Der Afrikanische Sozialismus in Tansania und die Ujamaa-Politik Nyereres


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Geschichtlicher Abriss Tansanias (ab 1961)

3. Sozialismus in Afrika
3.1. Typologie von drei Formen des Sozialismus in Afrika
3.1.1. Der Afrikanische Sozialismus
3.1.2. Der Afro-Marxismus
3.1.3. Der Afro-Marxismus-Leninismus
3.1.4. Tabelle: Gegenüberstellung

4. Die neue Staatsmacht Tansania
4.1. Allgemeindemokratische Umgestaltungen (1961 - 67)
4.2. Eine neue Etappe der Befreiungsrevolution (1967 - 82)

5. Die Umsetzung der Sozialismusideologie in Tansania
5.1. “Ujamaa na Kujitegemea“
5.2. Das Bildungssystem
5.3. Die Wirtschaft (“Ujamaa vijijini“)

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit werde ich mich mit Tansania in der Zeit nach der Unabhängigkeit beschäftigen, sprich die Zeit wo sich Tansania im Umbruch befand und sich von einem Kolonialstaat hin zu einem sozialistischen Staat entwickelte. Mit der Erringung der Unabhängigkeit trat Tansania in eine neue Etappe der nationalen Befreiungsbewegung ein. Im Wesentlichen bedeutete dies, dass sich der Kampf des ehemals unterdrückten Tanganyika und deren ethnische Gruppierungen mehr und mehr auf die Beseitigung der Folgen des Kolonialismus und gegen die ökonomische Herrschaft des Imperialismus richtete. Nach der Erlangung der “Selbstständigkeit“ sollte gerade die Hinwendung zum Sozialismus in Tansania diese Abkehr vom Kolonialismus bekräftigen. In der kritischen Auseinandersetzung mit westlich-kapitalistischen Entwicklungsstrategien entstanden auf dem afrikanischen Kontinent alternative Entwicklungskonzepte, die auf nationaler Ebene auch umgesetzt wurden. Ein herausragendes Beispiel hierfür ist der von Julius Kambarage Nyerere[1] in Tansania eingeführte Ujamaa-Sozialismus, dessen Grundlagen er in der sogenannten Arusha-Deklaration 1967 darlegte. In dieser neuen Etappe rückten die Aufgaben einer sozialökonomischen Umgestaltung in den Mittelpunkt und Nyerere versuchte nun mit Hilfe der Ujamaa-Politik auch die wirtschaftliche Eigenständigkeit des Landes zu forcieren. Im Rahmen dieser Umgestaltung änderte sich auch die Bildungsstrategie im Bildungswesen Tansanias. Auf das Bildungswesen und die Wirtschaft Tansanias im Rahmen der Ujamaa-Politik werde ich näher eingehen und dabei auch knapp, zumindest für das Bildungswesen, die vorkoloniale und koloniale Phase beschreiben, um zum einen die Komplexität des Themas und der sich daraus ergebenen Parallelen zwischen den einzelnen Phasen zu verdeutlichen und zum anderen die Thematik besser verständlich zu machen.

Die Zentralperson Nyerere, der Begründer des afrikanischen Sozialismus in Tansania, und sein gesellschaftspolitisches Konzept werden im folgenden Text eine bedeutende Rolle spielen und in diesem Zusammenhang lassen sich folgende Fragen formulieren: Was bewog Nyerere sich in der Zeit des Umbruchs für ein sozialistisches Konzept zu entscheiden? Welche Mittel wurden eingesetzt um dieses Konzept umzusetzen? Und wurden die Ziele die mit dem Konzept verbunden waren schließlich erreicht? Um diese Fragen zu beantworten werde ich zuerst umrissartig die Formen von Sozialismus in Afrika darstellen, um dann stärker auf den Sozialismus in Tansania einzugehen. Ich werde aber an dieser Stelle Fragen nach der Afrikanität und Adaptivität des Sozialismus in Afrika bzw. Tansania außer Acht lassen, weil dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde.

2. Geschichtlicher Abriss Tansanias (ab 1961)

Ohne gewaltsame Auseinandersetzungen erhielt Tanganyika am 9.Dezember 1961 die Unabhängigkeit unter der von Julius Nyerere 1954 gegründeten TANU (Tanganyika African National Union). Knapp zwei Jahre später wurde auch Sansibar, das aus den Inseln Sansibar und Pemba besteht, unabhängig und schloss sich am 26.04.1964 mit Tanganyika zur Vereinigten Republik Tansania zusammen nachdem am 12.01.1964 eine blutige Revolution die arabische Sultansherrschaft auf Sansibar beendete. Der Schritt eines formellen Einparteiensystems erfolgte im Jahre 1965 und 1977 schlossen sich die Einheitsparteien beider Landesteile, die TANU und die Afro-Shirazi Party (ASP) aus Sansibar, unter dem Namen Chama Cha Mapinduzi (CCM, Partei der Revolution) zusammen. Das politische und gesellschaftliche Leben wurde von dem seit 1967 sozialistisch orientierten Einparteiregime gelenkt und kontrolliert. Der spätere Wandel Tansanias zu einem demokratischen Mehrparteiensystem vollzog sich langsam in den 1990er Jahren.[2]

