probleme bewältigt werden bzw. wie damit umgegangen wird. Ich habe drei bikulturelle Paare und eine monokulturelle Beziehung hierzu untersucht. Auf die monokulturelle Beziehung wird allerdings erst am Schluss der Arbeit[2] eingegangen, wenn es darum geht einen Vergleich zwischen dem bikulturellem und dem monokulturellem Paar anzustellen, um bestimmte kulturelle Probleme von kulturunabhängigen Problemen zu trennen.

Die einzelnen bikulturellen Paare wurden jeweils als Einzelfall untersucht, wobei der individuelle Einfluss des jeweiligen Partners auf die Beziehung, sowie auf die gegenseitige Beeinflussung der Partner untereinander. Ich habe versucht auf den Menschen als Individuum einzugehen und die jeweiligen subjektiven Erklärungen und Bedeutungen der Problemfelder am Einzelnen, sowie an den bikulturellen Beziehungen herauszufiltern. Danach habe ich diese bikulturellen Beziehungen miteinander verglichen, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Die monokulturelle deutsch-deutsche Beziehung diente mir dabei als Vergleichspaar, um kulturbedingte Probleme von nichtkulturbedingten Problemen trennen zu können. Ich wählte das Konzept einer qualitativen Einzelfallanalyse, um zu tiefergreifenden Erkenntnissen zu kommen und so in die jeweilige lebensgeschichtliche Situation der Befragten eintauchen zu können. Es ging mir darum Motive, Beweggründe und Erklärungen zu finden, inwiefern kulturbedingte Unterschiede in diesen Paarbeziehungen Probleme verursachen können und welche anderen Schwierigkeiten und Besonderheiten in solchen Beziehungen auftreten können, die es z.B. in monokulturellen Bindungen, im Fall einer deutsch-deutschen Beziehungen, nicht gibt. Natürlich lieferten mir quantitative Daten, die ich aus Tabellen des Statistischen Bundesamts gewinnen konnte auch mögliche Erklärungsansätze. Allerdings wollte ich mich auf die Qualität der jeweils einzigartigen bikulturellen Beziehung konzentrieren, ohne jedoch die Quantität zu vernachlässigen. Denn schon Lamnek konstatierte: „Das qualitative Paradigma ist bemüht, den Objektbereich (Mensch) in seinem konkreten Kontext und seiner Individualität zu verstehen.“[3]

2. Methodenwahl

Diese Arbeit ist als eine qualitative empirische Einzelfallstudie zu begreifen. Ich habe versucht mich hierbei am Subjekt, dem einzelnen Menschen, zu orientieren. Er ist als Ausgangs- und Mittelpunkt der Forschungsarbeit zu verstehen. Ich wollte ihn möglichst komplett, sofern dies möglich war, in seiner subjektiven Vollständigkeit darstellen und ihn daher auch aus seiner Vergangenheit heraus betrachtet, beschreiben und interpretieren. Das bedeutet, es war mir z.B. wichtig zu erfahren, ob ein ausländischer Partner bereits früher schon einmal mit einem/r deutschen Partner/in eine Beziehung in Deutschland geführt hat und welche Einflüsse diese Bindung auf seine jetzige Beziehung hat. Ebenso hat mich z.B. interessiert, ob der/die deutsche Partner/in bereits kulturelle Erfahrung, mit einer Beziehung oder dem kulturell fremden Land des Partners, sammeln konnte und wie – bzw. ob überhaupt – dieser Erlebniswerte auf die aktuelle Beziehung wirken. Dabei war es immer auch entscheidend an herkömmlichen Alltagsschwierigkeiten der bikulturellen Beziehung anzusetzen und fragend in diesen Problemkreis einzutauchen, um „Neues“ zu ent-decken.[4]

