Wie bei vielen anderen Komponisten gibt es auch im Fall von Cage besonders einen, auf den im Zusammenhang mit ihm immer wieder verwiesen wird. Das Kuriose dabei ist jedoch, dass dieser Komponist, mit Namen Erik Satie, keineswegs einer seiner Zeitgenossen war – als Satie 1925 starb, war Cage erst 13 Jahre alt. Darüber hinaus ist erwähnenswert, dass beide nicht nur in verschiedenen, sondern in geradezu entgegengesetzten Epochen gelebt beziehungsweise komponiert haben: Satie zur Zeit des ausgehenden Impressionismus bzw. im noch spätromantisch geprägten Anfang des 20. Jahrhunderts, Cage in der avantgardistischen Moderne. Aus diesem Grund scheint es paradox, dass dennoch gelegentlich der Eindruck entsteht, als wären Satie und Cage nicht nur Zeitgenossen, sondern auch Freunde gewesen.
Ein näherer Blick auf das Bild, das Satie der Öffentlichkeit von sich preisgab, veranschaulicht jedoch bereits ansatzweise, warum beide Komponisten so oft unter ähnlichen Aspekten behandelt werden. Hinsichtlich mancher Details liefert es regelrecht eine Schablone dessen, was auch über Cage gesagt wird: Als Charakteristika von Satie gelten, ähnlich wie bei Cage, sein exzentrisches, provokatives Verhalten, seine skurrilen Einfälle sowohl musikalischer als auch sprachlicher Natur, und sein spezieller Humor, d.h. seine Vorliebe für Ironie und Absurdität, die nicht selten für Ratlosigkeit unter den Zuhörern sorgte. Die Tatsache, dass beide Komponisten ein Leben führten, das nicht von Erfolg und Reichtum geprägt war, weist ebenfalls deutlich auf eine andere Kunstauffassung hin als jene, die derzeit aktuell war.
Trotz dieser Gemeinsamkeiten ist es nicht abzustreiten, dass Satie und Cage kompositorisch völlig verschiedene Wege eingeschlagen haben, so dass von allen Aspekten, unter denen die beiden miteinander verglichen werden, die Musik selbst an letzter Stelle steht. Wie aber kann es sein, dass zwei Komponisten möglicherweise die gleiche – oder zumindest eine ähnliche – Musikauffassung besitzen und doch vollkommen unterschiedlich komponieren?
Ausgehend von der Position Cages beginnt die Betrachtung mit einer ersten Bestandsaufnahme, inwiefern er sich in seinem Leben überhaupt mit Satie beschäftigt hat. Im Anschluss daran sollen konkrete Analysen einzelner – sowohl musikalischer als auch literarischer – Werke beider Komponisten schließlich zu einer Antwort auf die Ausgangsfrage führen, wie sich die viel zitierte Verbindung zwischen Satie und Cage tatsächlich charakterisieren lässt.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
1. Die Rolle Saties in Cages Lebenslauf
Analytischer Teil: Cage und Satie...
2. … als Komponisten
2.1. Satie: Vexations
2.2. Satie: Musique d’ameublement
2.3. Cage: 4’33
2.4. Zusammenfassung
3. … und als Schriftsteller
3.1. Satie: Die musikalischen Kinder
3.2. Cage: Lecture on nothing
3.3. Zusammenfassung
Schlussbemerkung: 2 Komponisten, 1 Musikauffassung?
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die viel zitierte Verbindung zwischen den Komponisten John Cage und Erik Satie. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern trotz grundlegend unterschiedlicher Kompositionsweisen eine ähnliche künstlerische Haltung und ein verwandtes Musikverständnis existieren, die beide Akteure als musikalische Außenseiter charakterisieren.
- Historische und biografische Rolle Saties für John Cage
- Vergleichende Analyse musikalischer Werke (Vexations, Musique d’ameublement, 4’33)
- Untersuchung literarischer Schriften und Vorträge beider Komponisten
- Analyse der bewussten Integration von Stille und Alltagsgeräuschen
- Rolle des Publikums und des Interpreten in den Konzepten beider Künstler
Auszug aus dem Buch
2.1. Satie: Vexations (1893)
Obwohl Satie auch die Neigung, sich mit den verschiedensten Kompositionsstilen beschäftigt zu haben, mit Cage teilte, nehmen die „Vexations“ eine Sonderposition in seinem Gesamtwerk ein. Das Stück besticht einerseits durch seine extreme Kürze – das musikalische Material umfasst nicht mehr als ein 18-töniges Bassthema, das anschließend in zweifacher Version akkordisch ausgesetzt wird – , andererseits paradoxerweise durch seine extreme Länge: Die Spielanweisung verlangt eine 840fache Wiederholung des kompletten Motivs, bei dem das Bassthema jeweils vor und zwischen den beiden dreistimmigen Umsetzungen allein erklingen soll.