3. Sozialismus in Afrika

Sozialismus ist nach Dieter Lösch ein Begriff europäischen Ursprungs. Es handelt sich im allgemeinen Sinne um eine politische Weltanschauung und Gesellschaftsordnung, die darauf abzielt, eine solidarische Gesellschaft zu schaffen, in der die Grundwerte Freiheit und Gleichheit verwirklicht werden. In allgemeiner Form lässt sich dieser Begriff nur negativ, nämlich als Nicht-Kapitalismus charakterisieren, denn jede andere Abgrenzung wird von Anhängern konkreter Sozialismuskonzepte als zu eng oder zu weitgehend eingeschätzt und deshalb abgelehnt.[3]

Schon 1967 optierten von 60 afrikanischen Parteien 43 in ihren Programmen für „Sozialismus“. Für mindestens ein Drittel, wenn nicht sogar die Hälfte der afrikanischen Staaten unterhalb der Sahara war „Sozialismus“ nach der Unabhängigkeit zeitweilig das erklärte Ziel der gesellschaftlichen Entwicklung. Doch in welchen Formen und mit welcher Begründung wurde die sozialistische Ideologie in Afrika und speziell in Tansania übernommen? Im Folgenden möchte ich versuchen eine Antwort auf diese Fragen zu geben.

3.1. Typologie von drei Formen des Sozialismus in Afrika

Gemeinsam ist allen drei Sozialismusformen (afrikanischer Sozialismus, Afro - Marxismus, Afro-Marxismus-Leninismus) die normative Vision von einer besseren Zukunftsgesellschaft für Afrika. Diese Vision ist mit folgenden Zielen verknüpft: 1. Das Streben nach politischer und darüber hinaus auch wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Dies würde bedeuten, dass Schwarzafrikaner im internationalen Kontext Befreiung und Gleichstellung erfahren. Das heißt die über Jahrhunderte andauernde Missachtung und das daraus resultierende Minderwertigkeitsgefühl, was sich genau in diesem Streben nach Unabhängigkeit ausdrückt, würde überwunden werden. 2. Die Überwindung der Armut des subsaharischen Afrikas durch eine schnelle wirtschaftliche Entwicklung und 3. Die Transformation der Gesellschaft in eine „sozialistische“, verstanden als harmonische, klassenlose, nicht-rassistische, egalitäre und demokratische Ordnung.[4] Wenn sich die drei Sozialismustypen also nicht in ihren als gleichrangig geltenden gesellschaftspolitischen Zielen unterscheiden - worin unterscheiden sie sich dann? Das Hauptunterscheidungskriterium ist laut Lösch das unterschiedliche Ausmaß, in dem die orthodoxe marxistisch-leninistische Ideologie übernommen wird. Dieses Ausmaß ist vom Afro-Kommunismus zum Afrikanischen Sozialismus abnehmend. Im Folgenden werden die drei Sozialismusformen näher beleuchtet mit Hauptaugenmerk auf den Afrikanischen Sozialismus, denn diese Form von Sozialismus wird nach der Unabhängigkeit von Tansania versucht umzusetzen.

3.1.1. Der Afrikanische Sozialismus

Die Ideologie des Afrikanischen Sozialismus ist laut Lösch eklektizistisch[5], denn sie bildet eine Synthese von marxistischen, marxistisch-leninistischen, maoistischen und verschiedenen nicht-marxistischen Weltanschauungselementen, wie zum Beispiel Elemente aus dem Christentum und dem Islam, mit der Absicht eine originär afrikanische Sozialismusideologie zu begründen. Wie schon erwähnt ist jedoch das Ausmaß in dem die orthodoxe marxistisch-leninistische Ideologie übernommen wird beim Afrikanischen Sozialismus am geringsten, im Gegensatz zu den anderen beiden Sozialismusformen die im Folgenden erläutert werden.

Des weiteren ist der Afrikanische Sozialismus nach Lösch undogmatisch, da er davon ausgeht, dass sich die Doktrin in der Realität bewähren müsse und tut sie es nicht, ist sie zu revidieren. Schließlich ist der Afrikanische Sozialismus vor allem dadurch charakterisiert, dass er bei der bereits oben angeführten Synthesebildung sehr stark die traditionellen Werte und Institutionen der afrikanischen Gesellschaft einbindet. Dies ist der entscheidende Punkt, der den Afrikanischen Sozialismus sehr stark von den anderen beiden Formen des Sozialismus unterscheiden lässt.