Bevor ich mich an die Auswertung der Interviews herantastete und mich an Erklärungsmodellen, wie Interpretationsversuchen probierte, habe ich eine Beschreibung der Interviews, sowie der geschilderten Erzählungen und Daten der qualitativen Erhebung vorgenommen. Diese werden jeweils am Einzelfall, also an dem jeweiligen interviewten Paar (A bis D) in einem eigenen Punkt geschildert, wobei dass Paar als ganze Einheit, wie auch aus der jeweiligen Einzelperspektive heraus betrachtet wurde. Das Interview wurde von mir immer auch mit der Absicht geführt, möglichst offen und vorurteilsfrei dem Menschen gegenüber zu sein, um ihn in seiner vollständigen Subjektivität erfassen zu können. Besonders bei der Interpretation der Ergebnisse wurden mir meine eigenen Vorverständnisse, Vorurteile und Stereotype teilweise bewusst, so dass ich, oft aber nicht immer, in der Lage war, sie zu reflektieren und dadurch zu neutralisieren. Ich habe diese und alle sonstigen subjektiven Erfahrungen jeweils dokumentiert, um meinen nicht vermeidbaren Einfluss als Forscher auf den Untersuchungsgegenstand – und in entgegengesetzter Richtung –, sowie auf den Interpretationsprozess offen zu legen. Ich versuchte in einer wechselseitigen Auseinandersetzung mit dem Forschungsgegenstand, die Ergebnisse zu interpretieren, wobei dieser Interpretationsprozess auch immer als Produkt meiner subjektiven Erklärungsmuster zu verstehen ist. Dabei musste ich manche frühzeitigen Erkenntnisse und Vorverständnisse korrigieren oder total verwerfen. Da die Arbeit aber als ein zirkulärer Prozess zu verstehen ist, waren mir manche veränderten Vorverständnisse sehr hilfreich, um darauf aufbauend exaktere Erkenntnisse und Erklärungsmodelle zu konstruieren.

Ich habe die Paare jeweils bei ihnen zu Hause interviewt, um möglichst nah in die alltäglichen Situationen der Partner einzutauchen und ihre subjektive Realität möglichst wenig zu verzerren. Ich wollte dadurch vermeiden, dass sie sich jeweils zu idealisierend oder in einer anderen Weise darstellen, wie dies ihrer Wirklichkeit entspricht. Allerdings kann ich hier nicht Auskunft darüber geben, in wie weit mir das geglückt ist. Am Schluss dieser Arbeit werde ich einige Erklärungsmodelle entwickeln, die auf die interviewten Paare in gewisser Hinsicht zutreffen mögen, aber deshalb noch lange nicht verallgemeinert und auf andere bikulturelle Paarbeziehungen übertragen werden können. Eine Generalisierung fällt auch deswegen schon schwer, da ich nur wenige Paare interviewen konnte. Trotzdem habe ich eine Verallgemeinerung an den Stellen, wo es sich angeboten hat vorgenommen, nicht allerdings ohne eine individuelle Begründung zu liefern.

3. Tabellen des Statistischen Bundesamts: Ausländische Bevölkerung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einige interessante Erkenntnisse zum Anteil und der Entwicklung der ausländischen Bevölkerung in Deutschland, u.a. nach Geschlecht, sowie nach Staatsangehörigkeit geordnet, liefern folgende Tabellen[5] vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. Der erhöhte Anteil ausländischer Menschen an der deutschen Bevölkerung, sowie das durch Globalisierung ausgelöste Zusammenwachsen der Welt und die erhöhte Reiselust der Deutschen, die sie in Kontakt mit fremden Kulturen bringt, mögen Argumente, für die Zunahme von bikulturellen Beziehungen sein

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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4. Begrifflichkeiten und Erläuterungen

4.1 Ein Verständnis von „Kultur“

Kultur ist ein sehr vielschichtiger und durchaus häufig verwendeter Begriff, der je nach Zusammenhang und Gebrauch in seiner Bedeutung sehr variabel sein kann. Die ethymologischen Ursprünge des Begriffs beschreiben Kultur, als „das seit dem 17. Jahrhundert bezeugte, aus lat. Cultura Landbau; Pflege (des Körpers und des Geistes) entlehnte Substantiv, [das] von Anfang an im Sinne von Feldbau, Bodenbewirtschaftung einerseits (...) und Pflege der geistigen Güter andererseits (...) verwendet [wurde].“[6] Im 17. Jahrhundert wurde Kultur als das betrachtet, was der Mensch selbst aus eigenem Antrieb heraus erzeugen konnte. Diesem Verständnis setzte man dasjenige der Natur gegenüber und meinte damit all das, was dem Menschen von seiner Umwelt vorgegeben war. Gehlen sieht demgegenüber den Menschen an sich von Natur aus als Kulturwesen[7], wohingegen Herskovits Kultur als „man-made part of the human environment“[8] betrachtet. Dieser kurze Ausschnitt verdeutlicht, dass es eine Vielzahl von Definitionen und Sichtweisen von Kultur gibt, die zu einem besseren Verständnis beitragen, aber auch durch die entstandene Komplexität und Widerspruchsfülle zu verwirren drohen.

