Die Erziehung der Frau bei Jean-Jacques Rousseau: das 5. Buch des "Emile"

Rousseaus Bild der Frau und sein Modell der Sophie


Seminararbeit, 2008

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Rousseaus Bild der Frau und sein Modell der Sophie

I. Einleitung

II. Qualitäten der Frau und der Sophie Am Beispiel des 5. Buches des Emile
II.1. Pflichtbewusstsein
II.2. Koketterie/List & Stolz
II.3. Gefügigkeit, Abhängigkeit & Zurückhaltung

III. Fazit

IV. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Modell der Sophie Rousseaus und seinem Bild der Frau. Zunächst werden wichtige Informationen zu seinem Werk, sowie seinem Leben und seinem Verhältnis zu Frauen, sowohl im realen Leben gegeben, als auch zu den Frauenfiguren im literarischen Bereich. Diese Informationen dienen als Grundlage für die folgende Analyse der Figur Sophie. Schließlich werden die Qualitäten der Frau und der Sophie am Beispiel des fünften Buches des Emile analysiert, wobei ich mich in der Analyse auf 3 formulierte Qualitäten beschränkt habe. Es werden dabei Bezüge zu seinem Leben hergestellt sowie Wege, Mittel und Ziele der Erziehung der Frau und der Sophie aufgezeigt. Auch der Umgang Sophies mit den Männern wird dabei untersucht und anhand von Beispielen im fünften Buch dargestellt. Dabei steht Emile exemplarisch für den Mann. Die Kritik der Rezipienten spielt eine große Rolle, so dass verschiedene Kritikpunkte der zeitgenössischen Rezipienten mit in die Analyse einfließen.

Im 18. Jahrhundert wird die Kindheit eigentlich erst erfunden bzw. neu entdeckt. Rousseau hat als einer der ersten mit seiner Erziehungsschrift Emile das Konzept von Kind und Kindheit erfunden.

Schon der Untertitel des fünften Buches Sophie oder die Frau gibt die grundsätzlichen Züge des Werkes wieder. Sophie wird zum Muster der Frau, wie es auch der kollektive Singular die Frau indiziert. Das oder steht dabei nicht für eine Alternative, sondern bezeichnet Identität. Die Figur Sophie repräsentiert und veranschaulicht Ausführungen des Erziehungstraktats. Rousseaus Ausführungen über die Frau sind innerhalb des Gesamtwerkes das verbindende Glied zwischen dem Einzelmenschen, dem Kind und dem Erwachsenen Mann, dessen geschlechtliche Natur ihn nach einer Gefährtin verlangen lässt. Außerdem stehen die Aussagen über Sophie im Zentrum der Auffassungen Rousseaus von der Natur der Frau.[1]

„Bei Rousseau erklärt die Biographie vieles, was für sich rätselhaft bliebe, ja sie schreibt gleichsam am Werk mit.“[2]

Als Rousseau am 28. Juni 1712 in Genf zur Welt kam, starb seine Mutter, ein großes Unglück für Rousseau. Vom sechsten Lebensjahr an las er gemeinsam mit seinem Vater mit großer Intensität die sentimentalen Romane seiner Mutter und Bücher und ihm wurden schnell alle Gefühle bekannt, obwohl er geistig nichts begriffen hatte.[3] Die Tante Suzanne ergänzte seine Erziehung wohltuend, da sie sich des Kindes mütterlich annahm.[4] Im Alter von 10 Jahren verließ ihn sein Vater und Rousseau kam zum Pfarrer M. Lambercier in Pension, wo er durch Madmoiselle Lambercier lernte, mit dem Empfinden von Schmerz umzugehen, da sie ihn wegen Unaufmerksamkeit strafte. Diesen Schmerz genoss er schließlich zu seiner eigenen Verwunderung und führte somit die Anlässe dazu selber herbei. Er liebte die Lust der Unterwerfung, und der tiefe in seinem ganzen Leben nachhallende Schmerz, nämlich zu Unrecht bestraft zu werden, wurde ihm zuteil. Das bedeutete für ihn das Ende der Heiterkeit seiner Kindheit, denn Misstrauen und Auflehnung nahmen ihren Anfang. Schließlich kam Rousseau zu einem Kupferstecher in die Lehre, doch als ihm eines Abends die Stadttore vor der Nase geschlossen wurden, ging er nach Annecy, wo er bei der 28 jährigen Mme. De Warens aufgenommen wurde. Dort verbrachte er fast 12 Jahre und übernahm gleichzeitig die Rolle des Geliebten und des Sohnes. Rousseau genoss das Leben ohne Zwang. Kurz zuvor war er für kurze Zeit in Italien und diente als Lakai in adligen Häusern. Dort hätte er, wenn er beständig gewesen wäre, seinen Weg machen können, er zog es jedoch vor, zu Mme. De Warens zu gehen.