Julius Nyerere ist neben anderen afrikanischen Intellektuellen wie u.a. Sékou Touré der damalige Präsident Guineas, Nkrumah der damalige Präsident Ghanas und Senghor der damalige Präsident Senegals, ein Vertreter des Afrikanischen Sozialismus. Ich werde an dieser Stelle ausschließlich auf den Afrikanischen Sozialismus Nyereres eingehen. Es würde hier zu weit führen eine ausführliche Darstellung der Gesellschaftsphilosophien aller Theoretiker des Afrikanischen Sozialismus zu geben.

Im Zentrum des Denkens Nyereres steht der „Versuch, die Grundzüge einer afrikanischen sozialistischen Zukunftsgesellschaft aus den Werten und den Institutionen der traditionellen afrikanischen Gesellschaft herzuleiten.“[6] Nyereres Sozialismus ist dem zur Folge vielleicht der am meisten „afrikanische“.

Der Marxist Idris Cox betrachtet den tansanischen Sozialismus hingegen als eine Übergangsstufe zum „reinen“ Sozialismus, zum Marxismus - dessen Theorie ihm ja eben die Möglichkeit gibt, das was für eine andere Art des Sozialismus gehalten wird, als historisch notwendige Vorstufe einzuordnen. Dennoch spricht für ihn nichts gegen eine begriffliche Differenzierung der verschiedenen möglichen Wege des Sozialismus.[7] Im Folgenden werde ich die anderen beiden Formen von Sozialismus erläutern, die zwar mit Tansania und Nyereres Denken nicht unmittelbar in Verbindung stehen, aber es ist in diesem Rahmen notwendig, weil so eine Abgrenzung zum afrikanischen Sozialismus erfolgt und dadurch ein besseres Verständnis der Thematik hervorgerufen wird.

3.1.2. Der Afro-Marxismus

Der Afro-Marxismus wird auch als „wissenschaftlicher Sozialismus“ bezeichnet. Der Anspruch dieser Form von Sozialismus ist es die marxistische Ideologie in wissenschaftlicher Weise auf afrikanische Verhältnisse anzuwenden. Lösch betont, dass das Charakteristikum des Afro-Marxismus im Gegensatz zum Afrikanischen Sozialismus aus einer höchst willkürlich-eklektizistischen Verfahrensweise besteht. Das heißt es wird hier in verstärkter Form ein unschöpferisches und uneigenständiges Denken oder Schaffen, bei dem die Ideen des sowjetischen und bis zu einem gewissen Grade auch des chinesischen Sozialismusmodells verwendet werden, ohne etwas Eigenes zu entwickeln, praktiziert.

3.1.3. Der Afro-Marxismus-Leninismus

Diese Form von Sozialismus unterscheidet sich vom Afro-Marxismus und damit auch vom Afrikanischen Sozialismus insofern, als dass sie die marxistisch-leninistische Ideologie der Sowjetunion und des Ostblocks nahezu unmodifiziert übernimmt und umzusetzen versucht. Aus diesem Grund wird diese Form von Sozialismus auch als Afro-Kommunismus bezeichnet.

3.1.4. Gegenüberstellung der drei Sozialismusformen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Julius K. Nyerere (1923 - 1999) war von 1962 bis 1985 Staatspräsident Tansanias und verzichtete dann freiwillig auf eine Wiederwahl, aber spielte weiterhin eine wichtige politische Rolle im Hintergrund.

[2] Vgl. Jacob E. Mabe (Hrsg.). Das Afrikalexikon. Stuttgart - Weimar, 2001, S. 617. 3

[3] Vgl. Dieter Lösch. Sozialismus in Afrika. Hamburg, 1990, S.126.

[4] Vgl. Dieter Lösch. Sozialismus in Afrika. S.127-128.

[5] Eklektizismus heißt Vorhandenes oder fremde Ideen verwenden ohne etwas Eigenes zu entwickeln. Es gibt jedoch unterschiedliche Ausprägungen des Eklektizistischen.

[6] Vgl. Dieter Lösch. Sozialismus in Afrika. S.131.

[7] VAD (Vereinigung von Afrikanisten in Deutschland). Theoretische Probleme des Sozialismus in Afrika. Hamburg, 1970, S.130.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Afrikanische Sozialismus in Tansania und die Ujamaa-Politik Nyereres
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Afrikawissenschaften)
Veranstaltung
HS Staat in Afrika
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V160569
ISBN (eBook)
9783640738212
ISBN (Buch)
9783640738526
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Afrikanische, Sozialismus, Tansania, Ujamaa-Politik, Nyereres
Arbeit zitieren
Katharina Skerka (Autor), 2007, Der Afrikanische Sozialismus in Tansania und die Ujamaa-Politik Nyereres, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160569

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