Ziel dieser Arbeit ist es, die Funktionsweise und Struktur rechter Jugendkulturen im digitalen Raum näher zu analysieren. Im Fokus stehen dabei die Methoden der Ansprache und ideologischen Einflussnahme über soziale Medien sowie die Auswirkungen auf Individuum und Gesellschaft. Darüber hinaus sollen präventive und gesellschaftliche Gegenstrategien aufgezeigt werden, um einer weiteren Ausbreitung digitaler Radikalisierung entgegenzuwirken.
Die zunehmende digitale Vernetzung hat das gesellschaftliche Zusammenleben in vielerlei Hinsicht verändert – nicht zuletzt im Hinblick auf politische Radikalisierungsprozesse. Besonders Jugendliche gelten dabei als anfällige Zielgruppe, denn sie befinden sich in einer Lebensphase, die stark von Identitätsfragen, Zugehörigkeitswünschen und Sinnsuche geprägt ist. Während rechtsextreme Gruppierungen in früheren Jahrzehnten ihre Anknüpfungspunkte vor allem in analogen Räumen wie Jugendzentren, Konzerten oder Fußballstadien fanden, hat sich die Rekrutierung seit Beginn der 2010er-Jahre zunehmend ins Internet verlagert.
Digitale Plattformen wie YouTube, TikTok oder Telegram ermöglichen es extremistischen Akteuren, Inhalte mit wenigen Klicks anonym zu verbreiten, dieses jenseits institutioneller Kontrolle und oft gut getarnt hinter scheinbar unverfänglichen Formaten. Rechte Jugendkulturen nutzen diese Kanäle strategisch, um junge Menschen zu erreichen, sich als rebellische Gegenkultur zu inszenieren und ihre Ideologien populärkulturell aufzuladen
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Jugendkulturen und ihre Bedeutung in der Gesellschaft
- 2.1 Die Funktion von Jugendkuluturen
- 2.2 Jugendkulturen als politische Ausdrucksform
- 3. Rechte Jugendkulturen: Entstehung und Entwicklung
- 3.1 Historische Entwicklung in Deutschland
- 4. Digitalisierung als Katalysator der Radikalisierung
- 4.1 Verlagerung in den virtuellen Raum
- 4.2 Online-Mechanismen: Echokammern und Filterblasen
- 5. Strategien der Online Radikalisierung und Rekrutierung
- 5.1 Ansprache und Narrativbildung
- 5.2 Plattformen und neue Kommunikationswege
- 5.2.1 Telegram: Das „Dark Social“ der Rechten
- 5.2.2 Discord & Gaming-Communitys
- 5.2.3 TikTok & YouTube
- 6. Folgen für Jugendliche und Gesellschaft
- 6.1 Psychosoziale Auswirkungen
- 7. Präventions – und Interventionsansätze
- 7.1 Pädagogische Strategien und Bildung
- 7.2 Rolle von Staat und Zivilgesellschaft
- 8. Fazit
- 9. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Thematische Schwerpunkte der Arbeit
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, die Funktionsweise und Struktur rechter Jugendkulturen im digitalen Raum detailliert zu analysieren. Im Fokus steht die Untersuchung der Methoden zur Ansprache und ideologischen Einflussnahme über soziale Medien sowie die weitreichenden Auswirkungen auf Individuum und Gesellschaft. Darüber hinaus sollen präventive und gesellschaftliche Gegenstrategien aufgezeigt werden, um einer weiteren Ausbreitung digitaler Radikalisierung entgegenzuwirken.