1740 ging Rousseau nach Lyon und wurde Hauslehrer zweier Knaben. Da es ihm selbst dabei jedoch, wie er feststellte, an Klugheit fehlte, verließ er seine Schüler und ging 1741 nach Paris, wo er Zugang zur Pariser Gesellschaft fand und Thérèse Le Vasseur kennen lernte, mit der er insgesamt 5 Kinder bekam, die er nach und nach bis 1755 ohne Bedenklichkeit ins Findelhaus gab.

Im Jahre 1749, auf dem Weg nach Vincennes zu seinem Freund Diderot las er eine Ausschreibung der Akademie von Dijon. Es handelte sich um eine Preisfrage, die in ihm den treibenden Gedanken seines ganzen weiteren Werkes auslöste und somit ausschlaggebend für sein weiteres Leben war. Die Akademie verlieh Rousseau den Preis und er wurde über Nacht mit einer These berühmt, die den Aufklärungsseligen, Luxussüchtigen der Zeit widersprach. Dieser Erfolg hatte viel Einfluss auf sein Leben und er versuchte sein Leben nach dieser These zu richten. Er legte all seinen Luxus ab und verdiente sich seinen bescheidenen Unterhalt durch Notenschreiben. Dieses neue Leben befriedigte ihn, obwohl mit seinem Ruhm auch gleichzeitig der Neid der Zeitgenossen stieg, was zu Feindschaft und Rache führte.

Das äußere Heraustreten aus dem Pariser Treiben ergänzte er durch ein inneres Heraustreten, indem er sich auf Spaziergängen die idealen Lebensformen erträumte. Er dachte an Liebe und Freundschaft, woraus schließlich sein Werk Nouvelle Héloise entstand. Während dieses Werkes begann er bereits am „Emile“ zu schreiben, welches 1762 erschien.[5]

Rousseaus Gefühle, seine Verwirrung Klarheit wurden ihm besonders deutlich, als er sich unter einen Baum niederfallen ließ und eine Fülle von Gedanken aufkamen. Er fühlte sich in Trance versetzt.

Oh mein Herr, wenn ich je auch nur ein Viertel von dem hätte schreiben können, was ich unter jenem Baum gefühlt und gesehen habe, mit welcher Klarheit hätte ich nicht all die Widersprüche unseres Gesellschaftssystems enthüllt, mit welcher Kraft hätte ich nicht die Mißstände unserer Institutionen dargetan, mit welcher Einfachheit hätte ich nicht bewiesen, dass der Mensch von Natur gut ist und es allein die Institutionen sind, die die Menschen böse machen.“[6]

Was er von dem, was er unter dem Baum fühlte und dachte, festhalten konnte, findet sich schwächlich in seinen Hauptschriften, nämlich seinem Discours über die Ungleichheit und in der Abhandlung über die Erziehung. Die Inspiration von Vincennes gab Rousseau also die große Frage. Die Lösung dieser Frage fand er nur in langsamer, gedanklicher Arbeit, denn die Antwort gibt nur sein gesamtes literarisches Werk unter anderem sein Sittenroman und die autobiographischen Schriften wieder. Person und Werk sind insofern in ihm nicht zu trennen.[7]

Zwanzig Tage nach dem Erscheinen des Emile, beschloss das Parlament in Paris, den Emile zu verbrennen, da die Bücher als Angriff auf die christliche Religion gelte und alle Regierungen verurteilt habe. Sie beschlossen, Rousseau zu verhaften. Von diesem Zeitpunkt an war er ständig auf der Flucht, er setzte sich zur Wehr und wurde von der Bevölkerung verachtet, so dass er schließlich unter Verfolgungswahn litt und nach vielen Orten der Zuflucht 1767 nach Frankreich zurückkehrte, wo er Thérèse heiratete. Trotz vieler Gegner gab er nicht auf und schrieb weiter an den Confessions. In seinen letzten Lebensjahren widmete er sich Meditationen und Naturbetrachtungen. Er starb schließlich am 2. Juli 1778 in Ermenonville.[8]