Mit dieser Arbeit wird der Begriff Kultur als ein Netzwerk verschiedener Komponenten verstanden, welcher sich im Charakter, als auch in ihren geistigen, sozialen und materiellen Erzeugnissen niederschlagen kann. Kultur kann zudem in drei Bereiche unterteilt werden. Die unterste Stufe, bestehet aus Basisannahmen, bestimmen Wahrnehmungen und Handlungen der Individuen, in dem elementare Orientierungs- und Vorstellungssysteme auf sie wirken. Dies wird zumeist mit dem Begriff des „Weltbildes“ umschrieben, welches Menschen „in“ sich tragen. Der darauf folgende Bereich beschreibt bestehende Wertvorstellungen und Verhaltensstandards, die in Grundsätzen, Normen oder auch Geboten usf. formuliert alle Verhaltensmuster ergeben. Mit Hilfe der Sprache, der Kleidung oder auch den Umgangsformen, usf. wird durch die Sendung von symbolhaften oder/und zeichenkräftigen Botschaften der offenkundigste und am leichtesten zugängliche Teil von Kultur erkennbar. Dieser formt den dritten Bereich von Kultur.[9] Diese Einteilung entspricht einer Dreiteilung von Kultur in „mentale“, „soziale“ und „materielle Kultur“. Zudem ist z.B. das Essverhalten, der eingehaltene Körperabstand oder das Spiel der Mimik und Gestik durchaus auch zum Bereich der Kultur zu zählen.

Kulturkreise sind nicht immer unbedingt mit Ländern, Ethnien oder Nationen identisch, obwohl dies oftmals implizit wie explizit behauptet wird und als vereinfachende Annahme oftmals sehr hilfreich sein kann. Vielmehr sind es der geografische Raum, die Sprache und die soziale Interaktion bzw. Kommunikation, die einen Kulturkreis eingrenzen. Die soziale Interaktion ist hierbei ein zentrales Element, da Mitglieder eines Kulturkreises sich hier über gemeinsame kulturelle Vorstellungen und kulturkonforme Verhaltensweisen austauschen. Ein Kulturkreis ist allerdings kein homogenes, einheitliches System. Kulturkreise, die sehr heterogen sein können, bestehen aus vielen Subkulturen, von denen wiederum jede ihre eigene, nur für diese charakteristische Merkmal aufzeigt und sich von anderen klar unterscheiden lassen. Diese Subkulturen können ihrerseits wiederum Teilkulturen besitzen, so dass Kulturkreise als hierarchisch geordnete Systeme angesehen werden können, wobei alle Teilelemente untereinander sowie zur Gesamtkultur, in einer komplexen Beziehung miteinander stehen und sich wiederum in die übergeordnete Gesamtkultur einfügen lassen. Eine Subkultur meint daher „Lebensformen, die Teil eines größeren kulturellen Ganzen sind, jedoch Normenordnungen aufweisen, die von der Gesamtkultur abweichen. (...) Das Maß dieser Abweichungen schwankt. Es reicht vom Status von Teilkulturen, die in das übergeordnete soziale System weitgehend integriert sind, bis hin zu Gruppen, die als Gegenkultur auftreten. Die Merkmale, die Subkulturen kennzeichnen, differieren je nach Lage; sie können in unterschiedlicher ethnischer Herkunft, in regionalen Besonderheiten, in der Berufszugehörigkeit oder, genereller, im sozioökonomischen Bereich begründet sein. Stil dieser Art kann sich von der Beachtung eines „Ehrenkodex“...über die Bildung diverser Rituale, z.B. der körpersprachlichen Kommunikation, bis hin zum Gebrauch von Sondersprachen erstrecken. (...)“[10] Das Prinzip der Subkulturen ist daher besonders geeignet, die weitgefasste, differenzierte moderne Gesellschaften auf die Kultur hin zu untersuchen. Dies war sehr hilfreich für diese Arbeit, da ich es bekanntermaßen mit mehreren in Deutschland lebenden ausländischen Minderheitsgruppen zu tun hatte, deren Zuordnung zu einer jeweiligen Subkultur sich anbot und als sehr nützlich erwies.

Kultur kann zusammenfassend als ein durch Menschen geschaffener, kollektiver, sozialer Bereich betrachtet werden, der erlernt und durch Symbole übermittelt wird sowie in diesen zum Ausdruck kommt. Kultur auf individueller Ebene kann hingegen als ein kognitiv geprägter Komplex beschrieben werden.