- Analyse der Online-Radikalisierungsprozesse bei Jugendlichen
- Identifizierung der Strategien rechter Jugendkulturen zur Rekrutierung im digitalen Raum
- Untersuchung der Rolle spezifischer digitaler Plattformen (Telegram, Discord, TikTok, YouTube)
- Beleuchtung der psychosozialen und gesellschaftlichen Folgen der Radikalisierung
- Entwicklung und Darstellung von Präventions- und Interventionsansätzen
Auszug aus dem Buch
Strategien der Online Radikalisierung und Rekrutierung
Ein zentrales Merkmal der digitalen Radikalisierung ist die gezielte emotionale Ansprache. Rechtsextreme Gruppen greifen dabei auf Narrative zurück, die bewusst Ängste ansprechen, Unsicherheiten aufgreifen und Identitätsangebote machen. Besonders häufig taucht die Erzählung von einer angeblich geplanten „Umvolkung“ auf. Diese Verschwörungserzählung suggeriert, dass europäische Gesellschaften systematisch durch Migrant*innen ersetzt würden (Mudde, 2019). Dieses Narrativ ist eng verbunden mit der sogenannten „Great Replacement Theory“, die vor allem durch rechte Akteure aus Frankreich und den USA populär gemacht wurde (Zick et al., 2020). Hinzu kommt das Bild eines bedrohten Abendlands oder einer verlorenen nationalen Identität. Rechte Gruppierungen präsentieren sich dabei als letzte Möglichkeit gegen den vermeintlichen Zerfall traditioneller Werte. Die Sprache dieser Szenen ist oft heroisch, kämpferisch. Jugendliche werden nicht nur informiert, sie sollen sich als Teil einer Bewegung fühlen, die für etwas Größeres kämpft (Köhler, 2016). Diese Ansprache ist selten plump.
Vielmehr nutzen rechte Gruppen moderne, jugendnahe Formate: Memes, ironische TikToks, Reaktionsvideos oder sarkastische YouTube-Kommentare. Die Grenze zwischen Unterhaltung und Ideologie verschwimmt dabei bewusst. Inhalte wirken unterhaltsam oder gesellschaftskritisch, aber sie tragen eindeutige ideologische Botschaften in sich. Gerade durch Humor, Ironie und popkulturelle Anspielungen wird eine Atmosphäre des Dazugehörens geschaffen. Wer die Codes versteht, fühlt sich eingeweiht wer diese nicht versteht bleibt außen vor. In sozialen Netzwerken entstehen auf diese Weise alternative Gemeinschaften. Plattformen wie TikTok, Instagram oder Telegram sind nicht nur Kommunikationsmittel, sondern Orte digitaler Sozialisation. Hashtags, Emojis oder vermeintlich harmlose Symbole markieren Zugehörigkeit und grenzen andere aus. Schuldzuweisungen erfolgen dabei entlang einfacher Muster. Diese Narrative sind emotional aufgeladen, Sie geben Jugendlichen das Gefühl, gegen ein übermächtiges System zu kämpfen, und versprechen dabei Stärke, Einfluss und Gemeinschaft. Wer sich in der Gesellschaft übersehen fühlt, findet in diesen Strukturen vermeintliche Anerkennung. Die Radikalisierung erfolgt dabei nicht sprunghaft, sondern Schritt für Schritt in Form eines Trichtermodelles. Sprache verändert sich, Weltbilder verengen sich, und mit der Zeit verschwinden Zwischentöne. Begriffe wie „Systemmedien“, „Volksverräter“ oder „Lügenpresse“ sind Ausdruck eines binären Denkens, das die Realität nur noch in Freund und Feind kennt (Butterwegge, 2021).
Mit dem digitalen Wandel haben sich die Kommunikationsstrategien rechter Gruppierungen maßgeblich verändert. Früher waren rechtsextreme Szenen stark auf lokale Netzwerke, Konzerte und Flugblätter angewiesen. Heute findet ein Großteil der Rekrutierung und Radikalisierung ausschließlich digital statt. Dabei bedienen sich rechte Akteure eines breiten Spektrums an Plattformen, um unterschiedliche Zielgruppen zu erreichen und parallele Öffentlichkeiten zu schaffen.