Die Kürze des Materials ist für jemanden, der mit der Musik Saties vertraut ist, nicht ungewöhnlich. Der sparsame Umgang mit dem Tonvorrat stellt geradezu ein Charakteristikum dar, durch das sich der Komponist von den romantischen Ausschweifungen seiner Zeitgenossen absetzte. Auch Cage weist in seinem „Plädoyer für Satie“ deutlich darauf hin, wie sehr er Satie für seine „Kürze“ und „Schlichtheit“ des Ausdrucks schätzt, im Gegensatz zur „Länge“ und „Imposanz“ Schönbergs und Strawinskys. Umso erstaunlicher ist es, wenn ein Komponist wie Satie nun ein Stück schreibt, das bei seiner Uraufführung mehr als 18 Stunden gedauert hat und – aufgrund mangelnder genauer Tempovorgaben – theoretisch sogar noch länger dauern könnte!
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Der Abschnitt skizziert die Radikalität von John Cage und führt in die zentrale Problemstellung ein, warum Satie trotz epochaler Unterschiede oft als Bezugspunkt für Cages Werk herangezogen wird.
1. Die Rolle Saties in Cages Lebenslauf: Dieses Kapitel untersucht die biografische Auseinandersetzung Cages mit Satie, von ersten Arrangements bis hin zu seinem „Plädoyer für Satie“, das als fundamentale Grundlage für das gegenseitige Verständnis dient.
2. … als Komponisten: Hier werden die musikalischen Ansätze durch eine Analyse der Vexations, Musique d’ameublement und 4’33 verglichen, wobei insbesondere das Konzept der Zeitdauer und die Rolle der Stille im Vordergrund stehen.
3. … und als Schriftsteller: Der Fokus liegt auf der literarischen Ebene, indem Vorträge wie Die musikalischen Kinder und Lecture on nothing analysiert werden, um Gemeinsamkeiten in der sprachlichen Gestaltung und dem konzeptionellen Humor aufzuzeigen.
Schlussbemerkung: 2 Komponisten, 1 Musikauffassung?: Das Fazit synthetisiert die Ergebnisse und kommt zu dem Schluss, dass trotz kompositorischer Divergenzen eine tiefe Verbindung im Musikverständnis besteht, die beide als radikale Erneuerer ausweist.
Schlüsselwörter
John Cage, Erik Satie, Musik des 20. Jahrhunderts, Vexations, 4’33, Musique d’ameublement, Avantgarde, Musikauffassung, Stille, Zeitdauer, Kompositionsmethode, Musiktheorie, Moderne, Ästhetik, Künstlerische Freiheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die musikalische und konzeptionelle Verbindung zwischen John Cage und Erik Satie, zwei Komponisten, die oft als Außenseiter der Musikgeschichte betrachtet werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Konzepte von Zeitdauer, Stille, die Rolle des Publikums sowie die bewusste Abkehr von traditionellen akademischen Musikvorstellungen.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt, wie sich die Verbindung zwischen Satie und Cage charakterisieren lässt, wenn trotz ähnlicher Musikauffassungen kompositorisch völlig verschiedene Wege beschritten wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine vergleichende Analyse von musikalischen Partituren und literarischen Schriften beider Komponisten durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine musiktheoretische Analyse ihrer bekanntesten Stücke (wie Vexations oder 4’33) und eine sprachanalytische Betrachtung ihrer Vorträge und Schriften.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Zeitdauer, Intentionslosigkeit, Satie, Cage, Stille, Tradition und künstlerische Skurrilität.
Welche Bedeutung hat das Stück 4’33 für die Argumentation?
4’33 dient als zentrales Beispiel für Cages Verständnis von Stille und zeigt die bewusste Einbeziehung von Umgebungsgeräuschen sowie die Interaktion mit dem Publikum.
Wie unterscheidet sich Saties Möbelmusik von Cages Ansätzen?
Während Satie die Musik als Hintergrundelement ähnlich wie Möbelstücke integrieren wollte, fokussiert Cage die Aufmerksamkeit des Publikums bewusst auf den Nicht-Klang und die Absenz von Musik.
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- Uta Schmidt (Author), 2010, John Cage und Erik Satie. Zur Verbindung zwischen zwei musikalischen Außenseitern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160475