Aufgabe der vorliegenden Seminararbeit ist die Darstellung apokalyptischer Motive in der Lyrik des Expressionismus. An ausgewählten Gedichten sollen Bezüge der expressionistischen Lyrik auf die apokalyptischen Berichte der Bibel, die Verwendung apokalyptischer Sprachbilder und deren Wirkung bzw. Bedeutung untersucht werden.
Vorangestellt wird eine Auslotung des Begriffes Expressionismus und eine Darstellung der historischen Bedingungen in seiner Entstehungszeit. Außerdem werden Wirkung und Wirkungsgeschichte der apokalyptischen Berichte in der Bibel erläutert mit besonderer Berücksichtigung der Offenbarung des Johannes.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist Expressionismus?
3. Die wilhelminische Dekadenz
4. Apokalypse
4.1 Die Offenbarung des Johannes
4.2 Inhalt
4.3 Die säkularisierte Apokalypse
4.4 Apokalyptische Bilder in der Kunst
5. Apokalyptische Sprachbilder in expressionistischen Gedichten und ihre Bedeutung
5.1. „Weltende“ - Jakob von Hoddis' Initialzündung
5. 2. Der Gott der Stadt – Georg Heym zum Ersten
5.3 Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen – Georg Heym zum Zweiten
5.4 „Ihr sterbenden Völker“ – Georg Trakls Abendland
6. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung apokalyptischer Motive in der expressionistischen Lyrik am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Ziel ist es, die Bezüge dieser Lyrik auf biblische Berichte, insbesondere die Offenbarung des Johannes, sowie die Verwendung und Bedeutung apokalyptischer Sprachbilder in ausgewählten Gedichten zu analysieren.
- Historische Bedingungen des Expressionismus zwischen 1910 und 1920.
- Die Transformation biblischer Apokalyptik zur säkularisierten „negativen Apokalypse“.
- Analyse apokalyptischer Sprachbilder bei Jakob von Hoddis, Georg Heym und Georg Trakl.
- Die Funktion des Untergangsszenarios als ästhetisches Mittel oder Ausdruck existenzieller Krisenerfahrung.
Auszug aus dem Buch
4.3 Die säkularisierte Apokalypse
Die traditionelle Apokalypse verspricht den gläubigen Menschen das Paradies nach Durchleben finsterer Zeiten. Diese Hoffnung ermöglichte es den Menschen, alles Grauen mit Gleichmut zu ertragen und diverse Schrecken festigten letztlich ihren Glauben. Die Bedeutung der traditionellen Apokalypse lag für die Menschen nicht in der Androhung des Untergangs, sondern in der Hoffnung auf die Zeitenwende, das neue Äon, das kommende Reich Gottes. Im Laufe der Säkularisierung während der frühen Neuzeit verlor die Apokalypse ihre ursprüngliche Bedeutung. Über die Jahrhunderte hinweg hatte die Apokalypse die Menschen fasziniert, wobei die Bildgewalt ihrer Darstellung der Plagen und Katastrophen für sie schon immer faszinierender war als die Darstellung der „neuen Welt“, die nicht so detailliert und anschaulich beschrieben ist und außerdem so gar nicht dem Alltag bzw. Leben der Menschen entsprach, die eher an Kriege, Hungersnöte und Seuchen gewöhnt waren als an immerwährenden Frieden.
Durch die jahrhundertelange Rezeptionsgeschichte trat der Heilsgedanke in der Apokalypse immer stärker in den Hintergrund, um schließlich völlig verloren zu gehen. Übrig blieb das Untergangsszenario, welches nun keine Trostfunktion mehr erfüllen konnte und nur noch dazu diente, die „als entsetzlich empfundene Lebenssituation ins Unermeßliche gesteigert darzustellen“. In der sogenannten „negativen Apokalypse“ fehlt also der göttliche Heilsplan, sie dient dem Künstler ausschließlich als „ästhetisches Mittel“. Weltende und Endzeit werden nun nicht mehr zwingend als von Gott bewirkt empfunden, sondern sie werden als das Ende eines geschichtlichen Prozesses oder einer Ära gedeutet, die der Mensch weitgehend selbst zu verantworten hat.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert die Fragestellung nach der Funktion apokalyptischer Motive in der expressionistischen Lyrik und deren historischem Kontext.
2. Was ist Expressionismus?: Dieses Kapitel beleuchtet den Epochenbegriff und die thematische Vielfalt des expressionistischen Jahrzehnts.
3. Die wilhelminische Dekadenz: Hier werden die gesellschaftlichen Widersprüche und der technische Fortschritt der wilhelminischen Ära als Nährboden für Untergangsvisionen beschrieben.
4. Apokalypse: Es wird die biblische Herkunft apokalyptischer Konzepte, deren säkulare Umdeutung und die bildliche Verarbeitung in der Kunst erläutert.
5. Apokalyptische Sprachbilder in expressionistischen Gedichten und ihre Bedeutung: Der Hauptteil untersucht die konkrete Umsetzung apokalyptischer Metaphorik an ausgewählten Beispielen von von Hoddis, Heym und Trakl.
6. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass die expressionistische Lyrik apokalyptische Bilder nutzte, um auf die existentielle Erschütterung durch Industrialisierung und den nahenden Krieg zu reagieren.
Schlüsselwörter
Expressionismus, Apokalypse, Lyrik, Weltende, Offenbarung des Johannes, Untergangsszenario, Säkularisierung, Moderne, Georg Heym, Jakob von Hoddis, Georg Trakl, negative Apokalypse, Endzeitstimmung, Großstadt, biblische Motive.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit behandelt die Darstellung und Funktion von Weltuntergangsvisionen in der deutschen expressionistischen Lyrik vor dem Ersten Weltkrieg.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die biblische Apokalypse, die gesellschaftliche Dekadenz der wilhelminischen Zeit und deren literarische Spiegelung in apokalyptischen Sprachbildern.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Untersuchung fragt nach der Bedeutung und Wirkung apokalyptischer Berichte der Bibel innerhalb der expressionistischen Lyrik und wie diese zur Beschreibung einer Krisenzeit adaptiert wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die Gedichtinterpretation mit einer Untersuchung von Motivgeschichten und historischen Kontexten verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Gedichte wie „Weltende“ von Jakob von Hoddis, „Der Gott der Stadt“ und „Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen“ von Georg Heym sowie Georg Trakls „Abendland“ hinsichtlich ihres apokalyptischen Gehalts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Expressionismus, Apokalypse, Säkularisierung, Endzeitstimmung und die negative Apokalypse als ästhetisches Mittel.
Inwiefern unterscheidet sich die "negative Apokalypse" von der biblischen Tradition?
Im Gegensatz zur biblischen Apokalypse, die einen göttlichen Heilsplan und Trost verspricht, fehlt in der negativen Apokalypse des Expressionismus dieser Heilsgedanke; sie fungiert primär als ästhetisches Mittel zur Darstellung einer aussichtslosen, selbstverschuldeten Endzeit.
Welche Rolle spielt die Großstadt in den untersuchten Gedichten?
Die Großstadt wird oft als Ort des Lasters, der industriellen Abgase und als Sinnbild einer entfremdeten, dem Untergang geweihten Welt dargestellt, womit sie als moderne Inkarnation der „Hure Babylon“ interpretiert wird.
- Citation du texte
- Georg Lindner (Auteur), 2010, Verfall, Katastophe, Untergang, Weltende. Apokalyptische Visionen in ausgewählten Gedichten des Expressionismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/160727