Frauen haben in Rousseaus Leben eine bedeutende Rolle gespielt, sowohl im realen Leben, als auch in fiktiver Form. Die Verzahnung von persönlichem Erleben und theoretischem Werk ist ein wichtiger Aspekt für die Interpretation des Emile. So können auch in Bezug auf die Frauen autobiographische Bezüge hergestellt werden.[9]

Nach dem Tod seiner Mutter war seine unverheiratete Tante Suzanne, die den Haushalt führte und die Mutterrolle übernahm seine Bezugsperson. Rousseau war ihr sehr dankbar und hatte ein gutes Verhältnis zu ihr, so dass er sie in seinen Bekenntnissen für ihr heiteres ausgeglichenes Wesen rühmte.[10]

Die Begegnung mit Frau Warens, die Rousseau 1829 für 11 Jahre aufnahm, war für ihn von schicksalhafter Bedeutung, denn der gerade 16 Jahre alte Rousseau verliebte sich sofort in sie. Diese Liebe zur12 Jahre älteren Frau war für seine intellektuelle und emotionale Entwicklung von großer Bedeutung. Für ihn war sie sowohl Mutter als auch Geliebte. Dieses Doppelsinnige war für ihn ein Zustand halb kindlicher, halb ehelicher Intimität und Geborgenheit, keine Leidenschaft und doch mehr als Freundschaft. Er ging in dem Alter, wo er gerade zum Mann heranreifte in dieser Kind-Geliebten-Rolle auf. Dieses anomale Verhältnis beschreibt er in keinem seiner Werke. Trotzdem verdankte er ihr das Glück seiner Jugendzeit und die entscheidenden Bildungsimpulse, da sie dem schüchternen Rousseau sogar für sein Studium ein Landhaus mietete.[11]

Die nächste Verbindung ging er mit Thérèse Levasseur ein, die seine langjährige Lebensgefährtin, Mutter seiner 5 Kinder und spätere Ehefrau wurde. Sie war eine einfältige, weder hübsche noch anziehende aber herzensgute Frau, der gegenüber er die Rolle des Beschützers spielte. Ihre große Dankbarkeit, sein Bedürfnis nach einer unkomplizierten Beziehung und eine gewisse Geborgenheit, was schließlich in Gewohnheit und Verpflichtung überging, hielten ihn so lange bei ihr, an deren Treue er schließlich zweifelte.[12]

Als Rousseau Mitte 40 war führte er eine Liebesbeziehung zu Frau Houdetot, die in ihm eine große Leidenschaft auslöste und ihn trunken von Liebe machte. Es war eine unglückliche Leidenschaft, da ihr Herz voll von einer anderen Liebe war, was die Liebesbeziehung am Ende zerbrach. Trotzdem war Rousseau bis tief in seinem Herzen von Sinnlichkeit ergriffen und schrieb zu dieser Zeit seinen Liebesroman der Nouvelle Héloise, in welchem seine Figur Julie seine geliebte Frau Houdetot wieder spiegelt.[13]

In den Bekenntnissen beschreibt Rousseau Begegnungen mit Frauen, in denen sie nicht als durch den Mann bestimmte Persönlichkeiten dargestellt wurden. Er greift immer wieder seine eigenen Schwierigkeiten im Umgang mit Frauen auf, schreibt von seiner eigenen Scheu, Schüchternheit und Unaussprechlichkeit seiner Gefühle. Auch seine starke Leidenschaft taucht in dem Schriftstück auf und er beschwört den Genuss der unausgesprochenen Liebe. Das Bild der verfügbaren und zugleich unverfügbaren Sophie entspricht den Schilderungen präzise. Er hat dabei nicht seine Frauenprobleme im Emile abgehandelt, sondern seine Vision der Frau.[14]