4.1.1 Entkulturation und Akkulturation

Auf individueller Ebene lassen sich zwei kulturspezifische Elemente unterscheiden: Entkulturation und Akkulturation. Der kulturelle Mensch wird sowohl von ihr als Individuum geprägt und beeinflusst als auch seine Kultur zum dynamischen sich ständig verändernden Prinzip de kulturellen Veränderung beiträgt . Mensch und Kultur befinden sich daher in einer komplexen Wechselbeziehung zueinander. Den Lernprozess, ähnlich der Sozialisation, den ein Individuum zur Integration in eine Kultur bewältigen muss bezeichnet man als Entkulturation. Dieser Prozess der sozialen Interaktion und Verständigung umfasst ein Hineinwachsen in und ein Verinnerlichen von Kultur. Es werden dabei feste Vorstellungen übernommen, die als Fundament in der jeweiligen Kultur dienen sollen. Diese sozialgrundlegenden Prinzipien werden von Vater zu Sohn immer wieder weitergegeben wobei Kultur immer einem Wandel unterliegt und sich deshalb der Inhalt des sozial zu Erlernenden ständig weiterentwickelt. Sozialisation, die ebenfalls sozial erlernt ist und eine Verinnerlichung gesellschaftlicher Werte, Normen und Rollen beinhaltet, geht mit der Entkulturation „Hand in Hand“. Entkulturation impliziert Lernprozesse, die z.B. aufzeigen, wie man soziale Beziehungen eingeht, wie man die Welt zu sehen hat oder auch wie mit anderen verbal wie nonverbal kommuniziert werden soll. Im Prinzip werden dem Individuum dadurch die wichtigsten Fähigkeiten in sozialen Belangen vermittelt.[11]

Akkulturation, als kultureller Anpassungsprozess, stellt sich demgegenüber ein, wenn ein direkter Kontakt und sozialer Austausch zwischen Individuen unterschiedlicher Kulturkreise stattfindet. Es werden dabei vier unterschiedliche Typen der Akkulturation unterschieden. Die Integration impliziert einen ständigen Austausch mit Personen aus einer anderen Gesellschaft, so dass sich, wie noch am Beispiel einer bikulturellen Paarbeziehung überprüft werden muss, fremde mit originären kulturellen Elementen vermischen. In welcher Intensität und in welchem Verhältnis dies auftritt wird empirisch wohl schwer zu bestimmen sein. Dennoch ist dieser gegenseitige Anpassungsprozess erkennbar. Bei der Assimilation nimmt das eigenspezifische Verhaltensmuster das der fremden Kultur an, so dass die eigene Kultur vollständig aufgegeben wird. Die Seperation ist wohl eher ein Abstoßungs- als ein Anpassungsprozess und beschreibt das Verhalten von Menschen, die an ihrer eigenen kulturellen Tradition und Lebensweise festhalten, obwohl sie in einem ihnen fremden Kulturkreis leben. Diese Menschen bleiben gerne unter sich, und schließen sich zu kleinen und manchmal größeren Gruppierungen zusammen. Dies ist z.B. in San Francisco anhand der Bildung der zahlreichen China Towns beobachtbar. Dies bestätigt die anfangs geschilderte These, dass Kulturkreise eben nicht unbedingt mit den Grenzen eines Landes zusammenfallen, obwohl sie in diesem Fall, trotzdem ebenso als ein kulturelles Subsystem der sehr heterogenen Gesamtkultur der USA gesehen werden können. Bezogen auf das Thema einer bikulturellen Partnerschaft, ist für den Fall, dass der ausländische in Deutschland lebende Partner, seine eigene Kultur unbedingt beibehalten will und die „deutsche Kultur“ ablehnt, es zunächst einmal sehr unwahrscheinlich, dass sich überhaupt eine Beziehung entwickelt. Besteht diese doch ist sie vermutlich sehr konfliktreich, problematisch und zum Scheitern verurteilt oder verlangt von dem deutschen Partner eine komplette Aufgabe seiner eigenen kulturellen Vorstellungen, sowie eine vollständige Übernahme der ausländischen Lebensweise. Vorstellbar wäre noch eine Kompromisslösung, ein Arrangieren beider Partner. Es bleibt abzuwarten, was die Auswertung der empirischen Daten zum besseren Verständnis dieser Problematik beitragen kann. Die Marginalisation als vierter und letzter Typ der Akkulturation meint schließlich die selbstentschiedene Ablegung eigener wie fremder kultureller Einflüsse. Da diese kurze Schilderung eine analytische Typologisierung des Akkulturationsprozesses ist und somit eine Modellvorstellung darstellt, werden in der Realität der bikulturellen Partner natürlich auch Möglichkeiten in Betracht gezogen, die sich zwischen diesen Punkten befinden und somit arrangierte Kompromisslösungen beschreiben.

