"Die Braut von Messina", auch bekannt unter dem Titel "Die feindlichen Brüder" ist mit Abstand Schillers umstrittenstes Werk. Die negativen Urteile kritisieren vor allem den Versuch des erneuerten Chors, der aus der Antike stammt und in der "Braut von Messina" in abgewandelter Funktion gebraucht wird. Schiller hat ihm eine Fülle von politischen Funktionen zugewiesen, die er in früheren Dramen durch andere Formen zu erreichen versuchte. Der antike Chor stellt ein eher fremdes Organ in der modernen Tragödie dar. Viele Kritiker halten es für nicht zeitgemäß und für ein zu extremes Mittel. Dass der Chor nicht so recht in die Zeit passt, hat auch Schiller selbst zugegeben. Dennoch sieht er es als ein literarisches Experiment an, mit dem er sich mit den alten Tragikern messen will.
Die schlechten Kritiken bewirken, dass "Die Braut von Messina" heute in den Hintergrund gerückt ist. Unter Schillers klassischen Dramen wird es oft als ein misslungener Versuch einer Wiederbelebung der Antike angesehen.
Treffen diese negativen Beurteilungen wirklich zu, oder wurder der "moderne" Chor von den Kritikern vielleicht nur falsch verstanden?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Entstehung der Braut von Messina
2.1 Historische Entstehung
2.2 Die Intention des Chors
3. Der soziologische Wandel als Hintergrund
3.1 Die Polis der Antike
3.2 Trennung von Staat und Gesellschaft
4. Auswirkungen auf die Literatur
4.1 Die antike Tragödie
4.2 Das bürgerliche Trauerspiel
4.3 Die Tragödie zur Zeit des Absolutismus
4.4 Schillers Idealisierung und die Öffentliche Tragödie
5. Inhaltliche Elemente der Braut von Messina
5.1 Öffentlichkeit und Privatraum
5.2 Affektkontrolle und Affektsteigerung
5.3 Die Vertrauensfunktion
5.4 Das Liebesmotiv
6. Formale Funktionen des Chors
6.1 Die Teilung des Chors
6.2 Einheit des Ortes
7. Ersatzformen des Chors
7.1 Nebenfiguren
7.2 Gesellschaftliche Einrichtungen
8. Zusammenfassung
9. Literaturangabe
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle und Verwendung des Chors in Friedrich Schillers Drama Die Braut von Messina. Das primäre Ziel ist es zu ergründen, ob Schillers "modernes" Experiment der Wiederbelebung eines antiken Stilmittels als misslungen zu betrachten ist oder ob die Kritik das Werk aufgrund veränderter Funktionsweisen des Chors falsch verstanden hat.
- Historische und soziologische Einordnung der Entstehung von Die Braut von Messina.
- Die Transformation der antiken Chortradition im Kontext der modernen Tragödie.
- Untersuchung inhaltlicher Elemente wie Öffentlichkeit, Affektkontrolle und Liebesmotiv.
- Analyse formaler Aspekte, insbesondere der Teilung des Chors und der Einheit des Ortes.
- Vergleich mit Ersatzformen des Chors in anderen Dramen Schillers.
Auszug aus dem Buch
2.2 Die Intension des Chors
Diese Verwendung war aber keine einfache Imitation, sondern die Anstrebung einer Idealgestalt. Es war Schillers Versuch einer Erneuerung des antiken Chors. Denn genauso wie er sich aus den historischen Stoffen seiner anderen Dramen nur das Brauchbare aussuchte, um es in sein Werk einzubringen, übernahm er auch nur die ihm nützlich erscheinenden Aspekte des Chors.
Die antike Tragödie “war eine Erscheinung ihrer Zeit, die nicht wieder kommen kann, und das lebendige Produkt einer individuellen bestimmten Gegenwart einer ganz heterogenen Zeit zum Maßstab und Muster aufdringen, hieße die Kunst, die immer dynamisch und lebendig entstehen und wirken muß, eher tödten als beleben.” Seine Aufgabe sollte die Hervorbringung einer höchstmöglichen ästhetischen und poetischen Wirkung sein. Denn diese empfand er, in der antiken Tragödie, als die bis dahin maximierte. “Noch nichts hat mir eine so ächt poetische und hohe Stimmung gegeben.” Auch er selbst wollte die größte poetische Kunst erzielen.