In den letzten Jahren hat sich Telegram zunehmend zu einem zentralen Kommunikations- und Vernetzungsraum für rechte bis rechtsextreme Gruppen entwickelt. Im Unterschied zu großen, stärker regulierten Plattformen bietet Telegram nahezu unbeschränkte Möglichkeiten zur Verbreitung von Inhalten und dabei weitgehend unbeaufsichtigt und ohne nennenswerte Eingriffe durch Moderation oder algorithmische Einschränkungen. Diese Eigenschaft macht den Messenger-Dienst besonders attraktiv für Akteure, die systemkritische, verschwörungsideologische oder extremistische Inhalte verbreiten möchten (vgl. Reemtsma, 2021). Telegram erlaubt das Erstellen von Kanälen und Gruppen, in denen sich tausende Nutzer*innen sammeln können. Während Gruppen den Austausch unter Mitgliedern ermöglichen, fungieren Kanäle als einseitige Sendemedien, die einen konstanten Strom von Inhalten liefern, vergleichbar mit einem Newsfeed oder einer personalisierten Zeitung. Dies ist insofern problematisch, als dass sich dadurch eine kontinuierliche ideologische Beschallung ergibt. Nutzer*innen konsumieren Tag für Tag selektiv aufbereitete Informationen, die eine bestimmte Weltsicht bestätigen und verstärken. Die Inhalte wirken auf den ersten Blick harmlos, vermitteln aber langfristig ein verzerrtes Bild gesellschaftlicher Realitäten, in dem ein "Wir gegen die" inszeniert wird häufig verbunden mit dem Gefühl, zu einer vermeintlich aufgewachten Gegenöffentlichkeit zu gehören. Diese Mechanismen führen zu einer Art alternativen Informationsumgebung, in der gängige demokratische Narrative kaum noch durchdringen. Stattdessen wird eine geschlossene Weltsicht konstruiert, die wissenschaftliche Erkenntnisse, journalistische Standards oder politische Differenzierung ablehnt. Die Plattform fungiert damit nicht nur als Medium, sondern auch als Radikalisierungsraum, in dem sich Gruppenidentitäten und Feindbilder verfestigen Hinzu kommt die technische Struktur von Telegram, die eine anonymisierte Nutzung erlaubt. Telefonnummern müssen nicht öffentlich sichtbar sein, Inhalte lassen sich ohne Klarnamen verbreiten, und auch die Betreiber der Plattform gelten als wenig kooperationsbereit gegenüber Strafverfolgungsbehörden. Dies erschwert sowohl die Kontrolle extremistischer Inhalte als auch die strafrechtliche Verfolgung von Hassrede, Aufruf zur Gewalt oder Volksverhetzung. Telegram ist damit mehr als nur ein Kommunikationswerkzeug – es ist ein entscheidender Knotenpunkt rechter digitaler Mobilisierung, der durch seine Strukturen gezielt für politische Propaganda, Desinformation und gesellschaftliche Spaltung genutzt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1 (Einleitung): Führt in die Thematik der Online-Radikalisierung von Jugendlichen in rechten Jugendkulturen ein und umreißt die Forschungsziele der Arbeit.
Kapitel 2 (Jugendkulturen und ihre Bedeutung in der Gesellschaft): Erläutert die allgemeine Rolle von Jugendkulturen für die Identitätsfindung junger Menschen und als politische Ausdrucksform in der Gesellschaft.
Kapitel 3 (Rechte Jugendkulturen: Entstehung und Entwicklung): Beschreibt die historische Entwicklung und die aktuellen Erscheinungsformen rechter Jugendkulturen in Deutschland, einschließlich ihrer modernen Adaptionen.
Kapitel 4 (Digitalisierung als Katalysator der Radikalisierung): Analysiert, wie der digitale Raum und spezifische Online-Mechanismen wie Echokammern und Filterblasen die Radikalisierung von Jugendlichen begünstigen und beschleunigen.
Kapitel 5 (Strategien der Online Radikalisierung und Rekrutierung): Zeigt auf, welche emotionalen Ansprachestrategien und welche digitalen Plattformen (wie Telegram, Discord, TikTok, YouTube) von rechtsextremen Gruppen gezielt für Radikalisierung und Rekrutierung genutzt werden.
Kapitel 6 (Folgen für Jugendliche und Gesellschaft): Erörtert die psychosozialen Auswirkungen für betroffene Jugendliche, die sich in rechten Jugendkulturen engagieren, sowie die weitreichenden gesellschaftlichen und politischen Konsequenzen der Normalisierung rechter Diskurse.