4.1.2 Ethnozentrismus und kulturelle Feindseligkeit

„Einem Menschen, der weiß, dass es viele Kulturen gegeben hat und dass jede Kultur für sich beansprucht, die beste und einzig wahre von allen zu sein, wird es schwer fallen, die Prahlerei und Dogmatismen seiner eigenen Tradition allzu ernst zu nehmen.“[12][13]

Dieses Zitat von Aldous Huxley beschreibt einen geläuterten Menschen, der sich der Tatsache bewusst ist, dass viele Menschen einer Kultur oftmals dazu neigen, ohne sich der Motive und Beweggründe ihres Verhaltens bewusst zu sein, ihre eigene Kultur als die Einzige anerkannte zu sehen. Ebenso zeigt es, die weitverbreitete Haltung dieser absolutistischen Kulturthese, denn wie die Geschichte demonstriert hat und heute noch überall in der Welt zu beobachten ist, ist der „Ethnozentrismus“, nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Nationalismus und Verherrlichung der eigenen Nation im Dritten Reich, die Zeiten der Kolonialisierung und des Imperialismus sowie die heutige US-amerikanische Kulturpolitik als „god´s own country“ zeigen dies recht deutlich und traurig auf. Der Ethnozentrismus impliziert aber nicht nur die Annahme, die eigene Kultur sei die einzig wahre, sondern es ist auch zu sehen als „eine unbewusste Tendenz, andere Völker aus der Sicht der eigenen Gruppe zu betrachten und die eigenen Sitten und Normen zum Standard aller Beurteilung zu machen. (...) Je ähnlicher...[andere fremde kulturelle Gruppierungen] uns sind, um so näher platzieren wir sie in diesem Modell; je größer die Verschiedenheiten, um so ferner lokalisieren wir sie.“[14] Diese Tatsache, macht die ethnozentristische Haltung besonders im Bezug auf bikulturelle Partnerschaften sehr bedeutsam, denn auch hier treffen zwei unterschiedliche Kulturen aufeinander, die sich miteinander arrangieren müssen. Wie dies geschieht, welche Probleme und Konsequenzen solche Beziehungen aufwerfen, wird die Auswertung der Interviews noch zeigen müssen.

Den meisten Menschen ist die Tatsache nicht bewusst, dass ihr Verhalten und die Einstellung auch durch ihre jeweilige Kultur geprägt ist. Ebenso ist ihnen oft nicht klar, dass Menschen anderer Kulturen möglicherweise andere Sichtweisen in vielen Belangen vertreten. Viele Menschen setzen sich und ihre Kultur in das Zentrum des Lebens und betrachten die äußere Welt um sie herum wie selbstverständlich durch ihre kulturell gefärbte Brille. Daher beurteilen, bewerten und beschreiben sie die Welt, um sie herum mit ihren eigenen kulturellen sowie sozialen Maßstäben und ignorieren die Relativität ihres Bezugs- und Interpretationsschemas. Diese Sichtweise hat aber auch ihr gutes. Sie entlastet den Menschen im Alltag und befreien ihn davon, sich bei jeder Gelegenheit über Grundsätzlichkeiten Gedanken zu machen und jede Entscheidung auf die Goldwaage zu legen.[15]

Die ethnozentristische Sichtweise rückt nicht nur selbstüberschätzend die eigene Kultur in das Zentrum der Betrachtung, sondern wertet andersartige Kulturen zugleich ab. Man kann es als kulturelle Feindseligkeit bezeichnen. Dies bedeutet, dass alles, was dern eigenen kulturellen Vorstellungen nicht entspricht, abgewertet oder verunglimpft werden muss. Man fühlt sich zudem anderen Kulturen überlegen und kann nicht verstehen, dass diese die eigene kulturelle Sichtweise nicht als Vorbildfunktion nutzen. Auch dies war und ist immer wieder in der Geschichte zu beobachten. In bikulturellen Partnerbeziehungen werden gewisse unbewusste kulturelle Feindseligkeiten andersartiger Kulturen gegenüber zu beobachten sein, die für die Partner vielleicht nicht erklärbar aber dennoch spürbar sein werden. Aus diesen kulturellen Unterschieden und der ethnozentristischen Sichtweise, die eigene Kultur sei der Fremden überlegen und jeder müsste doch so denken, wie man selbst, können viele komplexe und komplizierte Konflikt- und Problemsituationen entstehen. Besonders interessant dürfte es sein herauszufinden, wie die Partner sich solche Differenzen und Konflikte erklären. Machen sie einen kulturellen Konflikt dafür verantwortlich bzw. ist ihnen überhaupt der starke kulturelle Einfluss auf die eigene Person bewusst und vor allem wie gehen sie mit diesen Problemen um? Ich werde im Hauptteil dieser Arbeit versuchen, auf einige dieser ersten Fragen Antworten zu finden.

