Fragestellung
Voltaire gilt als einer der Wegbereiter der Aufklärung. Seine philosophischen Schriften lassen sich als Programm dieser geisteswissenschaftlichen Strömung lesen. Durch eine Zwangslage kommt er 1726 nach England, das Land, in welchem die Macht des Königs schon längst institutionell begrenzt wurde. In den zweieinhalb Jahren seines Lebens, die er als Exilierter England besucht, lernt Voltaire nicht nur die englische Sprache, das Land und die französisch-emigrierte Gesellschaft, sondern auch die höheren englischen Kreise, wichtige Persönlichkeiten und 1727 sogar den englischen König kennen. Vermittelt werden seine England-Erfahrungen vor allem in seinen Philosophischen Briefen, die nach seinem Aufenthalt erschienen. Die folgende Hausarbeit beschäftigt sich mit den Englanderfahrungen Voltaires und seinem daraus gewonnenen Bild eines aufgeklärten Staates und seinem Ideal einer Regierung. Desweiteren sollen mögliche Konsequenzen, die sich hieraus für Voltaires Frankreichbild ergeben, untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
Fragestellung
1. Frankreich im Zeitalter Voltaires
2. England im Zeitalter Voltaires
3. Voltaires Englanderfahrungen
4. Die lettres philosophiques oder lettres anglaises (1734)
5. Quellenkritik
Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht Voltaires Erfahrungen in England sowie das daraus resultierende Bild eines aufgeklärten Staates und eines Regierungsmodells. Es wird analysiert, wie diese Erfahrungen sein Verständnis von Frankreich und dessen politischen Zuständen beeinflussten und welche programmatischen Forderungen er daraus ableitete.
- Historische Hintergründe von Frankreich und England im 18. Jahrhundert
- Voltaires persönliche Exilerfahrungen und Begegnungen in England
- Analyse der "lettres philosophiques" als programmatische Schrift der Aufklärung
- Vergleich des englischen Modells mit französischen Missständen
- Kritik an Privilegiensystem, religiöser Intoleranz und Absolutismus
Auszug aus dem Buch
4. Die lettres philosophiques oder lettres anglaises (1734)
Die philosophischen Briefe Voltaires über England entstehen während seines Aufenthaltes und werden erst 1734 veröffentlicht. Sie lassen sich grob in vier Themenbereiche aufteilen. Die Briefe 1 bis 7 thematisieren die englische Kirche und lassen sich als Kritik an der alleinherrschenden Kirche Frankreichs lesen. Die Briefe 8 bis 12 betreffen das politische System Englands und seine Verfassung. Die Briefe 13 bis 17 stellen die bedeutendsten Philosophen und Wissenschaftler Bacon, Locke, Newton und Descartes vor. Die Briefe 18 bis 24 thematisieren die Literatur und das Theater in England. Im Folgenden soll anhand dieser Briefe analysiert werden, welche Kritik und Forderungen Voltaire in ihnen thematisiert, um dann Voltaires Englandbild genauer beschreiben zu können.
Schon die ersten vier Briefe Über die Quäker stellen England als ein Land mit religiöser Toleranz dar. Verbunden mit dieser Feststellung ist stets der Begriff der Freiheit. Der Quäker, den Voltaire im ersten Brief über seine Religion ausfragt, beantwortet geduldig seine Fragen. Es scheint, als müsse sich dieser nicht rechtfertigen, seine Lehre nicht verteidigen. Die Geschichte der Quäker wird von Voltaire als geradezu merkwürdig beschrieben: „Im nächsten Brief werden Sie ihre Geschichte finden, die Ihnen noch eigentümlicher als ihre Lehre vorkommen wird“20. Unter anderen Umständen müsse diese Sekte geradezu verboten werden, doch in England ist dies anders. Im fünften Brief Über den anglikanischen Glauben bringt Voltaire diese Gedanken auf einen Punkt: „Dies hier ist das Land der Sekten. Als freier Mann kommt der Engländer auf dem Wege, der ihm paßt, in den Himmel.“21 In diesen Ausführungen über die Religion der Engländer zeichnen sich verschiedene Zustände Frankreichs ab, die Voltaire hier kritisiert.