Kapitel 7 (Präventions- und Interventionsansätze): Stellt verschiedene pädagogische Strategien, Bildungsansätze sowie die unverzichtbare Rolle von Staat und Zivilgesellschaft bei der Prävention von Online-Radikalisierung vor.
Kapitel 8 (Fazit): Fasst die Haupterkenntnisse der Arbeit zusammen, betont die besondere Gefahr der subtilen Online-Radikalisierung und unterstreicht die Dringlichkeit umfassender, langfristiger Präventionsmaßnahmen.
Schlüsselwörter
Online-Radikalisierung, Jugendkulturen, Rechtsextremismus, Soziale Medien, Rekrutierung, Prävention, Echokammern, Filterblasen, Desinformation, Identitätsfindung, Populärkultur, Telegram, Discord, TikTok, YouTube
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Mechanismen und Auswirkungen der Online-Radikalisierung von Jugendlichen innerhalb rechter Jugendkulturen und zeigt Präventionsansätze auf, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die Rolle von Jugendkulturen, die Digitalisierung als Radikalisierungsbeschleuniger, spezifische Online-Rekrutierungsstrategien und deren psychosoziale sowie gesellschaftliche Folgen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Funktionsweise und Struktur rechter Jugendkulturen im digitalen Raum zu analysieren, insbesondere die Methoden der Ansprache und ideologischen Einflussnahme über soziale Medien, sowie präventive Gegenstrategien aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer umfassenden Literaturanalyse und Synthese bestehender Forschung zum Thema Rechtsextremismus, Jugendkulturen und digitale Radikalisierung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Entstehung und Entwicklung rechter Jugendkulturen, die Rolle der Digitalisierung mit ihren Mechanismen wie Echokammern, spezifische Rekrutierungsstrategien auf Plattformen wie Telegram, Discord und TikTok, sowie die weitreichenden psychosozialen und gesellschaftlichen Folgen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind: Online-Radikalisierung, Jugendkulturen, Rechtsextremismus, Soziale Medien, Rekrutierung, Prävention, Echokammern, Desinformation, Identität, Populärkultur.
Wie nutzen rechte Jugendkulturen populärkulturelle Elemente zur Rekrutierung?
Rechte Jugendkulturen inszenieren sich als rebellische Gegenkultur und nutzen jugendnahe Formate wie Memes, ironische TikToks, Musik und Codes, um ideologische Botschaften subtil zu verbreiten und Anschlussfähigkeit zu erzeugen.
Welche Rolle spielen Algorithmen bei der Radikalisierung von Jugendlichen?
Algorithmen auf digitalen Plattformen bevorzugen Inhalte, die die bestehende Meinung der Nutzer bestätigen. Dies führt zur Bildung von Filterblasen und Echokammern, in denen extremistische Überzeugungen verstärkt und alternative Perspektiven ausgeblendet werden.
Warum ist Telegram besonders attraktiv für rechtsextreme Gruppen?
Telegram bietet nahezu unbeschränkte Möglichkeiten zur anonymen Verbreitung von systemkritischen, verschwörungsideologischen oder extremistischen Inhalten ohne nennenswerte Moderation oder algorithmische Einschränkungen, was es zu einem zentralen Kommunikations- und Vernetzungsraum macht.
Welche konkreten präventiven Maßnahmen werden in der Schule vorgeschlagen?
In der Schule wird die Förderung von Medienkompetenz, politischer Bildung und individueller Resilienz als zentral erachtet, um Jugendliche zu befähigen, manipulative Inhalte zu erkennen und ihnen entgegenzutreten. Kooperationen mit externen Fachstellen und Projekte wie „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ sind ebenfalls wichtig.
- Arbeit zitieren
- Florian Viehmann (Autor:in), 2025, Wie funktionieren rechte Jugendkulturen im digitalen Raum? Online-Radikalisierung, Rekrutierung und Prävention, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1603056