Dieses Dilemma, mit dem ich mich auch konfrontiert sah, – denn auch ich musste mich während der Interviews mit den ausländischen Befragten mit der Problematik meines eigenen Ethnozentrismus auseinandersetzen – bietet ein Gegenentwurf dazu: der „Kulturrelativismus“[16]. Dieser erkennt zwar kulturelle Unterschiede an, versucht jedoch keine Wertungen vorzunehmen, d.h. der Kulturrelativismus beschreibt und erklärt die fremde kulturelle Wahrnehmung aus deren Sicht, ohne sie ab- oder aufzuwerten. Das dies ein schwieriges Unterfangen ist und man besonders bei der Interpretation und Auswertung der Interviews automatisch auf eigene kulturelle Muster zurückgreift, habe ich versucht mir vor Augen zu führen, um möglichst wertneutral die jeweiligen kulturellen Unterschiede und einzelnen Merkmale der Kultur herauszustellen.

[...]


[1] Kulturbedingte Unterschiede lassen sich natürlich auch in der Mann-Frau Disparität (Geschlechter-kultur) verorten, die ungleich denken, handeln usf. Dies ist z.B. mit dem Aufwachsen in unterschied-lichen Subkulturen mit andersartigen Erziehungs- und Sozialisationsprozessen erklärbar. „Mann-Frau-Gespräche sind interkulturelle Kommunikation“, erklärte schon Deborah Tannen (1994).Hauptsächlich ging es mir aber um Kulturunterschiede im übergeordneten Sinne, d.h. um länderspezifische, ethnische... Ungleichheiten, die auf Landeskultur-Differenzen zurückzuführen sind. (Vgl. Punkt 5, 6)

[2] Vgl. Punkt 8.2 ff.

[3] Lamnek (1988), S. 204

[4] Vgl. Mayring, Philipp (2002): Einführung in die qualitative Sozialforschung. S. 19-38

[5] Tabelle 1, in gekürzter Form: www.destatis.de/basis/d/bevoe/bevoetab7.htm; Tabelle 2: www.destatis.de/bevoe/bevoetab4.htm

Tabelle 3, in gekürzter Form: www.destatis.de/jahrtab2.htm

[6] Duden, das Herkunftswörterbuch: Etymologie der deutschen Sprache.

[7] Gehlen, Arnold (1986): Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt.

[8] Herskovits, Melville J. (1949): Man and his works. The science of cultural anthropology. S. 17

[9] Vgl. Schreyögg, G. (1998): Organisation. S.443 ff.

[10] Endruweit, Günter/Trommsdorff, Gisela (1998): Wörterbuch der Soziologie

[11] Taft, R.: The role and personality of the mediator. S. 62

[12] Vgl. Levine, R. A. und Cambell, D. T.(1972): Ethnocentrism. Der Begriff wurde 1906 von W. G. Sumner geprägt

[13] Huxley, Aldous (1963): Moksha. S. 267

[14] E. Porter/ Samovar, L. A.:Communicating interculturally. S. 10

[15] Vgl. Maletzke, Gerhard (1996): Interkulturelle Kommunikation. S. 23 ff.

[16] Vgl. Maleztke, Gerhard (1996): Interkulturelle Kommunikation. S. 26-27

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Zur Problematik in bikulturellen Paarbeziehungen: Schwierigkeiten und Bewältigungsversuche - eine qualitative Studie
Hochschule
Universität Augsburg  (Soziologie und empirische Sozialforschung)
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
48
Katalognummer
V16028
ISBN (eBook)
9783638209861
Dateigröße
1251 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Problematik, Paarbeziehungen, Schwierigkeiten, Bewältigungsversuche, Studie
Arbeit zitieren
Thomas Förster (Autor), 2003, Zur Problematik in bikulturellen Paarbeziehungen: Schwierigkeiten und Bewältigungsversuche - eine qualitative Studie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16028

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