Drei literarische Frauenfiguren spielen in Rousseaus Werken eine große Rolle: Die Schäferin im Singspiel le devin du village mit dem Namen Colette, Julie in seinem Briefroman Nouvelle Héloise und Sophie, die Lebensgefährtin des Emile in seinem Erziehungstraktat. Sophie ist die bekannteste Frauenfigur. Die Erziehung Sophies im fünften Buch des Emile scheint auf die Bestimmung hinauszulaufen, dem Mann zu gefallen und führt zu Einschätzungen bezüglich der Frau, welche besagen, dass ihr Leben auf die Erziehung der Kinder, auf den Mann sowie auf den Haushalt beschränkt ist.[15] Rousseau kreierte seine Sophie 1759 im Zimmer des petit-château von Montmorency. Sie ist die Frau schlechthin und es gehen Anschauung, Erfahrung, Ideal und Vision mit ein. Sie wird zur Herausforderung an die Imagination und Deutungskraft des Autors und zum Versuch, die Frau in ihrem Wesen, in ihrer natürlichen Verfasstheit und sozialen Bedeutung zu verstehen, wodurch das Konzept von Weiblichkeit hervortritt. Kaum eine Figur hat so nachhaltig Wirkungen auf Kultur, Gesellschaft und Erziehung ausgeübt, wie Sophie.[16] Die Nachfolgerinnen Sophies galten folglich als Hausfrauen, Gattinnen, Mütter und als schlicht, bescheiden und liebevoll. Der Grund für das Erfinden der Frauenfiguren liegt in seiner thematischen Überzeugung, dass der Mensch in der Gesellschaft nur in wechselseitiger Ergänzung und Übereinstimmung zum Glück finden kann, da beide Geschlechter durch ihre Verschiedenheit verantwortlich für ein gelingendes Zusammenleben in der Gesellschaft sind.[17]

[...]


[1] Schneider-Taylor, Barbara: Jean-Jacques Rousseaus Konzeption der „Sophie“. Hamburg 2006.: S.65-66.

[2] Tenorth, H.-E.: Klassiker der Pädagogik 1. Von Erasmus bis Helene Lange. München 2003. S.72.

[3] Ebd.: S.72.

[4] Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. (Hg.): Martin Rang. Philipp Reclam 1963.:S.10.

[5] Ebd.: S.73-74.

[6] Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. (Hg.): Martin Rang. 1963.: S.20.

[7] Ebd.: S.20-21.

[8] Tenorth, H.-E.: Klassiker der Pädagogik 1. Von Erasmus bis Helene Lange. München 2003.: S.72.

[9] Juliane Jacobi: „Wer ist Sophie?“. PR 57. Frankfurt 1990.: S.308-309.

[10] Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung. (Hg.): Martin Rang. Philipp Reclam 1963.: S.10.

[11] Ebd.: S.13-15.

[12] Ebd.: S.24-26.

[13] Ebd.: S.36-38.

[14] Juliane Jacobi: „Wer ist Sophie?“. PR 57. Frankfurt 1990.: S.315.

[15] Gabriele Weigand: Beiträge und Berichte. Die drei Frauen Rousseaus: Eine andere Art, Rousseaus Theorie der (geschlechtsspezifischen) Erziehung zu lesen. PR 57. Frankfurt 2003.: S.497-498.

[16] Schneider-Taylor, Barbara: Jean-Jacques Rousseaus Konzeption der „Sophie“. Hamburg 2006.: S.16-20.

[17] Gabriele Weigand: Beiträge und Berichte. Die drei Frauen Rousseaus: Eine andere Art, Rousseaus Theorie der (geschlechtsspezifischen) Erziehung zu lesen. PR 57. Frankfurt 2003.: S.497-498.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Erziehung der Frau bei Jean-Jacques Rousseau: das 5. Buch des "Emile"
Untertitel
Rousseaus Bild der Frau und sein Modell der Sophie
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar: Individuum und Gesellschaft am Beispiel J.-J. Rousseaus (030235)
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V160335
ISBN (eBook)
9783640734689
ISBN (Buch)
9783640734887
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im 18. Jahrhundert wird die Kindheit eigentlich erst erfunden bzw. neu entdeckt. Rousseau hat als einer der ersten mit seiner Erziehungsschrift "Emile" das Konzept von Kind und Kindheit erfunden. Die vorliegende Analyse beschäftigt sich mit dem Model der Sophie auf der Grundlage des 5. Buches des Emile und setzt sich mit Rousseaus Bild der Frau auseindander. Die Qualitäten der Frau stellen die Grundlage dieser Analyse dar. Außerdem stellt die Arbeit in diesem Zusammenhang Bezüge zu Rousseaus Leben her und zeigt Wege, Mittel und Ziele der Erziehung der Frau sowie der Sophie auf.
Schlagworte
Modell der Sophie, Bild der Frau, Erziehung
Arbeit zitieren
Mareike Gemballa (Autor), 2008, Die Erziehung der Frau bei Jean-Jacques Rousseau: das 5. Buch des "Emile", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160335

Kommentare

  • Mareike Gemballa am 27.10.2010

    Jaaaaa, mein erstes Buch ist erschienen:-)
    Ich freue mich:-)
    Das ist wirklich ein toller Service.
    VIELEN DANK "GRIN":-)

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Titel: Die Erziehung der Frau bei Jean-Jacques Rousseau: das 5. Buch des "Emile"



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