Nach Schillers Auffassung gibt es in der modernen Kunst keine Richtlinien. Die Freiheit des Dichters erlaubt ihm deshalb auch eine veränderte Zielsetzung des Chors. Seine Funktionen sind nicht mehr die gleichen wie in der Antike. Was er erschaffen wollte war eine reine Tragödie nach strenger Form. Nicht die Antike selbst strebte er an, sondern die durch den Chor in ihr enthaltene Reinheit der Poesie. Die griechische Tragödie ist das Urbild der reinen und strengen Form. In ihr lässt sich eine poetische Vollkommenheit finden. Da in der modernen Zeit aber andere Voraussetzungen gelten ist diese Form nicht einfach reproduzierbar, deshalb ist eine veränderte Zielsetzung und Funktion notwendig.
Es sollte ein Experiment der Form sein. Denn das Stoffliche wollte er mit formalen Mitteln überwinden. Gerhard Storz’ moderne Interpretation besagt, dass Schillers Absicht “in die Nähe dessen, was man heute ‘abstrakte Kunst’ nennt” gerät.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Stellt den umstrittenen Status des Werkes dar und wirft die Frage auf, ob der Chor als literarisches Experiment falsch verstanden wurde.
2. Die Entstehung der Braut von Messina: Beleuchtet die historischen Hintergründe und Schillers Intention, den antiken Chor für moderne dramatische Zwecke zu erneuern.
3. Der soziologische Wandel als Hintergrund: Analysiert den Übergang von der antiken Polis zur modernen, durch die Trennung von Staat und Gesellschaft geprägten Struktur.
4. Auswirkungen auf die Literatur: Diskutiert, wie sich gesellschaftliche Veränderungen auf die Gattung der Tragödie und die Wahrnehmung des Chors auswirkten.
5. Inhaltliche Elemente der Braut von Messina: Untersucht zentrale Motive wie Öffentlichkeit, Affektsteuerung und die Funktion als Vertrauter.
6. Formale Funktionen des Chors: Analysiert die spezifische Teilung des Chors und die Problematik der Einhaltung der Einheit des Ortes.
7. Ersatzformen des Chors: Vergleicht den Chor mit anderen dramatischen Mitteln wie Nebenfiguren und gesellschaftlichen Einrichtungen.
8. Zusammenfassung: Resümiert die Ergebnisse und bekräftigt die Notwendigkeit des Funktionswandels des Chors in Schillers Werk.
9. Literaturangabe: Listet die für die Untersuchung herangezogenen wissenschaftlichen Quellen auf.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Die Braut von Messina, antiker Chor, moderner Chor, Tragödie, Ästhetik, Funktionswandel, Öffentlichkeit, Privatraum, Affektkontrolle, Idealisierung, literarisches Experiment, Dramentheorie, Klassik, Dramaturgie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle des Chors in Friedrich Schillers Drama Die Braut von Messina und untersucht, warum dieses Stilmittel auf so viel Kritik stieß.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Themen umfassen den soziologischen Wandel zwischen Antike und Moderne, die ästhetische Theorie Schillers, die formale Umsetzung des Chors sowie dessen funktionale Bedeutung für das moderne Drama.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu belegen, dass Schiller den Chor nicht bloß nachahmte, sondern ihn durch einen bewussten Funktionswandel an die veränderten Bedingungen der modernen Zeit anpasste.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die Schillers Dramentheorie mit seinem konkreten Werk vergleicht und in den Kontext zeitgenössischer und aktueller Interpretationen stellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung soziologischer Hintergründe, die Auswirkungen auf die literarische Gestaltung, spezifische inhaltliche Elemente wie das Liebesmotiv und die formalen Neuerungen, wie etwa die Teilung des Chors.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Funktionswandel, Affektkontrolle, antike Tragödie und Schillers Dramentheorie geprägt.
Inwiefern unterscheidet sich Schillers Chor vom antiken Original?
Während der antike Chor ein natürliches Organ des öffentlichen Lebens war, fungiert Schillers moderner Chor als bewusstes "Kunstorgan", das eine Distanz zwischen Poesie und Wirklichkeit schafft.
Warum führt Schiller eine Teilung des Chors durch?
Die Teilung des Chors ermöglicht es, in die internen Angelegenheiten der Konfliktparteien (der Brüder) einzugreifen, wodurch der Chor selbst zur handelnden, aber auch verunsicherten Figur wird.
Was hat es mit der "Affektkontrolle" auf sich?
Der Chor dient als beruhigendes Element, das den Zuschauern und den tragischen Figuren eine Reflexionspause bietet, um die Leidenschaften zu bändigen und die dramatische Wirkung zu steigern.
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- Susanne Fass (Author), 2003, Die Verwendung des Chors in Schillers "Die Braut von Messina", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16065