Zusammenfassung der Kapitel
Fragestellung: Einführung in die Thematik der Englanderfahrungen Voltaires und Zielsetzung der kritischen Untersuchung des daraus resultierenden Englandbildes.
1. Frankreich im Zeitalter Voltaires: Darstellung der historischen Situation Frankreichs im 18. Jahrhundert, geprägt durch den Absolutismus, soziale Not und eine zunehmende Kritik am herrschenden System.
2. England im Zeitalter Voltaires: Beschreibung der englischen Entwicklung als konstitutionelle Monarchie, die durch religiöse Toleranz und politischen Liberalismus ein Gegenmodell zu Frankreich darstellt.
3. Voltaires Englanderfahrungen: Schilderung der persönlichen Motive und Erlebnisse Voltaires, die zu seinem England-Exil führten und sein Bild des Inselreichs maßgeblich prägten.
4. Die lettres philosophiques oder lettres anglaises (1734): Detaillierte Analyse der philosophischen Briefe als programmatische Aufklärungsschrift, welche religiöse Freiheit, Handel und Regierungsform Englands thematisiert.
5. Quellenkritik: Kritische Einordnung der Englandbriefe als subjektives, idealisiertes Werk, das primär als Abrechnung mit französischen Zuständen zu verstehen ist.
Fazit: Zusammenfassende Darstellung der gewonnenen Erkenntnisse über Voltaires Aufklärungsideale und die Instrumentalisierung des Englandbildes zur Kritik am Ancien Régime.
Schlüsselwörter
Voltaire, Aufklärung, Englandbild, Frankreich, Absolutismus, lettres philosophiques, Religionsfreiheit, Handel, Parlamentarismus, Toleranz, politische Kritik, Menschenrechte, 18. Jahrhundert, konstitutionelle Monarchie, Vernunft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Englandbild Voltaires, wie es sich in seinen "Philosophischen Briefen" manifestiert, und untersucht dessen Funktion als Instrument zur Kritik am zeitgenössischen französischen Staat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen den Vergleich zwischen dem französischen Absolutismus und dem englischen parlamentarischen System, die Bedeutung von religiöser Toleranz, die Rolle des Handels für die Freiheit sowie die Verbreitung aufklärerischer Ideale.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu ergründen, wie Voltaires reale Erfahrungen in England sein politisches Ideal formten und wie er diese Erfahrungen nutzte, um die Missstände im Frankreich des 18. Jahrhunderts kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit basiert auf einer quellenorientierten Analyse der "lettres philosophiques" sowie einer historischen Kontextualisierung der politischen und gesellschaftlichen Zustände in Frankreich und England zu Beginn des 18. Jahrhunderts.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der historischen Rahmenbedingungen beider Länder, die biographische Darstellung von Voltaires Englandaufenthalt sowie die inhaltliche und kritische Auseinandersetzung mit seinen Englandbriefen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Aufklärung, Englandbild, Absolutismus, Toleranz, politische Freiheit und das kritische Potenzial der literarischen Auseinandersetzung.
Warum idealisiert Voltaire das Englandbild so stark?
Voltaire nutzt das Bild Englands nicht für eine objektive Reisebeschreibung, sondern als kalkuliertes rhetorisches Mittel, um eine drastische Gegenüberstellung zu den französischen Verhältnissen zu schaffen und seine politischen Reformforderungen zu legitimieren.
Wie reagierte das zeitgenössische Frankreich auf Voltaires Schriften?
Die Werke stießen in Frankreich auf starke Ablehnung durch die Zensurbehörden, wurden unterdrückt und teilweise öffentlich verbrannt, da sie die Legitimität des Absolutismus und der kirchlichen Dogmatik untergruben.
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- Natascha Weimar (Autor), 2010, Die England-Briefe Voltaires, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160623